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Nr. 304

Donnerstag, den 29. Dezember 1927

77. Jahrgang

Ein trostloses Bild.

Die Misere der deutschen Wohnungsnot ist ja ein geradezu unerschöpfliches Thema, ist eine der schlimmsten, viele behaupten sogar die allerschlimmste Kriegsfolge­erscheinung. Denn vor dem Kriege war ja der Wohnungs­bedarf nicht bloß gedeckt, sondern sogar überdeckt; zwei Prozent aller Wohnungen bildeten leerstehend eine dem Hauswirt schmerzliche, den Mietermassen aber willkom­mene Reserve. Jährlich wurden 200 000 neue gebraucht, wurden an die 50 000 abgerissene oder aus anderen Gründen dem Wohnbedarf entzogene Wohnungen durch Neubauten ersetzt und dieser Gesamtbedarf konnte fast spielend gedeckt werden. Gewaltig war die wirtschaft­liche Bedeutung des Baugewerbes. 1912 be­schäftigte dieses Gewerbe und die unmittelbar mit ihm zusammenarbeitenden Industrien an drei Millionen Ar­beiter, hatte einen Umsatz von sechs Milliarden und er­schien als Erzeuger bzw. Durchgangsstation für 30 Pro­zent der deutschen industriellen Gesamterzeugung, war volkswirtschaftlich also von allergrößter Bedeutung.

Eine Denkschrift der Reichsregierung demonstriert aufs deutlichste, wie weit, ach wie weit wir jetzt von jenen so angenehmen Zuständen der Vorkriegszeit entfernt sind. Allein der jährliche Zuwachsbedarf von rund 200 000 Wohnungsuchenden ist geblieben, aber däs ist auch wirk­lich das einzige. Denn es fehlen fast eine Mil­lion Wohnungen und es besteht kaum Aussicht, diesem Mangel in absehbarer Zeit abzuhelfen. Nur ein­mal erst, nämlich 1926, ist es gelungen, wenigstens den Zu­wachsbedarf zu decken, aber die Neichswohnungszählung im Mai d. I. ergab, daß 600 000 sog.zweite oder weitere Haushaltungen" bestehen, also solche, die mit einer ande­ren Haushaltung zusammen geführt werden. Und es gibt rund 350 000weitere Familien" ohne eigene Wohnung und ohne Hauswirtschaften, also z. B. Eheleute, die bei den Schwiegereltern des einen Teiles wohnen und überhaupt keinen eigenen Hausstand haben, ihn aber selbstverständ­lich brennend gern haben möchten. Besonders schlimm liegen die Verhältnisse in den Großstädten, aber auch auf dem platten Lande und in den kleinen Landstädten sieht T3 lroTHo^ iWn$ aus. Däsüst'lterhänsinisvolbfür eine gesunde B e v ö l k e r u n g s p o l i t i k, die sich der massen­haften Abwanderung vom Lande in die Stadt entgegen- werfen will; dabei spielt natürlich die Wohnungsfrage eine sehr erhebliche Rolle.Kein Hüfun^' aber nicht aus schlechtem Willen, sondern aus einem nicht zu bewältigen­den finanziellen Unvermögen heraus. . Da die Hauszins­steuer laut Vorschrift der meisten deutschen Länder nur an Ort und Stelle zu Darlehnszwecken verbraucht werden darf, mußte das Reich einspringen; aber die in den drei Jahren 1924 bis 1926 mit 60 Millionen Reichsunter­stützung errichteten rund 30 000 Landarbeiterwohnungen sind nur ein Tropfen auf einen sehr heißen Stein.

