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Nr. 278 Montag, devÄ. November 1927 77 Iahrgang
Litauens Hilferuf nach Genf
Schwere Bedrängnis Litauens
Litauische Nebenregierung in Wilna.
Die Zustände in dem einen Angriff Polens erwartenden Litauen sind äußerst gefahrdrohend. Der litauische Ministerpräsident, Wöldemaras, hat ein ausführliches Schreiben an den Generalsekretär des Völkerbundes in Genf gerichtet, worin er davon Mitteilung macht, daß die polnische Regierung einen erbitterten Pressefeldzug gegen die litauische Regierung entfesselt habe. Das Schreiben dürfte als neues Material zur Unterstützung des litauischen Standpunktes für die bevorstehenden Verhandlungen des Völkerbundrates über den polnisch-litauischen Streitfall aufzufassen sein. Polen beabsichtigt, in Wilna eine neue litauische Nebenregierung zu bilden. Die Aufstellung dieser Regierung soll in wenigen Tagen voll
endet sein. Sie würde unter dem Schutz Polens stehen. Polen hoffe, daß die Regierung Wöldemaras in Kowno zur selben Zeit zusammenbrechen würde, zu der die von Polen begünstigte neue litauische Regierung sich in Wilna konstituieren würde. Die englischen Gesandten in Kowno und Warschau haben diplomatische Vorstellungen bei den dortigen Regierungen erhoben.
Die lebhaftesten Unterstützer der polnischen Pläne sollen die vor dem Regime Wöldemaras aus Litauen geslüchteten und gegen seine Machtstellung ankämpfenden Flüchtlinge in Wilna sein. Sie gehören hauptsächlich den Linksparteien an. Mit diesen soll auch Marschall Pil- sudski bei seinem kürzlichen Besuch in Wilna bestimmte Abmachungen zur Förderung einer Umsturzbewegung getrosten haben. Polen wolle dann bewaffnet eingreifen.
Bluigeruch.
Der Berliner gebraucht gern eine recht drastische Redensart: „Da sitzt du nun da mit deinen Talenten!" Diese Redensart paßt augenblicklich ganz ausgezeichnet auf — den Völkerbund. Wenn es nämlich jetzt zwischen Polen und Litauen nach Blut riecht, so ist der Völkerbund ebensowenig schuldlos daran wie an der Hilflosigkeit, mit der er jetzt der Entwicklung dieses Streites gegenübersteht.
Wie sehr sich augenblicklich die Dinge dort zugespitzt haben, mit welcher Schärfe man einander gegenübersteht, wird wohl am besten durch die Tastache beleuchtet, daß der General Zeligowski, der nicht mehr der polnischen Armee angehört, zum Woiwoden von Wilna ernannt werden soll. Dieser General war es ja, der durch einen überraschenden militärischen Einfall Wilna der neuen Republik Litauen entrissen hat, und der Völkerbund wieder war es, der diesem Raub zustimmte und Wilna den Polen zusprach. Seitdem hat formell der Kriegszustand zwischen Polen und Litauen überhaupt nicht aufgehört. Auf der einen Seite hat man vor kurzem in Kowno, der Hauptstadt Litauens, wieder einmal feierlichen Protest erhoben gegen die Vergewaltigung durch Polen, auf der anderen Seite griff die Warschauer Regierung zu schroffsten Maßnahmen gegen die Litauer im Wilnagebiet —, kurz, die Gewehre sind aufeinander gerichtet und die Hand ist am Abzug.
