Hersfelöer Tageblatt tzersfel-er Kreisblatt MtlicherMzeiger für den Kreis Hersfel- mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach IeierabenS / Herd und Scholle / Auterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
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Nr. 243 Montag, den 17. Oktober 1927 77. Jahrgang
Jer Kamps um das Reichsschulgesch
Von einem Parlamentarier.
Das Reichskabinett befaßte sich mit den Beschlüffen des Reichsrats zur Besoldungsordnung.
Es wurde beschlossen, in einigen Punkten, in welchen der Reichsrat von der Regierungsvorlage abweichende Beschlüsse gefaßt hatte, dem Reichstag eine Doppelvorlage zu unterbreiten. Insbesondere wird die Reichsregierung, entgegen dem Beschlusse des Reichsrats, an der Auffassung festhalten, daß am Finanzausgleich im gegenwärtigen Zeitpunkt nichts geändert werden kann.
Angesichts der Tatsache, daß der Reichsrat den Schulgesetzentwurf abgelehnt hat, beschloß das Reichs- kabinett die Vorlage des Schulgesetzes an den Reichstag gemäß Artikel 69 der Reichsverfassung in der unveränderten Form des Regierungsentwurfs.
Besoldungsgesetz wie Schulgesetz gehen dem Reichstag unverzüglich zu.
Daß die parlamentarische Auseinandersetzung über den Reichsschulgesetzentwurf nicht leicht sein würde, haben auch die Regierungsparteien gewußt. Immerhin war es doch eine Überraschung, daß der Reichsrat in seinem Bestreben, den Entwurf abzuändern, eigentlich das Gegenteil erreicht hat. Die verschiedenen Beweggründe, die die Mehrheit des Reichsrates dazu veranlaßten, sogar gegen die preußischen Vorschläge zu stimmen, haben dazu geführt, daß nun dem Reichstag nicht eine Doppelvorlage, sondern der alte Entwurf der Reichsregierung vorgelegt wird.
Es verlohnt, einen Augenblick bei der gegenwärtigen parlamentarischen Situation zu verweilen, weil es im parlamentarischen Leben Deutschlands unter der neuen Verfassung eine derartige Situ a - tion noch nicht gegeben hat. Gewiß sind Fälle vorgekommen, daß der Reichsrat irgendwelche vom Reichstag beschlossenen Gesetze mehr oder weniger erheblich ab- . LLändeLt that. UuL.vmMMt ist cs w:.; imlwL. MMhW^ daß der Reichsrat Gesetzentwürfe genehmigt hat, die vorher ihm in ganz anderer Form vorgelegen haben und von ihm gebilligt wurden, vom Reichstag aber dann einschneidend abgeändert worden sind. Wenn wirklich nun der Reichstag den Keudellschen Entwurf selbst oder nur mit unwesentlichen Abänderungen annimmt, so ist wohl sicher damit zu rechnen, daß der Reichsrat seine Zustimmung nicht gibt. Eine Zweidrittelmehrheit, die diesen Einspruch unwirksam machen würde, ist im Reichstag nicht zu erzielen, so daß nur das letzte Mittel, nämlich die Volksabstimmung, übrigbleiben würde.
Selbstverständlich würde eine Politik der Reichsregierung, die rücksichtslos den Keudellschen Entwurf durchsetzen und damit eine solche Volksabstimmung herbeiführen würde, damit rechnen müssen, diese Auseinandersetzung auch als Anlaß zu nehmen, den Reichstag auf zulösen und eine Neuwahl herbeizuführen. Die Einwände, die von der Deutschen Volkspartei gegen den Keudellschen Entwurf vorgebracht werden, können es aber nicht unmöglich machen, daß durch ein Entgegenkommen der anderen Koalitionspartei ein etwas abgeänderter Entwurf seitens der Mehrheit des Reichstages beschlossen wird, dieser Beschluß aber die Zustimmung des Reichsrats nicht findet. Zweifellos wird aber der Deutschen Volkspartei diese Brücke gebaut werden, weil sich weder das Zentrum noch die Deutschnationalen dagegen sträuben, in der Frage der Simultanschule den Anschauungen der Deutschen Volkspartei entgegenzukommen. Man weiß, daß hierüber Verhandlungen bereits zu einer gewissen Einigung geführt haben. Die Reichsregierung will demgemäß auch den Schulgesetzentwurf unverändert dein Reichstage vorlegen, doch ist damit zu rechnen, daß im Laufe der Beratungen zwischen den Regierungsparteien eine Einigung erzielt wird, der die Mehrheit des Reichstages zustimmen wird. Freilich wird die Beratung hierüber nicht ganz leicht sein, wird Zeit erfordern, aber man hofft doch, während der Wintertagung zum Ende zu kommen.
