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hersftlöer Kreisblatt

Amtlicher MZeiger für öen Kreis Hersfelö

mit den Beilagen: Geimatschollen /

Illustriertes Unterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 223

Freitag, den 23. September 1927

77. Jahrgang

Die amerikanische Legion.

Man muß es den Franzosen lassen: sie verstehen es ausgezeichnet, mit geringen Kosten gute politische Geschäfte zu machen, durch tönende Reden, laute Feste praktische Er­folge einzuheimsen. Das ist auch der Hintergrund für die höchst feierliche Aufnahme, die man auf die sog.amerika­nische Legion" bei ihrem Besuch in Frankreich hernieder- rauschen ließ.

Seit Frankreich eine Republik ist, hat man in Paris sehr oft und sehr gern daran erinnert, wie dereinst, als vor 150 Jahren die Rordamerikanische Union ihren Be­freiungskampf gegen England führte, so mancher Franzose an diesem Kampf auf nordamerikanischer Seite teilnahm, und der alte Lafahette, der das auch mitgemacht hat, wurde immer bei passender Gelegenheit, so auch jetzt wieder, in seiner langen Grabesruhe gestört. Dazu kommt, daß be­sonders die Südstaaten, die einst sogar Kolonien Frank­reichs waren, sehr viel französisches Blut aufweisen, wo­von noch heute zahllose Städtenamen, namentlich im Mississippibecken, zeugen. Das alles wird in paffenden Augenblicken gern aus der hist arischen Schublade herausgeholt.

Jetzt tat man es auch wieder und der französische Ministerpräsident selbst zog diese Schublade ganz mit her­aus. Diese amerikanische Legion, deren Mitglieder nur teilweise wirkliche Mitkämpfer im Weltkrieg waren marschierte doch auch eine Schar reizenderBubiköpfe" in Paris am Grabe desUnbekannten Soldaten" vorbei!, schien ja zuerst Gegenstand mannigfacher kommunisti­scher Angriffspläne zu werden, weil man sich an den Amerikanern wegen der Hinrichtung der Anarchisten Saceo und Vanzetti rächen wollte. Aber die französische Regierung kennt in solchen Fällen nicht die geringste Rück­sicht und ging von vornherein mit größter Schärfe und bestem Erfolg gegen jeden Versuch vor, den Empfang der Amerikaner zu stören.

Wie liebe Verwandte, die auf Besuch kommen, schleppte man sie von Feier zu Feier.Poimarö benutzte die Gelegenheit, um in besonders übler Form gegen Deutsch- land vom Leder zu ziehen und den Besuchern blieb auch V e r d u n nicht erspart. Mit einer Poincarö-Rede als Festgabe, die natürlich die f r a n z ö s i s ch - a m e r r - kanische Waffenbrüderschaft feierte. Er tragt ein bißchen sehr stark auf, dieser französische Staatsprast- dent von 1914, und sein historisches Wissen, das für dre Zeit vor dem Kriege recht zahlreiche Lücken aufwelst, schwillt an, sobald er auf die Waffentaten Frankreichs zu sprechen kommt. Der französische Heldenmut vor Verdun der deutscherseits übrigens durchaus nicht verkleinert wird! soll nach Poincarö die Ursache dafür gewesen sein, daß damals, 1916, die Italiener bei Görz, die Eng­länder an der Somme und die Russen im Osten angreifen konnten, außerdem dieKonzentration" der Alliierten aus dem Balkan möglich wurde. Ein billigerStolz'! Denn die Offensive jener drei Mächte kam über Anfangserfolge nicht hinaus und dieseKonzentration" war ja nichts weiter als eine Vergewaltigung de^s neutralen Griechenlands und der Treubruch Rumä­nien s. Da paßt es denn ganz besonders hübsch, wenn Poincarö Verdun als dieZitadelle des Ideals und des Rechts" nennt. DieGerechtigkeit und Zivilisation', nicht zuletzt auch dasSelbstbestimmungsrecht der Volker allerdings so, wie die Entente es auffaßt! ist ja natür­lich einzig und allein die Veranlassung gewesen, daß Amerika unser Gegner wurde!

