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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 255

Montag, den 31. Oktober 1927

77. Jahrgang

(Duffolinis Vorstoß gegen Tanger

Italien will Marokko.

Frankreich in Entrü st ung.

Die letzte Unternehmung des die italienischen Entschlüsse beherrschenden Mannes, der Europa schon so manche Überraschung bereitet hat, stellt die Regierungen der großen Mächte vor eine neue Frage. Italien hat eine Flottendemonstration vor Tanger Veranstalter Der Prinz von Udine erschien an der Spitze eines Kriegsmarine­geschwaders im Hafen von Tanger. Beim Eintreffen der Schiffe, des KreuzersBari" und der Torpedobootszer­störerManiu" undSauro", wurde der Prinz von dem italienischen Gesandten Bastianini, dem italienischen Kon­sul und der Kolonie empfangen. Später fand ein Diner mit dem gesamten Diplomatischen Korps, demMendub", dem Stellvertreter des Sultans von Marokko, sowie den marokkanischen Behörden statt.

Mussolini hat angeblich zum Protest gegen die fran­zösisch-spanischen Tangerverhandlungen und gegen das von Italien nicht anerkannte Tangerstatut zur Erhärtung der italienischen Ansprüche in Marokko den Prinzen von Udine gesendet.

Prinz Ferdinand von Savoyen, Fürst von Udine, ist der Sohn des Herzogs von Genua. Seine Mutter war eine bayerische Prinzessin. Seine Schwester, Prinzessin Bona von Savoyen-Genua, heiratete 1921 den Prinzen Konrad von Bayern, Sohn des Feldmarschalls Prinz Leo­pold. Der Fürst von Udine ist Kapitän in der italienischen Marine und steht im 43. Lebensjahr.

Italienische Erklärungen.

Ein in Tanger tätiger italienischer Journalist über- mitlelte einigen großen Blätter.« des Auslandes, insbesondere der LondonerTimes", offenbar in direktem oder in indirektem Auftrage der italienischen Regierung eine längere Erklärung, in der es heißt:

Die Lage Italiens, dessen Bevölkerung jährlich um eine halbe Million zunimmt, erfordert die grüße Aufmerk­samkeit der italienischen Regierung bei jeder Änderung, die die Küste des Mittelmeeres in irgendeiner Weise be­trifft, besonders dann, wenn eine solche Änderung sich un­mittelbar vor seinen Toren abspielt, wie das in Tanger der Fall ist. Die italienische Regierung hat daher den internationalen Zustand Tangers niemals anerkannt. Der Besuch einer italienischen Marinedivision soll eine Erinne­rung daran sein, daß Italien seine Politik der Nichtaner­kennung fortsetzt und keine Abmachung, die ohne seine Einwilligung zustande gekommen ist, a n e r k e n n e n wird. Eine Zusammenarbeit kann nur auf Grund von Unterhaltungen oder Konferenzen erfolgen, auf denen Ita­lien mit den anderen Mächten gleichberechtigt ist."

England schweigt, Frankreich in Erregung.

Während die englischen Zeitungen sich offenbar in einer nicht zufälligen Übereinstimmung zunächst von einer Kritik zurückhielten, gingen in Frankreich die Wogen der Erregung hoch, da man die italienische Kund­gebung als direkt gegen die französischen Interessen ge­richtet auffaßte.

Im französischen Auswärtigen Amt blieb man zwar ruhig, versuchte auch in gleichem Sinne aus die Presse ein- zuwirken, doch ließ sich das peinliche Erstaunen nicht ganz verheimlichen. Die Pariser Linkspresse erklärt, daß die italienische Demonstration den gleichen Charakter habe wie seinerzeit der Tangerbesuch des Deutschen Kaisers.Diese italienische Flottenkundgebung," sagt derPopulaire", ist eine der unfreundlichsten Handlungen gegen Frank­reich, die Mussolini bisher begangen hat. Sie soll dazu dienen, daraus aufmerksam zu machen, daß Italien immer noch nicht mit dem internationalen Tangerstatut einver­standen ist." DerPetit Parisien" sagt, die italienischen Feiern in Tanger hätten einen eindeutig faschistischen Cha­rakter gehabt. Nicht nur habe der Prinz von Udine die Uniform eines Generals der italienischen Miliz getragen, sondern auch die meisten offiziellen Persönlichkeiten seien im Schwarzhemd erschienen.

