Hersfel-erTageblatt
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mit Sen Beilagen: Setmatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Felerabenö / Herd und Scholle / Anterbaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 218 M« Nulls Sonnabend, den 17. September 1927 77. Jahrgang
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Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.20 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für stersfeld 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark ♦ Druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in HersfelS, Mitglied des VDZV.
Revolverpolitik.
Der Revolver knallt. — Knüppelpolitik. — Der wahrhafte Völkerbund. — Zwei Eisen im Feuer.
Im Schweiße seines Angesichtes müht sich der Völkerbund um eine Beruhigung, eine Befriedung der Welt und die nationalen und internationalen Friedenskongresse lösen einander unaufhörlich ab. Das hindert aber nicht, daß innerhalb der Völker der Einzelkrieg von Mann gegen Mann nicht nur recht munter fortbetrieben wird, sondern von Tag zu Tag immer zahlreichere Opfer fordert.
Wohin wir blicken: der Revolver knallt und Tote und Verwundete bedecken den innenstaatlichen Kampfplatz. In Paris wird der italienische Vizekonsul von einem antifaschistischen Landsmann niedergeschossen, in R a v e n n a ein Kommunist nach einer heftigen Schießübung gegen faschistische Offiziere von einem der Getroffenen auf dem gleichen Wege „erledigt" und in den kleinen litauischen Städten müssen höhere und niedere Polizeioffiziere, aus dem Hinterhalt überfallen, die Gewaltherrschaft der Machthaber von Kowno mit ihrem Leben bezahlen. Nur die „edlen" Polen, die ja sonst mit dem Schießeisen auch einigermaßen unbesonnen umzu- gehen wissen, ziehen neuerdings weniger lebensgefährliche Waffen vor. Da wird auf einer der belebtesten Straßen der Landeshauptstadt ein den Pilsudski-Leuten mißliebig gewordener Tagesschriftsteller plötzlich mit Knüppeln niedergeschlagen, geknebelt, in einen Kraftwagen gezerrt und in einen zwanzig Kilometer von der Stadt entfernten Wald verschleppt, dort aber dann erst recht erbarmungslos verprügelt, mit der freundlichen Verwarnung, nicht mehr so wie bisher über den Marschall zu schreiben, und so wie es ihm heute ergangen sei, würde es morgen einem anderen ergehen. Der Mann der Feder hat nun die Wahl, ob er fortan schweigen oder lieber gar den Beruf wechseln will. Was aber aus dem seit Wochen spurlos aus dem Warschauer Gefängnis verschwundenen General Zagorski geworden ist, danach fragt man diejenigen, die es wissen müssen, vergeblich. Vielleicht ist er schon längst heimtückisch zur „großen Armee" a
leicht wird er außer Landes irgendwo hinter Schloß und Riegel gehalten; jedenfalls, in Polen, in Litauen, in Italien gäbe es schon für Genfer Freunde allerhand zu tun — wenn sich die Herren Pilsudski oder Woldemaras oder gar Mussolini von außen her in ihre Geschäfte überhaupt etwas dreinreden ließen. Aber in innenstaatlichen Angelegenheiten hat der Völkerbund vorläufig noch „nix to feggen" und so wird der Revolver in diesen interessanten Gegenden auch fernerhin noch feine ungemein segenbringende Tätigkeit als Friedensstifter zwischen feindlichen Parteien weiterspielen können.
Im übrigen hat eine Andeutung, die Herr Cham - b e r l a i n während der großen Ansprache im Genfer Friedenspalast zu Besten gab, lange nicht die Beachtung gefunden, die sie verdiente. Nach ihm gibt es nämlich einen viel älteren und wohl auch, bis jetzt wenigstens, viel erfolgreicheren Völkerbund als denjenigen, der seinen Sitz in der Schweiz aufgeschlagen hat: das Britische Reich! Das Britische Reich mit feinen Kronländern und Dominien stellt in den Augen des englischen Außenministers das Ur- und Vorbild des wahrhaften Völkerbundes dar, denn es habe in seiner Mitte gleichfalls Gegensätze zu überwinden, Ausgleich und Versöhnung zu schaffen und die gesammelte Kraft aller Reichsteile nach außen hin für die staatspolitischen Ziele des ganzen Volkes zur Geltung zu bringen.
