Deutscher Reichstag.
(353. Sitzung.) CB. Berlin, 7. Dezember.
Aus der Tagesordnung steht zunächst die zweite Beratung des Gesetzentwurfes über die Krankenversicherung der Seeleute.
Abg. Schumann-Frankfurt (Soz.) erstattete den Ausschutz- bericht. Der Entwurf gliedert die Krankenversicherung der Seeleute nicht den allgemeinen Ortskrankenkassen, sondern der bestehenden seemännischen Invalidenversicherung an, während die Fürsorge für die Angehörigen den Orts- und Landkranken- kafsen zufallen soll. Der Ausschuß ersucht die Reichsregierung, dem Reichstage im Frühjahr 1929 die Geschäfts- und Rechnungsergebnisse der Seekrankenkassen und die besonderen Erfahrungen mitzuteilen, die bei der Durchführung der See- krankenversicherung gemacht wurden.
Abg. Hoch (Soz.) bedauerte, daß man die Seeleute nicht den allgemeinen Ortskrankenkassen zuweise, sondern eine neue Berusskrankenkasse gründen wolle. Damit hindere man das Bestreben der Arbeiterschaft nach allgemeiner gleicher Krankenversorgung.
Abg. Dr. Hädenlamp (Dtn.) hätte es lieber gesehen, wenn der Ausschutz den Entwurf nicht verändert hätte. Die Abweichungen von den Grundsätzen der Versicherungsordnung seien in dem Sonderverhältnis des Seemannsberufes begründet gewesen. Der Redner beantragt dann, auch in dieser Krankenversicherung eine Gehaltsgrenze bis zu 3600 Mark festzusetzen.
Abg. Dr. Moldenhauer (D. VP.) stimmte dem Gesetzentwurf in seiner Grundtendenz zu und trat gleichfalls für eine Gehalttzgrenze und die Freilassung der Kapitäne ein.
Abg. Frau Teusch (Ztr.) erklärte für das Zentrum und für die Bayerische Volkspartei, datz diese an der Einbeziehung der gesamten Schiffsmannschaft, also auch der Osfiziere, sesthatte.
Abg. Ziegler (Dem.) gab seiner Besrtedigung Ausdruck, datz dieses Gesetz ein altes Unrecht an den Seeleuten endlich gutgemacht habe.
Abg. Neddermeyer (Komm.) bemängelte die lange Arbetts- zeit und die Unterbringung der Matrosen aus den Schissen.
Angenommen wurde ein Antrag der Deutschen Volks- Partei, wonach die Satzungen der Kasse bestimmen können, datz die Kapitäne von der Versicherungspflicht befreit werden Ferner wurde beschlossen, daß die Kasse den Namen See- kasse führen soll. Die übrigen grundsätzlichen Änderungsanträge wurden abgelehnt und die Vorlage darauf in zweiter Lesung angenommen.
Es folgte die Beratung über den Bericht des Sozialen Ausschusses über die Genfer Übereinkommen zur Unfallversicherung.
Abg. Schwarzer (Bayr. V.) beantragte namens des Aus- schusses die Reichsregierung um Notifizierung der Genfer Übereinkommen und Vorschläge über die Entschädigungen an- lätzlich von Berufskrankheiten und über die gleiche Behandlung einheimischer und ausländischer Arbeitnehmer und Entschädigung aus Anlaß von Betriebsunfällen zu ersuchen.
Die sozialdemokratischen und kommunistischen Anträge, auch Gastwirtsgehilfen, Pflegepersonal usw. in die Unfallversicherung aufzunehmen, sollen durch einen Beschluß erledigt werden, der schleunigst einen Entwurf verlangt, durch den die Unfallversicherung aus Feuerwehren, Krankenanstalten, Büh- nenoetriebe und Laboratorien ausgedehnt wird. Ferner verlangt der Ausschutz eine Prüfung, ob und wie ohne Schaffung neuer Versicherungsträger die übrigen, noch nicht Versicherten einbezogen werden können. Bis zur Erledigung dieser beiden letzteü Angelegenheiten soll das Genfer Übereinkommen über" die Entschädigung von Betriebsunfällen noch nicht ratifiziert werden.
Abg. Frau Schröder (Soz.) begründete die sozialdemokra- tischen Anträge.
Dann vertagte sich das Haus auf Freitag.
preußischer Landtag.
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Auf der Tagesordnung steht die Beratung der deutsch- nationalen Interpellation, die die Aufhebung der Verordnung des preutzischen Kultusministers über die
Neuregelung des Studentenrechts an den preußischen Hochschulen fordert.