Wenn nur nicht dieLegionäre" bei all diesen Feiern und Reden den Gedanken gehabt haben, daßbar Geld lacht," oder, deutlicher gesagt, die Vereinigten Staaten sehr gern das Geld wieder zurückerhielten, das sie den Franzosen in jenem Kampf für die menschlichen Ideale qeliehen haben! Hat doch den Amerikanern bei einem Empfang in Reims ein französischer Minister bescheinigt, daß nur die Hilfe Amerikas der Entente den Sieg gebracht hat. Dafür sollte nun endlich einmal gezahlt werden, doch davon wurde nicht gesprochen!

Abrüstung und Sicherheit.

Beschlüsse in Genf.

Nach längeren Beratungen des Abrüstungsaus- schuffes des Völkerbundes sind die einzelnen Vorschläge und Anträge zur Abrüstungsfrage in einem gemeinsamen Antrag der deutschen, französischen und holländischen Delegation einstimmig angenommen worden. Die Grundsätze dieses gemeinsamen Antrages gingen dahin, bei gleichzeitiger Wetterführung der Vorbereitungen der Abrüstungskonferenz die Bearbeitung der Sicherheits- srage durch einen besonderen Ausschutz vornehmen zu lassen. Auch fällt der Schiedsgerichtsbarkeit eine wesent­liche Rolle zu. Außerdem tritt die Entschlietzung für eine möglichst rasche Einberufung der allgemeinen Konferenz zur Begrenzung und Herabsetzung der Rüstungen ein; und zwar soll diese Abrüstungskonferenz auch dann ein­berufen werden, wenn die Arbeiten der neuen Kommission keine weiteren Fortschritte auf dem Gebiet der Sicherheit

gebracht habe«.

Angesichts dieser einstimmigen Annahme ist es von um so größerer Bedeutung, daß der deutsch 6 Stand - p u n k t zu seinem vollenRecht gekommen ist. Gegen­über der französischen These, die darin besteht, daß das Problem der einzelstaatlichen Sicherheit gelöst werden müsse, bevor die Abrüstungsvorarbeiten er '- "

erfolgreich fort-

WWW auf die

Auszahlungen an die Beamten Ä1. Oktober.

Vorschläge Dr. Köhlers angenommen.

Der Haushaltsausschuß des Reichstages begann die Beratung der neuen Besoldungsordnung. Reichssinat^- minister Dr. Köhler eröffnete die Verhandlungen mit einer längeren Rede über die Besoldungsreform, in der er den von ihm verfaßten Entwurf dem Ausschuß emp­fahl. Er betonte hierbei, daß es erfreulicherweise nicht notwendig sein werde, zu Steuererhöhungen zu schreiten. Er begrüßte es, daß Preußen bereits erklärt habe, die Reform ohne Zuschüsse vom Reich durchführen zu können. Dr. Köhler stellte fest, daß er nicht in der Lage ffei, Änderungen am Finanzausgleich vorzunehmen.

! Schließlich wurde unter Ablehnung weitergehender Anträge der Linken einstimmig folgender Vorschlag des Reichsfinanzministeriums über die Vorschußzahlungen an die Beamten angenommen:

Mit Wirkung vom 1. Oktober sollen bis zur Verab­schiedung des neuen Besoldungsgesetzes an monat­lichen Vorschüssen erhalten: die Beamten der Besol­dungsgruppen 1 bis 5: Verheiratete 25 Mark, Ledige 20 Mark, Gruppe 6 bis 8: Verheiratete 30 Mark, Ledige 25 Mark, Gruppe9bis1v: Verheiratete 50 Mark, Ledige 40 Mark, Gruppe 11 und höher: Verheiratete 70 Mark, Ledige 60 Mark, autzerplan- mäßige Beamte: 20 Mark, Wartegeld- und Ruhegehaltsempsänger sowie Empfänger von Hinterbliebenenbezügen 10 Prozent für

gesetzt werden könnten, ist jetzt die von Anfang an von Deutschland vertretene Auffassung durchgefetzt und fest­gelegt worden, daß zunächst unbehindert durch die künf­tigen Sicherheitsberatungen die Vorarbeiten für die Ab­rüstungskonferenz fortgesetzt und beschleunigt werden sollen. Das erreicht zu haben, ist, wie auch allseitig an­erkannt wird, der zähen Arbeit der deutschen Delegierten Grafen Bernstorff und seiner - Mit­arbeiter zu danken.

Die Vollversammlung des Völkerbundes beschäftigt sich am Freitag mit den vom Ausschutz vorbereiteten Fragen: Schiedsgericht, Sicherheit und Abrüstung. Wie es heißt, wird auch Reichsaußenminister Dr. S t r e s e m a n n im Verlaufe der Aussprache das Wort zu einer längeren Rede ergreifen.

