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Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für öe« Kreis Hersfelö
mit hen Beilagen: Leimaischotten / Illustriertes Ante: Haltungsblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrvng niö Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 302
Dienstag, den 27. Dezember 1927
77. Jahrgang
Atempause.
Unsere Altvordern umkleideten die Zeit zwischen Weihnachten und den Tag der heiligen drei Könige mit besonderem Nimbus; die heiligen zwölf Nächte nannten sie sie. Es war eine Zeit des Friedens, der besinnlichen Vertiefung in die Natur mit ihren Geheimnissen. Kampf und Streit mußten ruhen, denn die höheren Gewalten, so glaubte man, herrschen gerade in dieser Zeit über das kleine Menschlein. Ihnen hatte er sich zu beugen. Ein wenig von diesem Frieden, von dieser Selbstbesinnung ist auch jetzt noch übriggeblieben. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr wenigstens läßt das so rasend pulsierende Leben der Gegenwart vielfach in einem etwas langsameren Tempo arbeiten. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und es wird Zeit, die Bilanz zu ziehen. Auch das ist eine Art der Selbstbesinnung, der Rechen- schaftsablegung sich selbst gegenüber.
Sie haben ihren Schimmer verloren, diese zwölf Nächte, wenn langsam die Sonne sich wendet, der Mensch sich tiefer verbunden fühlt mit der still ruhenden winterlichen Natur. Der größte Teil der Ruhe und des Friedens, die diese Natur den Menschen gab, ist vorbei und es blieb nur die Sehnsucht nach ihr. Das wesentlichste aber, um die Jahreswende den Blick in das eigene Innere und auf das zu lenken, was man geleistet unk was man verabsäumt hat, haben wir aus jenen glücklicheren Zeiten hinübergerettet in die unruhvolle Gegenwart. Zögernd wird mancher vielleicht herantreten an diesen Akt der Selbstbesinnung, an diese Rechenschaftsablegung vor sich selbst und über sich selbst. Und wie es eines ehrlichen Kaufmanns Pflicht ist, ehrlich die Bilanz zu ziehen über das Erreichte und Nichterreichte des vergehenden Jahres, so mag auch das deutsche Volk sich als Volk einen Augenblick prüfen, ob es vorwärtsgekommen ist im Laufe) des vergangenen Jahres. Ehrlich muß diese Prüfung-Aein, nicht getrübt durch Selbsttäuschung, Phrasen und Mhlagworte. Denn sonst verstreicht die Zeit der heiligen Nächte nutzlos und wertlos für die Seele unseres Volkes. Nicht bloß für den Geschäftsmann, nicht bloßr für den Politiker und den Staatsmann ist solche Selbsttäuschung, solche freiwillige oder unsretwiLge UnehrlichkeK- gegen sich selbst oft genug der Ausgangspunkt schwerer Fehler, vielleicht sogar des ZusammenbrUches, sondern nicht minder trifft dies alles zu auch für ein ganzes Volk.
Die Zeit der heiligen Nächte soll und kann für uns aber auch noch etwas anderes sein: eine kurze Zeit des Atemholens, eine Zeit seelischer Entspannung, eine Zeit des Friedens und der Ruhe. Noch wirft der Weihnachtsbaum seinen friedenbringenden Schatten über diese Zeit, noch strahlt in sie hinein der Schein der Weibnachtskerze. Atemholen — aber nur gleichsam als ein innerer Anlauf zu weiterem Vorwürtskommen. Nicht wie eine leblose Maschine ist der Mensch, daß er ununterbrochen und in surrendem Gleichmaß die Arbeit leistet, die ihm auferlegt ist. Er bedarf dieses Atemholens gerade — und das ist vielleicht der letzte und der tiefste Rest seines Ver- bundenseins mit der Natur — in der Zeit, wenn die Natur schläft, sich nur leise zu neuem Leben rüstet.
Heilige Nächte — nicht ganz ist verschwunden und soll verschwunden bleiben der tiefe Sinn, her in diesem frommen Glauben lag. Ausruhen, Atemholen, Selbstbesinnung und Friede nach außen hin werden der Inhalt dieser hu seit Zeit bleiben, bis das Leben ver Gegenwart uns wieder ganz umfängt, Körper und Seele wieder bis zum letzten in Anspruch nimmt und zerreibt.
poimares Erklärungen gegen Amerika.
Die Revision des Dawes-Planes.
