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Vermischtes.

= Letzte Warnung. In einer thüringischen Stadt schritt unter den Segenswünschen der gesamten Einwohnerschaft ein junges Brautpaar zum Standesamt, um den Bund flirs Leben zu schließen. Mit Trauzeugen und etlichem Familienanhang, wie sich das bei so feierlichen Gelegen­heiten schickt, zogen Braut und Bräutigam ernst und doch frohen Sinnes dahin zum Rathause, wo der Standes­beamte seines verantwortungsvollen Amtes waltet. Noch hatten sie die Pforte des Hohen Hauses nicht betreten, als im Rennpferdgalopp ein Jüngling herattraste und atem­los hervorstieß, daß er, da es um Glück und Seligkeit gehe, unbedingt die Brautleute noch einmal sprechen müsse. Alles stand starr und still und aller Ohren lauschten ge­spannt. Einige hatten den Jüngling erkannt als den Lehrling eines angesehenen Schlossermeisters. Als man chn nun fragte, welche Botschaft er überbringe, platzte er, an das Brautpaar sich wendend, heraus: „Mein Meester läßt Ihnen sagen, Heiraten ist kein Kinderspiel, und Sie sollten sich's doch noch lieber mal überlegen!" Einen Moment lang war alles wie erschlagen. Dann aber brach mitten auf dem Marktplatz eine schallende Heiterkeit aus, in die nicht zuletzt auch das gewarnte Brautpaar ein- stimmte. Der Schlosserlehrling aber zog, als er sah, daß seines Meisters Mahnung nicht den erhofften Erfolg hatte und daß das Brautpaar trotzdem dem Standesbeamten zustrebte, ein bißchen gekränkt und achselzuckend von dannen.

— Der „Platz an der Sonne". (Erinnerung an Kiau- tschou.) Im Spätherbst des Jahres 1897 erfuhr Deutsch­lands Kolonialbesitz eine bemerkenswerte Erweiterung, und zwar in China. Je mehr dieses riesengroße Land dem Weltverkehr sich öffnete, desto begehrlicher traten die Kolonialmächte auf, um sich dort Stützpunkte für ihren Handel und ihre Flotten zu sichern. Als nun im No­vember 1897 zwei deutsche Missionare in Süd-Schantung ermordet wurden, setzte ein deutsches Geschwader Truppen ans Land, die am 15. des Novembermonats die Kiau- Ischou-Bucht besetzten. Konteradmiral Diederichs stand an der Spitze der Marinetruppen. Am 6. März 1898 kam ein Vertrag zustande, kraft dessen China das Gebiet von Kiantschou mit allen Hoheitsrechten auf 99 Jahre „pacht­weise" an Deutschland überließ; damit hatte die deutsche Diplomatie auch dem deutschen Volke seinen „Platz an der Sonne" gesichert. Um von dem neuen Gebiet feierlich Besitz zu nehmen, fuhr kurz darauf Prinz Heinrich, der Bruder Wilhelms II., mit einer Kreuzerdivision nach China. Das Pachtgebiet ohne die Bucht umfaßte mehr als 500 Quadratkilometer mit etwa 90 000 Einwohnern und wurde von einer ausgedehnten neutralen Zone, in der China nur mit deutscher Zustimmung Maßnahmen treffen durfte, umschlossen. Der Gouverneur des Pacht- gebiets hatte seinen Sitz in Tsingtau. Noch in lebhafter Erinnerung ist es, wie wenige Wochen nach dem Ausbruch des Weltkrieges Japan das Kiautschougebiet besetzte, um es nicht mehr aus der Hand zu geben. Mit unseren anderen Kolonien haben wir durch bett Frieden von Ver­sailles auch diese, die sich durch ein besonders reiches Hinterland (Getreidebau, Seidenzucht, Kohlenlager usw.) auszeichnete, verloren.

