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tzersfelöer Tageblatt

Anzeigenpreis: die einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, öie Reklamezeile 50 Pfennig. (Grunöschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preis- Nachlaß gewährt. Zür die Schristleitung verant­wortlich: Kranz §unk in Hersfelö. Kernsprecher Nr. 8

Hersfelüer Kreisblatt

Amtlicher MZeiger Dr den Kreis Hersfelö

Monatlicher Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.20 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark druck und Verlag von Ludwig Kunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VSZV.

mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Gerd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 230 (Erster Statt)

Sonnabend, den 1. Gttober 192t

77. Jahrgang

Der Amtsschimmel.

Die kochende Volksseele. Kurzsichtigkeit oder Übereifer? Leichter Korruptionsgeruch.

In unserer wirklich nicht sehr ersreulichen Gegenwart ist es immer eine fröhlich begrüßte Aufherterung des Da­seins, wenn die Kunde kommt, daß sich rrgendeme Behörde ein Stückchen geleistet" hat, das berm durchschmttlrchen Zeitgenossen ein heftiges Schütteln des Kopfes hervor- ruft. Man lacht ein bißchen, ärgert sich ein bißchen regt sich aber nicht übermäßig auf, weil man weiß, daß Fehl­griffe überall Vorkommen, in allen Behörden der Welt. Nicht bloß bei den Behörden, sondern auch anderswo, ^m stillen sind wir in Deutschland ein wenig stolz darauf, daß bei uns solche Fehlgriffe vielleicht doch seltener sind als z. B. in den Vereinigten Staaten, die ja die Freiheit derartig in Erbpacht genommen zu haben glauben, daß sie deren Statue als Leuchtturm am Newyorker Hafen aus- stellten; allerdings kehrt sie dem Lande den Rucken zu!

Ärgerlicher wird es schon, wenn der Kreis derBe­troffenen" ein größerer oder ganz großer wird. Dann beginnt bekanntlichdie Volksseele zu kochen So hat der Berliner Polizeipräsident die Absicht der Auto- droschkenbesitzer, zu billigerem Preise als bisher fahren zu lassen, in heftigem Kampf verhindert und kein Mensch, weiß, warum das geschieht. 2(He§kocht , die Autobesttzer die Chauffeure und diejenigen Teile der Volksseele, ore sich ein Droschkenauto heranwinken. Es sind nicht gerade Liebenswürdigkeiten, mit denen man natürlich nicht öffentlich den Polizeipräsidenten nebst Verkehrsdepu- kation bedenkt. Das schlimmste ist, daß man die Gründe für diese Maßnahme nicht kennt; man fühlt sich allzusehr " Da rebelliert derUntertanenverstand". Genau wie eine bis auf den Buchstaben getreue Ausführung von Gesetz und Recht zum größten Unrecht werden kann, so treibt in der Verwaltung dieses an und für sich lobens­werte Verhalten manch' seltsame Blüte hervor. Ein eng­lischer Student versäumt es Ms Krer:khe-.tsgrunden mn zwei Tage, sein Aufenthaltsvisum zu verlängern. Ll« Folge ist Anzeige der Polizeibehörde bei der Staats- anwaltschaft. Lange, hochnotpeinliche Untersuchung, schließlich Gerichtsverhandlung und Bestrafung zu 50 Mark. Alles wegen der zwei Tage Versäumnis! Und ehe man ihm das Visum nun wirklich verlängern wA soll er die Strafe bezahlen; sonst kriegt er es nicht. Er darf also keine Berufung einlegen, weil er sonst als lästiger Ausländer" ausgewiesen werden kann.

Gallige Gemüter murmeln:Das dient zurHebung des Fremdenverkehrs, über die so viele und so lange Reden gehalten werden!" Gewiß, eine Ausnahme bleibt ein derartiges Fehlgreifen; aber leider findet gerade solch' ein Fehlgreifen ein besonders lautes, unerwünschtes Echo. Durchaus nicht immer sind Kurzsichtigkeit oder Über­eifer, krampfhaftes Sichanklammern an den Buchstaben etwa bloß derunteren Instanzen" schuld, wenn derartig unerfreuliche Vorkommnisse sich ereignen; auch die oberen sind durchaus nichtfrei von Schuld und Fehle".

