Hersfelöer Tageblatt
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mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes AuterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterballona und Willen Belehrung and Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 280
Mittwoch, den 30. November 1927
77. Jahrgang
Traurige Berühmtheit.
In eines der trübsten Kapitel, vielleicht das trübste, hat der Prozeß zurückgeführt, der vor einem Berliner Amtsgericht geführt wurde und so dramatisch mit der sofortigen Verhaftung eines Zeugen wegen Verdachts des Meineids endete. Denn hinter diesem Beleidigungsprozeß erhob sich der G e i st S ch l a g e t e r s , ging es um die Frage, wer ihn den Franzosen in die Hände gespielt hatte einst im Ruhrkampf. Nur einer von den beiden, die sich gegen die Beschuldigung gewehrt hatten, die Verräter eines deutschen Volksgenossen gewesen zu sein, verließ den Saal. Als — Verurteilter. Der andere wurde abgeführt.
Jener durfte hinausgehen. Denn ihn, den über- führten Verräter, vermag wegen seiner Untat ein deutsches Gericht nicht mehr zu packen. Davor schützt ihn die A m n e st i e, die 1924 wegen aller Geschehnisse während des Ruhrkampfes vor sich ging. Er geht hinaus mit dem Kainszeichen des Brudermordes auf der Stirn. Denn er und der nun auch noch meineidig gewordene Genosse tragen die Blutschuld dafür, daß Schlageter von den Franzosen erschossen wurde.
Jahre sind seitdem vergangen und der Streit, der damals auch im unbesetzten Deutschland um die Frage tobte, ob der „Passive Widerstand" allein genügte oder durch einen aktiven ergänzt werden müßte, ist vom Schicksal entschieden worden: Deutschland war uneinig selbst in dieser Zeit. Immer schon war gemunkelt worden, daß bei dem, was Schlageter erleiden mußte, Verrat im Spiel gewesen sei. Verrat durch eigene Volksgenossen, die von den Franzosen und Belgiern gekauft waren. Für lumpiges deutsches Papiergeld. Auch andere Verhaftungen, Mißhandlungen Deutscher sollten zur Ursache den Verrat „Deutscher" gehabt haben. Und doch gibt es jedem, dem deutsches Blut in den Adern rollt, auch jetzt noch geradezu einen Stich ins Herz, als festgestellt wurde, daß diese Gerüchte Wahrheit sind.
Ob sie recht oder unrecht taten, klug oder unklug fabelten, diese Schlageter, Hauenstein und die Männer
Verscy —wer.Äj^OüM«*’ */.^^^^^-^^‘ ««rW& ziO-wLIÄelM^lÄ sie* > 0 festen Glauben ( soll, ist der ernsthafte besaßen, für eine gerechte Sache zu käWfett. Sie wußten, ‘ daß ihnen Mißhandlung und langjähriger Kerker, ja, das ihnen für ihr Handeln der Tod drohte, wenn sie in die Fänge der Ruhreinbrecher fielen. Und doch wagten sie es.
Einst führte im Altertum beim Kamps tun die Ther- mopylen ein Verräter das persische 'Heer den eigenen Volksgenossen in den Rücken und sein Name, Ephialtes, wuchs zu trauriger Berühmtheit, schwand niemals aus der Weltgeschichte. Jetzt geben im Gerichtssaal
zwei Männer zu, Geld von den Franzosen dafür erhalten zu haben, daß sie Deutsche in die Hände der Franzosen lockten. Bei einem gelang es, bei Schlageter, bei anderen, die ein nicht ganz so schweres Schicksal hatten, ebenfalls; an diesen Verrätern lag es nicht, daß ihnen die Hauptbeute entrinnen konnte, der Mann, den jene beiden zu verklagen noch den traurigen Mut halten. Hauptzeugen gegen sie sind frühere französische Kriminalbeamte, sind nicht etwa Deutsche, die durch die , Vec- rätereien bedroht waren. Sind — französische Kriminalbeamte! Das macht dies alles noch schamvolle, für uns Deutsche, noch — schmachvoller für jene beiden!
