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hersfelöer Kreisblatt
/Amtlicher Anzeiger Dr den Kreis Hersfelö
mit den Beilagen: Selmatscholleo / Illustriertes Anterhaltungsblall / Nach Feierabend / Serd und Scholle / Anterbaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen. y "
Nr. 274
Mittwoch, den 23. November 1927
77. Jahrgang
Schlechte Witze.
Die ganze Abrüstungsfrage ist ein Witz, aber ein schlechter. Lord Cecil, der englische Vertreter beim Völkerbund, hat unter lautem Protest sein Amt niedergelegt und vor einigen Tagen im englischen Parlament mit einer Deutlichkeit gesprochen, die den für die Nichtabrüstung Verantwortlichen recht unangenehm gewesen ist. So unangenehm, daß man es für zweckmäßig hielt, die Kunde in die Welt zu fetzen, daß England — einen Kreuzer von der Bauliste gestrichen habe. Die Welt wird diese Nachricht mit ziemlicher Fassung entgegengenommen haben. Zweifellos hat sie darob sogar gelächelt wie über einen schlechten Witz; denn gleichzeitig erfuhr man von den außerordentlich weitgehenden Anstrengungen Nordamerikas, feine Seemacht so auszugestalten, daß sie sogar die englische übertreffen soll. Und das heißt in einer Zeit, da sich die Erfindungen technischer Art, die für die militärische Rüstung verwertbar sind, ja geradezu überstürzen, doch wohl eine ganze Menge. Wir Deutsche jedenfalls sind ja durch das Diktat der Versailler Mächte genötigt, diesen Anstrengungen tatenlos zuzuschauen, obwohl wir wissen, daß ein großer Teil der Riesensummen, die wir als sogenannte Kriegsentschädigung, als „Wiederherstellung der von uns verursachten Kriegsschäden" zu bezahlen haben, für diese Kriegszwecke verwendet wird.
Ein Witz ist diese Abrüstungsfrage, aber ein schlechter, — und er wird nicht besser dadurch, daß nun auch Sow - j e t r u ß l a n d an den Beratungen der wieder einmal zusammentretenden Abrüstungskommission in Genf teil- nehmen wird. Der Beginn dieser Verhandlungen ist für die nächste Woche angesetzt worden und Rußland wird Litwinow dorthin schicken, um daran teilzunehmen. Rußland steht ja außerhalb des Völkerbundes, sogar sehr außerhalb, weil es glaubt, daß sich die ganze Tendenz dieses Bundes gegen Rußland richtet. Die Russen haben ja die Folgerungen aus den politischen Verhältnissen der Spät- und Nachkrieasiabre gezogen, MrZickl-ü-lM
A r-mee g e sch a f fen, derenGefechtsivert doch nicht mehr so gering ist wie damals, als sich die frisch geborene Sowjetregierung gegen manche Angriffe zu verteidigen hatte. Man weiß, daß erst im allerletzten Augenblick und nur durch französische Hilfe 1920 Polen vor einer Niederlage schwerster und für die gesamte Entwicklung des bolschewistischen Gedankens bedeutsamster Art gerettet werden konnte. Trotzki hat dafür gesorgt, daß es heute vielleicht noch aussichtsloser ist, Rußland zu attackieren als damals.