Bei uns in Deutschland wird eben und daran hat die Staatsumwälzung wenig geändert doch wohl etwas viel viele behaupten: zuvielregiert", werden aus diese Weise Dinge erledigt, die man viel besser nicht durch eine Behörde bearbeiten ließe. Diese Mahnung richtet sich aber nicht etwa bloß an Reich und Länder, sondern vielleicht noch mehr an die Kommunen. Ein Beispiel: Die Stadtverordnetenversammlung einer schlestschen Stadt beschließt, das öffentliche Anschlagwesen nicht mehr an einen der beiden ortsansässigen Buchdrucker zu verpachten, wie das bisher geschehen war, sondern in eigene Regie zu nehmen. Sollte man das Anschlagwesen aber doch wieder verpachten, dann sollte keiner dieser beiden Buch­drucker dafür in Frage kommen, sondern einNeu­traler", obwohl der bisherige Pächter weitaus das höchste Angebot machte.

Warum diese höchst überflüssige Kommunalisierung, durch die die Privatwirtschaft geschädigt wird? Zudem werden dann allzu leicht Vorwürfe laut, daß wie man jetzt auch wieder in Berlin behauptet zwischen Stadt­verordneten und solchen Betrieben Beziehungen entstehen können, die einen leichten Korruptionsgeruch aushauchen. Dann sängt die Sache an, überaus ernsthast zu werden.

Reichslmylemise ins beschie Gebiet.

Vom 10. bis 12. Oktober.

Der schon angekündigte Aufenthalt des Reichskanz­lers Dr. Marx im besetzten Rheinland wird sich vom 10. bis 12. Oktober erstrecken. Der Kanzler unternimmt die Reise in seiner Eigenschaft als Minister für die be­setzten Gebiete. Am Montag, den 10. Oktober, wird in Koblenz eine Besprechung mit dem Reichskommissar für die besetzten Gebiete stattfinden. Sodann wird der Reichskanzler eine Besprechung mit dem preußischen Ober­präsidenten haben. Der Reichskanzler wird am gleichen Tage die Presse der besetzten Gebiete zum- Tee zu sich bitten. Am Dienstag wird die Reichsvermögensverwal­tung besucht werden. Es ersolgt dann die Weiterreise nach Mainz, wo den Vertretern des besetzten hessischen Gebietes Gelegenheit zur Rücksprache gegeben wird. Am 12. ist der Reichskanzler in S p e y e r und trifft dort mit den bayerischen Vertretern zusammen. Am Donnerstag vormittag wird er wieder in Berlin sein. ;

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St. Louis vom Tornado verwöstet.

über 100 Tote.

Nachdem erst vor einigen Tagen Japan und dann die Philippinen von einer Sturmkatastrophe heimgesucht waren, kommt nun die Nachricht, daß St. Louis und die Mississippi-Missourigegend grauenvoll verwüstet ist. Ein Tornado entsteht dann, wenn der aus Nordwesten kom­mende kalte Luftstrom den von Südwesten nach Nord­osten strömenden heißen in der Flanke trifft. Bei der großen Schnelligkeit dieser Strömungen entsteht ein Luft­wirbel, der eine ungeheure vernichtende Kraft entwickelt.

Der Tornado erreichte eine Stundengeschwindigkeit von 90 Meilen und war von heftigem Regen begleitet. Außer Samt Louis wurden vor allem die Nachbarorte Granite City und Benice heimgesucht. Außerdem ist die Ortschaft Rudy (Arkansas) nahezu völlig vernichtet wor­den. Allein in St. Louis sind Tausende von Häusern völlig zerstört worden. Der Eigentumsschaden wird auf 75 Dollarmillionen geschätzt.

Die Drahtverbindungen sind teilweise unterbrochen, so daß die Welt über das ganze Ausmaß der Katastrophe nur langsam unterrichtet werden kann.

Zur Wirbelsturmkatastrophe am Mississippi.