Die aufsehenerregenden Äußerungen des französischen Ministerpräsidenten über die deutschen Reparationszahlungen lassen bei vollständiger Wiedergabe erkennen, daß sie sich im Wesentlichen weniger gegen Deutschland als gegen die Vereinigten Staaten richten. Was PoincarS sagen wollte, faßt die Presse in folgenden Worten zusammen: „Ob man will oder nicht, eine Revision der Reparationsregelung ist ohne Zustimmung aller daran interessierten Alliierten nicht möglich und eine solche Eventualität kann vernünftigerweise nur durch eine enge Verbindung des Reparationsproblems mit dem interalliierten Schuldenproblem ins Auge gefaßt werden, da die Lösung des einen der des anderen effektiv untergeordnet ist. Solange die Vereinigten Staaten offiziell den Standpunkt aufrechterhalten und solange sie den Anspruch erheben, unter allen Umständen die Rückzahlung der gesamten Kriegsschulden zu erhalten, ohne sich darum zu kümmern, ob Deutschland seinen Reparationsverpflichtungen nachkommen will oder nicht, kann die Frage der Revision des Dawes-Planes nicht aufgeworfen werden.
Weihnachisas-sprache des Papstes.
Borden Kardinälen.
Der Papst empfing das Kardinalskollegium, um die Wünsche der Kardinäle zur Weihnacht und zum neuen Jahr entgegenzunehmen. In seiner Erwiderung erinnerte der Papst in Erwähnung der Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres an die Fortschritte des Missionswerkes in Belgien, Deutschland, Frankreich, Polen, Bolivien und Peru, ferner an die Einsetzung des ersten eingeborenen Bischofs in Japan und schließlich an die Vorbereitung eines eucharistischen Kongresses in Australien. Aber, so
fuhr der Papst fort, es wurden auch Schmerzensschreie gehört aus verschiedenen Teilen der Welt, so in den letzten Zeiten aus Mexiko, Rußland und China, von wo Nachrichten über sehr traurige Ereignisse, über so beispiellose Barbareien eingetroffen sind, daß man kaum glauben kann, daß sich nicht alle Völker dagegen mit dem Ausdruck des Abscheus und der Verdammung erheben werden. Dann spielte der Papst darauf an, daß einige Gruppen fortführen, dem päpstlichen Stuhl politische Absichten zuzuschreiben, v. I). Gedanken, von denen auch nicht einer ins Bewußtsein des Pastes gedrungen sei. Schließlich beglückwünschte der Papst Italien lebhaft vor allem wegen der ständigen Fortschritte im Hinblick auf nie religiöse Unterweisung. Der Papst beendete seine Ansprache mit der Erteilung des Apostolischen Segens.
Falsche Reich-banknoten oder 20 Mark.
Bis zu 3 0 0 0 Mark Belohnung.
In letzter Zeit ist wiederholt nur der Annahme von Nachbildungen der Reichsbanknoten über 20 Mark mit dem Ausgabedatum 11. Oktober 1924 gewarnt worden, bei denen ein besonders auffälliges Kennzeichen darin bestand, daß die auf oem druckfreien rechten Rande der Vorderseite der Fälschung befindliche Blindprägung (farblos geprägtes Linienmuster) anstatt rippenartig erhabene Linien, vertiefte Linien zeigte. Neuerdings sind nun diese rippenartigen Linien auf den Faschstücken wie bei echten Noten nach Der Vorderseite zu erhaben ausgeprä^-, fallen jedoch durch ihre starke Pressung auf. Der Nanc. des Ausfertigungskontrollstempels stößt unten rechts an eine der ausgeprägten Linien nahezu an. Die Fälschung bleibt trotz der vorgenommenen Veränderung an der mangelhaften Wiedergabe des Frauenkopfes fchon bei geringer Aufmerksamkeit für jedermann kenntlich. Für die Aufdeckung der für diese Nachbildung in Frage kommenden Falschmünzerwerkstatt hat die Reichsbank eine Belohnung bis zu 3000 Mark ausgesetzt.__
Aufwertung älterer SLaatörenieu.
Gesetzentwurf der Reichsregierung vor dem Reichsrat.
