hersf-r! öer Tageblau
| : Monatlicher Bezugspreis: durch öle Post bezogen 1.20 r
: Reichs-Mark, ausschließlich Vestellgelö, für Kersfelö :
♦ 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer :
_ V : 0.80 Reichs-Mark * druck und Verlag von Ludwig ;
Mmtuchlkk VW R^z§ ^CtSfClO jJWWrtKferei in Hersfew, Mitglied des vdzv. ;
mit den Beilagen: Setmatschollen / Illustriertes AntelhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd and Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
: Monatlicher Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.20 : Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Aersfeld : 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer • 0.80 Reichs-Mark * druck und Verlag von Ludwig : Kunks Buchdruckerei in Hersfew, Mitglied des VVZV.
Anzeigenpreis: Die einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, die Reklamezeile 50 Pfennig. (Grundschrist Korpus). Der Wiederholungen wird ein entsprechender Preisnachlaß gewährt. ❖ Für die Schristleitung verant- wortlich: Kranz Zunk in Hersfeld. ♦ Zernsprecher Nr. 8
Nr. 300 Freitag, den 23. Dezember 1927 77. Jahrgang
Zimmer Nr. 40.
Wir Deutsche haben im allgemeinen während des Krieges — vielleicht auch später — viel zu wenig erfahren, was im Kriege hinter den Kulissen geleistet worden ist. Vielbändige Werke könnten darüber geschrieben werden, was alles geschehen ist, um den Feind an seinen verwundbarsten Stellen zu packen. Natürlich ist so manches versucht worden, was zur Erfolglosigkeit verurteilt war. Der Versuch, von Tripolis aus Ägypten zu revolutionieren, die Durchbrechung der englischen Blockade vor Deutsch- Ostafrika, der Flug des Zeppelinluftschiffes von Sofia bis Khartum — alles das sind Dinge, über die man im allgemeinen recht wenig unterrichtet ist. Ebensowenig unterrichtet ist die deutsche Öffentlichkeit über die Tätigkeit der Flotte während des Weltkrieges. Man hörte von Vor- stößen gegen England, mit allgemeinem Jubel wurde der Sieg am Skagerrak ausgenommen, aber, was die Flotte während des Weltkrieges in stummem, im Heeresbericht nicht erwähnten Pflichtgefühl verrichtete, davon fingt kein Sänger, spricht kein Heeresbericht. Und nun versucht man, ihre Tätigkeit noch zu einer ganz vergeblichen hinzustellen insofern, als die englische Marineleitung angeblich bis ins letzte unterrichtet gewesen sei über das Auslaufen und die Einfahrt auch nur des letzten Minendampfers. Ein Unteroffizier, der beim Untergang eines Schiffes den Geheimcode an sich preßte, soll die Ursache gewesen fein, daß die englische Admiralität jeden Funkspruch der deutschen Flotte entziffern konnte, genau darüber unterrichtet war, wenn irgendein Schiff, wenn sogar die Flotte auslief gen Englands Küsten. Sogar ein Prozeß in Deutschland hat sich darüber entsponnen, ob der Kommandant jenes Schiffes, das vor den Finnischen Schären unterging und dessen Geheimbücher Lloyd George behauptet erhalten zu haben, seine Pflicht erfüllt hat oder nicht.
