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hersfelSer Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger Dr den Kreis HersfelS

Mit den Beilagen: Heimatschollen

/ Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 225

Montag, den 26. September 1927

77. Jahrgang

Eine zerbrochene Hoffnung.

Zum Tode Ago von Maltzans.

Es war wieder einmal eine Ententekonferenz. 1922, in Genua. Im Jahr zuvor hatte das Londoner Ultimatum wieder einmal bewiesen, daß Deutschland nur Objekt der Weltpolitik war, nicht Subjekt, nicht ein Staat, der auch nur die Ellenbogen rühren durfte. Mit den eisernen Ketten von Versailles fest an die Entente geschmiedet, ihr ein höriger Sklave.

Da schlug wie eine B o m b e in die Versammlung die Nachricht vom deutsch-russischen Vertrag, der in aller Heimlichkeit unweit des Tagungsortes, in R a p a l l o, abgeschlossen war, wo der russische Außenminister Tschi- tscherrn mit seinen Delegierten wohnte. Und die Wissenden flüsterten sich zu, daß es Ago von Maltzan war, der Staatssekretär und Leiter der Ostabteilung im deutschen Auswärtigen Amt, der trotz starker Bedenken des Reichs­kanzlers, selbst des Außenministers, den Abschluß des Ver­trages durchgedrückt hatte und damit erreichte, daß die deutsche Außenpolitik einen ersten selbständigen Schritt tat. Er hat damit die Politik eingeleitet, die ein freundliches Verhältnis mit unserem früheren Kriegs­gegner im Osten anbahnte, eine deutsche Politik, die dann später unmittelbar nach Locarno zum Berliner Ver­trag führte und an der seit 1922 trotz mancher Verlockun­gen namentlich von London her festgehalten wurde. In­zwischen war Ago von Maltzan schon längst als unser Botschafter nach Washington gegangen. Vom weltpoliti­schen Standpunkt aus gesehen ist das der Zentralpunkt in dem Hin und Her der Politik von heute. Wichtiger als Paris, als London denn dort, jenseits des Atlantiks, lag als Besitzer der Weltschätze die Union. Als Gläubiger d e r W e l t, somit als wahrer Beherrscher der Welt. Unser Gesandter, der bei Kriegsausbruch deutscher Geschäfts­träger in Peking war, war alles andere als ein Neuling auf dem Gebiet der großen Politik. Und der Mann mit seiner unzerstörbaren Lebenskraft, der so gar nichts von einem steifleinenen Diplomaten an sich hatte, sondern sich gar nicht scheute, sich auch einmal in Gesellschaft lustiger Filmleute photographieren zu lassen, gefiel drüben. Weite ten Möglichkeiten . Immer starker wurde dadurch in ihm die Erkenntnis, daß das Entscheidende im heutigen Spiel der politischen Kräfte die W i r t s ch a f t ist. Also Amerika als das Land der stärksten Wirtschaft.

Für deutsche Innenpolitik mag er wenig Interesse gehabt haben, gewiß nicht für ihre zahllosen Kleinlich­keiten, dazu war ihm durch seinen langjährigen Aufent­halt im Ausland der Blick allzusehr geweitet und ge­schärft worden. Ob Kaiserreich oder Republik er diente dem Reich, der Heimat; dieser Mann aus altem Junker­geschlecht war über diese Streitigkeiten hinausgewachsen, sparte hier und da nicht mit einem geistvollen meist berechtigten Witzwort darüber. Seinepolitische Stellung" kannte niemand; und das schadete nichts, weil er eine Persönlichkeit war, die über den Durchschnitt hinausragte. Das mißfiel manchem, in der Kriegszeit und später; aber auch das überwand er durch das einzig Überzeugende, die Leistung nämlich.

Das zerschmetterte Flugzeug hat eine große Hoff­nung Deutschlands zerschmettert. Dieser Mann, der so viele Ähnlichkeiten mit einem der begabtesten deutschen Politiker der Vorkriegszeit, mit Kiderlen-Wächter, hatte, teilt mit diesem das Schicksal eines viel zu frühen Todes. Mit Helfferich die Schrecklichkeit seines Endes. Alle drei haben tiefe Spuren ihres Handelns in der deutschen Geschichte hinterlassen: ob zum Guten oder zum Ver­hängnis ihres Volkes, darüber entscheidet erst eine spätere Zeit.

GiressmanK über Abrüstong:

Ablehnung weiterer Sicherheiten.

In der Völkerbundversammlung in Genf hielt Reichs­außenminister Dr. Stresemann zur Abrüstungs - f r a g e im Laufe der Aussprache nach kurzen Ausführun- gen des belgischen Senators de Broverksre folgende Rede:

Als ich die Ehre hatte, vor dieser Versammlung in den ersten Tagen unserer diesjährigen Session zu sprechen, habe ich in meinen Ausführungen auf die außerordentliche Be­deutung hingewiesen, die dem Problem der Abrüstung zu- kommt. In Übereinstimmung mit anderen Rednern dieser hohen Versammlung bin ich der Auffassung, daß in dieser Frage eines der Kernprobleme des Völker­bundes liegt. Zwei Grundsätze scheinen sich zunächst aegenüberzustehen. Von Deuffchland ist stets mit Nach­druck die Auffassung vertreten worden, daß es

nicht angängig sei, den Beginn der allgemeinen Abrüstungsaktion noch von der Schaffung neuer

Sicherheiten abhängig zu machen.