Gewiß, die Zeit jener Kämpfe ist vorbei; vieles von dem, was geschah, blieb im Dunkel, fast möchte man sagen: in einem wohltätigen Dunkel. Ungestraft mag wohl noch so mancher in Deutschland herumgehen, dessen Opfer jahrelang in französischen Kerkern gelitten haben. Ungestraft bleibt auch jetzt noch einer, dem die Larve vom Gesicht gerissen worden ist. Ihm aber sprach nicht nur das Gericht das Urteil, — ihm spricht es ein ganzes Volk.
Liiauen-Polen.
KerneUmbildungderRegierunginKowno
Allem Anschein nach sind die Verhandlungen über eine den verschiedenen innenpolitischen Wünschen mehr gerecht werdende Umgestaltung der litauischen Regierung gescheitert. Wenn man den aus Kowno selbst kommenden Mitteilungen Glauben schenken darf, ist eine Änderung 'cht mehr wahrscheinlich, und die Armee soll geschlossen hinter dem Staatspräsidenten Wolde-
des Kabinetts nii
maras stehen.
Die Absicht bis zu dem Präsidenten vorgedrungener Offiziersdeputationen wird damit erklärt, daß sie Äußerungen ihrer Besorgnis, aber auch ihrer Treue von sich geben wollten.
Eine polnische Rundnote.
Die polnische Regierung hat, auch in B e r l i n, eine Rundnote an die Mächte gerichtet, in der sie die ihr nachgesagten feindlichen Absichten gegen Litauen als nicht existierend darstellt. Polen versichert, es verfolge keinerlei Absichten gegen die politische Unabhängigkeit und territoriale Unversehrtheit der Litauischen Republik. Es habe einzig das Ziel im Auge, in friedlichem Geiste normale, gut nachbarliche Beziehungen mit Litauen anzuknüpfen. Die polnische Regierung hofft, daß die Regierungen alles tun werden, was in ihrer Macht steht, um dem von
lucmvu, wus m tyiei muu/i ficyi, um unu vvii bei litauischen Regierung beharrlich proklamierten Kriegszustand ein Ende zu machen. Litauen behaupte hartnäckig, es befinde sich mit Polen im Kriegszustande, weil dieses W i l n a in Besitz habe. Das sei nach polnischer Ansicht
Der Vorhang in Genf hebt sich
Beginn der Abrüstungskonferenz.
Ankunft der deutschen Vertreter.
Zu der für den 30. November anberaumten ersten Sitzung der Vorbereitenden Abrüstungskonferenz ist der deutsche Gesandte Graf Bernstorfs, ferner der Völkerbundreferent im Berliner Auswärtigen Amt, Geheim- rat v on Bül o w, Geheimrat v o n Weizsäcker sowie der militärische Sachverständige Oberst von Böt - t i ch e r in Genf eingetroffen. Ebenso ist angekommen die englische Abrüstungsdelegation, darunter eine große Anzahl militärischer Sachverständiger, unter Führung des neu ernannten Delegierten Englands beim Völkerbund, Lord Cushendun, weiter der französische Völkerbund- referent Gras Clauzel. Paul-Boncour wird erwartet.
In Genf rechnet man allgemein damit, daß die diesmaligen Beratungen bis Mitte nächster Woche dauern werden. Die Wahl des chinesischen Gesandten in Paris, Tsch engloh, zum Vorsitzenden der an die Abrüstungskonferenz anschließenden Tagung des Völkerbundes soll feststehen.
Die Haltung Deutschlands.
Was die Stellungnahme Deutschlands zu den Abrüstungsberatungen anbelangt, so ist sie mehrfach und in entscheidender Weise von maßgebender Stelle umrissen werden.
Die deutsche Delegation wird mit Nachdruck eine aktive Wetterführung der Abrüstungsverhandlungen fordern und sich auch davon nicht abdrängen lassen, wenn von französischer und englischer Seite wieder die
Forderung vorheriger größerer Sicherung für beide „Länder erhoben w- > .