Das Reichskabinett hat sich in seiner letzten Sitzung vor Weihnachten mit dem Gesetzentwurf über Aufwertung und Ablösung älterer Staatsrenten und ähnlicher Renten (Standesherrenrenten) abschließend befaßt. Der Gesetzentwurf lehnt sich an die Grundsätze der Aufwertungsgesetzgebung an und wahrt nach Auffassung der Reichsregierung in besonderer Weise auch die Interessen des Staates. Renten, deren Inhalt nach den Anschauungen der heutigen Zeit als unsittlich angesehen werden muß, gelten als erloschen. Der Gesetzentwurf ist zuvor in allen Einzelheiten mit der preußischen Staatsregierung durchgesprochen worden, wenngleich hierbei eine restlose Übereinstimmung nicht hat erzielt werden können, glaubte die Reichsregierung in Anbetracht der dringenden Notwendigkeit einer baldigen gesetzlichen Regelung dieser Materie den Gesetzentwurf nunmehr beim Neichsrat als Regierungsvorlage einbringen zu sollen.
Ergebnis der Wahlen
zur AngeßeULsnVersicherung.
Amtliche Veröffentlichung.
Das Ergebnis der Wahlen zur Angestelltenversicherung aus 1172 Bezirken (wobei nur noch drei Bezirke fehlen) ist folgendes: Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband (D. H. V.) Vertrauensmänner 1631, Ersatzmänner 2499, Stimmen 273 111; sonstige Verbände des Gesamtverbandes deutscher Angestelltengewerkschaften (Gedag-Verbände) 294 bzw. 711 bzw. 144 225; Gewerkschaftsbund der Angestellten (G. D. A.) Vertrauensmänner 917, Ersatzmänner 1851, Stimmen 241161; sonstige Hauptausschußverbände: 128 bzw. 306 bzw. 42 643; Hauptausschuß zusammen: 2970 bzw. 5368 bzw. 701140; Allgemeiner Freier Angestelltenbund (A. F. A.): Vertrauensmänner 555, Ersatzmänner 1605, Stimmen 270 075;
Wilde: 91 bzw. 238 bzw. 5830.
Schweres Grubenunglück.
Fünf Tote, zwei Verletzte.
Das Oberbergamt in Dortmund teilt mit: Auf der Schachtanlage Neu-Jserlohn H in Lütgendortmund sind durch eine Explosion fünf Leute getötet und zwei verletzt worden. Die Explosion ist auf der Wettersohle unmittelbar am Ausziehschacht entstanden. Hier sind anscheinend Schlagwetter zur Entzündung gekommen. Wie diese Schlagwetter hierhin gelangen oder hier entstehen und wodurch sie zur Entzündung gelangen konnten, ist noch ungeklärt. Die Übertragung der Explosion in die Baue ist durch die Gesteinsstaubsicherungen verhindert worden. Die Untersuchung ist im Gange.
Auf dem Hauptschacht der Grube „Maria" in Höngen ereignete sich ein Unglücksfall, der wahrscheinlich auf Unvorsichtigkeit bei der Schießarbeit zurückzuführen ist. Ein Bergarbeiter wurde tödlich, zwei andere wurden leicht verletzt.
Deuischlands Emie 1927.
Die Steigerung gegenüber dem Vorjahre.
Nach den endgültigen Schätznngsangabcn der amtlichen Ernteberichterstatter ergeben sich nach Den Zusammenstellungen des Statistischen Reichsamts für die diesjährige Ernte im Deutschen Reich folgende Gesamterträge bei nachstehenden H-ruchtarlen (in 1000 Tonnen): Winterroggen 6738, Sommerroggen 96, Winterweizen 2979, Sommerweizen 301, Winterspelz 138, Wintergerste 398, Sommergerste 2339, Hafer 6347, Gemenge aus Getreide aller Art 565, Erbsen aller Art 131. Speisebohnen 18, Ackerbohnen 123, Wicken 45, Lupinen 61, Gemenge aus Hülsen frischten ohne Getreide 49, Gemenge aus Hulsenfrüchten mit Getreide 185, Frühkartoffeln 2701, Spät- kartoffeln 34 849, Zuckerrüben 10 854, Runkelrüben 24 389, Kohlrüben 6836, Mohrrüben 583, Weißkohl 1022, Raps und Rübsen 38, Klee 9682, Luzerne 1786, Bewässerungswiesen 2028, andere Wiesen 21911 Verglichen mit den vorjährigen ungünstigen Ernteergebnisien weist Die neue deutsche Ernte bei fast allen wichtigeren Feldfrüchten höhere Mengenerträge auf, insbesondere auch an Brotgetreide uno Kartoffeln. An Brotgetreide stellt sich das diesjährige Ernteergebnis nach den endgültigen Schätzungen um über 1 Million Tonnen oder zwölf Prozent höher als im Vorjahre, darunter um rund 428 000 Tonnen (6,7 Prozent) an Roggen und um 692 000 Tonnen (25,4 Prozent) an Weizen einschließlich Winterspelz. An Kartoffeln ergibt sich im ganzen ein um rund 7,5 Millionen Tonnen größerer Ertrag, d. i. um 25 Prozent mehr als 1926. Diesen Mehrergebnissen stehen aber bei beiden Hauptfruchtarten nicht unbeträchtliche Qualitätsminderungen gegenüber.
