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ßersfelöer Tageblatt

Hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Mnzeiger Dr den Kreis hersfelS mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Serv und Scholle / Anterbaltong und Wissen

Monatlicher Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.20 : Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld : 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für hbholer : 0.80 Reichs-Mark druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VVZV.

Anzeigenpreis: Sie einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, die Reklamezeile 50 Pfennig. (Grunöschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preis­nachlaß gewährt. §ür die Schristleitung verant­wortlich: Zranz §unk in Hersfeld. Zernsprecher Nr. 8

___________________ Belehrung und Kurrweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 277 (Erstes Blatt) Sonnabend, den 26. November 1927 77. Jahrgang

In Teufels Köche.

Der entfernte Geliebte. Verdrießliche Tage in Genf. Großwahljahr 1928.

Es fängt nachgerade an. wieder recht ungemütlich in Europa zu werden. Noch ist nicht der zehnte Jahrestag der Waffenniederlegung nach dem großen Weltbrand vor­bei und schon vergeht kaum ein Tag, an dem nicht von der Möglichkeit, der Wahrscheinlichkeit, ja der Unausbleiblich- keit eines neuen allumfassenden Völkerkrieges gesprochen und geschrieben wird.

Der alte L l o y d George, der angesichts des her­annahenden Wahlkampfes in England wieder ganz munter und lebendig geworden ist, findet, daß unter den in unentwegter Aufrüstung befindlichen europäischen Völ­kern Unglück gebraut werde wie in des Teufels Küche. Herr Briand wußte den Waffenstillstandstag nicht sinniger zu verherrlichen als durch den Abschluß eines sogenannten Freundschafts- und Schiedsvertrages. Sein Gegenpartner war diesmal das südslawische Königreich, dem es all­mählich etwas unheimlich geworden war im Anblick ge­wisser Machtgruppierungen in seiner näheren und weiteren Nachbarschaft und dessen Sehnsucht nach einem noch so entfernten Geliebten unter diesen Umständen verhältnis­mäßig leicht zu befriedigen war.

Aber die Tinte unter dieses vorletzte Verbrüderungs­dokument war noch nicht trocken geworden, als Herr Mussolini plötzlich den biederen albanischen Bruder mit echt italienischer Überschwenglichkeit in seine Arme zog, um sich mit ihmauf Tod und Leben" zu verbünden. Etwa gegen Kriegsgefahr, gegen Feinde ringsum? Gott bewahre, nur zur Erhöhung des allgemeinen Sicherheits- gefühls in Europa selbstverständlich, das sich doch gewiß aller Sorgen wird entschlagen können, wenn selbst ein so schwaches Staatswesen wie dieses immer noch nicht recht ausgetragene Albanien der Anlehnung an eine leibhaftige Großmacht gewürdigt wird. So sollen vielleicht die argwöhnischen Leute in Paris und anderwärts die neue Lage auffassen; ob sie aber Herrn Mussolini diesen Ge­fallen tun werden, steht auf einem andern Blatt. Die Sieger von 1918 haben, so scheint es, seit Versailles das Mißtrauen in die wahre Gesinnung Mer edlen Waffeu- brüder von damals zum höchsten Regierungsgrundsatz er­hoben.

