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Amtlicher Mzeiger für öen Kreis hersfelS
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mit den Beilagen: Leimatschollen
/ Allußriertes Anlerhattungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 244
Dienstag, den 18. Oktober 1927
77. Jahrgang
9er 8az«bkitaslreit in MÄeiitsWd
Me M im Sralmkohlea-ergbau.
Mit der beginnenden Woche ist der Streik der mitteldeutschen Braunkohlenbergleute in voller Wirkung zum Ausbruch gekommen. Sonntag fanden noch im Streik- gebiet 12V Versammlungen der Arbeiter statt. Sie waren durchweg stark besucht, vielfach überfüllt. Die in allen Versammlungen beschlossene Arbeitsniederlegung ist überall erfolgt. Zu Zwischenfällen ist es nirgends gekommen. Nach den Meldungen aus den einzelnen Revieren bestätigt es sich, daß der Streik ziemlich geschlossen durchgeführt wird. Die Durchschnittsbeteiligung wird auf 80 bis 90 Prozent geschätzt. Auf manchen Gruben, namentlich im Zeitz-Altenburger Revier, haben die Belegschaften die Schachtanlagen nahezu vollzählig verlassen. Auf der Grube Golpa, die das Zschornewitzer Kraftwerk versorgt, streiken von 1000 Mann etwa 900. Die Notstandsarbeiten werden durchgeführt.
Die Streikbewegung hat auch auf die Braunkohlengruben der Ober- und Niederlausitz übergegriffen. Auf verschiedenen Gruben sind die Bergarbeiter nicht zur Arbeit erschienen. Von der Gesamtbelegschaft in Stärke von rund 26 000 Mann stehen auf einzelnen Gruben 30 bis 40 Prozent im Streik.
Sollte der Streikparole im Laufe der Woche allgemein Folge geleistet werden, so würden auch die Großkraftwerke und die übrigen Industrien stark in Mitleidenschaft gezogen werden, da es unmöglich erscheint, die Großbetriebe mit technischer Nothilfe und den in Mitteldeutschland nicht erheblichen Arbeiterreserven in Gang zu halten, zumal das Leunawerk große Arbeitermassen an sich gezogen hat.
Die Forderungen der Streikenden.
Seit längeren Wochen wurden Schlichtungsverhand- lungen geführt, die aber kein Resultat ergaben. Die Ursache des Abbruchs ist darin zu sehen, daß die Gewerkschaften erklärten, sie hätten^n Mem Schiedsspruch, der ihren Wünschen nicht voll gerecht werde, kein Interesse. Die Erfüllung der Arbeiterwünsche erklärte das Reichs- arbeitsministerium für unmöglich, weil dies eine Kohlen- prciserhöhung unbedingt zur Folge haben würde. Die Forderungen der Arbeiter gehen dahin, den Schichtlohn von 5,20 Mark um 80 Pfennige zu erhöhen, also um 16 Prozent. Die Arbeitgeber erkennen die Notwendigkeit einer Lohnerhöhung an, erklären aber, bei der jetzigen Lage der Bergindustrie von sich aus dazu nicht imstande zu sein.
Vielfach wird darauf hingewiesen, die Spanne zwischen Erzeugerpreis und Verkaufspreis an den Verbraucher sei zu hoch. Während der Abgabepreis an den Handel 1,05 Mark pro Zentner betrüge, werde z. B. der Zentner Braunkohle an den Konsumenten für 1,80 Mark verkauft. Ob durch eine etwaige Ermäßigung dieser Spanne die Forderungen der Bergleute zu erfüllen wären, läßt sich zurzeit nicht übersehen. Eine Erhöhung des Kohlenpreises beim letzten Verkauf erklärt der Reichswirtschaftsminister für nicht angängig.