— Kalbskeule, Klistierspritze und weißer Käse — wie reimt sich das zusammen? Es reimt sich überhaupt nicht, aber mit einigem Witz (oder was sich dafür ausgeben möchte) kann man alle diese Dinge erforderlichenfalls in mehr oder minder schöner Weise zusammenbringen. Lebt da im allerwestlichsten Berlin ein Kaufmann und freut sich, nichts Böses ahnen -, seines Jumjgesellendaseins. Es kann aber der Frömmste nicht in Frieden leben usw. Und so geichah es, daß besagtem Kaufmann dieser Tage ganz plötzlich ins Haus geschneit kamen: 1. eine sechzehn- pfündige Kalbskeule, 2. eine Geburtstagstorte, 3. eine richtiggehende Klistierspritze, 4. eine blütenweiße Baby­wage und 5. ein Kübel mit acht Pfund Weichkäse. Nun sind das ja lauter recht nützliche Dinge und man kann sich im Notfalle selbst mit einer Klistierspritze befreunden, aber was in aller Welt soll man mit all den schönen Sachen anfangen, wenn man sie gar nicht bestellt hat und trotzdem bezahlen soll? Das nämlich sollte der Kaufmann, denn es wurden ihm quittierte Rechnungen präsentiert. Man kennt solche Geschichten, sie sind alt, aber bleiben

doch ewig neu, solange es „Witzbolde" auf Erden geben wird. Ein „Witzbold" nämlich hatte all die genannten Sachen für den Kaufmann bestellt. Diesen aber packte, da er für solche „Witze" keinen Sinn hat, die Wut: er warf die Lieferanten zur Tür hinaus, schloß, um weiteren Lieferungen aus dem Wege zu gehen, den Laden, benach­richtigte die Polizei, und nun, da die Sache in guten Händen ist, wird man sehen, was weiter daraus wirr»

— Das an- und ausgepumpte Medium. Irgendwo in Deutschland ist kürzlich folgendes passiert: Es fand eine hypnotische Sitzung statt und es sollte etwas ganz Neues, auf spiritistischem Gebiet einfach noch nicht Dagewesenes gezeigt werden. Der Hypnotiseur behauptete nämlich, daß sein Medium, von ihm und seiner Anwesenheit ganz un­beeinflußt, auf alle Befehle, die man ihm suggeriere, ant­worten könne, so daß jeder der Anwesenden in der Lage wäre, sich persönlich mit dem Medium in Verhindung zu setzen. Es begann nun ein Vorbeimarsch an dem hypnoti­sierten Medium, und alles klappte ausgezeichnet, so daß des Staunens kein Ende war. Zweifler und Nörgler gibt es aber überall, und so geschah es, daß ein besonders miß­trauischer Herr dicht vor das Medium hintrat, ihm fest auf die geschlossenen Augen guckte und im Befehlston Iprach: „Pump mir zwanzig Mark!" Auf dem Gesicht des „in Schlummer versenkten" Mediums zeigten sich Zeichen höchster Überraschung, aber es rührte sich nicht. „Zwanzig Mark sollst du mir pumpen!" suggerierte der andere in noch schärferem Tone. Diesmal zeigten sich auf dem Antlitz des Mediums Spuren eines freundlichen, aber etwas dummen Lächelns. „Na, wie ist das mit den zwanzig Mark?" drängte der Skeptiker. Da warf das Medium mit den hypnotisierten Augen rasch einen Blick nach der Tür, hinter der der Hypnotiseur und das Publi­kum auf den Erfolg des Pumpversuchs warteten, blinzelte verständnisinnig und flüsterte: „Mensch, denkst du denn, daß ich mich hypnotisieren ließe, wenn ich noch zwanzig Emmchen hätte?!"