Abg. Llze (Dtn.) begründet die Interpellation. Dem Minister, so sagte er, müßte bekannt sein, daß in der Schlammflut des Materialismus der Revolutionszeit der Idealismus der Studentenschaft geradezu die rettende Insel gewesen sei. Die Bestimmungen über das Koalitionsrecht bedeuteten den Versuch eines unerträglichen Hineinregierens in die inneren Verhältnisse deutscher und außendeutscher Länder, durch das die grotzdeutsche Organisation der deutschen Studentenschaft zerschlagen werde. Der Minister habe aus parteipolitischer Nachgiebigkeit gegenüber dem Willen der Koalitionsparteien gehandelt. Wenn er sage, durch das neue Studentenrecht solle das Gefühl für die Pflichten dem Staate gegenüber gestärkt werden, so habe die Studentenschaft stets eine starke Staatsgesinnung gezeigt — in der burschenschaft- lichen Bewegung sowohl wie bei den Spartakistenunruhen des Jahres 1918, als die Studenten in den freiwilligen Organisationen die schlotternden Novemberlinge retteten. (Pfuirufe links und in der Mitte.) Nachdem die Vorlckläae mit mehr
als Zweidrittelmehrheit abgelehnt seien, müßte der Minister umlernen und, wie ein verständiger Vater, einlenken. Der Minister solle daher die Frage, ob er seine Verordnung zurück- zuziehen gedenke, mit einem frischen und freudigen Ja beantworten. (Andauernde Unterbrechungen links und beleidigende Zurufe bei den Kommunisten werden vom Präsidenten Bartels wiederholt gerügt. Am Schluß der Ausführungen des Redners ertönen höhnische Hurrarufe links und die Kommunisten rufen: „Prost! Gsuffa!") — Darauf nahm
Kultusminister Dr. Becker
das Wort zu einer längeren Erwiderung. Die Staatsregierung werde die Verordnung nicht zurückziehen, für die sie die Verantwortung übernehme. Die Regierung hätte dre Selbstverwaltung wegen ihres hohen pädagogischen Wertes gern erhalten. Sie könne es jedoch nicht mit ansehen, wenn eine zum Besten der Jugend geschaffene Einrichtung durch unklare Formulierung ihres Statutes oder durch unvorher- sehbare unverantwortliche Einflüsse von außen her geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werde. Die studentische Selbstverwaltung sei durch Mißbrauch und Umdeutung ihrer Satzung
zu einem politischen Machtinstrument geworden.
Es sei eine selbstverständliche Pflicht der Staatsregierung gewesen, Garantien dafür zu schaffen, daß diese Selbstverwaltung ihre Zweckbestimmung auch wirklich erfülle. Bei der Neuordnung sei ausdrücklich eine erneute Befragung der Studentenschaft erfolgt; die Studentenschaft hätte sie abgelehnt und damit freiwillig aus ein ihr vom Staat angebotenes Recht der Mitbestimmung verzichtet. Die Studentenschaft würde damit wieder Objekt der Verwaltung und der Erziehung wie die Schüler anderer Bildungsanstalten auch. Neu in der Verfassung sei nur die Verstärkung der Kontrollmaßnahmen in der Vermögensverwaltung gewesen. Von einer Einschränkung der akademischen Freiheit und einer Bedrohung des großdeutschen Gedankens könne keine Rede sein. Die Regierung stehe nach wie vor aus dem Boden des groß- deutschen Gedankens. Die sogenannte Deutsche Studentenschaft sei gar nicht großdeutsch, sondern großvölkisch und schädige den großdeutschen Gedanken Die Einzelstudentenschaften hätten als Organe öffentlich-rechtlicher Körperschaften Rücksicht aus den Staat und seine Verfassung nehmen müssen.
Das Abstimmungsergebnis
sei nur auf Grund einer gewissenlosen Agitation möglich gewesen. Die lokale Selbstverwaltung hätte noch nicht wegen des großvölkischen Gedankens von der Studentenschaft abgelehnt zu werden brauchen. Nichts beweise besser als der Ausgang der letzten Wahl, wie politisch abhängig die Deutsche Studentenschaft sei. Bedauerlich sei, daß die politischen Drahtzieher zum Teil in den Spitzenorganisationen der großen studentischen Korporationsverbände säßen. Man dürfe nicht vergessen, daß in vielen akademischen Berufszweigen die berns- liche Zukunft ganz abhängig sei von den Beziehungen zu den alten Herrschaften. Der Korporationsgedanke habe die akademische Selbstverwaltung erdrückt. Da nun dadurch zurzeit eine wirkliche akademische Selbstverwaltung unmöglich wird, begrüße er den Ausgang der Abstimmungen. Die studentische Selbstverwaltung habe jetzt aufgehört; was übrigbleibe, sei Studentenpolitik als ein Teil der allgemeinen Politik. Amtlich garantierte Mittel und staatliche Räume würden für diese politischen Zwecke natürlich nicht zur Verfügung gestellt. — Die Rede des Ministers wurde teilweise durch
starke Kundgebungen von rechts und links unterbrochen. Der Präsident erteilte eine Reihe von Ord- nungsrusen. Zum Schluß ertönte lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien, während aus der Rechten starke Gegen- kundgebungen und Zischen vernehmbar waren.