In Regierungskreisen betont man, daß diese Kund­gebungen, die peinlich an gewisse Demonstrationen vor dem Kriege erinnern,eigentlich gar keinen Sinn" haben. Von Anfang an sei beabsichtigt gewesen, die italienische Regierung bei der endgültigen Regelung der Verhältnisse in Tanger zu beteiligen. Die französisch-spanischen Ver­handlungen seien im Einverständnis mit Rom als erster Schritt gedacht gewesen.

Mussolinis faschistische Boischast.

Das offizielle Mitteilungsblatt der Faschistischen Partei veröffentlicht die folgende Botschaft Mussolinis anläßlich des fünften Jahrestages der faschistischen Revolution. Es heißt darin:

Zum fünftenmal kehrt der Tag wieder, der unsere Herzen höher schlagen läßt, der unsere Hoffnungen entflammt und allenthalben unsere unfähigen Feinde demütigt. Keine Worte, sondern Taten, um ihn zu feiern! Eisenbahnen, Straßen, Viadukte, öffentliche Gebäude und Anlagen, Wohnungen zeigen der ganzen Welt, wie der Faschismus Italien umformt und dabei seine Macht aus allen Gebieten vermehrt. Dieser Rück­blick aus unsere zähe Arbeit wäre unvollständig ohne Er­wähnung eurer bewaffneten Legionen, die eine feierliche Warnung für jeden bedeuten, der die Tollkühnheit besitzen

Das fünfjährige Faschistenjubiläum.

Mussolini empfängt die Huldigung seiner Generale bei der Übernahme des Oberkommandos über die Faschistenmiliz.

möchte, unseren Marsch auszuhalten. Neue größere A n - strengungen warten aus uns. Aber das faschistische Regime weicht vor Hindernissen nicht zurück. Es tritt an sie heran und überwindet sie Die Tatsachen des sechsten Jahres werden es beweisen. Die Werkzeuge der Revolution zu ver­vollständigen, unsere Kräfte zu vervielfältigen, die Geister für alle Schlachten zu rüsten, das ist immer noch die Auf­gabe der Führer und der Untergebenen. Hoch die Fahnen und die Gewehre für vas faschistisch-! Italien! Der Ruf unseres Glaubens, unseres Sieges muß heute über alle Hori­zonte hinausdringen, damit er laut und in weiter Ferne ver­nommen wird.

Italienische Oeuifchenhetze in Südtirol.

In Bozen wurden die Sekretariate der beiden deutschen Abgeordneten im römischen Parlament, Dr. Tinzl und Baron Sternbach, auf Anordnung der Prä- fektur geschlossen. Die Sekretariate dürfen an keiner an­deren Stelle wieder eröffnet werden. Dadurch ist den Abgeordneten jede politische Tätigkeit unmöglich gemacht und die deutsche Bevölkerung kann mit ihnen zur Ver­tretung ihrer Interessen nicht mehr in Fühlung treten,

Ein neuerPanther"sprung.