Noch nicht einmal der Zuwachsbedarf gedeckt und doch sind in den gleichen drei Jahren für Darlehen von demRealkreditinstituten derArbeitgeberorganisationen, den Ländern und den Gemeinden, nicht zuletzt vom Reich, etwa vier Milliarden Mark zur Förderung des Wohnungs- neubaus hergegeben worden. Trotzdem ist die Zahl der. im Baugewerbe tätigen Personen gegen 1912 stark zurückgegan- gen; freilich hat sich die Zahl der Betriebe recht stark er­höht. Der Punkt, um den sich alles dreht, ist und bleibt ja die K r e d i t f r a g e. Zweitstellige Hypotheken sind ja aus privater Hand so gut wie gm nicht zu erhalten und dort, wo das möglich ist, sind die Zinsen einfach mordend. DerBauindex" ist gegen 1912 um etwa 60 Prozent ge­stiegen und die Löhne der Bauarbeiter sogar noch höher, aber nur die der Hilfsarbeiter, während die Löhne der Maurer und der Zimmerer, also der gelernten Arbeiter, nur etwa 20 bis 25 Prozent höher sind als im Frieden. Dabei vermag ein Bauherr, der früher seine 20 bis 25 Prozent des Gesamtkostenbetrages für den Neubau her­geben konnte, heute in der Regel nur 10 bis 15 Prozent dafür aufzubringen, so daß die Durlehnsfrage für ihn noch brennender wird. Dabei diese Überorganisation auf dem Baumarkt, nämlich Die Unzahl häufig kleiner und kleinster, also finanziell nur schwacher Baugenossenschaften und -vereine, die zum Teil leider auch ein fehr merkwürdiges, den Staatsanwalt interessierendes Geschäftsgebaren auf­weisen, alle aber durch ihre Überfülle zur Verteue­rung des Bauens beitragen.

Ein trostloses Bild also, um so trostloser, weil so gar keine Aussicht da zu sein scheint, aus diesen Wirren heraus- zukommen. Oder doch: die Denkschrifttröstet" sich damit, daß sich spätestens 1935 der Geburtenrückgang geltend machen würde, der ja infolge des Krieges selbst und seiner schrecklichen Begleiterscheinungen, vor allem der Hunger­blockade, eingetreten ist; dann werde sich alles, alles wenden.

Ein wirklich etwas eigenartiger Trost!

NeparaiiSKsbegeenzung notwendig.

Wachsende Einsicht in Amerika.

übereinstimmend melden Newyorker Blätter aus Washington, daß in politischen Kreisen die Überzeugung wachse, die Festsetzung der Reparationsschuld Deutschlands müsse erfolgen, und zwar in Verbindung mit der Frage der interalliierten Kriegsschulden. Der Bericht Parker Gilberts, der die Notwendigkeit einer Festsetzung der Re­parationen betonte, hat die stattfindenden Erörterungen der Frage wesentlich gefördert.

Jedenfalls bricht sich die Überzeugung Bahn, daß die Lösung des.Reparationsproblems von den gUNstiasteu

Not ohne Ende in China

Der chNeßsche Niedergang.

Millionen Menschen hungern.

Die unermeßlichen Gebiete im Innern Asiens, unter dem Begriff des Chinesischen Reiches zusammengefaßt, können die sie seit Jahren durchwühlenden Katastrophen nicht überwinden. Ein grausiges Geschick läßt sie alle irdischen Plagen erleiden, Unfrieden, Bürgerkrieg, Ver­armung und Auflockerung aller Sitten; jetzt gesellt sich als natürliche Folgerung noch eine gewaltige Hungers­not dazu. Die verschiedenen Anführer und.Regierungen bekämpfen einander, das Ausland steht drohend an den Pforten.

NZM Unruhen in Kanton.

In Kartton, dem Sitz der Nankingregierung, sind er­neut Unruhen ausgebrochen. Kürzlich erst wurden durch rücksichtslose Maßnahmen gegen die Kommunisten r«f= sischer Herkunft, die für den "letzten Aufstand verantwort­lich gemacht wurden, dessen letzte Wehen niedergeschlagen. In einem Vorort wurden über zwanzig Häuser durch Feuer zerstört, das anscheinend durch Brandstiftung ver­ursacht worden ist.

Die Militärbehörden haben alle für die Bekämpfung des Aufstandes nötigen Maßnahmen ergriffen. 31 Kom­munisten wurden enthauptet, Die Truppen des russen- freundlichen Generals Feng haben in Stärke von 40 000 Mann den Gelben Fluß überschritten. In der Provinz Tschili hat Feng die Stadt Taonanfu besetzt. Marschall

wirtschaftlichen und politischen Folgen begleitet sein würde. Bei einer solchen Lösung denkt man an eine er­hebliche Herabsetzung sowohl der deutschen Reparations­schuld als auch der amerikanischen Forderungen an die Alliierten.