Die Diplomaten „arbeiten" —, wobei es sich allerdings fragt, ob nicht diefe Arbeit von dem üblichen Mißerfolg begleitet ist. Dr. Stresemann, der deutsche Außenminister, hat Gelegenheit genommen, in Berlin mit dem russischen Delegierten für die Genfer Abrüstungskonferenz eingehend Rücksprache zu nehmen. Die russische Note an Polen andererseits zeigt trotz ihrer angeblichen Zurückhaltung doch vor allem, daß Rußland aufs stärkste an der Entwicklung der Dinge an seiner Westgrenze interessiert ist. Auch hier also, zwischen Polen und seinem östlichen Nachbarn, werden schon die Gewehre hoch g e n o m - m e n. Man kann es den Russen aber auch nicht verdenken, daß sie sich dagegen wehren, wenn Polen in irgendeiner
Form das kleine Litauen überrennt. Deutschland natürlich kann ebensowenig einem solchen Beginnen uninteressiert zusehen, vielleicht sogar noch weniger als Rußland. Denn im Falle des Gelingens der polnischen Pläne — wobei es gleichgültig ist, ob Litauens Selbständigkeit Formell bestehenbleibt — würde Ostpreuße n zu einer rings von polnischem Gebiet umschlossenen Insel werden. Wir wissen ja, haben es aus vielfachen Äußerungen maßgebender polnischer Staatsmänner entnehmen müssen, daß Polen über Litauen zurOstseevordringen will und daß dies aber nur den ersten Schritt bedeutet, um über das deutsche, dann so ganz isolierte Ostpreußen herzufallen.
Wenn der Völkerbund oder die dort maßgebenden Großmächte dagegen nicht einschreiten, so sieht es schlecht aus mit Litauen. Innere Zwistigkeiten, die rücksichtslos diktatorische Politik des Präsidenten Wöldemaras hatten verursacht, daß er den Polen gegenüber jetzt fast hilflos dasteht. Und Polen ist nicht bloß Freund Frankreichs, es ist auch der englische Vorposten an der Weichsel gegenüber dem bolschewistischen Rußland. Wir Deutschen können am wenigsten etwas machen, uns kann es schließlich auch recht gleichgültig sein, w e r die Unterdrückungspolitik gegen die deutschen Memelländer betreibt; in diesen traurigen Ruhm teilen sich Polen und Litauen brüderlich. Abgesehen davon aber würde natürlich die Überrennung Litauens durch Polen für Deutschland einfach untragbar sein. Das würde freilich für den Völkerbund noch längst nicht Veranlassung genug sein, sich den polnischen Plänen irgendwie tatkräftig entgegen- zuwerfen.
Nun wird ja freilich eine „Aktion" des Völkerbundes beabsichtigt, um so mehr, als S o w j e t r u ß l a u d und Litauen ein Schutz- und T rutz b ünd n i s miteinander abgeschlossen haben, das die Mos- kauer $eaiermtg ^un^^ zw^Den muß;• wenn J ^3TeH~""gtTrrd'fiiuin gegen . .muen miaeyr. Souper -.«u- griff wäre übrigens noch eA besonderer Witz, weil PoLen wie Litauen dem Völkerbund angehören. der ja immer und immer wieder das Recht und dün Verhandlung an die Stelle der Gewalt zu setzen gepredigt hat. Aber es sind bisher nur Worte von Deutschland und von Rußland aus an die beiden Staaten gerichtet worden, die aufeinander loszugehen scheinen. Eine ganz andere Sache ist es aber, ob diese beiden auf die Worte hören werden oder vielmehr, ob Polen den Mahnungen Gehör schenken wird. Allzu verlockend für dieses Land ist doch die Gelegenheit, alte Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen, und dort im Osten hat man sich ja nie gescheut, zur Gewalt zu greifen, — siehe übrigens auch den Angriff Litauens auf das Memelland unter Zustimmung der damaligen französischen Besatzung und der nachträglichen Sanktion durch den Völkerbund! —, wenn es sich lohnen sollte. Und nach Genf macht man dann nur eine lässige Be- weauna.
Die (Stdiimg €w«HanM
In W a rscha n hat die. Zusammenkunft zwischen Dr. Stresemann und dem russischen Völkerbuno- delegierten L i t w i n o w Unruhe hervorgerufen. Die Zeitungen behaupten, es hätten Abmachungen zwischen beiden zu dem Konflikt mit Litauen stattgefunden. Auch ein Berliner Blatt glaubte andeuten zu müssen, Deutschland werde Vermittlung des Völkerbundes in dem Streit beantragen, der Ministerrat habe sich mit der Sache schon befaßt.
Von zuständiger Seite erfährt man zu diesen Gerüchten, daß sich die letzte Kabinettssitzung lediglich mit innenpolitischen Fragen befaßt hat und daß der Reichs- anßenminister Dr. Stresemann an der Sitzung überhaupt nicht teilnahm. Auch ein direktes deutsches Vorgehen zur Lösung des litauisch-polnischen Konfliktes ist weder erfolgt noch beabsichtigt.