Litwinow hat, ehe er nach Genf fährt, auch noch ausdrücklich erklärt, daß durch seine Teilnahme an den Beratungen einer Völkerbundkommission nicht das geringste an der Stellung Rußlands zum Völkerbünde geändert wird. Immerhin scheint aus seinen Ausführungen her- vorzugehen, daß Rußland gegeüdie Verschleppungsversuche in der Abrüstungsfrage sehr energisch protestieren will. Und — das ist ein weiterer Witz — damit wird der russische Vertreter in der Abrüstungskommission zu einem Verbündeten der deutschen Delegation. Man denkt unwillkürlich an das Frühjahr 1918, als die Vertreter der bolschewistischen Sowjetregierung mit den Deutschen in Brest-Lttowsk verhandelt und den deutschen Militärs gegenüber allein mrt der Idee der Weltrevolutionierung gefochten haben, allerdings vergeblich. Jetzt will Litwinow allen Nachbarn des russischen Staates einen Nichtangriffspakt Vorschlägen. Dabei kann Rußland auf alle Fälle nur gewinnen, — wenigstens für den Augenblick. Verträge sind nämlich ganz schöne Dinge, solange man sie hält, und kem Mensch zweifelt daran, daß das Rußland von heute sich den Teufel um alle Pakte und Vereinbarungen kümmern wird, wenn es den Augenblick für günstig und gekommen hält, mit Waffengewalt seine Ansprüche auf jene Gebiete geltend zu machen, die man ihm entrissen hat. Allerdings wird, wie die Dinge nun einmal liegen, die russische Beteiligung an der Abrüstungs- k o n f e r e n z in Genf die Arbeiten dieser Kommission vermutlich noch ergebnisloser machen, als sie es an und für sich schon sind. Wirtschaftlich stehen die Völker Europas einander gegenüber bis an die Zahne gerüstet und es sit nur eine natürliche Folge davon, daß ste das auch mMta- risch tun und daß dies fürs erste so bleiben wird.
Die deuische Delegation für Genf.
Die deutsche Delegation für die neue Genfer Abrüstungskonferenz wird wieder unter Führung des Grafen Bernstorff stehen. Weiter gehören ihr an: Geheimrat Weizsäcker als Vertreter des Auswärtigen Amtes, Oberst von Bötticher als Vertreter des Reichswehrmmlstermms und Admiral Freiherr von Freiberg als Vertreter der Reichsmarineleitung. Die deutsche Delegation für die anschließende Ratstagung wird wiederum aus Mmrstsr Stresemann, Dr. v. Schubert und Dr. Gaus bestehen.
des belgischen Kabinetts.
An der Rüstungsfrage gescheitert.
Seit längerer Zeit wurde in Belgien eine Verkürzung der militärischen Dienstzeit verlangt. Diese Forderung unterstützten namentlich die im Koalitionskabinett befindlichen sozialistischen Minister, während der Kriegsminister sich ihm widersetzte, ja im Gegenteil umfangreiche Neu- rüftünaen ant Landesverteidiauna für notwendig hielt.
Erdbeben, ‘Unwetter u. Stürme
Schneegestöber in Mitteldeutschland.
Zahlreiche Schiffskatastrophen.
In Ostdeutschland zeigt das Thermometer Tempera- turen von 10 Grad Kälte und darunter. Durch die Kälte rst auf dem Schiffahrtsweg der Unterelbe
das erste Treibeis entstandem Infolge der in ganz Mitteldeutschland herrschenden Sturme, die von st a r k e n S ch n e e f ä l l e n begleitet waren, ist es zu großen Verkehrsstörungen gekommen, die vor allem dadurch hervorgerufen wurden, daß die
Signale und Weichen eingefroren
^^??l. ^ daß in vielen Fällen die Züge vor den Einfahrtssignalen stehenbleiben mußten, bis die Strecken wieder befahrArr^emacht werden konnten. Im Riesengebirge liegt der Schnee 20 Zentimeter hoch. Die Temperaturen betrugen hier nur 4 bis 5 Grad unter Null. Am Rhein und in Süddeutschland herrscht dagegen noch Herbstwetter.
Zuweilen zeigte das Thermometer sogar auf 8 bis 9 Grad Die Wintersportplätze des Schwarzwalds kommen also vorläufig noch nicht auf ihre Kosten.
Verheerungen in anderen Ländern.
J£s* Moskau wird gemeldet, daß in L e n i n k a n sechs Erdstöße verzeichnet worden sind. Es ist dies das sechste- mal, daß Lemnkan von Erdbeben heimgesucht wird. Neun Häuser sind eingestürzt. Zwei Tote werden gemeldet. Auch in Aula bei Lucca (Italien) wurde ein Erdstoß
gekommen, an den sich die Überreichung des Rücktrittsgesuchs des gesamten Ministeriums schloß.
