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hersfelöer Tageblakt

BS.^331 hersfelSer Kreisblatt

Nachlaß gewährt. Mr öie Schristleitung verant- 7

wörtlich: Kranz Kunk in Hersfeld. Kernfprecher Nr. 8

Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.20 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld : 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer : 0.80 Reichs-Mark Druck und Verlag von Ludwig Zanks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VSZV. :

Amtlicher Anzeiger für öen Kreis hersfeSö

mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 247

Freitag, den 21. Oktober 1927

77. Jahrgang

Das Osaß brennt."

Das Elsaß brennt!" so lautete das Urteil eines neutralen Berichterstatters, der kürzlich das frühere Reichsland besucht hat. Die französische Presse ist an­gefüllt mit den sorgenvollsten Schilderungen der ständigen Verschärfung der Lage und die französische Regierung weiß sich keinen Rat.

Als die Franzosen 1918 ins Elsaß einzogen, glaubten sie nach den Darstellungen, welche ihnen die Revanche­presse gemacht hatte, daß sie in ein im Herzen gut fran­zösisches Gebiet kämen, das keinen anderen Wunsch kenne, als so schnell wie möglich restlos in Frankreich aufzugehen. Unter geschickter Regie inszenierte Feierlichkeiten, bei denen man allerdings schon dazu greifen mußte, die elsässischen Bauernmädchen durch kostümierte Pariser Modistinnen zu ersetzen, ferner die Kriegsmüdigkeit der an der Front liegenden Vogesentäler und der Zweifel, ob Deutschland sich je wieder werde aufrichten können, kamen den Franzosen entgegen. Ohne Widerstand zu finden, konnten sie in den ersten Wochen den Versuch machen, alle Erinnerungen an die deutsche Zeit zu tilgen und nament­lich die Schulen ganz auf das Französische umzustellen, um ein junges Geschlecht zu erziehen, welches die Sprache seiner Eltern vergessen sollte.

Aber die Flitterwochen dauerten nicht lange. Das Wort, welches ein vertriebener deutsch­gesinnter Elsässer beim Abschied seinen Landsleuten zu- rief:Ihr müßt noch einmal französisch werden, um ganz zu begreifen, wie deutsch ihr seid!" bewahrheitete" sich überraschend schnell. Die Wirkungen der Abschneidung Elsaß-Lothringens von seinen natürlichen wirtschaftlichen Verbindungen traten nicht einmal so stark in den Vorder­grund, weil Deutschland in den Krämpfen der Inflation lag und der französische Frank gegenüber den deutschen Millionen eine Edelvaluta darstellte. Die Gegenwehr be­gann daher aus ganz idealen Gründen. Die deutsche Kommunalgesetzgebung, die deutsche Sozialversicherung erwiesen sich als solche Fortschritte gegenüber den fran­zösischen Zuständen, daß sich hier das Rad der Entwick-

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Zentralismus zu nehmen, Erbitte­rung und Empörung erweckte. Um dieAssimilierung"

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zu beschleunigen, hatten die Franzosen innenfranzösische Beamte in großer Zahl nach dem Elsaß versetzt, Leute, die sich mit den Einwohnern nicht verständigen konnten, fremde Sitten und Anschauungen mitbrachten und sich bald sowenig wohl fühlten, daß sie nur einen Wunsch hatten: Wieder weg aus diesen Gefilden der elsässischen Boches und heim ins gesegnete Frankreich! Man wußte sich nicht anders zu helfen, um die für die französische Verwaltung nötigen Beamten zu erhalten, als ihnen eine besondere Zulage zu bewilligen, wie sie die französischen Beamten in den Kolonien erhalten. Damit war eine Bevorzugung der fremden gegenüber den einheimischen Beamten geschaffen und die Elsatz-Lothringer fühlten sich mit den Anamiten und Senegalnegern auf eine Stufe ge­stellt. Inzwischen traten aber die furchtbaren Folgender französischen Schulpolitik zu­tage. In einem so hochentwickelten Kulturlande mußten die Handwerkskammern feststellen, daß sich unter den Schulentlassenen nicht einer befand, der richtig deutsch oder französisch schreiben konnte. Alle die Schuljahrgänge, welche den erstenSegen der Französierungsversuche am eigenen Leibe erlebt haben, sind Bildungs­krüppel geworden, die kein Fortkommen in der Welt sehen, wenn sie nicht noch fleißig nachholen, was die Schulausbildung versäumt hat.