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Wenn ihre Abgesandten um die nächste Wonatswende herum wieder in Genf zu neuem löblichen Tun zusamMen- strömen, werden sie sich auch dort wohl kaum anders als in Teufels Küche fühlen. Weniger um deswillen, weil nach England und Frankreich nun auch Belgien zu einer Auswechslung seines Völkerbunddelegierten schreiten muß, nachdem die alte Koalitionsregierung in Brüssel einem sozialistenreinen Kabinett Platz machen mußte. Aber sie werden plötzlich eine russische Delegation zur Stelle finden, deren Mitglieder mit dem gewinnenden Lächeln, das die Herren aus Moskau immer zu zeigen ver­stehen, wo es ihnen nützlich und angebracht erscheint, sich an dem Beratungstisch der Vorläufigen oder Vorbereiten­den Abrüstungskonferenz niederlassen werden. Ihre ge­heimen und geheimsten Absichten lassen sich natürlich vor­erst höchstens erraten. Nur soviel weiß man schon von Litwinow und seinen Genossen, daß mit ihnen alles andere eher als gut Kirschenessen ist. Möglich, daß sie sich nur auf die Rolle beschränken werden, Unfrieden zwischen den Westmächten zu säen, oder vielmehr, da in diesem Kränz- lein zwischen London und Paris, zwischen Brüssel und Rom ohnehin kein Mangel ist, mit der Harmlosigkeit, die ihnen so gut zu Gesichte steht, sein Wachstum nach Herzens­lust zu beschleunigen. Wahrscheinlich aber -auch, daß sie die berühmte Welttribüne des Genfer Friedenspalastes zu erneuter Propaganda für ihre weltrevolutionären Be­dürfnisse ausnutzen werden, um sich nach den heftigen Parteikämpfen in ihrer russischen Heimat wieder einmal nach außen hin als erfolgreiche Vorkämpfer gegen Kapita­lismus und Imperialismus hervorzutun. Herrn Cham- berlam, der ja nur schweren Herzens in den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Sowjetstaat gewilligt hat, erwarten einige verdrießliche Tage in der Schweiz. Und wenn die neue Abrüstungskonserenz auch diesmal ebenso auf der Stelle treten wird, wie ihre Vor­gängerinnen es getan haben, so werden sich für den nächsten Frühling recht unerfreuliche Aussichten eröffnen. Oder sollte gar die Überzeugung unserer Väter, daß man sich im Winter um den Frieden auf dem Balkan nicht zu sorgen brauche, für das neue Europa auch bereits zu den überwundenen Dingen zählen?

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Man denke nur, was aus dem großen Wahljahr 1928 werden müßte, wenn das Pulverfaß an der unteren Donau wirklich erst nach dem Verbrausen der Winterstürme explodieren wollte. In Deutschland soll der Reichstag, in England das Unterhaus, in Frankreich die Kammer er­neuert werden. Das wird einen erheblichen Lärm geben; gibt es jetzt sogar schon mehr, als es ruheliebenden Leuten angenehm ist. Sollten die Balkanvölker roh genug sein, in dieses europäische Konzert auch noch ihr Kriegs- und Rachegeschrei einfallen zu lassen? Nun, Deutschland kann diesen kommenden Entscheidungen noch verhältnismäßig am gelassensten entgegenharren, denn der Lebensfaden des Reichstages reicht noch bis zum Dezember nächsten Jahres, was von dem englischen und dem französischen Parlament nicht gesagt werden kann. Wir haben es also in unserer Hand, die wilden Geister in Belgrad und Bukarest, in Athen und Sofia sich austoben zu lassen, wenn es ihnen so beliebt. Wir können, diesmal wenigstens, warten.

____________ Dr. Sy.

Unsichere europäische Lage

SpünmWpMe am Valkan und in Litauen.

Italien und Polen drängen vor.

Der plötzliche Tod des mächtigsten Mannes in R u - mänien, J. I. C. Bratianus, hatte schon die politische Welt in Erregung versetzt, zumal bei der umstrittenen Frage der Thronfolge die an den Tod Bratianus sich unter Umständen anknüpfenden Folgerungen nicht zu übersehen sind. Aber auch andere Momente im augen­blicklichen Widerspiel der diplomatischen Unternehmungen verschiedener Länder sind kaum geeignet, die öffentliche Aufmerksamkeit von der vermehrten Spannung abzu- lenken, die sich namentlich an zwei Punkten zeigt erstens am Balkan, auf den zweifellos seit längerer Zeit Italien seine Blicke wirft, zweitens aber in Litauen, das gegenwärtig von Polen in einer Weise beobachtet wird, die geeignet ist, Verdacht zu erwecken.

Das ilallenW-aibaiMe Bündnis.

Angeblich ein Abwehrbündnis.

Der in Tirana vorn albanischen Außenminister Jlias Bei Vrioni und dem italienischen Gesandten hi Tirana, Ugo Sola, unterzeichnete Vertrag über das Defensiv- bündnis zwischen Italien und Albanien hat sieben Ar­tikel und ein Vorwort. Darir r .d erklärt, daß Italien und Albanien in dem Wunsche, die zwischen beiden Staaten bestehenden Bande, der Solidarität zu bekräftigen und zu entwickeln und jede Anstrengung zu machen zur Beseitigung etwaiger Gründe, die den zwischen ihnen und mit den anderen Staaten bestehenden Frieden stören könnten, übereingekommen sind, durch den Vertrag ein AbwehrbündniS abzuschUehe", dessen einziger Zweck in der Sicherung einer Politik der friedlichen Entwicklung bestehe. In nüchterne Sprache übersetzt, heißt das nichts anderes, als daß Italien sich die militärische Ergebenheit Albaniens sichert und seinen Beistand bei Durchführung etwaiger Pläne gegen die übrigen Balkanländer.