Der Kriegsminister hatte dem Ministerrat eine Denkschrift über die Lage der Armee vorgelegt, in der besonders die Einheiten, die Bewaffnung, das System der Befestigungen und die Herabsetzung der Dienstzeit behandelt wurden. Der Minister kam zu dem Schluß, daß es ihm unmöglich gewesen sei, gegenwärtig einen Gesetzentwurf zur Herabsetzung der Dienstzeit einzureichen, er schlug vielmehr Ausschußberatungen vor. Doch darüber konnten sich die Minister nicht einigen und es erfolgte der Rücktritts- beschluß.
Das Blatt „Etoile Belge" will wissen, daß Kriegsminister de Brocqueville sich dem Standpunkt des General- stabs angeschlossen hat, wonach gegenwärtig von einer Ver
kürzung der Militärdienstzeit überhaupt keine Rede sein könne. Ferner sei der Minister mit der zum Studium der großen Befestigungen eingesetzten Kommission einig, daß ein Teil der Befestigungen des rechten Maasufers Wieder- hergestellt und betonierte Unterstände für Maschinengewehre angelegt werden müßten.
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Jaspar wieder betraut.
Nach einem Brüsseler Telegramm hat der König Jaspar mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt. Jaspar hat sich seine endgültige Antwort Vorbehalten.
Deutscher Reichstag.
io. Berlin, 22. November.
Eine zahme Sache blieb die Wiedereröffnung des Reichstages nach vierwöchiger Arbeitspause, obwohl bei der sibirischen Kälte, die über uns hereingebrochen ist, hübsche Gelegenheit gewesen wäre, sich durch gewaltige Reden für längere Frist in innerliche Glut zu versetzen. Daraus wurde nichts, selbst dann nicht, als nach der fast ohne Äußerung vor sich gehenden Erledigung geringerer Angelegenheiten der Kommunist Hörn! e unter voller Ansnutzung der einstündigen Rede-
verspürt. Hier wurde jedoch nur leichter Sachschaden an- gerrchtet.
_ .Stürme und schlechtes Wetter herrschen in fast allen Zellen der spanischen Halbinsel, besonders im Süden. In Sevtlla ist infolge eines Sturmes ein Hausdach cin- gesturzt, wobei ein Mann, dessen Frau und dessen Sohn getötet wurden. Mehrere Häuser wurden beschädigt und Baume entwurzelt. Bei Malaga befinden sich zahl- ret$f Sch i ff e infolge der hochgehenden See in einer ien Lage. Infolge eines Sturmes strandete in m sve o0n ^ " di 3 der spanische Passagierdampfer „Antomo Lopez", der von Havanna und Rewyork heim- kehrte. Drei Schleppdampfer sind ihm zu Hilfe gesandt worden. Ein dänischer Dampfer von 2000 Tonnen strandete an der Mündung der Barbate. Von Bord eines Fischerbootes, das sich in einer schwierigen Lage befindet, wurde ein Seemann von einer Welle weggespült.
An der schottischen Küste ist der Motorfischer „Alaska" mit seiner neun Mann starken Besatzung untergegangen. An der Küste von Rorthumberland scheiterte der Dampfer „D;erissa"; 26 Mann der Besatzung wurden gerettet. Auch der Dampfer „Georgia" ist gesunken; ein Teil der Besatzung konnte gerettet werden.
SturmvelheeruttgLn in Dänemark.
Seit Sonntag rast über Dänemark und über die Nord- und Ostsee ein Orkan, der zu Wasser und zu Lande große Verheerungen anrichtet. Unmittelbar vor Kopenhagen scheiterte das dänische Segelschiff „Glimt" und sank. Die Besatzung konnte sich mit knapper Not retten. In den Hafenstädten Nordschleswigs hat der Sturm große Überschwemmungen verursacht.