Der Himmel hatte sich bei Eintritt des Tornados ver­dunkelt und durch die Luft wirbelten große und kleine Ge­genstände, Dächer wurden abgedrüt, Telegraphenmasten und Automobile umgeworfen, Tausende von Bäumenentwurzelt; kleine Häuser wurden durch

905 Wtz fordert Selbjtoeriooltoog

Sie iteltgebüdeie GMspsrlej.

Zwei Rassen.

In ihrer soeben erschienenen Nummer veröffentlicht Die Zukunft", das Organ der vor einigen Tagen in Straßburg gegründeten Autonomistenpartei (Partei für Selbstverwaltung), das Programm für die Arbeit der Partei.

Das Programm spricht sich für Zusammenarbeit und Vereinigung der Völker aus. Es stellt fest, daß die Elsaß- Lothringer ein aus zwei Rassen zusammengesetztes Volk bilden, das das Recht hat, über die Art und Weise seiner politischen Existenz zu bestimmen. Dieses Recht wird am besten garantiert durch die Selbstverwaltung, bestehend in der Schaffung einer elsaß-lothringischen Volksvertretung mit gesetzgeberischen und aussührenden Machtbefugnissen. Die Partei wendet sich gegen den Vorwurf des Separa­tismus, da die Selbstverwaltung Elsaß-Lothringens im Rahmen des französischen Staates verwirklicht werden könne, wenn dieser seinen guten Willen und sein poli­tisches Können zeige. Das Endziel der Partei sei die Schaffung eines freien Elsaß-Lothringen, das zu den Vereinigten Staaten von Europa gehört und als Ver­mittler zwischen Deutschland und Frankreich dient.

Die Partei erblickt in den freundschaftlichen Be­ziehungen Elsaß-Lothringens zu allen Völkern die Ge­währ für eine glückliche Zukunft. Sie weist jede feindliche Einstellung gegenüber Frankreich zurück, sie wendet sich lediglich gegen den französischen Staat, der Mißbrauche zulasse, die die elsaß-lothringische Bevölkerung schädigten.

Zur deutsche Sprache.

Aus den zahlreichen einzelnen Punkten, die als er­strebenswert im Programm aufgeführt werden, sind hervor- zuheben:

Die elsaß-lothringische Rasse und Art muß ausrechter- halten und gefördert werden. Die deutsche Sprache muß die Grundlage des Unterrichts werden und den ersten Platz in der Schule, im öffentlichen Leben, in der Verwaltung und in der Kirche einnehmen. Die Ver­waltung des Landes muß den Bedürfnissen des Landes ent­

die mörderische Gewalt des Tornados wie Pappe zu- sarnmenggedrückt, die Fußgänger auf der Straße zu Boden geworfen. Unter den Trümmern wurden viele Menschen begraben, die sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Unter den Verletzten es dürften wohl 1000 sein befinden sich viele Schulkinder. Fünf Minuten lang tobten so die entfesselten Natur­gewalten über St. Louis. Durch den starken Regen er­höhte sich noch die Notlage der Opfer.

Besonders schlimm wirkte sich die Katastrophe in einem Viertel aus, wo gleichzeitig ein Feuer ausbrach. Der Brand verbreitete sich mit Riesenschnelle und bald stand ein ganzer Straßenteil in Flammen. Der Tornado selbst wütete am schlimmsten auf der Hauptverkehrsader des Südostens von Saint Louis, wo insgesamt acht Häuserblocks völlig zerstört wurden.

Nach weiteren Meldungen über die Orkankatastrophe ist besonders Rudy (Arkansas) schwer heimgesucht wor­den. Dieses ehemals wohlhabende Obstzüchterdorf liegt jetzt in Ruinen. Von 35 Wohnhäusern stehen nur noch 12 sowie 5 Läden und die Eisenbahnstation.

St. Louis gehört zu denjenigen Städten der Ver­einigten Staaten (es zählt über 500 000 Einwohner), die mit den größten Prozentsatz deutscher Be­völkerung haben. Auch gehört es zu den wohl­habendsten Städten der Union.