Die Arbeiten des Völkerbundes werden Mitte nächster Woche ihren Abschluß finden, doch dürfte Dr. Strese- mann schon vor Beendigung der Völkerbundtagung Genf verlassen und Mitte nächster Woche wieder seine Tätigkeit in Berlin aufnehmen.

Das neue deutsche Girafrechi.

Beratungen des Reichstagsausschusses.

Für die Beratung des Entwurfes des neuen allge­meinen Strafgesetzbuches ist ein besonderer Ausschuß des Reichstages gebildet worden, der jetzt zusammengetreten ist. Der Vorsitzende, Abg. v. Dr. K a h l (D. Vp.), sprach die Hoffnung aus auf ein verständnisvolles Zusammen- Wirken zwischen Regierung und Ausschuß und wandle sich an den ernsten Willen der Ausschußmitglieder als Ver­treter des ganzen Volkes gerade bei der Schaffung des neuen Strafgesetzbuches. Alle Parteiinteressen seien zu- rückzustellen. Es liege ihm daran, den Geist des Artikels 21 der Deutschen Reichsverfassmig zu beschwören:Die Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes und an Aufträge nicht gebunden."

Staatssekretär I o e l führte aus, der Reichsjustiz- Minister habe den Wunsch, persönlich an den Verhand­lungen teilzunehmen. Da der Minister soeben von Wien zurückgekehrt sei, werde er sicher von dort, wo augen­blicklich die gleiche Materie mit der deutlich hervor­getretenen Absicht der Rechtsangleichung zwischen Öster­reich und Deutschland behandelt werde, wertvolle Anregungen und Aufschlüsse mitbringen.

Der Ausschuß behandelte dann zunächst die vier ersten Paragraphen des Entwurfes, die sich im wesentlichen mit dem Begriff der Strasbarkeit und der Straf- bestimmung befassen. In der weiteren Beratung nahm Reichsjustizminister Dr. H e r g t das Wort, um über seine Wiener Eindrücke in bezug auf die

Rechtseinheil zwischen Österreich und Deutschland zu berichten. Im Nationalrat zu Wien sei es klar her­vorgetreten, daß alle Parteien, auch die Oppositions­parteien, mit der österreichischen Regierung in dem Wunsche einig sind, die Arbeiten an dem neuen Straf­gesetzbuch zu fördern und sie, wenn irgend möglich, zum erfolgreichen Abschluß zu bringen und die Rechtseinheit mit Deutschland auf diesem Gebiet herzustellen. Darauf­hin wurde im Ausschuß in Aussicht genommen, daß einige Mitglieder des Reichstagsausschusses zunächst mit entsprechenden Mitgliedern des österreichischen National- rats Fühlung zu nehmen suchen, um einer ersprießlichen Zusammenarbeit hinsichtlich der Strafrechtsreform dre Wege zu ebnen. '

Wartegelder usw., aber unter Ausschluß der Frauen- und Kinderzuschläge.

Offiziere und Soldaten der Reichs­wehr sowie Polizeibeamtc des Reichswasserschutzes in Besoldungsgruppen 1 bis 2: Verheiratete 5 Mark, Gruppe 3 bis 8: Verheiratete 15 Mark, Gruppe 9: Verheiratete 30 Mark, Gruppe 10 (Hauptleute usw. mit mehr als zwei Dienstjahren) Verheiratete 50 Mark. Gruppe 11: Ver­heiratete 50 Mark, Ledige 35 Mark, Gruppe 12 und höher: Perheiratete 70, Ledige 60 Mark.

Von einigen Seiten war gemeldet worden, daß die Besoldungsvorlage im Kabinett noch nicht endgültig verabschiedet sei. Vom Reichsfinanzministerium wird aber betont, daß ihm von einer besonderen Kabinetts- sitzung zur nochmaligen Beratung der Vorlage nichts be­kannt sei. Von neuen Änderungen an der Vorlage könne keine Rede sein, was natürlich nicht ausschließe, daß man im Kabinett nochmals über die eine oder andere Frage der Besoldungsordnung verhandeln werde.

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Berücksichtigung der Kriegsopfer.