Man kann es vielleicht bedauern, daß gerade eine derartige Sache, wie es der Reichsschulgesetzentwurf ist, die Regelung der Kindererziehung, zum Gegenstand verzwickter Parteiverhandlungen gemacht werden muß. Hinzu kommt, daß die Reichsregierung hierüber auch in eingehende Verhandlungen mit den Ländern wird treten müssen, zumal die Interessen und Anschauungen gerade bei diesen sehr weit auseinandergehen. Der Hauptträger des Widerstandes gegen den Keudellschen Entwurf ist die preußische Regierung, also eine Koalitionsregierung. Und dort ist das Zentrum beteiligt das im Reich den Entwurf der Regierung unterstützt Innerlich ist es Gegner einer weiteren Bevorzugung der Simultanfchule, also gerade des springenden Punktes. Es kann in Preußen seinen Einfluß auf die gleichfalls in der Regierung sitzende Sozialdemo- kratie benutzen, um die Mehrheit des Reichsrates zu einer anderen Stellungnahme zu veranlassen. Man hat in der Zentrumspartei Wert darauf gelegt, nicht verheimlichen zu lassen, daß die Zentrumsmitglieder des preußischen Kabinetts überstimmt worden sind. Hier liegt vielleicht der Ansatz zu einem Mittelweg, tote er ubrrgens in Baden auch schon gefunden ist, den zu beschulten aber bte Mehrheit des Reichsrats vorläufig noch abgelehnt hat
Ohne Rücksicht darauf wrrd aber der Reichstag nicht allzuviel Zeit brauchen, um einen gangbaren Mittelweg vorzuschlagen, hat sich doch der Bttdunasausschub des
Der Gesandtenmord in Drag
Der albanische Gesandte in Prag getötet.
Ein Mord aus politischen Gründen.
Der kürzlich für Prag ernannte albanische Gesandte Cena Beg Kryeziu, gleichzeitig albanischer Gesandter in Belgrad, wurde im CafS Passage am Wenzelsplatz in Prag das Opfer eines Attentats. Ein junger Mann stürzte sich in dem Augenblick, als der Gesandte in der Garderobe seinen Mantel holen wollte, auf den Gesandten und gab aus unmittelbarer Nähe einen Revolverschutz auf ihn ab. Der Gesandte brach sogleich zusammen. Das Publikum, das sich auf den Täter gestürzt hatte, über- gab ihn der Polizei. Der Gesandte wurde von der Rettungsstation sofort in ein Krankenhaus übergeführt, ist aber auf dem Transport dorthin gestorben.
Der Attentäter ein 23jähriger Student.
Zu dem Anschlag auf den albanischen Gesandten werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Der Täter besuchte bereits seit drei Tagen das Cafe Passage. Am Tage des Attentats hatte er unmittelbar am Eingang des Cafes in der Nähe der Garderobe Platz genommen. Der Gefandte saß im ersten Stock des Kaffeehauses. Unmittelbar vor Ver- übung der Tat trank der Täter drei Kognaks. Nach dem Attentat übergab er den Revolver dem Oberkellner und den Reisepaß dem ihn verhaftenden Schutzmann. Der Täter spricht französisch, italienisch und deutsch. Augenzeugen des Attentats erklären, daß der Angreifer auf Cena Beg zweimal, und zwar von rückwärts geschossen hat. Nach der Tat benahm sich der Täter vollkommen ruhig; er wurde sofort dem nächsten Polizeikommttsariat zugeführt, wo er einem Verhör unterzogen wurde. Bei dem Verhör erklärte er, Algiviadh Bebi zu heißen und im Jahre 190-1 in Elbassan in Albanien geboren zu sein. Er sei Student. Auf die Frage, warum er das Attentat verübt habe, antwortete er, die Motive seien politischer Natur. Er habe Cena Beg erschossen, weil dieser seine Heimat Albanien an Jugoslawien verkaufen wollte. Nach dem Verhör im Polizeikommissariat wurde Bebi in die Polizeidirektion übergeführt, wo das Verhör fortgesetzt wurde. Die Tat hat in Prag große Erregung hervorgerufen. Große Menschenmassen versammeln sich in der Nähe des Casös, in dem der Mord begangen wurde.