— Salomo im Gerichtssaal. Vor einem deutschen Schöffengericht stand ein junger Mann unter der An­klage, in einem durch Eifersucht hervorgerufenen Tob­suchtsanfall seine Braut schwer verletzt zu haben: er brächte ihr mit einem Rasiermesser derartige Wunden bei, daß das Gesicht des bedauernswerten Mädchens durch die Schnittnarben jetzt völlig entstellt ist. Die Sache stano von vornherein schlimm für den Angeklagten, und das Gefängnis war ihm, selbst bei Annahme mildernder Um­stände, die in feiner die „freie Willensbestimmung" aus­schließenden blinden Eifersucht gefunden werden konnten, sicher. Auf Gefängnis, und zwar auf ein volles Jahr, wurde denn auch erkannt, aber es wurde dem rasenden Liebhaber eine Bewährungsfrist von drei Jahren zu­gebilligt, unter einer Bedingung, die bisher wohl nur selten in solchem Falle von einem Gericht gestellt worden sein dürfte: der Verurteilte bleibt von der Strafe nur dann befreit, wenn er das Mädchen, das mit seinem sehr entstellten Gesicht kaum noch einen anderen Mann finden dürfte, heiratet. Das Urteil ist, wie man zugeben muß, human gedacht und, wie man das zu nennen pflegt, „salomonisch". Was geschieht aber, wenn das Mädchen sich weigert, den allzu stürmischen Liebhaber, der es ins Unglück gebracht hat, zum Manne zu nehmen? Ob wohl die Bewährungsfrist auch dann noch bestehenbleibt?

Ein Unterseeboot im 18. Jahrhundert.

In einer Stockholmer Bibliothek befindet sich eine alte Handschrift mit militärisch-technischen Plänen und Skizzen. Die Schrift stammt aus dem achtzehnten Jahr­hundert von einem gewissen Elvfing und ist einem schwe­dischen General gewidmet. In der Handschrift befindet sich die Skizze eines Unterseebootes mit dazugehörigem Text. Das Boot zeigt die Form eines Fisches, auf seinem Rücken sitzt ein Mann mit einer Neptungabel. Mit dieser soll er das Boot von festen Gegenständen abstoßen. Er trägt Lederkleidung und halbrunde Augengläser, im Munde hat er eine Röhre, vermittelst deren er Luft schöpfen soll. Die übrige Besatzung soll sich im Innern des Bootes befinden. Durch vier halbrunde Kristall- gläser kann der Mann in das Innere des Bootes hinein­schauen. Das Boot selbst wird durch eiserne Ruder fort­bewegt. Diese Ruder klappen auf und zu, um das Wasser beiseitezustoßen.

Nach Feierabend

"Unterhaltungsbeilage )um Hersfelder Tageblatt.

Die wtndeggbuuerln

Koman aus dem Hochtal

17) von Wolfgang Kemter. Nachdruck verboten

Er stand auf, zog den Rock aus, dann setzte er sich und begann, nachdem er in einem dickbändigen Buche, betitelt „Der Selbstadvokat", das Formular eines letzten Willens aufgeschlagen und durchgelefen hatte, nach dem Text zu schreiben:

„Im Vollbewußtsein meiner geistigen Kräfte und ohne jeden Zwang erkläre ich als meinen letzten Willen:

Mein Sohn Bartl Leukner wird auf den Pflichtteil gesetzt. Zur alleinigen Erbin meines einzig und allein mir gehörigen Vermögens an Bargeld, Sparkassenein­lagen und Haus, Hof, Feld und Wald, lebendes und totes Inventar setze ich meine Braut Elisabeth Blach- fellner ..."

Ein Hustenanfall zwang ihn, im Schreiben auszu- setzen, Lukas Leukner erstickte fast, sein Gesicht war blaurot gefärbt, und er rang krampfhaft nach Atem. Plötzlich wurde es ihm schwarz vor den Augen, im Schwindel begann sich alles um in zu drehen, mit beiden Händen griff er um sich, um sich zu halten. Dabei erwischte er mit der einen Hand die Stehlampe, ließ sie aber gleich wieder los und sprang auf, stieß aber so heftig an die Tischplatte, daß die Lampe umfiel. Im nächsten Augenblicke zersprang der Petroleumbehälter, und seine brennende Flüssigkeit ergoß sich über den Tisch aus den Boden. Auch Lukas Leukners Kleider hatten Feuer gefangen, der Bauer wollte schreien, um Hilfe rufen, aber die Stimme versagte ihm, er rang nach Atem, tat ein paar taumelnde Schritte zur Tür, fiel dann aber bewußtlos zu Boden.