Der Vertrag selbst bestimmt gegenseitige Unterstützung, Beachtung und gemeinsame Wahrnehmung der Interessen, unwandelbares Verteidigungsbündnis für vorläufig 20 Jahre, Beistand im Angriffsfalle zum Widerstand und zur Genugtuung, Verschmelzung des Schicksals beider Länder auf Gedeih und Verderb. Einige Phrasen über Liebe und Sorge zum Frieden können den Ernst der Abmachungen nicht verdecken.

peinliche Ueberraschung in Krankreich.

In Paris ist der Abschluß dieses Vertrages fast der einzige Gegenstand der Blätterbesprechungen. Er wird allgemein als Antwort auf den kürzlich entstandenen' jugo­slawischen Vertrag aufgefaßt.Echo de Paris" schreibt: Der Vertrag von Tirana ist ein Gefahrzeichen aus zwei Gründen. Er zeigt, daß die italienische Regierung eine Revanche sucht. Der Vertrag erschwert jeden italienisch­jugoslawischen Ausgleich, ja schließt ihn vielleicht sogar ganz aus. Wenn jetzt die Belgrader Regierung den

Die geschädigten Ausländsdeutschen.

Neuer Plan der Reichsregierung.

In den Kreisen der durch den Krieg geschädigten Aus­ländsdeutschen, die zum Teil unter Verlust ihres ganzen Besitztums aus ihren früheren Wohnsitzen vertrieben wurden, herrschte schon lebhafte Unruhe wegen der Festsetzungen des sogenannten Liqilidations- gesetzes, die sie für nicht genügend erklärten. Diese Un­ruhe ist noch vermehrt worden, nachdem der ursprüngliche Plan, Reichsbahnvorzugsaktien für diesen Zweck im Auslande zu verkaufen, an den Bedenken des Repara­tionsagenten gescheitert ist. Die Mittel für die Durch­führung des Entschädigungsgesetzes, das dem Reichsrat vorliegt, sollen nach dem neuen Plan zwar wieder auf dem Wege über die Eisenbahnvorzugsaktien beschafft werden, aber nicht durch den Verkauf, sondern ledig­lich aus dennormalenZinserträgen dieser Ver­mögenswerte.

Etwa 50 Millionen Mark Zinserträge kommen aus den im Besitz des Reiches befindlichen 770 Millionen Mark derartiger Vorzugsaktien. Nach dem Entwurf des Entschädigungsgesetzes soll etwa eine Milliarde Mark für die Geschädigten, aufgewendet und in längstens zehn Jahren verteilt sein. Die kleinen Beträge sollen alsbald ausgezahlt werden. Deshalb würden die 50 Millionen nicht ausreichen und es wird erwogen, für diesen Zweck im ersten Jahre noch etwas über 100 Millionen Mark Ver­stärkung aus dem ordentlichen Reichsetat zu nehmen.

Kritische Lage in Rumänien.

Die Beisetzung Bratianus.

Der Sarg mit der sterblichen Hülle Bratianus wird bis Sonntag im großen Saal des Athenäums aufgestellt bleiben. Sonntag wird die Bestattung im Familien­grabgewölbe des Gutes Florica stattfinden. Ganz Buka­rest hgt Flaggen mit Trauerflor gehißt. Alle Schau­stellungen wurden abgesagt. Kammer und Senat hielten

Völkerbundrat mit den beiden Verträgen befassen und ihren Inhalt als Übernahme des Protektorats Italiens über Albanien hinstellen sollte, so steht man vor einer ge­wissen internationalen Krisis. Der französische Minister­rat soll bereits längere Besprechungen angesichts der neuen Lage abgehalten haben.

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polnische Gelüste auf Litauen

Eine Note Rußlands.

Als vor einigen Tagen Marschall Pilsudski Hals über Kopf aus Warschau nach W i l n a, der den Litauern bekanntlich von Polen entrissenen Stadt, abreiste, sann man in Litauen nicht ganz ohne Betroffenheit über den Zweck dieser Reise nach, zumal gleichzeitig der polnische Gesandte in Moskau in Wilna erschien.

Ein polnischer Handstreich geplant?