Man sieht, Herr Chamberlain ist gar nicht so witzlos, wie er gewöhnlich geschildert wird. Das Britische Reich hat also niemals ein Wässerchen getrübt, es hat immer nur mit friedlichen Mitteln seine europäische wie seine überseeische Machtstellung zu mehren gesucht. Es hat auch in Irland zum Äeispiel, in Südafrika stets auf Eintracht und Bürgerfrieden hingearbeitet. Und wenn doch einmal irgendwo mit dem Säbel gehauen und mit der Flinte geschossen wurde, so geschah das ganz bestimmt lediglich infolge unglücklicher Schicksalsfügungen, denen sich der britische Völkerbund, ob er wollte oder nicht, schweren Herzens unterwerfen mußte. Nun, man wird dieser Art von rückblickender Geschichtsbetrachtung immerhin den Reiz der Neuheit nicht absprechen können. In Genf lassen sich ja auch, je länger, desto mehr, Stimmen hören, die dem gegenwärtigen Völkerbund eine irgendwie zusammengesetzte bewaffnete Macht zur Verfügung stellen möchten, damit er ungehorsame Mit- glieder, die ihre letzte Zuflucht zu Kanonen und Flugzeugen statt zu Völkerbundentschließungen und Schiedsgerichtssprüchen nehmen wollen, zur Raison bringen könne.
So würde freilich der Völkerbund genötigt werden, Krieg zu führen — und wir stünden wieder einmal am Ausgang der ganzen Friedensbewegung, vor Entscheidungen mit Blut und Eisen. Chamberlain, weiß, was er tut, wenn er durchblicken läßt, daß ihm sein Völkerbund, eben der britische noch etwas näher am Herzen liegt als der Genfer, für den natürlich auch er schöne Worte in Hülle und Fülle übrig hat. E r kann es sich, wie auch sein lieber Freund Briand, eben leisten, zwei Eisen im Feuer zu haben: ein militärisches und ein genferisches. Nur von Deutschland wird verlangt, daß es sich dauernd mit dem einen, dem Friedensfeuer begnüge. ~ "
Dank an Ostpreußens Befreier
Der Reichspräfidelü in Königsberg.
Erinnerung an Tannenberg.
Von den Flottenmanövern in der Ostsee traf Reichspräsident von Hindenburg an Bord des Kreuzers „Berlin" im Königsberger Hafen ein. Der Präsident begibt sich von hier zu der am Sonntag stattfindenden Einweihung des Tannenbergdenkmals nach Hohenstein. Zum Empfang Hindenburgs hatten sich an der hiesigen Landungs- stelle die staatlichen und Provinzbehörden und die Führer der ostpreußischen Wirtschaft eingefunden. Als der Kreuzer, der von den beiden Torpedobooten „Möwe" und „Seeadler" begleitet war, festgcmacht hatte, begaben sich der Oberpräsident der Provinz Ostpreußen, der Oberbürgermeister der Stadt Königsberg und der Befehlshaber des Wehrkreises I zur Begrüßung an Bord.
Einig wie vor dreizehn Jahren.