Da am 1. Oktober die Vorschüsse an die Beamten ausgezahlt werden sollen, wird der Zentralverband Deut­scher Kriegsbeschädigter und Kriegshinterbliebener beim zuständigen Reichsministerium beantragen, in gleicher Weise auch den K r i e g s o p f e rn auf die in Aussicht stehende Erhöhung der Renten Vorschüsse anzuweisen. Die Berücksichtigung dieses Wunsches zum nächstmöglichen Termin sei in Aussicht gestellt worden. Es ist jedoch un­wahrscheinlich, daß die Vorschußgewährung noch mit der Ende September erfolgenden Rentenzahlung verbunden werden kann.

SinSenburg an Me Neulfchnattonuien.

Schluß des Parteitages in Königsberg.

Der erste Tag des Deutschnationalen Parteitages in Königsberg brächte nach einer Rede des Reichsinnen- ministers von Keudell, der hervorhob, daß die Zeit kom­men werde, in der die Deutschnationalen über die Flaggenfrage sprechen werden, ein Schlußwort des stellvertretenden Parteivorsitzenden Schlange-Schö- n i n g e n. Unter stürmischem Beifall erklärte der Redner, daß es für die Deutschnationalen und ihre Minister nur das eine Wort geben dürfe: Nach Ost-Locarno gehenwir nicht. Aufgabe der Partei und ihrer Führer sei es, den Weg zwischen dem politischen Radikalismus und einer Art von wirtschaftlichem Defaitismus wie bisher weiterzugehen.

Zu Beginn des zweiten Verhandlungstages gab Graf Westarp, während sich die Versammelten von ihren Plätzen erhoben hatten, Kenntnis von folgendem Telegramm des Reichspräsidenten auf das Huldigungstelegramm des Parteitages:

Haben Sie aufrichtigen Dank für das freundliche Meingedenken und Ihre Glückwünsche zu meinem be­vorstehenden Geburtstag. Die Beratungen Ihres Reichsparteitages begleite ich mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Ihre Arbeit dem deutschen Volke zum Nutzen gereichen und seine Einigkeit fördern möge.

von Hindenburg, Reichspräsident."

Graf Westarp fügte der Verlesung dieses Telegramms hinzu:Gruß und Gegengruß legen uns die Verpflichtung auf, alles zu tun, um unser Volk von der S ch m a ch d e r Schuldlüge zu befreien und dem Vorbilds des Gene­ralfeldmarschalls folgend unbedingte Hingabe im Dienste des Staates zu üben." Die Verlesung des Telegramms und die Bemerkung des Grafen Westarp wurden von der Versammlung mit lebhaftem Beifall ausgenommen.

Dann setzte der Parteitag seine sachlichen Beratun­gen fort.

In der Hauptsache galt der zweite Beratungstag wichtigen Fragen sozialer und wirtschaftlicher Natur, die in eingehenden Referaten von führenden Mitgliedern der Partei erörtert wurden. So sprach Gewerkschaftssekretär Dudey-Duisburg über deutschnationale Sozialpolitik; er hob hierbei hervor, daß die christlich-nationale Grundeinstellung der Deutschnationalen Volkspartei verpflichtet, in jedem anderen Menschen ein Gotteskind und einen Bruder zu sehen. Der sächsische Landtagsabgeordnete Dr. E b e r l e behandelte das Thema: Die sittliche und nationale Bedeutung des selbstän­digen Mittelstandes. Weder ein einzelner Mensch noch ein Volk habe eine Zukunft, wenn es nicht den Glauben an die Zukunft in sich trägt. Im besonderen Maße sei heute der ge­werbliche Mittelstand bedroht. Unsere Minister sollten keinen Grabkranz für den Mittelstand bereit halten, sondern klare Förderung. Über das gleiche Thema sprach Reichstagsabge­ordneter Jäger-Celle, auch Reichstagsabgeordneter Dr. Ober­fohren behandelte die wirtschaftlichen und steuerlichen Nöte des Mittelstandes.

Nach weiteren Vorträgen fand der Parteitag seinen Ab­schluß durch eine

Rede des Vorsitzenden Grafen Westarp, der betonte, daß die Partei nach wie vor Trägerin der großen christlichen, vaterländischen Bewegung sei und bleiben werde. Das verbinde die Vertreter der verschiedenen Interessen, Klassen, Stünde und Berufe, die in der Partei vereinigt seien. Dem Marxismus müsse man den deutschen Idealis­mus entgegenstellen. Dieser Idealismus bedürfe in seinem Blute des Eisens preußischen Staatsbewußtseins und staatlichen Machtwillens.