Bei den übrigen Getreidearten beschränkt sich das Mehr- erg^nis im Vergleich zum Vorjahre hauptsächlich aus Winter- und Sommergerste (rund 272 000 Tonnen — 11,2 Prozent), während an Hafer im allgemeinen nur ein um rund 22 000 Tonnen, d. i. 0,4 Prozent höherer Ertrag als 1926 zu verzeichnen ist.
politische RunHschao.
Deutsches Reich.
Ausbau des deutsch-französischen Handelsvertrages.
Dem Vorsitzenden des Zollausschusses der Französi- .-JSsa—SruBa^jy^^^om Änüünii±fd?«ft3' mb vy^. Handelsminister mitgeteilt, daß der in Vorbereitung befindliche Zusatz zum deutsch-französischen Handelsvertrag, der die landwirtschaftlichen und gewisse industrielle Erzeugnisse betrifft, in der Kammer sogleich nach Wiederzu- fammentritt im Januar eingebracht werden würde.
Deutsch-schwedisches Abkommen über Handelsvertreter.
Das durch Notenaustausch zwischen dem deutschen Auswärtigen Amt und der schwedischen Gesandtschaft in Berlin am 31. Dezember 1925 auf ein Jahr abgeschlossene und durch Notenwechsel vom 20. Dezember 1926 auf ein weiteres Jahr verlängerte Abkommen über die Vermeidung der Doppelbesteuerung von Handelsvertretern deutscher bzw. schwedischer Firmen ist bis zum 3L Dezember 1928 verlängert worden.
Reichsetat 1928 im Reichstag. i .
Der vor einiger Zeit bekanntgewordene Haushaltsplan des Reiches für 1928 ist dem Reichstag zugegangen. Die zunächst veröffentlichte Übersicht ist inzwischen in einzelnen Punkten überholt. Sobald die Überarbeitung fertiggestellt ist, wird das Material dem Haushaltsausschuß des Reichstages übergeben. Der Haushaltsausschuß wird am 10. Januar erneut zusammentreten und sich dann sofort mit dem neuen Etat befassen.
Staatsausgabenverminderung in Thüringen.
Zwischen Vertretern des Reichsfinanzministeriums, des thüringischen Landesfinanzamtes, des Städtever- bandes und des Finanzministeriums fanden Verhandlungen zwecks Übernahme der Landessteuerverwaltung auf das Reich statt. Man will auf diesem Wege den Verwal- tungsapparal in Thüringen wesentlich vereinfachen und damit die Staatsausgaben vermindern. Man kam jedoch zu keiner Einigung und will nunmehr erst die Stellungnahme des Reichsfinanzministers abwarten; die Verhandlungen sollen zu einem späteren Zeitpunkt fortgeführt werden.
Frankreich.
X Poincars verlangt 132 Milliarden von Deutschland. Bei einer Aussprache in der Französischen Kammer über den Bericht des Reparationsagenten Parker Gilbert nahm auch Poincard das Wort und behauptete, die Höhe der deutschen Verpflichtungen, sei von der Reparationskom- mission endgültig festgesetzt worden. Die Kommission selbst hat jetzt nicht mehr das Recht, diese Ziffer zu ändern. Poincard stützte sich dabei auf eine Angabe des Abg. Dubois, der früher als Vorsitzender der Reparationskom- mission angehörte. Dieser hatte behauptet, die deutschen Verpflichtungen seien am 21. April 1921 endgültig auf 132 Milliarden festgesetzt worden. Der Dawes-Plan habe diese Entscheidung in keiner Weise aufgehoben. — Die Behauptung ist natürlich in stärkster Weise anfechtbar. Aber für Poincars genügt alles, wenn es nur irgendwie für Deutschland abträglich erscheint.
Nordamerika.
X Keine Erschwerung deutscher Einfuhr. Aus Washington wird eine Erklärung des Staatssekretärs Mellon gemeldet, daß die amerikanischen Maßnahmen gegen die deutsche Stahleinsuhr, wie eine eingehende Untersuchung ergeben habe, nicht gerechtfertigt seien. Unter diesen Umständen komme vorläufig eine Anwendung des Anti-