Wir Deutsche waren auch auf der Höhe. Auf der Funkstation Neumünster, der Marinenachrichtenstelle, wurden sämtliche feindlichen Funksprüche zusammengebracht; es war das deutsche Zimmer 40, genau so, wie die englische Admiralität geheimnisvoll L-id Geheimnisse verbergend von ihrem Zimmer 40 spricht, wo die feindlichen Funksprüche entziffert wurden. Und nicht ohne Erfolg war die Arbeit der Deutschen, die sich an die Entzifferung der feindlichen Funksprüche machte. Es war geradezu primitiv, wie der Russe in den Septemberlagen 1914 versuchte, mit der Nachbararmee, die bei Tannenberg vernichtet wurde, in Verbindung zu treten. Wichtiger war die Arbeit der Funkstation Neumünster, die man dem in den letzten Tagen so berühmt gewordenen „Zimmer 40" entgegenstellen will. Dort wurden von geeigneten Persönlichkeiten die englischen Funksprüche ebenso bearbeitet wie die französischen und die russischen. Nicht bloß, daß selbstverständlicherweise die in offener Sprache gegebenen Funksprüche umgehend der Heeresleitung zugesandt wurden, sondern bald waren wir über die englischen Schiffsbewegungen, wodurch natürlich das Verhalten her deutschen Flotte orientiert wurde, in einer Weife unterrichtet, daß die deutsche Flottenleitung ihre Gegenmaßnahmen treffen konnte. Es dauerte freilich nicht lange — und das gilt für die englische Seite genau so wie für die deutsche —, daß die Gegenseite es bemerkte, daß der Gegner über die selbstverständlich in chiffriertem Text aus- gegebenen Befehle unterrichtet war.1 Und jener Unteroffizier, der tief unter dem Meeresspiegel das Geheimnis der „Augsburg" ans Herz preßte und zum unfreiwilligen Überbringer des deutschen Geheimdienstes wurde, ist nur ein Mann, der unfreiwillig dem feindlichen Heeresdienste Unterstützung gewährte.
Bisher wußte man es ganz genau, daß die deutsch« Admiralität ihre Chiffre jeden Monat wechselte; auch dre Admiralität wußte, daß ihre Funkspruche tn kurzer Zeit entziffert werden würden. Aber die Engländer sollen sich nach dieser Richtung hin nicht großtun; die Routrne der deutschen Dolmetscher war bald so groß, daß es gelang, die Schlüssel zur englischen Chrffrrerung sehr bald zu finden. Leider ist das in einer vielleicht zu großen Öffentlichkeit geschehen. Wenn natürlich auch kern Fremder das eng mit Starkstrom umschloffene Feld betrat, so ist doch leider von Unbedachten deutschen Spionen gegenüber allzu offenherzig alles mögliche Mitgeteilt worden. Alles tat die deutsche Station Neumünster, das deutsche '„Zimmer 40", um seine Tätigkeit Unberufenen und den Spionen gegenüber zu verschleiern. Das ist auch gelungen. Aber wenn jetzt so viel Wesens gemacht wird vom englischen Geheimdienst, so soll doch nicht vergessen werden, daß von deutscher Seite alles Notwendige geschah, um der Arbeit der Gegenseite Gleichwertiges entgegenzu- setzen; und wir Deutsche haben keine Veranlassung, den Mitteilungen oder den Märchen der Gegenseite Glauben zu schenken.
Der Neubau -es Genfer
Völkerbundpalastes.
Nach den Plänen zweier Schweizer.
Das von der Völkerbundversammlung im September eingesetzte Fünferkomitee zur Auswahl des Bauplanes für das neue Völkerbundpalais hat seine Arbeiten abgeschlossen und den Beschluß gefaßt, dem Völkerbundrat den Entwurf der schweizerischen Architekten Flegenheimer- Nenot als Grundlage für den Bau des Völkerbundpalais zu empfehlen.
Jedoch sollen diese beiden schweizerischen Architekten
Vcftiedigeiide
mit Sronlirtid
Annäherung Berlin—Paris.
Hoesch bei Briand.
Der deutsche Botschafter in Paris, Herr v o n H o e s ch, >er dieser Tage von seinem mehrtägigen Aufenthalt in Berlin zurückgekehrt ist, hatte eine Unterredung mit Minister des Äußern Briand. Sie diente der Fortsetzung ,es deutsch-französischen Meinungsaustauschs über eine Reihe schwebender Fragen, die schon früher Gegenstand der Unterhaltung zwischen dem deut- ichen Botschafter und dem französischen Minister des Äußern waren und auch in Genf zwischen Minister Briand and Reichsminister des Äußern Dr. Stresemann zur Erörterung standen. Zu dem Besuch schreibt der rechtsstehende „Matin", der Botschafter habe sicher von Berlin Den Eindruck mitgebracht, daß die Beziehungen zwischen Den beiden Ländern in diesem Auocnblick sehr befriedigend seien, wie übrigens auch die zahlreichen Schritte zur Annäherung, die vor dem Abschluß von Handelsabkommen stünden, dies bewiesen.