In der Aussprache nimmt das Wort Frau Abg. Dr. Wegscheider (Soz.). Sie behauptet, die Studenten hätten die ihnen vorgelegte Frage gar nicht verstanden und sich selbst den Boden zu einer freiheitlichen Entwicklung genommen.
Abg. Steuer (Dtn.) bedauert, daß der Minister die Frage der Studentenschaft zum Gegenstand der Stellungnahme eines Kabinetts von Patteiministern gemacht habe. Die Studentenschaft habe viel geleistet. Da brauche mau sich nur die Mdenk- -nrTrnrW-vSFÄtrrmOT^^ -
Die Kriegsverluste der Deutschen Studentenschaft seien nach den Verlusten des aktiven Offizierkorps prozentual die höchsten. Der verfassungsmäßige Weg wäre gewesen, die Rechte der Tausende von Studenten anzuerkennen, anstatt sie um weniger Dutzend willen zu zerschlagen. Die umfassende Deutsche Studentenschaft sei heute die wirklich einzige Zusammenfassung des Deutschtums in den betreffenden Ländern gewesen.
Die Deutsche Studentenschaft als Spitzenorganisation bestehe weiter. Sie werde auch alle die freien Studentenschaften hinter sich haben, die jetzt an allen deutschen Hochschulen entstehen werden. Die Deutsche Studentenschaft werde ihren Weg weitergehen, und alle nationalen Kreise begrüßten dies mit hoher Freude.
Abg. Lauscher (Ztr.): In dem Studentenkampf handelt es sich um bewußte Ablehnung des heutigen Staates. Die Deutsche Studentenschaft habe zu den Grundsätzen der Frontkämpfer nicht zurückgefunden. Schuld seien diejenigen, die eine Achtung anderer Meinungen und eine Berücksichtigung der Minderheit nicht kennen, die immer selbst von Freiheit reden, die Freiheit aber selbst nicht respektieren.
Abg. Pinkerneil (D. VP.): Der Minister hätte dem Verlangen der kleinen Mehrheit des Landtages auf Abänderung des Studentenrechts nicht entsprechen sollen. Einzelne not
wendige oder erwünschte Reformen hätten in anderer Form und durch ein anderes Verfahren eingeführt werden können. Es wäre möglich gewesen, in der Frage der Aufnahme aus- landsdeutscher Studenten zu einer Verständigung mit der Deutschen Studentenschaft zu kommen, die für den Minister und die Mehrheit des Landtages annehmbar gewesen wäre und durchaus in der Linie des neuen Erlasses gelegen hätte. Auch wir wollen keine Rassepolittk, sondern Kulturpolitik.
Kultusminister Dr. Becker erklärt: Die Verordnung enthalte nichts anderes, als was sämtliche Regierungen seit der Revolution mit Einschluß der volksparteilichen Minister als selbstverständliche Haltung des Staates vertreten hätten.
Abg. Kerff (Komm.) bezeichnet den Brief des Reichskanzlers an den Ministerpräsidenten Braun als eine schallende Ohrfeige für die Preußenregierung.
Abg. Dr. Bohner (Dem.) fordert eine verstärkte Kontrolle der Finanzen der Studentenschaft, nachdem die Studenlengelder zu politischen Zwecken mißbraucht worden seien. Die Studenten dürften sich nicht als Führer des Volkes aufspielen.
Abg. Dr. Klamt (W. Vgg.) erklärt, die unerschrockene Haltung der Studentenschaft veranlasse seine Freunde, der Studentenschaft noch gesteigerte Hochachtung und Sympathie entgegenzubringen.
Abg. Danicke (Völk.): Die deutschen Studenten hätten einen guten Kamps gekämpft und die Nachwelt werde ihnen dafür danken, daß sie in dieser trüben Zeit eine völkische Hoffnung aufgepflanzt haben.