War bisher die Mißstimmung, das sogenannteMa­laise", immer bedrohlicher angewachsen, so bedurfte es hinfort nur kleiner Zwischenfälle, um es zum Sturm zu entfachen. Diese Zwischenfälle blieben bei der beider­seitigen feindseligen Erregung nicht aus. Die politischen Parteien, die anfangs ihren Frieden mit Frankreich ge­macht hatten, wurden mitgerissen. Die Zeitungen schwenk­ten, eine nach der anderen, in das Lager der Regionalisten über, welche die Heimatrechte und die deutsche Eigenart des Landes betonten und sie erhalten wollten. Bald aber genügte das regionalistische Programm der Volksstimmung nicht mehr. Es bildete sich der H e i m a t b u n d , der schon von Anfang an autonomistisch eingestellt war, d. h., die Selbstverwaltung von Elsaß-Lothringen, allerdings im Rahmen des Französischen Staates, anstrebte. Zwei neue Zeitschriften entstanden, dieZukunft", die schnell über 30 000 Abonnenten verfügte, und die viel radikalere Wahrheit" (75 000 Auflage), herausgegeben vom Baron Zorn von Bulach, dem Sohn des früheren deutschen Staatssekretärs und Sprößling einer der ältesten Familien des Landes. Und nun begingen die Franzosen einen großen Fehler. In ihrer Nervosität griffen sie zu Gewalt- maßregeln, bestraften die Führer des Heimatbundes und setzten unter zweifelhaftem Vorwand den Baron Zorn von Bulach ins Gefängnis. Die Antwort war die Grün­dung derAutonomistenpartei", die damit .droht, den Völkerbund anzurufen und zu verlangen, daß Elsaß-Lothringen als ein Gebiet nationaler Minder­heiten das Recht erhält, durch eine Volksabstim- m u n g zu entscheiden, ob es weiter zu Frankreich gehören will. Unter dem Druck dieser Bewegung haben die Fran­zosen schleunigst eingelenkt und der deutschen Sprache in den Schulen größere Rechte bewilligt, doch werden diese Zugeständnisse als völlig unzulänglich von der Volks­mehrheit krittsiert und der schwerste Kampf steht noch

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Die Forderungen der Parteien.

Im Reichsarbeitsministerium haben am Donnerstag

Verhandlungen zur Beilegung des Lohnstreiks im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau begonnen. Den Vor­sitz führte der Schichter für Oberschlesien, Professor Dr. Brahn, der auch die bisherigen ergebnislos verlaufenen Schlichtungsverhandlungen in diesem Streik geleitet hat. Zu Beginn der Verhandlungen machte Prof. Dr. Brahn den Versuch, die Verständigung zwischen beiden Parteien herbeizuführen, ohne das; ein Schiedsspruch gefällt zu

Der Schlichter Prof. Dr. Brahn.

werden braucht. Hierbei erhoben die Vertreter bet Arbeit­nehmer die Forderung nach einer durchschnittlichen Lohn­erhöhung von 15 Prozent, während die Arbeitgeber daran sesthielten, einer Lohnerhöhung nur dann zustimmen zu können, wenn sie auch gleichzeitig eine Kohlenpreis- erhöhung im Gefolge habe.

Nachdem eine gütliche Einigung nicht erzielt werden konnte, trat der Schlichtungsausschutz in

bevor, wenn Frankreich Ernst mit seiner Absicht macht, die innenfranzösischen Kirchengesetze in Elsaß-Lothringen zur Durchführung zu bringen.

