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HersfelöerTageblatt HersfelSer Kreisblatt /imtlichsr Anzeiger für den Kreis hersfelS

mit den Beilagen: Hetmalschollen / Illustriertes Anlerhalinngsblati / Nach Feierabend / Gerd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

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Nr. 240

Donnerstag, den 13. Oktober 1927 77. Jahrgang

Räumen! Räumen!

Trotz der steigenden Unruhe, die das innenpolitische und wirtschaftliche Leben in Deutschland erfüllt, sollte man als Deutscher doch nicht so ganz vergessen, daran zu denken, daß wieder einmal dieRegelung" der Besatzungsfragen im Rheinland eine nicht minder wichtige Angelegenheit darstellt. Nicht umsonst ist die Reise, die der deutsche Reichskanzler jetzt in das besetzte Gebiet hinein veran- staltet, gerade in einen Zeitpunkt gefallen, der die Durch­führung eines Versprechens der Besetzungsmächte bringen sollte. Bei weitem noch übersteigt die Stärke der Be­satzungsarmee die Zahl jener deutschen Truppen, die vor dem Kriege dort in Garnison standen; sie auf diese Zahl herabzusetzen, hat man zwar schon vor zwei Jahren ver­sprochen, aber dieses Versprechen halten ist eben etwas ganz anderes!

Der Reichskanzler ist denn auch bei seinem Auf­enthalt in Koblenz und in Mainz recht deutlich geworden; bleibt uns doch wenigstens als letzte, allerdings stumpfe Waffe das Wort. Der Mainzer Oberbürgermeister wies darauf hin, daß feine Stadt fünftausend Mann frem­der Besatzung mehr in seinen Mauern beherbergen muß gegenüber einer Friedensgarnison von rund 10 000 Mann. Was aber dabei auch besonders schwer zu tragen ist, sind die geradezu maßlosen Wohnungsansprüche, die von der Besatzungsarmee gestellt werden. Mehr als 2100 Woh­nungen mit rund 10 600 Zimmern sind beschlagnahmt. In den anderen größeren Städten Rheinhessens sieht es nicht viel anders aus; mußten doch selbst Orte, in denen nie eine deutsche Garnison gelegen hat, Besatzungstruppen aufnehmen. Wenn die Engländer einmal vernünftig sind und einen Platz räumen, dann kommen die Franzosen und belegen den Ort wie Bonn und Koblenz aufs neue. Dr. Marx betonte denn auch sehr richtig, daß eine Herab­setzung der Besatzungsstärke an sich zu begrüßen sei, es aber, doch in der Natur der Sache lipge, daß dadurch an dem gesamten Tatbestand der Besetzung nichts geändert werde. Jetzt ist davon, infolge der Räumung der ersten Zone, die aber von einer entsprechenden Verminderung der Gesamtstärke nicht begleitet wurde, Hessen ganz beson­ders belastet. Bei der leider vorhandenen, aber doch tat­sächlich überflüssigen Rivalität zwischen den englischen und den französischen Befatzungstruppen ist noch weniger damit zu rechnen, daß die Lasten fühlbar erleichtert wer­den. Man hofft natürlich auf eine stärkere Unterstützung durch Reichshilfe; aber noch sind nicht einmal jene Wun­den ganz geheilt, die auch dem Rheinland durch das fran­zösische Vorgehen im Jahre 1923 geschlagen wurden.

Pessimistische Gemüter sind auch der durchaus nicht unrichtigen Ansicht, daß die kürzliche Z u s a m m e n - kunst zwischen dem englischen und dem französischen Außenminister in Parrs wieder mit einem Siege der zielbewußten Verzögerung>-- politik wohlbekannter Pariser Kreise geendet hat. Nur einen wohlbekannter Pariser Kreise geredet hat. Nur einen Brüchteil des in Locarno und erst noch jüngst Ver­sprochenen, außerdem verteilt auf einen möglichst langen Zeitraum, will man uns gnädigst erfüllen und lehnt es schroff ab, auch nur die geringsten Einzelheiten dessen be- kanutzugeben, was man an angeblicher Besatzungsvermm- derung nun wirklich ausführen will. Es bleiben die Rheinlandordonnanzen", die über das Rheinlandabkom­men hinaus mit stärkstem Druck auf der deutschen Bevölke­rung lasten; es bleiben die Manöver der fremden Truppen im angeblich doch neutralisierten Rheinland. Mögen wirk­lich ein paar Tausend verschwinden es bleibt die Tat­sache, daß eine solche Herabsetzung an dem gesamten Tat­bestand der Besetzung nicht viel ändern kann."