Die Persönlichkeit des Getöteten.
Der ermordete Gesandte Cena Beg hat ein Alter von 32 Jahren erreicht. Er wurde in Djakowo als Sproß eines der angesehensten Adelsgeschlechter Albaniens geboren. Sein Vater war erster Adjutant am Hofe des türkischen
Reichstages seit nicht weniger als sechs Jahren mit den verschiedenen Reichsschulgesetzentwürfen befaßt, so daß sich längere Auseinandersetzungen erübrigen. Wenn aber die Dinge wirklich hart auf hart stoßen sollten, so bleibt eben nichts anderes übrig, als das Volk selbst in dieser Frage entscheiden zu lassen.
SerMederaufbauberdeutschenSchiffahrt
Reichskanzler a. D. Cuno spricht in Wien.
Der frühere deutsche Reichskanzler Dr. Cuno, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Direktoriums der Hamburg-Amerika-Linie einen Vortrag in der östereichifchen Handels- und Gewerbekammer hielt, hat in der deutschen Gesandtschaft Wohnung genommen. Er empfing Vertreter der Wiener und der reichsdeutschen Presse, die mit großem Beifall eine Aussprache über die Bedeutung wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Österreich wie überhaupt aller Länder Europas von ihm entgegennahmen. Dann stattete er dem Bundeskanzler Dr. Seipel einen Besuch ab.
In seiner Rede vor der Wiener Handels- und Gewerbekammer führte Dr. Cuno aus: Nach dem völligen Verlust der Handelsflotte besitze Deutschland heute wieder eine Flotte von 3,4MillionenBrutto-Register- tonnen und stelle seinem wirtschaftlichen Hinterland ein über den ganzen Erdball sich erstreckendes Liniennetz zur Verfügung. Deutschland habe heute wieder
den sechsten Platz unter den Schiffahrtsländern der Welt inne, aber im Verhältnis zur Größe der Bevölkerung Mitteleuropas, zum Umfang feines Außenhandels und der Bedeutung seiner Industrie eine immer noch viel zu kleine Handelsflotte, die dafür aber den' größten Prozentsatz an neuer Tonnage besitze. An der Spitze der einzelnen Gesellschaften stehe die Hambmrg- Amerika-Linie mit etwa 1,03 Millionen Brutto- Registertonnen, die allerdings nicht allein durch Neubauten nach dem Kriege entstanden seien, sondern in nicht geringem Maße auch durch Fusionen. Der Norddeutsche Lloyd, dessen Entwicklung in der Nachkriegszeit etwa die gleiche wie die der Hamburg-Amerika-Linie gewesen sei, besitze ebenfalls durch Neubauten und Fusionen heute eine Flotte von etwa 850 000 Brutto-Registertonnen. Von besonderer Bedeutung für die Stabilität der Frachten sei das Streben der deutschen Reedereien nach dem Kriege gewesen, wieder den Anschluß an die internationalen Linien und Reedereiverbände zu gewinnen.
Sultans. Cena Beg ist der Schwager des albanischen Staatspräsidenten Achmed-Bei Zogu; er hat dessen Schwester zur Frau. Bis zum März dieses Jahres herrschte zwischen Achmed-Bei und Cena Beg engstes Einvernehmen. Als Achmeds Politik während des Jahres 1926 stark in italienisches Fahrwasser geriet, wurde Cena Beg als albanischer Gesandter aus Tirana nach Belgrad abgeschoben. Hier geriet er allmählich in immer stärkeren Gegensatz zu dem albanischen Staatspräsidenten, da er dessen italophile Politik nicht mitmachen wollte. Achmed ließ ihm mehrfach Schreiben zukommen, in denen er seinem Schwager die Entrüstung über dessen südslawenfreundliche Haltung zum Ausdruck brächte. Anläßlich der italienisch-südslawischen Spannung im Frühjahr dieses Jahres kam es zwischen Achmed und Cena zum offenen Bruch. Einer wiederholten Aufforderung, nach Albanien zurückzukehren, kam er nicht nach, da er dort wegen feiner politischen Einstellung zugunsten Süd- slawiens für sein Leben fürchtete. Nun hat ihn auch in der Fremde die tödliche Kugel getroffen.
"^" Die Vernehmung des Gesandtenmörders.