Selbstverständlich hat Deutschland als unmittelbarer Nachbar von Litauen und von Polen ein ernstes Interesse daran, daß sich der litauisch-polnische Fall nicht noch weiter zuspitzt und schließlich zu kriegerischen Verwicklungen zwischen beiden Staaten sührt. Von der russischen Note an Polen hat der Reichsaußenminister in der Besprechung mit Litwinow Kenntnis genommen. Die amtliche Mitteilung über die Besprechung zwischen Stresemann und Litwinow dürfte dahin zu verstehen sein, daß Deutschland Wohl ein lebhaftes Interesse an den in der russischen Note bezeichneten Gesichtspunkten hat, aber nicht beabsichtigt, aus Anlaß der in der russischen Note angeführten Gerüchte über ein Vorgehen Polens gegen Litauen Maßnahmen zu ergreifen.
Umsturz in Lttauen?
Die Regierung Wöldemaras gestürzt.
Nach in Riga eingelaufenen noch nicht bestätigten Meldungen soll in Kowno die Regierung Wöldemaras durch einen Militäraufstand gestürzt worden sein. Die militärischen Kräfte in der Provinz hatten vorher dem litauischen Ministerpräsidenten Wöldemaras ein Ultimatum überreichen lassen, in welchem sein Rücktritt und die Schaffung einer großen Koalition gefordert wurde. Außerdem wurde der Rücktritt des Ministerpräsidenten verlangt.
Wöldemaras soll sich besonders gegen die letzte Bedingung gewehrt haben.
Ferner wird gemeldet, daß den litauischen Emigranten in Wilna, an deren Spitze Pletschkaitis steht, zwei Divisionen zur Verfügung stehen, um unter Umständen in Lttauen einzurüüen.
Wie aus Moskau berichtet wird, hat die Sowjetregierung noch vor der Überreichung ihrer Mahnnote in Warschau auch bei der Regierung Litauens Vorstellungen erhoben, bei denen sie die Notwendigkeit betonte, alle Schritte zu vermeiden, die eine Verschärfung des den Frieden Osteuropas bedrohenden polnisch-litauischen Konflikts herbeiführen könnten.
In politischen Kreisen Londons hofft man, daß die polnische wie die litauische Regierung mit größter Zurück- . Haltung verfahren und daß sie sich aller provokatorischen Handlungen enthalten werden angesichts der Tatsache, daß der Streit in der kommenden Woche vor den Völkerbundrat gebracht wird. Die Lage wird in London nicht für drohend gehalten, indessen ist man sich bewußt, daß sie es werden könnte.
Die Aufgaben der Landwirischast.
Eine Rede des Reichsernährungsmini st ers.
Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Schiele sprach vor dem landwirtschaftlichen Ausschuß im Rahmen des Kieler Parteitages der Deutschnationalen Volkspartei und führte dabei u. a folgendes aus:
Die Nöte und Aufgaben der Landwirtschaft sind nicht Sorgen eines einzelnen Berufsstandes, sondern des ganzen Volkes. Sie gehören zu den drängendsten Sorgen unserer Nationalwirtschaft. Sind doch in der Landwirtschaft 30,5 % der erwerbstätigen Bevölkerung Deutschlands beschäftigt gegen 41,4 % in der Industrie. Unverhältnismäßig größer noch stellt sich der Wertanteil der Landwirtschaft an der deutschen Gesamtproduktion; er hält dem Werte der Industrieproduktion die Wage. Auf dieser gewaltigen Agrarproduktion im eigenen Machtbereich beruhen über vier Fünftel der deutschen industriellen Produktion Deshalb hat die deutsche Landwiri- kb-m v^^r>-s^i--f«L ihre Note u» ÄufEttfEtttt des ganzen Volkes zu fordern. Es geht
um die Basis der deutschen Volkswirtschaft.