Sicher sind derartige Andeutungen nicht zu unterschätzen, zumal, wenn sie in einem Blatte auftauchen, wie dem „Matin", der sich bisher fast stets bemüßigt gefühlt hat, seiner Abneigung gegen alles Deutsche unverhohlenen Ausdruck zu geben. Aber bei aller Befriedigung in Paris sollte man doch verstehen, daß Affären wie die mit dem vielbesprochenen kränkenden
Hindenburg-Plakat
nicht gerade geeignet sind, die Versöhnungsneigungen bei Den Deutschen zu stärken. In der Unterredung. die der
unter Hinzuziehung des französischen Architekten Lefövre- Paris, des ungarischen Architekten Vago-Rom sowie der drei italienischen Architekten Broagi, Vaccaro und Franzi ewa ti4*!tÄWtW^
komitee zur Bestätigung vorgelegt werden soll. Die endgültige Entscheidung über den Bauplan liegt beim Völker- bundrat. Der ausgewählte Entwurf sieht das Palais im französisch-klassizistischen Stil vor. Der Entschluß bedeutet somit den Sieg des französischen Architekturstiles.
Italien stabilisiert seine Währung.
Wieder Goldlira.
Der italienische Ministerrat faßte unter Mussolinis Vorsitz den Beschluß, zur Goldvaluta auf der Grundlage von 3,66 Papeirlire für eine Goldlira, von 19 Papierlire für einen Dollar und von 92,46 Papierlire für ein englisches Pfund zurückzukehren. Zu diesem Zweck ordnete
He Regierung die Verbrennung von 300 Millionen Schatz- »nweisungen in den Gaswerken von Rom an (siehe Bild), i- Die Banca d'Jtalia schloß in London ein Abkommen mit den Gouverneuren der Bank von England und der Federal Reserve Bank te Newyork über die Einräumung rines Kredites von 125 Millionen Dollar.
Der Aufbau Ostpreußens.
Die beschlossenen Maßnahmen zur Hilfe.
Nachdem Reichskabinett und preußisches Ministerium den besonderen Hilfsmaßnahmen für Ostpreußen.gemein
deutsche Botschafter mit Briand hatte, kam auch'diese Angelegenheit zur Sprache. Briand konnte den Standpunkt der französischen Regierung nicht endgültig festlegen, da anscheinend die Erwägungen innerhalb des Kabinetts noch nicht abgeschlossen sind. Die Aussprache in der Presse und in den Parteien dauert an. Briand ließ dem Vernehmen nach durchblicken, daß ein Einschreiten gegen das Plakat durch die französische Gesetzgebung sehr erschwert sei. Botschafter v. Hoesch wies natürlich energisch auf die Notwendigkeit hin, das deutsches Empfinden so sehr ver- letzende Plakat zu verbieten. Mittlerweile wird das vom „Echo de Paris" zur Wahlpropaganda herausgegebene Plakat ruhig weiterverbreitet.
*
Keine Beseitigung der 26-prozent-Abgabe.
Auch die in Deutschland so hart empfundene 26pro- zentige Reparationsabgabe auf eingeführte deutsche Waren will Frankreich nicht fallen lassen, obwohl England sich mit der Abschaffung dieser Willkürmaßregel einverstandew erklärt hat. Wie von maßgebender Pariser Stelle mitgeteilt wird, sind die vor einigen Tagen begonnenen Verhandlungen zwischen Vertretern der Reichsregierung und der Reparationskommission über eine Änderung der Er- hcbungsmethode der 26prozentigen Reparationsausfuhr- abqabe gescheitert. Die Besprechungen wurden vorläufig vertagt. Man erwartet, daß die deutsche Regierung neue Vorschläge unterbreiten wird, die von der Reparationskommission im Verlaufe des Monats Januar geprüft werden sollen.
sam zugesttmmt haben, soll unverzüglich mit den Arbeiten in dieser Richtung begonnen werden. Zur Behebung der in Ostpreußen durch die Friedensverträge geschaffenen .^iig&3ifleitjütof$gftli^
für die landwirtschaftlichen Kredite sowohl durch Ermög- lichung des Absatzes von Pfandbriefen zu angemessenen Bedingungen als auch durch Beschaffung zweitstelligen Realkredits vorgefehen. Für den landwirtschaftlichen Kleinbesitz sollen dabei gleichzeitig andere nicht hypothekarisch gesicherte Darlehnsformen ermöglicht werden.