Demgegenüber schien sich neuerdings die Absicht geltend zu machen, daß neue Garantien auf dem Gebiete der Sicherheit die Voraussetzung für den Beginn der Ab­rüstung bilden müßten. Nunmehr haben wir ein Pro­gramm vor uns, in dem die beiden Grundsätze der Ab­rüstung und der Sicherheit zueinander in das richtige Ver­hältnis gestellt werden. Die Verhandlungen in den ver­schiedenen Kommissionen haben aufs neue gezergt, welch bedeutsame Rolle hierbei der Entwicklung des S ch i e d s g e r ichts g e d anken s zufallen wird. Möge der Name

Locarno zu einem Symbol

M .die Sicherheit benachbarter Völker. Nr den Gedanken

Sie llrsicheder 61

MersochlW des NWeugmMS.

Die Loslösung einer Strebe.

Nur mühsam dringt Licht in das Dunkel des schwersten Unglücks in der Geschichte des deutschen Flug­verkehrs, der Katastrophe von Schleiz. Die Sachverstän- ldigen glauben, daß sich eine von den Streben, die die rechte Tragfläche gehalten haben, gelöst hat. Diese Strebe hat dann die Tragfläche durchstoßen, wodurch Lust in die Tragfläche gelangt ist. Durch den ungeheuren Winddruck beim Sturz wird dann wohl die zweite Strebe ebenfalls gebrochen sein. Die beiden Streben haben, als sich das Flugzeug kopfüber überschlug, heruntergehangen, und als es abstürzte, wurde es aus die beiden herabhängenden Streben sozusagen aufgespießt. Im letzten Augen­blick überschlug sich die Maschine noch einmal und erreichte dann erst so den Boden, wo sie vollkommen zertrümmerte.

In der Kirche des Bergsriedhofes in Schleiz, wo die Opfer der Flugzeugkatastrophe zunächst aufgebahrt waren, fand die amtliche Leichenschau statt. Die Leiche des Bot­schafters Freiherrn von Maltzan wurde mit dem fahr­planmäßigen Zuge nach dem Stammgut Groß-Luckow in Mecklenburg übergeführt.

Botschaftsrat Dr. Kiep,

Der Direktor der Süddeutschen Lufthansa in München hatte die schwierige Aufgabe, Frau von Maltzan den Tod ihres Gatten mitzuteilen. Er ging auf den Flugplatz, wo sich noch mehrere Freunde des Botschafters zu seiner Be­grüßung eingefunden hatten, und wurde mit Fragen be­stürmt, als das fahrplanmäßige Flugzeug nicht kommen

friedlicher Verständigung und den Gedanken des Ver­trauens unter den Nationen werden.

Sobald die allgemeine Abrüstung nun erst einmal auf allen Gebieten wirklich begonnen ist, werden die weiteren Schritte geringeren Schwierigkeiten begegnen und der Welt von selb st neue Faktoren der Sicher­heit bringen. So wird sich der grundlegende Satz des Völkerbundpaktes verwirklichen, daß die Erhaltung des Friedens die Herabsetzung der Rüstungen fordert. Rüstun­gen können und dürfen nicht die Grundlage der Sicherheit sein! Sie sind nicht einmal mehr der sicherste Schutz unb sie haben überdies unvermeidlich die Wirkung, den Nach­barn zu bedrohen.

Ich bin mir völlig klar darüber, wie stark die natür­lichen . Hemmungen sind, die Waffen aus der Hand zu geben. Ich erinnere mich der Worte, mit denen Herr Briand davon sprach, welch' Sonnenglanz der Poesie, welch' heroische Empfindung mit dem GedankenWaf­fen und Kampf" verbunden ist. Deshalb ist es auch völlig verständlich, wie schwer psychologisch auf ein Volk wie das deutsche, das auf I a h r h u n d e r t e m i l, t ä - rischer Tradition herabsah, der Gedanke der allei­nigen Abrüstung wirkte, namentlich unter dem Gesichts­punkt der Bedrückung.

Deutschland hat diese psychologischen Hemmungen unter Verhältnissen, wie sie schwieriger über­haupt nicht gedacht werden konnten, überwunden.

Wenn diese Überwindung möglich war, so mit aus' dem Grunde, weil hinter ihr der Gedanke stand, daß es sich bei dieser Abrüstung nicht handeln könne um den Gegensatz zwischen Militarismus und Abrüstung, sondern daß es sich hier um die Durchführung eines Grundsatzes handele, der neue Methoden und eine neue Moral unter den Völkern herbeiführen wolle. Wenn das Land das einst als die stärkste Militär­macht der Welt galt, heute abgerüstet ist, so sollte

Heizer Sataftri* wollte. Als er von der Katastrophe erzählte, brach Frau von Maltzan fast ohnmächtig zusammen.