60000 Ausständige.
Die Leunawerke haben der Belegschaft eine Lohnzulage in der gewünschten Höhe gewährt. Die Beteiligung am Streik in Mitteldeutschland ist außerordentlich stark. Nach den Feststellungen, die bis Montag mittag getroffen worden sind, sind auf den Gruben des Geiseltales 90 Prozent der Belegschaften in den Streik getreten, ebenso die Belegschaften des Oberröblinger Reviers. Die Beteiligung an der Arbeitsniederlegung ist insofern bemerkenswert, als in diesen beiden Revieren die sogen, wirtschaftsfried- lichen Verbände ziemlich stark vertreten sind. Es haben also auch die wirtschaftsfriedlichen Verbandsmitglieder sich stark am Streik beteiligt. Im Helmstedter Revier ist die Arbeitsniederlegung vollständig, ebenso im Magdeburger Revier und in der Egelner Mulde. Von den Streikleitungen wird die Meinung vertreten, daß Dienstag mit einer Arbeitsruhe im gesamten mitteldeutschen Braunkohlenbergbau gerechnet werden muß. Man rechnet im allgemeinen mit einer Gesamtstreikzahl von 50- bis 60 000." Der Streik hat auch im Bitterfelder Braun- kohlenrevier in vollem Umfange eingesetzt. Hinter den Streikenden stehen der Allgemeine Bergarbeiterverband, der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter, der Gewerk- Verein der Fabrik- und Handarbeiter, der Verband der Deutschen Metallarbeiter, der Zentralverband der Maschinisten und Heizer und der Fabrikarbeiterverband, deren Beauftragte dem Streikbeschluß zustimmten.
Die Stellung der Regierung.
Der Reichsarbeitsminister wartet zunächst genaue Nachrichten über die Ausdehnung des mitteldeutschen Bergarbeiterstreiks ab. Er ist dann bereit, neue Einigungsversuche einzuleiten. Die Lösung des Konflikts dürfte deshalb besonders schwierig sein, weil die Verhältnisse im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau sehr verschieden sind. Es gibt Werke mit Tiefbau und solche mit Tagesbau. Infolgedessen sind auch die Gestehungskosten ganz verschieden. Während einzelne Werke mit guten wirtschaftlichen Ergebnissen arbeiten, gibt es eine ganze Anzahl anderer, die schon jetzt Unterbilanz haben. Das Reichswirtschafts- ministerium hat auch die Frage der Preisspanne eingehend
geprüft, ist aber zu dem Ergebnis gekommen, daß von dieser Seite eine Lösung nicht möglich ist.
Die Technische Nothilfe wird, da sich der Streik über zwei preußische Provinzen erstreckt, nach den bestehenden Bestimmungen nur mit Genehmigung des preußischen Ministeriums des Innern eingesetzt.
Entschließung der Ruhrbergleute.
In zahlreichen vom Deutschen Bergarbeiterverband ein- berufenen Revierkonsereuzen im Ruhrgebiet nahmen die Bergarbeiter zu der Lage im Ruhrbergbau Stellung. Es wurde eine Resolution angenommen, in der es heißt, daß die geltende Lohnordnung bis Ende April nächsten Jahres läuft. Sollten die Arbeitgeber die Notwendigkeit einer zwischen- tariflichen Lohnerhöhung Hiebt anerkennen, so müsse die nächste Möglichkeit zur Bertragslösung ins Auge gefaßt und mit verstärktem Nachdruck erneut die Forderung nach Lohnerhöhung erhoben werden. — Es cheißt, auch die Metallarbeiterverbände der nordwestlichen Gruppe, die die Betriebe von Hamm bis Düsseldorf umfaßt, wollten am 15 November die Lohntarise kündigen.
Das StrerkgeSret.
Sie Meutmg der Sraunkohle.
Deutschland ist ein Land, das verhältnismäßig arm ist an Rohstoff. Der Versailler Vertrag tat noch ein übriges und nahm uns in Oberschlesien und im Elsaß einen großen Teil dieses geringen Besitzes. Was uns blieb, war Kali, Steinkohle, namentlich die Braunkohle, überall erheben sich in Mitteldeutschland die Elektrizitäts-, die Stickstoff- und sonstigen Werke, die ihren Brennstoffbedarf aus unmittelbarer Nähe decken können. Ständig wuchs die Bedeutung der Braunkohle nicht bloß als Heizmittel, sondern sie wurde „veredelt", und gerade die Braunkohle ist es, die eine entscheidende Rolle in dem Kohleverflüssigungsverfahren spielen wird. Dort wird aus dem Rohprodukt, das die Kohle bisher geblieben ist, ein hochwertiges Fertigerzeugnis, das unserer Gesamtkohlenwirtschaft vielleicht eine ganz andere Richtung zu geben vermag.