Die Überlegungen sollen sich bereits zu dem folgende» prMzifflellerstMogram.ru verdichtet haben:

1. Deutschland müsse gesagt werden, welchen Teil der Reparationsrechnung die Alliierten bezahlt zu erhalten er­warten. 2. Nachdem Deutschland und die Alliierten sich über diese Summe geeinigt hätten, müßten weitgehende finanzielle Transaktionen unternommen werden, um die sofortige Zahlung durch Deutschland zu erleichtern. 3. Nach der Finanzierung und Fundierung der deutschen Zah­lungen habe eine Revision derjenigen Summe zu erfolgen, auf die die Vereinigten Staaten und ihre Schuldner sich jetzt geeinigt hätten.

In einer vor dem amerikanischen Wirtschaftlichen Ver­band gehaltenen Rede regte Professor Eddie von der Uni­versität Chikago die internationale gemeinschaftliche Z u - summenlegung aller Goldreserven der Welt an. Er erklärte, der Plan, der durch die ungenü­gende Erzeugung neuen Goldes verursachten schlechten Ge­schäftslage abzuhelfen, werde die Gründung einer Inter­nationalen Goldliga nach sich führen.

Keine Gefährdung des deutschen Eigentums.

Im Zusammenhang mit den Plänen deutscher Ver- . sicherungsgesellschaften, ihre Geschäftstätigkeit in Amerika wieder aufzunehmen, meldet dieNewyorker Staats­zeitung", der Verwalter des ehemals feindlichen Eigen­tums habe erklärt, es bestehe keinerlei Gefahr, daß die Vereinigten Staaten sich jemals an dem in Amerika befindlichen deutschen Privatbesitz schadlos halten könnten, selbst dann nicht, falls Deutschland etwa seine sich aus dem Dawes-Plan ergebenden Verpflichtungen nicht ein« halten sollte.

Ein von je einem Engländer, Franzosen, Italiener, Spa­nier und Belgier besetzter Ausschuß des Völkerbundes Hai in einem internationalen Wettbewerb für den Bau eines Völker­bundpalastes den Entwurf des französischen Architekten Henri Paul Nenot zur Ausführung vorgesehen. Noch ein zweiter Entwurf wurde preisgekrönt und Nenot soll sich nun» ehe er den Bau ausführt, mit den anderen Preisträgern in Ver­bindung setzen. Aus ihrer gemeinsamen Arbeit soll dann der neue Völkerbundpalast erstehen. __

MnzöW-fvsmsches Tangemdkommeu.

Spanien verzichtet.

In den Verhandlungen zwischen Frankreich und Spanien über eine Abänderung des Tangerstatuts, die in den letzten Monaten auf diplomatischem Wege geführt wurden, ist angeblich eine prinzipielle Einigung erzielt worden. Wie verlautet, har Spanien auf seine

Tschiangkaischel soll sich mit der Absicht tragen, nach Kan­ton zu reisen.

Hungersnot in Schantung.

Die Provinz Schantung wird von steigendem Mangel an Nahrungsmitteln beunruhigt. Die einlaufenden, von Europäern bestätigten Berichte lauten erschütternd. Hilfe aus China selbst ist kaum zu erwarten.

Tatsächlich sind vier Millionen der Bevölkerung nahe am Verhungern. In 35 von den 107 Bezirken der Pro­vinz sind weniger als 10 Prozent der Ernte eingebracht worden, während in 30 anderen Bezirken der Betrag sich zwischen 10 und 40 Prozent bewegt. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt bereits von Baumrinde und Spreu.

Der schlimmste Punkt ist noch nicht erreicht.

Früher wohlhabende Bauern verschleudern ihre Vieh­bestände für geringfügige Beträge, um auszuwandern. Die Lokalbehörden geben der Dürre und dem Heuschrecken- fraß die Schuld an der Hungersnot. Wie die Europäer erklärten, ist sie aber hauptsächlich aus den Bürgerkrieg, das Banditentum und die drückende Besteuerung zurück- zuführen. Hilfe vom Ausland wird dringend gebraucht. Die Truppen un-, die Banditen verschärfen noch die Not­lage im Hm.gervWrk und machen es dabei unmöglich, Hilfsmaßnahme»' unter ausländischer Leitung durchzu- führen, wie etwa ueu Bau von Straßen und Kanälen. Ähnliche Verhältnis?. herrschen in Tamingfu im südlichen Tschili, wo nur 2G Prozent der Ernte eingebracht werden konnten.