Als der Tornado sich kaum ausgetobt hatte, ließ der Regen nach und es war wieder heller Sonnenschein, als ob sich nichts ereignet hätte. Aber die Hilferufsder zahllosen Verletzten, die noch stundenlang zu hören waren, belehrten jeden, der mit heiler Haut davongekom- men war, wie grausam die Naturgewalt hier ge­wütet hatte.

Stürme unv Inwetter in England.

Auch England ist erneut von einem heftigen Sturm heimgesucht worden, der teilweise von Gewittern und Wolkenbrüchen begleitet war. Aus allen Teilen des Landes werden neue Überschwemmungen gemeldet. Die E r n t e, die vielfach schon durch F ä u l u i s s ch w e r ge­litten hatte, ist letzt an vielen Stellen vollständig zu­grunde gerichtet worden. Infolge der Überschwemmungen ist Geslügel zu vielen Tausenden ertrunken.. Da zahl­reiche Landstraßen überschwemmt sind, haben verschiedene Motoromnibuslinien eingestellt werden müssen. In der Nähe von Carlisle wurde die Eisenbahnstrecke durch einen Bergrutsch geringeren Umfanges, den der Regen verursacht hatte, unterbrochen. Der Sturm im Kanal verursachte Verspätungen der Dampfer. Zahlreiche Fahr­zeuge waren gezwungen, in den Häfen Schutz zu suchen. In den Seebäder,-. an der Südküste wurden die Strand­anlagen von schweren Sturzwellen heimgesucht.

sprechen und an ihrer Spitze müssen Leute stehen, die dem Lande selbst entstammen. Die Wiedereinführung der Schöffen­gerichte wird gefordert; die Schwurgerichte müssen ihre Ver­handlungen in deutscher Sprache führen. Die Strafanstalten müssen reformiert und die Todesstrafe muß abgeschafft werden. Die elsaß-lothringischen Eisenbahnen müssen Eigen­tum des elsaß-lothringischen Volkes werden. Elsaß-Lothrin­gen muß seine Staatsbank sowie seine Postverwaltung haben. Die Bodenreichtümer müssen Eigentum des Volkes werden. Vereinigung der elsässischen Soldaten in eigenen Formationen, die im Elsaß stehen, mit Kaders in deutscher Sprache. Eine Arbeiterkammer muß gegründet werden, um die Zahl der Konflikte zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu ver­mindern. Eine vollkommene Reform der Steuern muß er­folgen. Eine besondere Zollzone für das Elsaß muß einge- sührt werden. Besondere Schulen für die Landwirtschaft, das Handwerk, die Handelsanacstellten und mittleren Techniker. Das Stimmrecht für die Frauen. Entschädigung der Opfer des Krieges, der Opfer der Revalorisierung des Vertrages von 1919 und der Inhaber deutscher Kriegsanleihen.

Jür konfessionellen Frieden."

Die Tagung des Gustav-Adolf-Vereins.

Bei der ersten öffentlichen Hauptversammlung in Graz hielt Universitätsprofessor Dr. Gerhard Ritter -Freiburg im Breisgau einen Vortrag über die Reformation und das politische Schicksal Deutschlands, an dessen Schluß er für den konfessionellen Frieden eintrat und eine klare Trennung von Politik und Religion forderte. Dieser Appell zum konfessio­nellen Frieden fand in der Versammlung begeisterte Auf­nahme und wurde vom Vorsitzenden, Pros. Dr. R e n d t o r f f in seinem Schlußwort besonders unterstrichen, der überdies hervorhob, der Gustav-Adolf-Verein sei kein Kampsverein, er gebe jeder Konfession freien Spielraum.

Landesrat H ü b l e r von der steierischen Landesregierung fand als Referent für Kultusangelegenheiten der evangelischen Kirche Steiermarks besonders herzliche Worte der Begrüßung Sir die Tagung. Mit warmen Worten wies er darauf hin, atz Teile der evangelischen Kirche Steiermarks durch den blutigen Grenzkrieg nunmehr zur Auslandsdiaspora zu rechnen seien, und wies darauf hin, daß die Wahl des Tagungsortes Graz von allen Deutschen Österreichs als ein Bekenntnis zu einem künftigen Zusammenschluß, begrüßt.worden seu