Ein kleiner Hinweis mag illustrieren, welch gewaltigen Aufschwung die Braunkohlenförderung im Deutschen Reiche genommen hat. Sie betrug im Aahre 1893 nur etwa 21 Millionen Tonnen; bis zum Jahre 1926 ist sie in ununterbrochenem Aufstieg bis zu einer Förderung von rund 140 Millionen Tonnen emporgetrieben worden. Verhältnismäßig noch stärker ist dabei die Steigerung der Brikettherstellung; sie hat sich seit dem Jahre 1897 sogar verdreifacht. Trotzdem wird durch diese Förderung immer noch nicht der deutsche Binnenbedarf selbst gedeckt, denn es wurden 1925 immer noch 2,5 Millionen Tonnen aus dem Ausland — in der Hauptsache aus der Tschechoslowakei — nach Deutschland eingeführt, während unsererseits nur 1,3 Millionen Tonnen, allerdings Braunkohlenbriketts, ausgeführt werden konnten. Nicht vergessen werden darf dabei übrigens, daß das Deutsche Reich auch verpflichtet ist, eine gewaltige Menge von Braunkohlenbriketts auf Grund des Versailler Vertrages zu exportieren; so wurden 1926 über 500 000 Tonnen dieses Heizstoffes über Reparationskonto geliefert.
Die Braunkohlenindustrie, die sich 1925 ebenso wie die der Steinkohle in einer Absatzkrise befand, hat unter dem Einfluß des englischen Bergarbeiterstreiks zwar keine Erhöhung der Förderung erfahren, wohl aber war es ihr möglich, die Brikettstapel, die namentlich in Mitteldeutschland einen großen Umfang angenommen hatten, abzn- stoßen. Freilich ist es bisher nicht bei allen Zechen gelungen, die große Rationalisierungsbewegung, die durch den deutschen Bergbau geht, auch auf alle Braunkohlen- zechen auszudehnen, so daß mancher Betrieb nur nodL künstlich erhalten wird. Immerhin ha sich die Braunkohle vor allem in der Nachkriegszeit eine so überaus wichtige Stellung im deutschen Wirtschaftsleben errungen, daß die Folgen eines längeren Streiks sehr schwerwiegende sein müssen. Hierbei spielt die immer schneller vor sich gehende Umstellung auf elektrischem Gebiet eine besonders wichtige Rolle, und da sich die Elektrizitätsversorgung immer stärker in Großbetrieben zusammengeballt hat, können die Folgen zu einer weitgehenden Störung des gesamten Wirtschaftslebens führen. Es ist darum zu verstehen, daß sich der Reichstag, der ja jetzt zusammentritt, sehr ein
gehend mit diesem Kamps in der Brennkohlenindustrie beschäftigen wird und beschäftigen muß, um einen M itte l- w e g zu finden, der zu einer Abwendung dieser schweren Folgen führt. Die Lage ist insofern eine eigentümliche, als nicht etwa nur seitens der Arbeitnehmer, sondern auch seitens der Arbeitgeber die Notwendigkeit einer Erhöhung der Schichtlöhne anerkannt wird; nur geht der Streit darum, wer die Kosten einer solchen Lohnerhöhung tragen soll, ob der Handel oder die Erzeuger, d. h. letzten Endes der Verbraucher. Gerade dies aber soll vermieden werden, weil schon so mancher Anreiz zu allgemeinen Preissteigerungen vorliegt und hier nicht eine neue Veranlassung zu solchen gegeben werden soll. Gerade aber angesichts des bevorstehenden Winters mit seinem gesteigerten Brennstoffverbrauch wird auch die klein ste Haushaltung durch die Entscheidung über den künftigen Vraunkohlenpreis unmittelbar berührt.
Frankreich und Deutschland
PoincarS, Caillaux und Basch.
sich klarmacht, daß der kleinste Funke, den Punkt des Kontinents wirst, einen a:
Bei der Einweihung eines Gefallenendenkmals in Bar-le-Duc hielt der französische Ministerpräsident P o i n- c a r e eine Rede, in der er wieder die Friedfertigkeit Frankreichs rühmte. Unsere Landsleute, so sagte er, wünschen, daß der Status Europas, so, wie ihn unsere Toten vorbereitet haben, ausgebaut wird und daß man der kleinste Funke, den man auf einen ’ llgemeinen Brand entfachen kann, durch den sämtliche Verträge
vernichtet werden würden. Gleichsam, als ob Deutschland noch keine Reparationen geleistet hätte, sprach Poincarö den Wunsch aus, daß die durch den Krieg verursachten Schäden in den Kampfgebieten endgültig wieder gutgemacht werden und daß Frankreich nicht länger die Lasten für diese Wiederherstellung zu tragen hat.