Damit ist die Aussprache und die Interpellation erledigt. Das Haus vertagt sich aus Montag, den 12. Dezember.
Votiirfche Rundschau.
Deutsches Zieich
Reichsausschuß der Wirtschaftspartei.
Der Reichsausschuß der Wirtschaftspartei hielt in Berlin eine Tagung ab, auf der mehrere Entschließungen gefaßt wurden. Nach der einen Entschließung stimmt die Reichspartei des deutschen Mittelstandes der Besoldungsvorlage unter der Bedingung zu, daß die Mittel zur Deckung ohne neue Steuern und Steuererhöhung einwandfrei nachgewiesen werden. Dementsprechend werden die beiden Parteifraktionen im Reichstag und im Preußischen Landtag den Antrag einbringen, daß von dem Etat zehn Prozent zur Durchführung der Rentnerfiirsorge und des Liquidationsschädengesetzes gestrichen werden. Erst nach Lösung dieser beiden dringenderen Fragen soll die Besoldungsvorlage durchgeführt werden. Der Reichsausschuß billigte die bisherige Haltung der Reichstagsfraktion zum ReichsschulgefeH.
Flaggenregelung in Preußen»
Wie ein den Demokraten nahestehendes Berliner Blatt mitteilt, soll innerhalb der Parteien der preußischen Regierungskoalition erwogen werden, die Frage der Beflag- gung öffentlicher Gebäude, Straßen und Plätze durch Gesetz endgültig zu regeln. In dem geplanten Gesetz soll bestimmt werden, daß die Beflaggung öffentlicher Gebäude, Straßen und Plätze eine Angelegenheit der Landeshoheit ist und somit nicht von Organen der Selbstverwaltung, sondern von der allgemeinen Landesverwaltung geregelt wird. Über Beflaggung von Gebäuden, die Einrichtungen öffentlich - rechtlichen Charakters sind, so die Handelskammern und Landwirtschaftskammern, soll das Staatsministerium bestimmen.
Noch keine Regelung der Saarzölle.
Die Handelskammer in Saarbrücken teilt mit, daß gegenüber Meldungen, wonach die in Paris zurzeit geführten Saarzollverhandlungen vor dem Abschluß stünden, iTNlMf hrngewiesen werden muß, daß diese Nachrichten den Tatsachen wesentlich vorauseilen. Wenn auch die Verhandlungen Fortschritte machen, so ist doch festzustellen, daß ein großer Teil des sehr umfangreichen Verhandlungsstoffes überhaupt noch nicht zur Beratung gekommen ist. Es ist also verfrüht, jetzt schon von einem nahe bevorstehenden Abschluß der Verhandlungen zu sprechen.
Aus In, und Ausland.
Berlin. Im Haushaltsausschuß des Reichstags erklärte Reichsfinanzminister Dr. Köhler zur Besoldungsvorlage, die Reichsregierung werde an der Regierungsvorlage festhalten. Etwaige Abänderungsanträge dürften nur unter der Voraussetzung, daß durch die Abänderungen die gesamte finanzielle Auswirkung unter keinen Umständen höher sei als die jetzige Gesamtsumme, gestellt werden.
Berlin. Der bayerische Ministerpräsident Held und der bayerische Finanzminister Schmelzle sind in Berlin einge- trossen. Sie haben eine Vorbesprechung mit Reichskanzler Marx und Reichsinnenminister v. Keudell über das Problem „Reich und Länder" gehabt.
Leipzig. Die französische Regierung hat beschlossen, sich offiziell an der Letpziger Frühjahrsmesse zu beteiligen.
DIE BLONDE
i 7\ T I ? / Kriminalroman von /A.L/C-A / HANS MITTEWEIDER
Copyright by Martin Feuchtweager, Halle 1. d. 8.
24
" „Das werden Sie nunmehr verstehen, Fräulein", erwiderte die Zofe. „Wer so einsam ist, wie sie, der sehnt sich nach einem mitfühlenden Menschen, und sie sehnt sich wohl auch danach, wieder an jener Stelle leben zu können, wo sie einst mit ihrem Gatten so glücklich gewesen ist. Der Marquis will sie dorthin führen, aber sie braucht ihn deshalb noch nicht zu lieben — ich weiß es nicht —, ich bin doch nur ihre Dienerin, der sie sich nicht im Letzten anvertraut. Vielleicht erfahren Sie es, Miß Alexandra —* ’ „Vielleicht!" sagte diese und jubelte innerlich bei diesem Gedanken und erbebte zugleich in heißer Angst, daß sie hören müßte, was all ihre Hoffnungen wieder zertrümmern mußte.