Nachdem der Reichspräsident an Land gegangen war, hieß der Oberbürgermeister ihn im Namen der Stadt Königsberg als den Befreier Ostpreußens und Ehrenbürger der Stadt willkommen. Königsberg und Ostpreußen seien stolz darauf, den Generalfeldmarschall zu den Ihren zählen zu dürfen. Die ostpreußische Bevölkerung werde das nie vergessen, daß er vor dreizehn Jahren die Provinz von den feindlichen Truppen gesäubert und befreit habe. Der Redner fuhr fort: „Wir haben den heißen Wunsch und die Hoffnung, daß es Ihnen vergönnt sein möge, noch viele Jahre lang an der Spitze des Reiches zu stehen. Sie wissen, wie wir hier im bedrängten Ostpreußen zu kämpfen haben, aber ich darf die Versicherung geben, daß wir alle Kraft daranfetzen werden, um aus diesem schwierigen Posten die Position zu halten. Seien Sie versichert, daß wir.
Schiedsgerichi und Mästung.
Ein neuer französischer Antrag.
Am AbrüDuAHsu-iMhUß des AMort»»rrses brächte der französische Delegierte Paul-Boncöür den vor einigen Tagen angekündigten Entschlietzungsantrag zur Schiedsgerichts- und Rüstungsfrage ein. In diesem Entwurf wird der Völkerbundversammlung der Abschluß von Schiedsgerichtsverträgen, die eine friedliche Regelung aller Streitigkeiten sicherstellen und zwischen allen Ländern gegenseitiges Vertrauen herstellen, empfohlen. Gleichzeitig wird der Rat gebeten, den Abrüstungsausschuß damit zu beauftragen, einen Vorentwurf zur Begrenzung und Verminderung der Rüstungen und die Maßnahmen zu prüfen, die geeignet sind, allen Staaten die notwendigen Sicherheitsgarantren zu geben, um ihnen die Festlegung der Höhe ihrer Rüstungen aus niedrigster Ziffer in einem internationalen Abrüstungsvertrag zu erlauben.
Vorangegangen war eine sehr wirksame Rede des schwedischen Delegierten Sandler. Er sagte u. a.: „Keine juristische Arbeit könne die Lücke in der Sicherheitsfrage füllen." „Wenn der Nachbar eine Großmacht ist, was dann?" sagte Sandler. Erst müsse Abrüstung erfolgen, um eine gewisse Gleichheit herzustellen. Graf Bernstorff stimmte den Ausführungen Sandlers in wenigen Sätzen wärmstens zu.
Paul-Boncour meinte dann, die Sicherheit sei eine unerläßliche Voraussetzung der Abrüstung für die meisten Staaten und nur die Verwirklichung dieses Wunsches könne allein die Möglichkeit geben, die Erfüllung der Forderung zu ermöglichen, die Graf Bernstorff als der Gläubiger immer wieder vorbringe und die ihm „so berechtigtermaßen am Herzen liege." Der Vorschlag Paul- Boncours wird in Genf allgemein als Versuch gewertet, das Gegeneinanderwirken der verschiedenen Vorschläge zur Abrüstungs- und Sicherheitsfrage zu vermeiden und zugleich den französischen Tendenzen in unauffälliger Form die Überlegenheit bei den bevorstehenden Beschlußfassungen und für die weiteren des Vorbereitenden Abrüstungsausschusses zu sichern.
Frühstück Stresemanns in Genf.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann hatte am Freitag eine etwa einstündige Unterredung mit dem britischen Außenminister, Sir Allsten Chamberlain. Im übrigen gab Dr. Stresemann im Hotel Metropole sür die Mitglieder des Völkerbundrates und eine Anzahl anderer Delegierter des Völkerbundes ein Frühstück.
Die neuen Ratsmitglieder.
Briands Rockzipfel.
Nach dem Mißerfolg Belgiens, das in den Völkerbundrat nicht wiedergewählt wurde, war man aus den Ausgang der Wahl der drei neuen nichtständigen Ratsmitglieder gespannt. Gewählt wurden Kuba mit 43 Stimmen, Finnland mit 33 Stimmen und Kanada mit 26 Stimmen, die damit an Stelle der drei ausscheidenden Staaten Belgien, Tschechoslowakei und San Salvador für dir nächsten drei Jahre in den Rat gewählt sind.