Im Gegensatz zu diesen Ausführungen wandte sich der bekannte linksstehende französische Politiker Caillaux gegen die Stimmen, die dauernd.davon sprechen, daßeine Versöhnung mit Deutschland unmöglich sei. Ein Volk müsse rechtzeitig Opfer an seinem Prestige zu bringen wissen, denn die Geschichte lehre, daß ein Volk nur dann endgültig siegen könne, wenn es seinen Sieg selbst besiegt habe.
In denselben Gedanken wandeln Ausführungen, die Professor Basch, der Vorsitzende der Liga für Menschenrechte, in Paris in einer linksstehenden Zeitung niedergelegt hat. Er verlangt daß Frankreich sich in Erinnerung an die Niederlage von 1870 in die Seele Deutschlands versetze, das durch die Feste verletzt werden müsse, die Frankreich in Erinnerung an seine Siege begehe. Man müsse begreifen, daß die Aufrechterhaltung der Rheinlandbefetzung Deutschland unerträglich erscheine, und daß es recht habe mit der Behauptung, daß keine tatsächliche Wiederversöhnung zwischen ihm und den Alliierten möglich sein könne, solange noch 60 000 fremde Soldaten sein Gebiet besetzt halten.-
Dsuischsr Wahlfisg m Prag..
Gemeindewahlen in der Tschechoslowakei.
In der Tschechoslowakischen Republik haben zu den Gemeindevertretungen Neuwahlen stattgefunden, die mit einem Wahlsieg der Deutschen in Groß-Prag endeten. Bei den letzten Gemeindewahlen im Jahre 1923 hatte der von allen deutschen Parteien mit Ausnahme der Sozialdemo kraten gebildete Block 13 543 Stimmen auf sich vereinigt. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten zählten die deutschen Wähler im ganzen 15 628 Stimmen. Diesmal erlangte die Deutschdemokratische Freiheitspartei allein 10 433 Stimmen, die vereinigten Deutschnationalen und Nationalisten 3200 Stimmen, die deutschen Sozialdemokraten 2008. Die Summe aller ergibt für die diesjährigen Wahlen 18 305 Wähler im Grötz-Prag.
Von den tschechischen Parteien geht als stärkste die der Nationalsozialisten aus dem Wahlkampf hervor, die 23 Mandate gegen 22 im Jahre 1923 erlangen. An zweiter Stelle stehen die Kommunisten mit 17 Mandaten und mit einer gleichen Mandatszahl die Nationaldemo- kraten, die als einzige Partei einen Stimmenverlust zu verzeichnen haben. Von Bedeutung ist auch der Wahlerfolg der tschechischen Faschisten, die beinahe 10 000 Stimmen auf sich vereinigen. Sie werden das erstemal ihre Vertreter in eine offizielle Körperschaft entsenden.
SerNvlksentschei-aderdieMstenabMung
Sitzung des Wahlprüfungsgerichts.
Das Wahlprüfungsgericht beim Reichstag setzte die Prüfung des Abstimmungsergebnisses beim Volksentscheid vom 20. Juni 1926 betreffend Enteignung der Fürstenvermögen fort. Die verschiedenen amtlichen Stellen haben inzwischen die mannigfachen Beschwerden über Wahlbeeinflussung nachgeprüft. Aus ihrem Bericht ergibt sich, daß die Beschwerden meist linksgerichteter Blätter im allgemeinen nicht weiter verfolgt werden könnten, weil sie zu allgemein gehalten waren und keine näheren Angaben enthielten. In einer Reihe von Beschwerden haben sie vorgesetzten Dienststellen Beamte — namentlich Amtsvorsteher —, denen Beeinflussung des Abstimmungsergebnisses vorgeworfen wurde, disziplinarisch bestraft. In anderen Füllen schweben die Ermittelungen heute noch. Nach der Entgegennahme dieses Berichtes zog sich das Wahlprüfungsgericht zur Beratung zurück.