^^,g?*°^I^^*^ n bei abkommen mit Frankreich ausholte und es für eine hinterlistige Ausgeburt der Bourgeoisie erklärte. Vorher hatte der Nationalsozialist Stöhr sich die Presscvorwürfe »erbeten, die vor den Ferien gegen ihn erhoben wurden, als er die dritte Lesung des Abkommens über die Regelung der Sozial- rentnervorlage im Saargebict verhinderte. Nur in Fürsorge für die wirklichem Interessen. der Sozialrentner habe er das getan, was auch an der Saar selbst durchaus anerkannt worden sei.
Vor der Tagesordnung verlangte ferner der Kommunist Rädel die Behandlung der Krisenfürsorge, ohne damit durch- zudringen. Und nach dem Abgeordneten H ö r n l e begann der Sozialdemokrat Wi.ssell, der frühere Minister, ebenfalls tief in die Materie des deutsch-französischen Handelsabkommens hinabzutauchen. Selbst das kurze Erscheinen des soeben aus Braunschweig zurückgckehrten Reichsaußenministers Dr. Strefemann und seine sichtlich zufriedene Miene vermochten die Stimmung im Saal nicht zu heben.
Lebhafter ging es tn den Fraktionszimmern zu, wohin sich die im Plenum unsichtbaren Abgeordneten aus fast allen Parteien in der Verborgenheit unterhielten. Das Beamten- besoldungsgesetz — was wird mit ihm und den Bedenken des Reparationsagenten? Das ist die dringende Frage. Diese Woche wird wohl bis zum Ende mit Erwägungen darüber ausgefüllt bleiben, in der nächsten Woche denkt man an diese die Allgemeinheit berührenden Probleme zu kommen. Das Reichsschulgesetz dürfte erst im Frühjahr der Entscheidung entgegenreifen. Also für ein paar Tage ist Ruhe sicher — bisher muß man sich mit den von den Ängstlichen gemalten Sturm Zeichen begnügen.
Sitzungsbericht.
(344. Sitzung.) OB. Berlin, 22. November.
Nach Eröffnung der ersten Sitzung nach der Pause wird ein Antrag des Oberreichsanwaltes, der die Genehmigung zur Verhaftung und Vorführung des Abg. Neddermeyer (Komm.) verlangt, dem Geschästsordnungsausschuß überwiesen. Vor Eintritt in die Tagesordnung kommt Abg. Stöhr (Äat.-Soz.) auf den Zwischenfall in der letzten Reichstagssitzung zurück. Stöhr hatte damals die dritte Lesung des Abkommens zur Verbesserung der Lage der Sozialrentner des Saargebietes verhindert. Er erklärt jetzt, daß deshalb eine Pressehetze gegen ihn ins Werk gesetzt worden wäre. Er habe nicht aus Rechthaberei gehandelt, sondern im Interesse der pfälzischen Sozialrentner. Eine Versammlung derselben habe ihm recht gegeben.
Abg. Rädel (Komm.) verlangt die Behandlung der Krisen- fürsorgefragen, da die Gefahr besteht, daß diese vom Arbeits- ministerium abgebaut würden. Der Antrag wird abgelehnt.
In allen drei Lesungen angenommen wird
der deutsch-tschechoslowakische Vertrag über den Bau und den Betrieb einer Eisenbahn durch das Schweinitztal.
In erster und zweiter Lesung wird ferner der dentsch- tschechoslowakische Vertrag zur Regelung einiger Grenzver- Hältnisse gebjlligt. Es folgt die erste Lesung des
Handelsabkommens zwischen Deutschland und Frankreich.
Abg. Hörnle (Komm.) erhebt Bedenken gegen den Vertrag, der nur der deutschen bürgerlichen Gesellschaft Vorteile bringen würde.
Abg. von Richthofen (Dem.) begrüßte den Vertrag als einen wesentlichen Fortschritt in den deutsch-französischen Beziehungen. Im Interesse des deutschen Weinhandels sei aber eine Änderung des Verfahrens bei der Verzollung der Säger notwendig. Als eine Frucht der Genfer Wirtschasts- konferenz sei die Einführung des Schiedsverfahrens bei Meinungsverschiedenheiten aus dem Abkommen zu begrüßen.
Ministerialdirektor Poffe vom Reichswirtschaftsminifte-