Man wäre fast versucht zu glauben, daß sich in der Geschichte alles wiederholt. Vor 16 Jahren wurde die Welt aufgeregt durch den deutschenPanther"sprung von Agadir, der den damaligen englischen Ministerpräsidenten Lloyd George zu Kriegsdrohungen gegen Deutschland ver­anlaßte. Der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg glaubte allerdings die im Reichstag geäußerten Befürch­tungen dadurch abbiegen zu können, daß er erklärte, Eng­landführe nur das Schwert im Munde", werde sich aber hüten, loszuschlagen. Und man denkt noch weiter zurück, erinnert sich an die unglückselige Konferenz von A l g e c i r a s, als Italien, um ein Wort Bülows zu ge­brauchen, eineExtratour tanzte". Deutschland ist jetzt aus der Marokkofrage ausgeschieden, weil der Versailler Vertrag Deutschland ausschied. Marokko ist inzwischen von Frankreich und Spanien erobert worden und hat den letzten Rest von Selbständigkeit verloren. Jetzt aber ist es wieder zum Mittelpunkteinesallgemeinen europäischen Konfliktes geworden, weil Ita­lien seine Ansprüche anmeldet.

Im Pariser Vertrag hatten sich Frankreich und Spanien über die Aufteilung Marokkos verstän­digt, aber eben nur Frankreich und Spanien. Italien als Mittelmeermacht hält jetzt die Stunde für gekommen, ein Wort dabei mitsprechen zu sollen. Machtpolitisch gesehen, will es dafür sorgen, daß im Mittelmeer ohne sein Zutun nichts zu geschehen hat. Wieder schweift die Erinnerung zurück; in Tunis hat Frankreich zugegriffen, kurze Zeit, ehe Italien seine Hand auf dieses Land legen wollte, das nur eine geringe Strecke von der Südspitze Italiens entfernt liegt. Damit schloß sich das nordafrika- nische Frankreich; denn an dem später erworbenen Tri­polis hat Italien keine reine Freude gehabt.

Aber nicht nur machtpolitisch ist das Vorgehen- Italiens zu bewerten, sondern es wird in der amtlichen italienischen Erklärung auch auf das bevölkerungs­politische Problem hingewiesen. Mit einem Bein steht Italien an den Küsten Kleinasiens und hat die Inseln, die es 1911 dort erobert hat, noch immer nicht Preis- gegeben. Man weiß, daß es auch seine Augen gerichtet hat auf Syrien, alles, um seinem Überschuß an Be­völkerung Raum zu geben. Ebenso aber wie in Tunis der I Franzose sitzt, sitzt er auch in Syrien. Festen Fuß hat er auch gefaßt in Marokko.Italiens Lage als der aus- I

gesprochensten Mittelmeermacht mit einer Bevölkerung, die jährlich um eine halbe Million zunimmt, erfordert seitens der italienischen Regierung die sorgfältigste Beachtung aller Veränderungen, die sich an einem Tor des Mittel­meeres, wie es Tanger ist, vollziehen würden."

In diesem Satz der Erklärung wird ausdrücklich ver­wiesen auf die bevölkerungspolitischen Gründe, die bei dem italienischen Vorgehen mitspielen. Aber vielleicht ist dieses Vorgehen doch nur indirekt bevölkerungspolitifch zu ver­stehen. Gerüchte wollen wissen, daß man diese Geste in Marokko nur getan hat, um S y r i e n dafür einzuhandeln. Schon vor längerer Zeit hatte Italien seine Ansprüche aus Marokko angemeldet und Mussolini hat damals eine Ver­einbarung mit Spanien durchgesetzt. Diese Aktion schien aber zu verpuffen und in Marokko blieb es bei der fran­zösisch-spanischen Herrschaft. So hat man das italienische Vorgehen, die Flottendemonstration vor Tanger, doch als eine weit besser vorbereitete Aktion anzusehen, als es der deutschePanther"sprung von 1911 gewesen ist. Aber wie damals erscheint es auch heute nicht ausgeschlossen, daß Marokko und die dortigen italienischen Interessen znm Austauschobjekt politischer Art werden. Uns Deut­schen hat der damaligePanther"sprung die Vermehrung unseres jetzt verlorenen Kolonialbesitzes eingetragen; auch Italien wird jetzt diese wirklichen oder angemaßten Ansprüche in Marokko im Handel wieder hingeben wollen.