Die Vev hatte draußen das Gepolter gehört, von einer schlimmen Ahnung erfüllt kam sie gerannt. „Zu Hilfe, es brennt," rief sie.

Das Feuer hatte in der Tat rasch um sich gegriffen. Die Papiere auf dem Schreibtische bräunten hell auf und auf dem Boden hatte ein Teppich Feuer gefangen. Im Zimmer lag Lukas Leukner bewußtlos in brennenden Kleidern.

Knechte und Mägde kamen dahergerannt. Während die einen tatenlos jammerten und schrien, griffen die anderen beherzt zu. Bald war das Feuer gelöscht und Lukas Leukner wieder zu Bett gebracht. Ein Knecht spannte ein und fuhr so schnell die Pferde laufen konnten, um den Arzt zu holen.

Lukas Leukner lag mit geschlossenen Augen da. Raffelnder ging sein Atem, von den wahnsinnigen Schmerzen des verbrannten Körpers schien er nichts mehr zu spüren.

Endlich kam der Arzt. Vev erzählte ihm, was geschehen sei. Gegen die heftigen Vorwürfe des Doktors,

daß sie den Kranken habe aufstehen lassen, wehrte sie sich, sie habe den Bauer nicht zwingen können, gegen Lukas Leukner habe es überhaupt keinen Widerspruch gegeben.

Der Arzt zuckte die Achseln. Als er den Kranken untersucht hatte, sprach er: „Hoffnungslos, er wird den Morgen nicht mehr überleben."

Vev sandte in den Pfarrhof, in kaum einer Viertelstunde war der Pfarrer schon da.

Der Arzt verständigte ihn und meinte: „Es wird nicht mehr lange gehen, Herr Pfarrer. Vielleicht hätte der Mann mit seiner Natur die Lungenentzündung trotz des Aufstehens überdauert, sicher sogar, aber die Verwundungen sind viel zu schwer. Die Haushälterin weiß Bescheid, ich kann hier nichts mehr helfen und nichts mehr nützen."

Der Pfarrer aber reichte dem Kranken, der immer noch ohne Bewußtsein war, die letzte Oelung und blieb betend im Zimmer.' Eine Stunde später hatte Lukas Leukner ausgerungen.

Der Pfarrer blieb auch jetzt noch und übernahm bis zur Ankunft Bartls die nötigen Anordnungen. Zu­nächst mußte ein Knecht aufs Windegg, um den einzigen Sohn und vermutlichen Erben des Leuknerhofes vom Tode des Vaters zu verständigen.

Als die Vev drinnen in der Stube aufräumte, wo Brandflecken am Boden und am Sekretär, verbrannte Papierfetzen noch von der Katastrophe der Nacht zeugten, da fand sie unter den versengten und halb verkohlten Papieren das noch unversehrte Stück eines weißen Bogens, auf dem noch deutlich zu lesen war'

„Mein letzter Wi . .

Das war aber das einzige, was von Lukas Leukners letztwilliger Verfügung übriggeblieben war.

„Da," rief die Vev schluchzend, „dös is alls vom Testament. Und der Bauer hat mir no versprochen, er werd an mi denken und mir a was vermachen, aber unseroans hat koa Glück und koan Stern auf der Welt. Hätt ma a Aussicht, a biffel zu a'm Geld zu kommen, damit ma auf die alten Tag an Notgroschen hätt, nachher muß so was passieren, akkurat grad im letzten Augenblick. Und wenn nix G'schriebenes ist, kannst nix machen. Jetzt wird wohl der Windegger der Herr vom Hof sein. Kathl, i fürcht, die guten Zeiten auf dem Leuknerhos sind dahin, bald wird a anderer Wind blasen, denk an mi."

„Hätte e nimmer lang dauert, die Herrlichkeit," meinte gleichmütig die Jungmagd, „wenn die hochnäsige