Hvnu;in:m^»üüerunB7 o^ nicht erreicht sein soll, ist der ernsthafte Wille zur Abrüstung nicht zu
vereinbaren.
Natürlich ist eine Umgehung des Konfliktes Litauen— Polen kaum möglich. Kommt die Frage nicht schon in den Abrüstungsbesprechungen aufs Tapet, so ist bei der Ratstagung hierzu die Notwendigkeit schon durch den Appell gegeben, den Litauen nach Genf gerichtet hat. In Deutschland besteht selbstverständlich lebhaftes Interesse für die Erhaltung der Selbstäridigkeit Litauens,. Dieses
ein einzigartiger Zustand, dem ein Ende gemacht werden müsse.
Von deutscher Seite ist eine schriftliche Antwort auf die Note nicht beabsichtigt, da die Frage der litauischpolnischen Beziehungen in der nächsten Woche Gegenstand der Verhandlungen vor dem Völkerbundrat in Genf sein wird. — Polen wird die Russennote in der litauischen Angelegenheit ebenfalls nicht beantworten.
ArHeiisgememschast Zeuirum—
Bayerische Volkspariei.
Endgültigesübereinkommen.
Der Reichsparteivorstand des Zentrums hielt unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Marx im Reichstagsgebäude eine Sitzung ab. Die Verhandlungen beschäftigten sich in erster Linie mit den Richtlinien, die zwischen dem Zentrum und der Bayerischen Volkspartei über eine künftige Arbeitsgemeinschaft vereinbart worden sind. Der Reichsparteivorstand genehmigte einstimmig diese Richtlinien.
Vor einigen Tagen waren die Richtlinien schon in Regensburg von Vertr .ern beider Parteien auf
Domkapitular Leicht
von Guerard
die Vorsitzenden Der Fraktionen des Zentrums unD Der Bayerischen Volkspartei im Reichstag.
gestellt und dann von der Bayerischeil Volkspartei gebilligt worden. Sie wurden jetzt für das Zentrum von Dr. M a r x, für die Bayerische Volkspartei von dem Vorsitzenden, Abg. Speck, unterzeichnet.
Einheitliches Vorgehen.
In der Einleitung dieser Richtlinien wird betont, daß die Vereinbarungen aus dem Wunsche bervoraeaanaen seien, ein
Land bildet die letzte Brustwehr vor einer vollständigen Einschließung Ostpreußens durch polnisches Gebiet, das ja auf der anderen Seite durch den von ihm besetzten Korridor die Abschnürung vollenden würde.
Das russische Rötseli
WvZ werden die Russen Vorschlägen« So forsch« die Neugierigen seit der Ankunft der Sowjetdelegation und manche Leute tun recht unterrichtet, wenn sie den Mos- kauern diese oder jene erstaunlichen Pläne zuschreiben.
Es heißt also, der Volkskommissar L i t w i n o w werde der Vorbereitenden Abrüstungskommission weit- gehende Abrüstungsvorschläge unterbreiten. Aus jeden Fall soll tue Sowjetdelegation entschlossen sein, über den Z. ^ezcinber hinaus in Genf zu bleiben, um zur Teil- nahme an politischen Besprechungen zur Verfügung zu
Die russischen Vorschläge 3 eben in einem allge- meinen Nichtangriffspakt nnb "im Rüstungsherabsetzung öon etwa 50 Prozent gipfeln. Ein französisches Blatt meldet knapp, bte Russen würden beantragen, in den Rüstungen aller Nationen solle ein zehnjähriger Stillstand erntreten. Während dieftr Zeit müßten alle Ausgaben für toerben^0^ ^ '^ ruftiMffahrt auf die Hälfte herabgesetzt
Was an solchen Behauptungen Wahres ist, wird sich bald zeigen. Die russische Delegation selbst bewahrt äußerste Zurückhaltung. Litwinow hat dem Generalsekretär des Völkerbundes, D r n m m o n d , einen Höflichkeitsbesuch abgestattet. Anschließend suchte Litwinow den Direktor der Abrüstungssektion des Völkerbundsekretariates auf, mit dem er eine Unterredung über den Stand der Abrüstungsverhandlungen sowie die Tagesordnung der bevorstehenden Sitzung der Abrüstunas- ^^^rt^^V^t■^^ mit Litwinow. Wegen der Anwesenheit der Russen hat das Völkerbundsekretarirt große Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Zulassungskarten sämtlicher Presswerkteter müssen mit der Photographie des Inhabers versehen sein. Man will verhindern, daß sich etwa jemand unter mißbräuchlicher Benützung einer Pressekarte in das Völkerbundhaus oder den Sitzungssaal Eingang verschafft. Die Meldung, daß die Bundesbehörde der Sowjetdelegation zugesichert habe, während ihres Aufenthaltes in der Schweiz jedem russischen Emigranten die Einreise zu ber^eigern, soll nicht richtig sein.