Der Mörder des Gesandten Cena Beg, der Student Algiviandh Bebi, wurde in das Landesstrafgericht übergeführt. Seine Vernehmung ergab, daß er seit sechs Jahren in dem römischen Collegio di Monte Mario studierte. Er war ein fleißiger Leser aller möglichen Schriftsteller, aus denen er eine pessimistische Lebensanschauung geschöpft haben will. Er stammt aus einer armen Familie, und da ihm das karge Sttpendium der albanischen Regierung nicht genügte, fei er aus Rom in seine Vaterstadt Elbassan zurückgekehrt. Dort hätten ihn Gedanken über das Schicksal und die Not seines Vaterlandes beschäftigt. Da er die Hauptschuldigen dafür in Cena Beg und der gegenwärtigen Regierung erblickte, habe er den Vorsatz gefaßt, Cena Bea ru beseiliaen. Er fuhr ihm nach Belgrad und. als er ihn dort nicht antraf, nach Prag nach, wo er sich im Hotel „Balkan" einmietete und gar keinen Verkehr hatte. Er versuchte, zu Cena Beg zu gelangen. Er verschaffte sich nun eine Photographie des Gesandten aus einem illustrierten Blatte und folgte ihm in das Gase Passage, wo er ihn mit einem gewöhnlichen Trommelrevolver niederschoß, den er sich bereits vor drei Jahren verschafft hatte, als er sich nach dem Tode feines Vaters mit Selbstmordgedanken getragen hatte.
Die Leiche CenaBegs wird in das gerichtsmedizinische Institut gebracht, wo sie obduziert werden wird. Wegen des Begräbnisses wartet man die Dispositionen seines auf der Reise von Belgrad nach Prag befindlichen Bruders ab. Der tschechoslowakische Außenminister Dr. Benesch hat der albanischen Regierung aus Anlaß der Ermordung des Gesandten Cena Begs das Beileid ausgesprochen.
Der Ausbau der Reichswasserstraßen.
DiskusfionimReichswasferstraßenbeirat.
In Berlin tagte der Hauptausschuß des Reichswasser- straßenbeirats unter dem Vorsitz des Reichsverkehrsministers Dr. Koch. Dem Reichsverkehrsministerium wurde dringend nahegelegt, sich einer Streichung des geplanten Baues einer zweiten Oderschleuse bei Ransern im Interesse der Rationalisierung der Oderschiffahrt zu widersetzen. Es wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß es doch noch gelingen möge, die preußische Geldbeteiligung zum Durchstich bei Havelberg zur Behebung der dortigen Hochwassernot so rechtzeittg zu erlangen, daß noch in diesem Rechnungsjahr mit der Ausführung dieses Teilprojektes begonnen werden könnte.
Die Gefährdung des Verkehrs durch den jetzigen Zustand der Schleusenanlagen bei Niederfinow wurde besonders hervorgehoben. Unerträglich würde es sein, wenn infolge der bekannten äußerst schwierigen Bodenverhältnisse jener Gegend der Zusammenbruch einer Schleuse die Schiffahrt auf Jahre hinaus lahmlegen sollte. Ebenso wurde die Richtigkeit des Wunsches des Reichsverkehrsministers anerkannt, den Mittellandkanal pro- grammäßig, d. h. in sechs Jahren, zu bauen.
Flucht vor dem Faschistenierror.
Schikanen an einem ehemaligen Abgeordneten Südtirols.
Der auf der Flucht aus Südtirol in München eingetroffene ehemalige deutsche Abgeordnete im italienischen Parlament in Rom, Rechtsanwalt Reut- N i c o l u s s i, gab als Grund seiner Flucht aus Südtirol folgendes an: Ich'bin aus Italien geflohen, weil ich jeden Tag die Zwangsverschickung zu gewärtigen hatte. Die Präfektur hatte mich aus der Anwaltsliste gestrichen und meine wirtschaftliche Existenz dadurch vernichtet. Ich nahm lieber die Gefahren einer Flucht auf mich, als Die unaufhörlichen Schikanen zu ertragen. Das Verbrechen, das ich beging, war, daß ich vor einem Bozener Gerichtstribunal eine junge deutsche Lehrerin als Rechtsanwalt verteidigt habe, als sie wegen unerlaubten Unterrichts der deutschen Sprache an Schulkindern angeklagt war. Auf der Flucht begleiteten mich meine Frau und mein Sohn. Wir haben in Nacht und Sturm Die Otztaler Alpen überquert und haben schwere Strapazen durchgemacht.