Der Reichskanzler in Speyer.

Reichskanzler Dr. Marx ist in Fortsetzung seiner Be­sichtigungsreise durch das besetzte Gebiet von Mainz nach Speyer gereist. Aus Anlaß der Anwesenheit des Reichs­kanzlers fand im Regierungsgebäude ein Empfang statt. Nach dem Empfang begab sich der Reichskanzler in Be­gleitung des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Held und des bayerischen Ministers des Innern Dr. Stützel an den Rhein wo er sich von den auf die Dauer unhaltbaren Ver­hältnissen an der Schiffbrücke und der Notwendigkeit einer festen Rheinbrücke durch persönliche Inaugenschein­nahme überzeugte. Nach der Besichtigung des Domes und des Pfälzischen Museums stattete der Reichskanzler unter anderem dem Bischof von Speyer, Dr. Sebastian, und dem protestantischen Kirchenpräsidenten der Pfalz, Fleischmann, einen Besuch ab.

*

Ludwigshafen gegen die Besetzung.

Der Stadtrat von Ludwigshafen hat einstimmig eine Entschließung angenommen, in der der Enttäuschung dar­über Ausdruck gegeben wird, daß noch immer deutsches Land von fremden Truppen besetzt ist. Solange fremde Truppen entgegen den Bestimmungen des Frredensver- trages weiterhin auf deutschem Boden stehen, kann, so heißt es weiter von einer wahren Befriedung Europas nicht ge- sprochen werden. Mit allem. Nachdruck wird gefordert daß der deutsche Rechtsanfpruch auf Räumung des besetzten Gebietes schnellstens erfüllt wird, ohne daß hier- für irgendwelche weiteren Zugeständnisse gemacht werden. Außerdem erneuert der Stadtrat dre Vrtte, daß die baye- rische Reaieruna und die Reichsregierung nichts uyver-

6* Sjemsliiie zu gleicher Zeit

Hochbetrieb über dem Atlantik.

Zwei deutsche Ozeaufluge.

Am Mittwoch ist nun auch das Heinkel-Wafferflugzeug D. 1220" zu seinem Langstreckenflug nach den Azoren ge­startet. Nachdem es vor wenigen Tagen einen neuen Dauerweltrekord für Schwimmflugzeuge aufgestellt hat, war zu erwarten, daß die Heinkelmaschine sich bald auf die große Luftreise über den Atlantik bcgeben würde. Der Führer der Maschine ist Diplomingenieur Nerz, der bereits seit 1913 im Flugwesen erfolgreich tätig ist. Für den Ozeanflug kommt ihm zustatten, daß er als alter Marinemann die Azoren und die amerikanische Küste aus­giebig kennt. Während der letzten Zeit hat Nerz ein Flug­zeug der Deutschen Lufthansa auf der Strecke nach Stock- holm regelmäßig gesteuert. An Bord befinden sich ferner ein Funker und Hilsssteuerma m Wilhelm Bock, ebenfalls ein früherer Marineoffizier, und als Dritter der Monteur Rohde.

DieD. 1230" wird ihren Flug von Lissabon aus nach den Azoren jetzt ebenfalls fortsetzen. Die Bewohner der kleinen Atlantikinseln sind ebenso wie die ganze Welt ge­spannt, welches der beiden deutschen Flugzeuge dort zuerst eintreffen wird.

Berlin, 12 Oktober.

Wie W. T. B. erfährt, ist das Heinkelflugzeug D. 1220 bet Brunsbüttel gelandet, weil sich gleich zu Beginn des Fluges ein Defekt am Kühler herausstellte. Bet der Landung verlor die Maschine f en Anker. Sie bleibt nun bis morgen früh bei BrunSbüttel liegen, damit inzwischen der KMerdefx kt behMn .mC ein seit er Anker Warenmünde beschafft werden kann.

Französische Südamerikaflüge.

Der Südamerikaetappenflug der Franzosen scheint guten Erfola zu haben. Die Viloten Costö und le Brie

sucht lassen, daß Ludwigshafen baldigst von der militä­rischen Besatzung befreit wird und daß auch die sonstigen französischen Dienststellen aus dem Stadtgebiet zurück- gezogen werden.