Forderung nach Einverleibung Tangers in die spanische Zone verzichtet und sich mit der Leitung der Polizei und der Beteiligung an der Hafendirektion von Tanger begnügt. Das Abkommen zwischen Frankreich und Spanien über Tanger soll alsbald in seinen Einzelheiten leltgelegnnHHü! LunsHs Januars Unterzeichner werden. Die erzielte Einigung wird England und Italien mit« geteilt werden, wobei Italien aufgefordert werden soll, sich an der Verwaltung der Stadt und der Zone von Tanger zu beteiligen.

Da bisher keine amtlichen Nachrichten vorliegen, muß dieser Bericht über das Zurücktreten Spaniens von seinen bisherigen Ansprüchen einstweilen mit der not­wendigen Vorsicht ausgenommen werden. Jedenfalls dürfte der jetzige Madrider Diktator Primo de Rivera einen schweren Stand bei der Verteidigung dieser politi­schen Schwenkung in Spanien haben.

Schneestürme und Aeberschwemmungen.

Verkehrsstörungen in Westeuropa.

Die milde Witterung hat nicht lange angehalten. Das Thermometer sank in wenigen Tagen in Mitteldeutsch­land von acht Grad Wärme wieder auf durchschnittlich vier Grad Kälte. Wie immer in solchen Fällen, hat der Witterungsumschlag eine Reihe von unerfreulichen Be­gebenheiten gezeitigt. Glücklicherweise blieb Deuffchland dabei ziemlich verschont. In E n g l a n d herrscht dagegen ein Schneesturm, der den Verkehr allerwärts behindert. Festliegende Autos sind von den Schneemassen vollkommen bedeckt. Ein Vorort von London ist von jeder Lebensmittelzufuhr abgeschnitten, so daß hier eine Hungersnot auszubrechen droht. Die Telephonlinien sind außer Betrieb. Bisher sind vier Menschen erfroren.

Nicht viel anders liegen die Verhältnisse in F r a n k - reich. Mehrere Dampfer, die trotz des starken Sturmes den Ärmelkanal passiert haben, sind in Seenot geraten. Auf der Strecke LyonMarseille ereignete sich ein Fels­sturz, der durch den Frost und den darauf folgenden Regen verursacht ist. In Ostfrankreich herrscht Hochwasser, da die großen Schneemassen schnell geschmolzen sind.

Zahlreiche Unfälle werden ferner aus Holland ge­meldet. Infolge Nebels liefen zwei Dampfer bei Austru- Weel (nahe Vliffingen) aus Grund. In der Nähe von Amsterdam sind zwei elektrische Kleinbahnzüge auf einer eingleisigen Strecke zusammengestoßen. Der Fernsprech­verkehr weist überall Störungen auf. Auch von der Zuidersee werden Schiffsunfälle gemeldet.

Auf der Weichsel herrscht seit einigen Tagen Eis­gang, trotzdem hat man den Verkehr aufrechtzuerhalten versucht. Die größten Schneemengen verzeichnet an­scheinend Rußland. Hier ist der Eisenbahnverkehr au? allen Strecken stark behindert, teilweise sogar vollkommen lahmgelegt.

Die Kälte wird aller Voraussicht nach noch einige Tage anhalten, so daß man mit einer weißen Neujahrs­nacht rechnen kann. Allerdings werden so außergewöhnlich niedrige Temperaturen, wie wir sie kurz vor Weihnachten erlebt haben, für die nächste Zeit nicht eintreten.

Schneestürme auch in Belgien.

Brüssel über Belgien tobten Schneestürme, wie man sie seit langen Jahren nicht mehr erlebt hat. Für die Beseitigung der Schneemassen der Schnee liegt stellenweise einen Meter hoch mußte Militär herangezogen werden. In Wervick an der französisch-belgischen Grenze ist eine Brücke eingesturzt. Infolge der großen Kälte verlassen die Wölfe in den Ardennen ihre Verstecke. In den Provinzen Hainaut und Brabam wurden mehrere Wölfe abgeschossen.