„Wenn die Prinzessin so fest von der Unschuld ihres Gatten überzeugt war", sprach sie, „so mußte sie doch alles aufbieten, um diese zu erweisen, den wahren Mörder zu finden!" A
„Daran hat sie es auch nicht fehlen lassen, bei Gott nicht! Sie hat monatelang ein Heer von Detektiven beschäftigt, hat hohe Belohnungen verheißen, aber keiner fand eine andere Spur. Niemand war da, der irgendein Interesse an dem Tode des Marquis hätte haben können — außer seinem Bruder."
Felizitas hatte das Haar Alexandras geordnet «nd Wüte sich an, zu gehen.
Diese dankte ihr herzlich.
„Ich werde nie vergessen, was Sie mir eben gesagt haben, Felizitas", sprach sie. „Seien Sie versichert, daß ich unsere Herrin von heute an von ganzem Herzen lieben werde!"
„Gott wird Sie dafür segnen, Miß Ereme!"
Die Zofe ging. Alexandra aber trat an das Fenster und schaute nach dem Himmel empor.
So war ihr Opfer doch nicht ganz vergebens gewesen! Sie durfte ihrem Vater berichten, daß seine Gattin ihn immer geliebt und nicht schnöde verlassen hatte.
„Papa und ich", dachte sie, „wir haben dieser edlen Frau schweres Unrecht getan, und da er sie noch immer liebt, so muß sich ein Weg finden lassen, um die Kluft zu Überdrücken, die sich zwischen ihnen aufgetan hat. Vielleicht kann ich sie wieder zusammenführen —"
Sie riß den Briefumschlag wieder auf und schrieb alles nieder, was sie eben gehört hatte. Sie ahnte nicht, was sie dadurch über sich und ihren Vater heraufbeschwor — aber sie konnte, sie durfte nicht schweigen.
Sie selbst trug den Brief nach dem Kasten, der in der Halle unten angebracht war, und begab sich darauf zu ihrer Herrin.
Zu ihrer Ueberraschung fand sie den Marquis bei ihr, der sie höflich, aber zurückhaltend begrünte und sicher lieber gesehen hätte, wenn sie ihn mit der Prinzessin allein gelassen hätte. Doch da er sie nicht fortschicken konnte, setzte er das unterbrochene Gespräch fort und beschwor die Prinzessin, mit ihm nach Narrow zu kommen.
„Sie werden alles noch genau so finden, wie Sie es verlassen haben", versicherte er. „Nichts, gar nichts ist geättdert worden, und auch die alten Diener sind noch da, die sich freuen werde», ihr« frühere Herri« begrüßen M
können, ihre Herrin, an welcher sie noch heute mit innigster Liebe hängen."
„Auch Pierre Renard?" fragte die Prinzessin, und Alexandra war, als sei der Marquis bei dieser unerwarteten Frage erbleicht.
„Auch er", erwiderte er jedoch alsbald. „Der arme Mensch war damals sehr verzweifelt —"
„Trotzdem er durchaus keine Ursache hatte, seinen jähzornigen und vielfach ungerechten Herrn zu lieben?"
„Sie scheinen ihn nicht leiden zu können, Prinzessin?"
„Davon kann keine Rede sein, denn solche Menschen stehen mir viel zu fern. Ich wundere mich nur, daß er betrübt gewesen sein soll. Jedenfalls sind Sie mit seinen Leistungen zufrieden, sonst würden Sie ihn nicht übernommen und alle die Jahre her behalten haben."
„Das ist in der Tat der Fall", gab der Marquis zu, wiederholte aber dann seine Bitte und war offenbar aufrichtig erfreut, als die Prinzessin gewährend nickte.
Die Autos wurden befohlen, und zur Seite der Prinzessin fuhr Alexandra Creme nach Narrow Castle, dem stolzen Besitztum, das von Rechts wegen jetzt ihr eigenes Heim hätte sein müssen.
Sie wurden dort von Frau Sttong begrüßt, einer Schwester des Marquis, die unvermählt geblieben war. Aber so sehr diese Dame sich auch mühte, Alexandra, an welcher sie sofort großen Gefallen fand, mit Beschlag zu belegen, es glückte ihr nicht.
Noch einer war in Schwß Narrow, der größere Rechte an Alexandra hatte: Graf Rucherford Sigsbee, und er reichte seiner heimlichen Braut mit strahlendem Blicke die Hand. Er führte sie auch zu Tisch, aber während der Tafel kam Alexandra auf einmal ein furchtbarer Gedanke.
(Fortsetzung folgt)