In der innenfranzösischen Presse aber begegnet man Auslassungen, daß es ein s ch w e r e r F e h l e r d e s V e r- sailler Vertrages gewesen sei, dasFrankreich innerlich entfremdete Elsaß-Lothringen" unter falschen Voraussetzungen zu annektieren. Statt daß Frankreich das Elsaß assimiliert habe, beginne das Elsaß die ganze französische Verfassung zu vergiften. Die französischen Arbeiter fordern eine Ausgestaltung der Sozialgesetz­gebung nach dem im Elsaß bestehenden deutschen Muster, die Städte drängen auf eine freiere Kommunalverwaltung und, was vielleicht das schlimmste ist, während Frankreich früher keine Minderheitenfragen kannte, sind jetzt die iBretonen, die Flamen, die Basken und die italienischen Korsen aufgewacht und beginnen sich mit den Elfässern und Lothringern zum gemeinsamen Schutz der Heimat­rechte und der Muttersprache zusammenzuschließen.

SieVeraiangsflelle für Ausländsanleihen

Erfolgte Einigung.

Aus unterrichteten parlamentarischen Kreisen in Ber­lin erfährt man, daß die Verhandlungen, die zurzeit im Reichsfinanzministerium mit den Finanzministern der Länder über die neuen Richtlinien der Beratungsstelle für Ausländsanleihen geführt wurden, zum Abschluß gr-

kommen sind.

Im wesentlichen war bereits Mittwoch eine Überein­stimmung zwischen Ländern, Reich und Reichsbank erzielt worden. Bei den Donnerstagsberatungen handelte es sich deshalb hauptsächlich noch um Formulierungen, für welche die Konferenz einen Ausschuß eingesetzt hatte, über diese Formulierungen ist nunmehr eine Einigung zustande gekommen, so daß die neuen Richtlinien, die für die^An- leihebedürfnisse, aber auch für die W ä h r u n g s p o l i t i k der Reichsbank von großer Bedeutung sind, gegeben sind. Das Ergebnis der Verhandlungen wird den Länder­regierungen mitgeteilt werden. Materiell haben die neuen Richtlinien in erster Linie den Zweck, die Wirtschafts- und währungspolitischen Gesichtspunkte, die die äußerste Beschränkung bei Aufnahmen von Auslandskrediten ch öffentliche Verbände gebieten, genauer herauszu- eiten und zusammenzufassen.

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Funktion, der nach eingehenden Beratungen der Lage einen Schiedsspruch fällen wird. Erst wenn eine der bei­den Parteien gegen diesen Schiedsspruch Widerspruch er­heben wird, wird der Reichsarbeitsminister Dr. Brauns in den Streik eingreifen und den Schiedsspruch für ver­bindlich erklären, so daß damit dann das Ende des Streiks erreicht würde. Man rechnet damit, daß zu Beginn der nächsten Woche die Arbeit in den Gruben wieder ausge­nommen werden kann.

Die Streiklage in Mitteldeutschland.

Die Zentralstreikleituug Halle teilt mit, daß im all­gemeinen neue Momente in der Streiklage nicht in Er­scheinung getreten seien. In den Bezirken Ober- und Riederlausitz sei eine Ausdehnung zu verzeichnen, so besonders in Forst und in Klettwitz. Im Durchschnitt verrichteten im gesamten mitteldeutschen Streikgebiet etwa acht Prozent der Belegschaften Notstandsarbeiten. Zahl­reichen Arbeitsinvaliden und Schwerkriegsbeschädigten sei die Genehmigung zum Weiterarbeiten erteilt worden.

über die Streiklage im Bezirk Frankfurt a. d. O. teilt die dortige Bezirksstreikleitung mit, daß der Streik nun­mehr allgemein sei. Nur fünf Prozent der Belegschaften verrichteten im Auftrage der Streikleitung Notstands­arbeiten.