Es ist erfreulich, daß man den Existenzkampf der Landwirtschaft immer mehr als ein Ringen für unser Vaterland und unsere Freiheit würdigt. Nichts läßt deutlicher den Ernst der Lage erkennen als die auf rein wissenschaftlicher Basis entstandenen Ergebnisse des Enqueteausschuffes. Danach waren von mehr als 2700 untersuchten deutschen Betrieben aller Art in den Jahren 1924/25 und 1925/26 46 Prozent Verlustbetriebe, in Ostelbien sogar 52 Prozent, in Ostpreußen über 75 Prozent und, wenn man nur die Betriebe mit geringen Böden betrachtet, über 80 Prozent. Infolge dieser Entwicklung erreicht
die Verschuldung der Landwirtschaft
mit der erschreckenden Summe von 12,5 Milliarden Mark mehr als vier Fünftel der Vorkriegsverschuldung. Ihr besonders ernstes Gesicht erhält sie durch die Kurzfristigkeit der personellen Schulden und die ungeheure Zinsenlast, die mit etwa 850 Millionen Mark jährlich annähernd 40 Mark je Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche ergibt und außer jedem Verhältnis zu den heute möglichen Betriebsergebnissen steht, also zwangsläufig zu immer weiterer Verschuldung führt. Dadurch ergibt sich als drängendste Aufgabe die Ordnung dieser Verschuldung, die in den verflossenen Notjahren angewachsen ist. Es gilt, die schwebende Schuld zu konsolidieren, und zwar zu tragbaren Zinssätzen, die in angemessenem Verhältnis zu dem erreichbaren Matz der landwirtschaftlichen Rentabilität stehen. Die zweite große Aufgabe ist
eine gesunde Handelspolitik,
die die Disparität des Zollniveaus für landwirtschaftliche Produkte und für Jndustriewaren beseitigt. Solange fast überall in der Welt die Erhöhung der Zollmauern fort- schreitet, können wir als schwerbelasteter Schuldnerstaat nicht andere Wege einschlagen. Zölle sind dazu da, der Produktionskraft unserer Nation die notwendige Sicherheit zu geben. Unsere Handelspolitik kann nur durch unsere eigenen Interessen bestimmt werden. Neben der Ordnung der Kreditver- hältnifle und einer gesunden Handelspolitik besteht die dritte große Aufgabe in der
energischen Selbsthilfe der Landwirtschaft;
ste muß durch Vertiefung der Ackerkrume und gesteigerte Wirt- schaftsenergie aus dem deutschen Boden das letzte herausholen, was herauszuholen ist. Die bevorstehende Zinsvcr- billigung für etwa 200 Millionen Mark Meliorationskapitalien gestattet die beschleunigte Durchführung umfangreicher landes- kultureller Vorhaben. Dem Molkereiwesen werden zur Verbesserung der Organisation und der Technik in ähnlicher Weise verbilligte Kredite zugeführt werden. Auch auf allen anderen Gebieten gilt es, den Forderungen einer modernen Betriebsführung, der Rationalisierung und Standardisierung das größte Augenmerk zuzuwenden. Durch solche Maßnahme« kraftvoller Selbsthilfe erwirbt die Landwirtschaft den moralischen Anspruch auf Hilfe durch die Gesamtheit dort, wo ihre eigene Kraft versagt. Den
Kamps gegen das Eigentum
hat auch das sozialdemokratische Agrarprogramm, das hier in diesem Jahre beschlossen ist, wenn auch in verschleierter Form, auf seine Fahne geschrieben. Wenn in diesem Programm den ländlichen Massen, die es ködern soll, die Erhaltung des bäuerlichen Eigentums zugesichert wird, gleichzeitig aber eine vollständige Zwangswirtschaft durch die Organe der Gesellschaft, d. h. durch die politische Macht der Konsumenten, gefordert wird, so bleibt vom Eigentum nichts übrig als ein leeres Schema. Dieses Schema wird keinen Bauern locken. Eine Landwirtschaft, die nicht auf freiem Eigentum und freier Nutzung dieses Eigentums beruht, muß verkümmern. Im Eigentum liegen die Wurzeln aller Bodenständigkeit, allen Familiensinns, aller Staatstreue. Der Erhaltung dieser höchsten sittlichen Werte gilt alles Ringen der deutschen Landwirtschaft. _____