einheitliches Vorgehen in allen politischen Fragen zu sichern, mit dem Endziel der Wiederherstellung der politischen Einheit. Zur Frage der Zusammenarbeit wird bestimmt, daß die Fraktionen des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei im Reichstag eine freie Arbeitsgemeinschaft bilden; die Fraktionen bleiben selbständig. Bei besonders wichtigen Fragen sind gemeinschaftliche Sitzungen der Vorstände und der Fraktionen selbst vorzuziehen. Diese gemeinschaftlichen Sitzungen werden nach Vereinbarung der Vorsitzenden der beiden Fraktionen einberufen und geleitet. Zwischen der Landtagsfraktion der Bayerischen Volkspartei und den Zentrumsabgeordneten des Bayerischen Landtages wird im gleichen Sinne eine engere Fühlungnahme herbeigeführt. Weiter wird in den Vereinbarungen festgelegt die Regelung der Beziehungen der Parteiorganisationen und der Parteipressc in der Pfalz und im rechtsrheinischen Bayern und die Regelung der gemeinsamen Durchführung der Landtags- und Reichstagswahlen. Ein paritätischer Ausschuß trifft alle Maßnahmen zur Verständigung im Falle von Zwist und Streitigkeiten oder Mißverständnissen. Auch in Kommunalvertretungen soll die Arbeitsgemeinschaft durchgeführt werden.
Der Einigung sind längere Verhandlungen vorausgegangen, die sich hauptsächlich um die Mandatsverteilung in der Pfalz drehten. - Dort sind beide Parteien ziemlich gleich an Wählerzahl. Nunmehr sollen die politischen Wahlen in der Pfalz mit einer gemeinsamen Liste durchgeführt werden: €"~
Um die Chorzow-Werke.
Abermals Verhandlung im Haag.
Seit langer Zeit schwebt zwischen Deutschland und Polen der Streitfall über die Chorzow-Werke. Das Deutsche Reich hat vor dem Ständigen Internationalen Gerichtshof im Haag Klage erhoben zur Rechtsfest- stellung. Es handelt sich bekanntlich um die Auslegung zweier von dem Ständigen Internationalen Gerichtshof erlassenen Entscheidungen, in denen der Gerichtshof die polnischerseits erfolgte B e s ch l a g n a h m e der Chorzow- Werke für widerrechtlich erklärte, und um Zurückweisung einer polnischen Beschwerde dagegen.
Bei der jetzigen abermaligen Verhandlung im Haag bestritt der deutsche Vertreter Dr. K a u f m a n n die polnische Auffassung, wonach der Sinn der bisherigen Entscheidungen so ausgelegt werden müßte, daß Polen das Recht behalten habe, auf gerichtlichem Wege den zwischen der deutschen Regierung und den oberschlesischen Stickstoffwerken abgeschlossenen Kaufvertrag und die Eintragung der Stickstoffwerke als Eigentümerin der Chorzow-Werke für ungültig erklären zu lassen. Der polnische Vertreter bestritt die Zuständigkeit des Gerichtshofes, was Professor Kaufmann abwies.
Der Gerichtshof erklärte darauf die öffentliche Verhandlung für geschlossen und trat in eine geheime Beratung ein.