Berliner Solelflaggenstreit beigelegt.

Der Einigungsbeschluß.

Eine Rücksprache, die zwischen dem Verein Berliner Hotels und verwandter Betriebe, dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann und dem Staatssekretär des preu­ßischen Staatsministeriums Dr. WeismaNn stattge- funden hat, führte zu folgendem Ergebnis:

Es wurde klargestellt, daß der Verein Berliner Hotels niemals einer Mißachtung der schwarz-rot-goldenen Reichsflagge Ausdruck gegeben und keine verfassungs- seindliche Kundgebung veranstaltet hat. Der Verein wird den Wünschen der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung entsprechend sich dafür einsetzen, daß künftig in allen Fällen, in denen aus nationalen Anlässen geflaggt wird, die Reichsflaggen gezeigt werden; ebenso werden die Reichsflaggen dann gehißt werden, falls sich die Notwendigkeit ergeben sollte, eine fremde Staatsfahne aufzuziehen. Die preußische Staatsregierung wird das Ersuchen des Ministerpräsidenten vom 25. August und die daraufhin von den Staatsministern herausgegebenen Verfügungen zurücknehmen.

Der preußische Ministerpräsident Braun hatte bekannt­lich den ihm Nachgeordneten Beamten untersagt, solche Hotels oder Gasthäuser zu besuchen, welche bei ent­sprechender Gelegenheit nicht die Reichsflagge zeigen.

Der Magistrat der Stadt Berlin, der sich dem Vor­gehen der preußischen Regierung seinerzeit anschloß, hat sich bereits mit der Angelegenheit beschäftigt und wird sich vermutlich der Einigung anschließen, erblickt jedoch in der jetzigen Regelung noch keinen endgültigen Abschluß.

Probleme des Unfallschutzes.

Die Tagung des Internationalen Arbeitsamts.

Der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeits­amtes ist in die Beratung über den Rechenschaftsbericht des Direktors Thomas eingetreten. Es wurde beifällig zur Kenntnis genommen, daß die Zahl der Ratifikationen sich neuerdings erhöht habe. Sie beträgt nunmehr 244. Neben der vom Reichsarbeitsminister Dr. Brauns mit­geteilten Natifizierung des Übereinkommens über den Mutterschutz durch Deutschland sind neuerdings wieder fünf belgische und zwei norwegische Ratifizierungen zu verzeichnen. Die weitere Diskussion befaßte sich ins­besondere mit den Problemen des Unfall­schutzes. Hervorzuheben ist die Ergänzung des Aus­schusses für Unfallverhütung beim Internationalen Arbeitsamt durch ein deutsches Mitglied, Mini- sterialrat Dr. Bauer vom Reichsarbeitsministerium, dem zuständigen Referenten für Gewerbehygiene. Weiter kamen Fragen zur Sprache, die die einheitliche Regelung des Arbeiterschutzes in Häfen betreffen.

sind mit dem Flugzeug'Nungesser-Coli" in St. Louis im Staate Senegal gelandet, herzlich begrüßt worden und bereits nach Brasilien weitergeflogen. Zwei weitere fran­zösische Flieger, Leguin und Mermoz, die sonst den regel­mäßigen Dienst von Toulouse nach Afrika versehen, star­teten gleichfalls und trafen ohne Zwischenlandung glatt in St. Louis (Afrika) ein.

Atlantikflüge von Amerikanerinnen.

Eine Sensation bieten zwei waghalsige Unternehmun­gen amerikanischer Damen, die ohne Zwischenlandung von Amerika aus über den Ozean nach Europa kommen wollen. Es ist dies erstens Miß Ruth Elder, die von Roosevelt-Field bei Newyork mit einem einmotorigen Land-ÄeroplanAmerican Girl" (amerikanisches Mädchen) nach Paris fliegen will. Der erfahrene Pilot Haldemann begleitet sie.