Offen wird in Litauen behauptet, die Reise des mittlerweile nach Warschau zurückgekehrten Marschalls Pil- sudski habe der Vorbereitung eines Handstreichs gegen die litauische Unabhängigkeit gegolten. Auch in Lettland beurteilt man die Lage in Litauen mit großen Bedenken, da auch eine Anzahl litauischer Bewohner selbst die polnischen Bestrebungen begünstigen. Aus Wilna kommt die Nachricht, daß die litauischen Emigranten, die dort mit Pleschkaitis an der Spitze mit polnischer Hilfe den Vormarsch nach Kowno vorbereiteten, ihre sämtlichen Kräfte mobilisieren. Die litauischen Emigranten aus Riga wurden telegraphisch nach Wilna berufen.

Der alte Streit um Wilna, entstanden durch den Hand­streich des polnischen Generals Zeligowski im Jahre 1920 auf die Stadt, der von Litauen niemals anerkannt wurde und dessentwegen sich beide Länder heute noch offiziell im Kriegszustand befinden, hat immer wieder $tt Reibereien geführt. Litauen hat er;. ,<n Oktober dieses Jahres eine Beschwerde gegen Polen an den Völkerbund gesandt. Die nächste Ratssitzung soll darüber befinden.

Rußland greift ein.

Die Sowjetrepublik ist keineswegs geneigt, etwaigen Ausbrüchen der Machtgelüste Polens in Ruhe zuzusehen, und hat bereits Stellung genommen.

Der Gesandte der Sowjetregierung in Warschau hat der polnischen Regierung eine Note über den polnisch­litauischen Streitfall überreicht. DemGlos Prawdq" zufolge ist die Note im gleichen Sinn gehalten wie die letzthin in derJswestija" erschienenen Ausführungen über die gleiche Frage. Die Note hebt nach dem Blatt insbesondere die ernste Gefahr hervor, die dem Frieden drohen würde, wenn Litauen seine Unabhängigkeit ver­lieren sollte.Gazeta Warszawska" erfährt, daß auch in Kowno eine Note der Sowjetregierung über den polnisch- litauischen Konflikt überreicht wurde.

Nahezu alle Blätter in Warschau verzeichnen das Gerücht, daß außer dem Minister des Äußern Zaleski, der am 2. Dezember nach Genf reist, auch möglicherweise Marschall Pilsudski selbst in Genf erscheinen werde, um den polnischen Standpunkt in der litauischen Frage per­sönlich zu verteidigen.

Trauersitzungen ab, in denen die Verdienste Bratianus um Rumänien gefeiert wurden.

Nach Budapester Meldungen soll Kronprinz Carol -m Flugzeug auf dem Wege nach Bukarest sein. Die Lage in Bukarest ist sehr kritisch. Der Belagerungszustand wurde verschärft.

In der Budapester Nationalversammlung erregte es großes Aufsehen, als der Vizepräsident des Abgeordneten­hauses, Karl Husar, die Behauptung aufstellte, daß KönigKarlvonRumänienim Oktober 1914 nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern von der Kriegspartei vergiftet worden sei. Man habe den Koch bestochen, der dem Kaffee des Königs Gift beigemengt habe. Die Königinwitwe, Carmen Sylva, habe bald dar­auf in einem Schreiben an Kaiser Franz Joseph die Details dieses Königsmordes mitgeteilt.

Reichsfinanzminister a. D. Hermes.

Die Wirtschaftsbeziehungen zu Polen.

Der bekannte Zentrumsangehörige und frühere Reichsfinanzminister Dr. Hermes ist zum Führer der deutschen Kommission ernannt worden, die in Warschau nach dem vorläufigen Abkommen die Verhandlungen mit Polen bis zur endgültigen Regelung der deutsch-polnischen Handelsbeziehungen weitertreiben soll. Auf beiden Seiten soll die Hoffnung auf eine Einigung gesteigert sein.

Regelung der Fischereiverhältnisse.

Unabhängig von diesen Wirtschaftsverhandlungen haben in B e r l i n in den letzten Tagen zwischen deutschen und polnischen Regierungsvertretern Beratungen über die Regelung der Fischereiverhältnisse in den Grenzwasserläufen und Grenzgewässern stattgefunden. Die Verhandlungen sind auf kurze Zeit unterbrochen worden, um den beiden Regierungen Gelegenheit zu geben, zu den Vorbehalten Stellung zu nehmen, die von beiden Delegationen zu dem gemeinsam aufgestellten Vertrags- entwurf gemacht worden sind.