Selbstverständlich ist P a r i s entrüstet. Paris ist immer entrüstet, wenn man an seine marokkanischen Interessen rührt. Auch das kennen wir Deutschen aus Erfahrung und die Firma Mannesmann ist noch heute Kinderschreck in Frankreich. Es hat un­sagbare Opfer eigenen Geldes und fremden Blutes ge­kostet, um Marokko zu erobern, und um so stärker ist in Frankreich die Erregung, daß ein anderes Land jetzt die Beute, die so mühsam erjagt war, streitig machen will. Sogar ein linksstehendes Blatt schreibt über die italie­nische Flottenkundgebung, sie sei eine der unfreund­lichsten Handlungen gegen Frankreich, die Mussolini bisher begangen habe.-' Das Verhältnis zwischen den beidenlateinischen Schwestern" ist ja überhaupt ein sehr schlechtes geworden, trotz Waffenbrüderschaft während des Weltkrieges. Die Schüsse, die man über die Grenze wechselt, sind ein äußeres Zeichen dafür.

Und der dritte, der sich dabei die Hände reiben wird, ist England. Es gönnt Frankreich jede Schwierigkeit, die diesem Lande im politischen Mittel- meerkreis erwächst. Es hat einst seine marokkanischen Interessen aufgegeben, um Frankreich aus Ägypten hin- auszubugsieren. Jetzt wird Frankreich vielleicht nur gegen die Hingabe Syriens die italienischen Schiffe vor Tanger entfernen können. Wobei wir Deutschen auf die Völkerbundakte verweisen können, die es verbietet, die Völker wie Schachfiguren zu behandeln

Die Besprechungen mit dem Reparationsagenien.

Teilnahme des Auswärtigen Amtes.

Zwischen dem Reparationsagenten Parker Gilbert und dem Reichsfinanzminister Dr. Köhler ist die Aus­sprache über die Denkschrift des Reparationsagenten fort­gesetzt worden. Neuerdings nimmt auch das Auswärtige Amt an diesen Besprechungen teil, da man in Regierungs­kreisen der Ansicht ist, daß das Reparationsproblem sehr tief in die Außenpolitik eingreift und nicht als eine reine Angelegenheit des Reichsfinanzministeriums betrachtet werden könne. Wann die Beratungen mit Parker Gilbert zum Abschluß kommen werden, steht noch nicht fest. Doch ist anzunehmen, daß man bis Mitte der nächsten Woche zu einem abschließenden Ergebnis gelangt sein wird. Alsdann wird eine Sitzung des Reichskabinetts stattfinden, in der man sich erneut mit dem Memorandum Parker Gilberts befassen und die Antwort der Reichs­regierung festlegen wird.

Von gut unterrichteter privater Seite wird daraus hingewiesen, daß die Tragweite der Denkschrift in bestens unterrichteten Kreisen für noch ungleich größer erklärt wird, als man in der Öffentlichkeit bisher angenommen hat, so daß man es in den gleichen Kreisen für ausgeschlossen hält, daß die Denkschrift auf die Dauer geheimgehalten werden könnte.

Oeuischer Diplomatenschub.

Das Geheimnis um den Washingtoner Botschasterposten.

Die Ernennung des neuen deutschen Botschafters in Washington steht, wie in diplomatischen Kreisen verlautet, unmittelbar bevor. Das Agröment für die zu ernennende Persönlichkeit ist bei der amerikanischen Regierung bereits nachgesucht, und die Erledigung der notwendigen diplo­matischen Formalitäten in diesen Tagen zu erwarten.

Weitere Veränderungen im diploma­tischen Dienst des Reiches werden darin bestehen, daß der deutsche Gesandte im Haag, Freiherr Lucius von Stödten, nach Beendigung seines Erholungsurlaubes voraussichtlich nicht auf seinen Posten zurückkehren wird. Ferner werden wahrscheinlich der deutsche Gesandte in Santiago, Graf von Spee, und der Gesandte in Belgrad, Dr. Olshausen, nächstens aus dem diplomatischen Dienst ausscheiden,