An der Beisetzung werden wahrscheinlich Reichs­außenminister Dr. Stresemann, Staatssekretär vo n Schubert und zahlreiche höhere Beamte der Regierung und Ministerien, die hervorragendsten Vertreter des Par­laments teilnehmen.

Beileidstelegramme von nah und fern.

Der tragische Tod des deutschen Botschafters hat in der ganzen Welt Mitleid erregt. Die Regierungen fast aller Staaten, Diplomaten des In- und Auslandes sprachen der schwergeprüften Witwe des Botschafters und der deutschen Regierung ihr Beileid aus. Besonders er­wähnt sei das Telegramm des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Coolidge, an den Reichspräsidenten von Hindenburg.

Ich drücke Eurer Exzellenz mein aufrichtiges Bei­leid anläßlich des bedauernswerten Hinscheidens des deutschen Botschafters aus, der während seines Aufenthalts in Washington seinem Vater­lande hervorragende Dienste geleistet hat. Die Regierung der Vereinigten Staaten wird dem Ver­storbenen nicht nur als einem Diplomaten von be­sonderen Fähigkeiten, sondern auch als einer Persönlichkeit, deren große Quali­täten ihm die Hochachtung aller erwor­ben haben, ein ehrenvolles Gedenken bewahren." Calvin Coolidge."

Darauf erwiderte Reichspräsident von Hindenburg:

Für die warmherzigen Worte der Anteilnahme, die Sie, Herr Präsident, anläßlich des so jähen Ab­lebens des Botschafters Frhrn. v. Maltzan an mich gerichtet haben, bitte ich Sie, meinen tiefgefühlten Dank entgegenzunehmen. Es ist mir ein besonders wohltuendes Gefühl, daraus zu ersehen, daß der Prä- sident chie.Regierung der, Vereinigten Staaten von Amerika dem Verstorbenen, dessen ganze freudige Tatkraft in den letzten Jahren der Vertiefung der deutsch-amerikanischen Beziehun­gen gegolten hat, die gleiche Wertschätzung entgegen­bringen, die er in der Heimat genoß."

Amerikanisches Lob der Deutschen Lufthansa.

Anläßlich des gräßlichen Flugunglücks bei Schleiz werden Stimmen laut, die den Passagierluftverkehr restlos verdammen. Demgegenüber sei betont, daß Amerika, das Land, das den Flugverkehr am meisten ausgebaut hat, die Tatsache hervorhebt, daß die Deutsche Lufthansa den Flug­verkehr auf eine hohe, fast sichere Stufe gebracht habe. Im vorigen Jahre habe die Lufthansa 87000 Personen besördert mit nur einem Verlust an Menschenleben»

*

Vom Propeller ins Wasser geworfen.

Während des Starts des nach Stockholm bestimmten Walslugbootes ereignete sich leider aus dem Seeflughafen Stettin ein neuer Unfall. Der Bordmonteur Harder wurde von einem der laufenden Propeller des Bootes bei­seitegeschleudert und ins Wasser geworfen, wobei er ertrank.

es für die anderen Staaten viel leichter sein, ihm jetzt zu folgen.

Nach der Übersetzung der Rede des Reichsaußen­ministers Dr. Stresemann ins Französische und Eng­lische sprach Lord Onslow, der die gegenwärtige Tagung als die bedeutungsvollste Völkerbundversammlung be­zeichnete. Hierauf ergriff der französische Delegierte Paul-Boncour das Wort. Er erinnerte zunächst daran, daß die große Resolution zur Abrüstung und Sicherheit aus einer Verschmelzung der fran­zösischen, deutschen und holländischen Anträge und einer englischen Anregung entstanden sei. Er glaube, daß die Behandlung der Abrüstungsfrage nunmehr aus der Sackgasse herausge­kommen und der Weg frei ist, daß aber Präzisierungen nötig waren, um auf diesem neuen Weg zur Abrüstung zu gelangen, die die wichtigste Aufgabe des Völkerbundes fei. Nach Paul-Bancour ergriffen noch vier Redner, nämlich Vertreter Australiens, Chiles, Finnlands und Rumäniens, das Wort.

Eine neue Rede poincares.

Kein Verzicht auf Soldaten und befestigte Plätze.

Anläßlich des Besuches der amerikanischen Legionäre in Belfort hat Ministerpräsident Poincarö auf dem Platze der Republik vor dmn Denkmal für die bei den Belagerun­gen Belforls in den Jahren 1814,1815 und 1871 Gefalle­nen eine Rede gehalten, die in den Worten gipfelte: Wir wissen sehr wohl, daß, wenn das Mißtrauen auch die Mutter der Sicherheit ist, ein übertriebenes gegenseitiges Mißtrauen schließlich Kriege hervorrufen kann, anstatt sie aus dem Wege zu räumen. Um diese Gefahr nicht herauf- zubeschwören, wollen wir unter dem Ausdruck des Be­dauerns, daß die Vereinigten Staaten dem Völkerbund ferngeblieben sind, auf diese neue Institution zählen, um allmählich die Völker einander näherzubringen, die gegen-