Neben dieser Umwandlung drückender schwebender Schulden in länger befristeten Kredit zu tragbaren Bedin- gungen ist eine Erleichterung öffentlicher Lasten, namentlich auch der Rentenbank-Grundschuldzinsen und der Schul- lasten beabsichtigt. Endlich soll auf dem Gebiete des Güterverkehrs der abgeschnürlen Lage Ostpreußens in er- weitertem Maße Rechnung getragen werden. Die erforderlichen Mittel werden von den Regierungen des Reiches und Preußens angefordert werden. Die Ausführung der Maßnahmen soll im Einverständnis mit der ostpreußischen Wirtschaft erfolgen.
Die geplanten Aufwendungen des Reiches für die Hilfsaktion sollen dem Vernehmen nach etwa 60 Millionen betragen. Hinzu kommen preußische Hilfsmaßnahmen im Betrage von etwa 10 bis 12 Millionen Mark.
Die Senkung dsrtohnstener ab 1. Sanaar.
Amtliche Berechnungstabelle.
Durch das vom Reichstag verabschiedete Gesetz zur Änderung des Einkommensteuergesetzes wird die Lohnsteuer mit Wirkung vom 1. Januar 1928 ab gesenkt, und zwar 1. durch Ermäßigung der einzubchatlenden Steuer um 15 Prozent, höchstens um 2 Mark monatlich, 2. durch Erhöhung der Klein- betragsgrenze aus 1 Mark monatlich An der bisherigen Berechnung der Steuer ist nichts geändert worden, die Steuer ist in der gleichen Weise wie bisher zu errechnen und abzurunden.
Der so ermittelte Steuerbetrug ermäßigt sich aber vom 1. Januar 1928 ab um 15 Prozent, jedoch höchstens a) um 2 Mark monatlich bei Zahlung des Arbeitslohnes für volle Monate, b) um 0,50 Mark wöchentlich bei Zahlung des Arbeitslohnes für volle Wochen c) um 0,10 Mark täglich bei Zahlung des Arbeitslohnes für volle Arbeitstage, äs um 0,05 Mark zweistündlich bei Zahlung des Arbeitslohnes für je zwei angefangene ode- volle Arbeitsstunden Es werden amtliche Tabellen, und zwar getrennt für monatliche, wöchentliche, tägliche und zweistündliche Lohnzahlung, herausgegeben, aus denen der Arbeitgeber für jeden Lohnbetrag und für jeden Familienstand die aus den Arbeitslohn entfallende Steuer ohne irgendwelche nähere Berechnung ablesen kann. • Sie bezeichnete Ermäßigung gilt ganz allgemein ohne Rücksicht daraus, ob die Steuer nach den geltenden Vorschriften, im einzelnen Falle nach dem System der festen Bezüge, nach dem prozentualen System oder in Pauschbeträgen zu berechnen ist. Jedoch bestehen hier zwei Ausnahmen: a) bei einmaligen Einnahmen, die neben laufenden Bezügen gewährt werden (z B. Tantiemen, Gratifikationen u. vergl., §73 StG.) tritt eine Ermäßigung bei den einmaligen Entnahmen nicht ein; die Ermäßigung beschränkt sich aus die laufenden Bezüge; die einmaligen Einnahmen werden also ganz wie bisher besteuert, b) wird der Arbeitslohn nicht nach Zeitabschnitten gezahlt und sind daher in jedem Falle 2 Prozent oder — bei Heimarbeitern — 1 Prozent vom vollen Arbeitslohn als Steuer einzubehalten (§ 74 StG.), so ermäßigt sich die Steuer stets um 15 Prozent ohne Rücksicht auf den Betrag der Ermäßigung im. einzelnen Falle
Der auf den Arbeitslohn entfallende Sterlerbeträg wird nicht erhoben, wenn er 1. bei Zahlung des Arbeitslohnes für volle Monate eine Reichsmark monatlich, 2. bei Zahlung des Arbeitslohnes für volle Wochen 0,25 Reichsmark wöchentlich nicht übersteigt. Die Kleinbeträge sind also gegenüber der bisherigen Regelung um ein Viertel erhöht worden.