Miß Elder ist eigentlich Z a h n a r z t g e h i l f i n und hat erst vor kurzer Zeit das Flugexamen gemacht. Für ungünstige Wetterverhältnisse ist ihr Flugzeug nach fach­männischer Ansicht nicht geeignet und sie muß eine gute Portion Glück haben, um ihr waghalsiges Unternehmen erfolgreich durchführen zu können. Echt jungmädchenhaft stieg sie, nur mit einem leichten Sportkostüm bekleidet, in das Flugzeug und sagte lächelnd, daß ihr die Gattin des französischen Botschafters in Paris schon eine Seidenrobe entgegenreichen würde, 'damit sie als ganze Dame in der Stadt der Eleganz auftreten könne. Eine Glückspuppe, einen Glücksring und eine Bibel hält die junge Ameri­kanerin für ebenso wichtiges Rüstzeug wie Gummianzüge, Leuchtpistolen und Raketen.

Etwas ernsthafter mutet der Flug der Nichte des ver- storb^nen PrWderuc.l WUson, M Gr a y son, an, die einen Langstreckenrekord von Amerika nach Kopenhagen anstrebt. Sie startete in Old Orchard im Staate Maine mit dem FlugzeugThe Dawn" (Dämmerung) und hat an Bord noch einen Militärpiloten und einen Mechaniker.

Die Besoldungsreform im Reiche.

Keine Entschädigungen an die Länder.

Reichsfinanzmtnister Dr. K ö h l e r hat kürzlich die Vor­lage zur Reichsbesoldungsreform dem Reichsral zugehen lassen, der sich augenblicklich mit der Angelegenheit beschäftigt.

Dr. Köhler betont zunächst in der beigegebenen Begrün­dung die Tatsache, daß alle Ergänzungen der Beamtengehälter, gemessen an den Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren, unzureichend waren. Seit Dezember 1924 sind die Beamten­bezüge, heißt es, nicht mehr erhöht worden, während die Kosten der L e b e n s h a l' n g weiter gestiegen sind. Die heutigen Gehälter sind so tm w, daß der Beamte allen besonde­ren Ausgaben hilflos gegenübersteht. Nach einer Erwägung über die Aufbringung der Kosten lehnt der Reichsfinanzmmister die Änderung des F i n a n z a u s g l e i ch s ab, denn bei stimm Abschluß sei bereits mit der Erhöhung der Beamtenbezüge ge­rechnet worden, und er gehe schon bis zu der Grenze,die vom Standpunkt des Reiches aus gesehen, vertretbar erscheint und nicht überschritten werden kann". Ebensowenig komme aber eine Gewährung der Reichsdotation an die Länder in Frage. Die neue Besoldungsreform müsse aber auch eine Änderung des Besoldungsrechtes aus organisato­rischen Gründen mit sich bringen, denn als man 1920 dreizehn Besoldungsgruppen ausstellte, habe man nicht das Schema den vorhandenen Beamten, sondern die vorhandenen Beamten dem neuen Schema angepaßt. Dieses System habe große Mängel gezeigt, da in derselben Gruppe ganz verschieden geartete Beamte zusammentrafen. Eine Nachprüfung des Ortsklassen- Verzeichnisses solle bald erfolgen.

Das Zukraflireten der neuen Kirchengesetze

Zusammentritt des Kirchensenats.

Der in Berlin versammelte Kirchensenat der evange­lischen Kirche der altpreußischen Union faßte Beschluß über die Inkraftsetzung der von der Generalsynode im Mai dieses Jahres beschlossenen Kirchengesetze. Nachdem die Verhandlungen mit der preußischen Staatsregierung und mit den zuständigen Behörden in den außerpreußischen Teilen des Kirchengebietes im wesentlichen abgeschlossen sind, können die Gesetze alsbald verkündet werden. Als Termin für das Inkrafttreten (Gesetz über die Pfarrer­bildung, Vikarinnengesetz, Kirchengemeindebeamtengesetz) wurde der 1. April 1928 in Aussicht genommen.

Zu dem Stand der Verhandlungen über das Reichsschulgesetz nahm die oberste Kirchenleitung in eingehenden Beratungen Stellung, ebenso zu den neuesten Verordnungen und Gesetzentwürfen des Reichs- finanzministeriums und den daraus dem k i r ch l i ch-e n Steuerwesen erwachsenden Gefahren. Mit Befriedi­gung nahm der Kirchensenat Kenntnis von der V e r - st ä n d i g u n g zwischen Kirche und Staatsregierung über die Anpassung der wirtschaftlichen Versorgung des Pfarrerstandes auch an die für Staatsbeamte, Lehrer usw. angeordnete Gewährung von Gehaltsvorschüssen.