Lohnforderungen im Kuhrgebiet.

In den letzten Tagen im Ruhrgebiet abgehaltene Konferenzen und Versammlungen des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter haben eine Entschließung an­genommen, in der an die Regierung das dringende Ersuchen gerichtet wird, die unterbrochenen Verhandlun­gen mit den Vertretern des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Besprechung der Lohnfrage sofort wieder aufzunehmen. Die Aufbesserung der Bergarbeiterlöhne muß, so heißt es in der Entschließung weiter, gleichzeitig

Die Not der Bergarbeiter ist groß und schnelle Hilfe ist deshalb dringend notwendig.

Die Bergarbeiterverbände hatten unter dem 11. b. M. an den Zechenverband ein Schreiben gerichtet, in dem um Verhandlungen über eine außertarifliche Lohn­erhöhung ersucht wurde. Der Zechenverband hat daraufhin den Bergarbeiterverbänden ein Antwort­schreiben zugesandt, in dem der Zechenverband bedauert, dem Ersuchen nicht entsprechen zu können, da er eine grund­legende Änderung der Verhältnisse nicht anzuerkennen vermöge.

Im übrigen verweist der Verband darauf, daß sich die wirtschaftliche Lage des Ruhrbergbaues in den letzten Monaten derart verschlechtert hat, daß sie viel mehr Verhandlungen über eine Lohnherabsetzung als über eine Lohnerhöhung bedingen würde.

Ministerpräsident a. D. v. Knilling t»

An Herzlähmung gestorben.

In einer Münchener Klinik ist der frühere bayerische Ministerpräsident v. Knilling, jetzt Präsident der baye­rischen Schuldenverwaltung, ziemlich unerwartet gestorben. Dr. v. Knilling hatte sich am Mittwoch einer Operation unterzogen, deren Nachwirkungen sein Kräftezustand nicht mehr gewachsen war.

Knilling war bereits unter der Monarchie Kultus­minister im bayerischen Kabinett gewesen. Die Minister­präsidentschaft übernahm er nach der Umwälzung als Nachfolger Graf Lerchenfelds. Sie umfaßte die Zeit der noch ziemlich ungeklärten Verhältnisse, vom 8. November 1922 bis zum Frühjahr 1924. Ein merkwürdiges Zu­sammentreffen ließ die Vorgänge unter seiner Präsident­schaft bei der Hitler-Bewegung gerade jetzt im Unter­suchungsausschuß des Bayerischen Landtages zur Sprache kommen. Nach dem Hitler-Putsch trat Knilling zurück und wurde durch Dr. Held ersetzt. Eugen Knilling war am 1. August 1865 in München geboren.

Zugüberfall in Mexiko.

Löfegeldforderung für einen Geisel.

Wieder einmal fand ein auf das genaueste vorbereite­ter Raubüberfall aus einen Eisenbahnzug in Mexiko statt. In der Nähe von San Luis Potosi verübte eine Bande von 156 Aufständischen ein Attentat auf den ankommenden Zug, vermutlich, weil sie wußten, daß sich Verwandte des Präsidenten Calles und andere hochstehende Persönlich­keiten darin befanden. Die Aufständischen legten zwei Dynamitbomben auf die Schienen. Die eine explodierte unter einem Personenwagen, die andere riß die Schienen auf. Die Reisenden der ersten Klasse blieben unverletzt. Die Räuber erbeuteten bei der Plünderung des Gepäck­wagens über 25 000 Dollar. Acht Personen wurden ge­tötet, zehn verwundet.

Nach dem Attentat flüchteten die Räuber in die Berge. Als Geisel wurde von ihnen der Generaldirektor der Bergwerke von Amajac, ein Engländer, mitgenommen, den die Räuber zu erschießen drohen, wenn sie nicht ein Lösegeld von 5000 Dollar erhalten. 1