Die Wahlsitzung hatte mit einem kleinen Zwischenfall begonnen. Als Dr. Stresemann und Chamberlain, Die zu Wahlprüsern ernannt worden waren, sich gemeinsam auf die Rednertribüne begaben und, das Profil zum Saal gewandt, auf 50 Zentimeter Abstand. gleichsam, als
wenn uns das Reich in unserer schweren Not hilft, die feste Zuversicht haben, unsere Aufgabe hier erfüllen zu können. Wir können diese Aufgabe erfüllen, wenn das ganze deutsche Volk wie vor dreizehn Jahren einig ist." Die Ansprache schloß mit einem dreifachen Hurra aus den Reichspräsidenten.
Hindenburgs Uniwort.
Reichspräsident von Hindenburg dankte dem Oberbürgermeister für die Begrüßungsworte und betonte, daß er gern nach Ostpreußen gekommen sei und bedauere, nur kurze Zeit in Königsberg weilen zu können. Das Wohl der Provinz Ostpreußen liege ihm am Herzen und er dürfe versichern, daß dieselbe Stimmung bei der Reichsregierung vorhanden sei. Er baue auf die feste Energie und Unverzagtheit seiner lieben Ostpreußen. Mit Gottes Hilfe und bei Daransetzung aller Kräfte werde es wieder vorwärtsgehen.
Nunmehr erfolgte die Weiterfahrt im Kraftwagen. Bei der Fahrt durch die Stadt wurde der Reichspräsident von ungezählten Tausenden begeistert begrüßt. Der Reichspräsident begab sich nach Markienen, wo er Gast des Geheimen Rats von Berg ist.
*
Reichskanzler Dr. Marx begibt sich Sonnabend von Berlin nach Allenstein, um ebenfalls Sonntag an den Feierlichkeiten bei der Einweihung des Tannenbergdenkmals teil- zunehmen. Staatssekretär Dr. Meißner wird sich in der Umgebung des Reichspräsidenten bei dem Festakt befinden. Die preußische Staatsregierung wird sich an Stelle des behinderten Ministerpräsidenten Dr. Braun durch den Innenminister Grzesynski vertreten lassen. Am Montag gibt die Stadt Königsberg zu Ehren des Reichskanzlers eine» Empfang. Dienstag kehrt der Kanzler nach Berlin zurück.
ob sie sich zu einem der in diesen Tagen viel kritisierten Großmächtekonventikel niederließen, einander gegenüber an den kleinen Tischchen Platz nahmen, aus denen die Stimmen gezählt wurden, bemächtigte sich der 4»aÄM daß sie zuerst in lautes Lachen und dann irr spontanen iH-pplaue- emnbTtttn Diese Heiterkeit und dieser Beifall steigerten sich noch, als bei der namentlichen Abstimmung Briand an ihrem Tischchen vorbeikam, und Chamberlain anstatt der ihm entgegengestreckten Hand Briands dessen Rockzipfel ergriff.
Polnischer LleSergriff in Danzig.
Die Westerplatte als polnisch erklärt.
Selbstverständlich mußten die polnischen Meldungen über die angebliche Gefangenhaltung des verschwundenen Generals Zagorski aus der Westerplatte die Danziger Behörden zu einer Untersuchung des Sachverhalts drängen, denn wäre Zagorski tatsächlich aus der Westerplatte, so würde es sich um eine Freiheitsberaubung handeln, die nach Danziger Recht strafbar ist.
Unbezweifelt gehört die Westerplatte zum Danziger Gebiet, was anscheinend jetzt auf einmal die Polen nicht wahr haben wollen. Oder sie stellen sich wenigstens so, So konnte sich der neueste Zwischenfall entwickeln. Die polnische diplomatische Vertretung wurde durch die Danziger Behörden davon in Kenntnis gesetzt, daß die Polizeibeamten unter Führung des Leiters der Kriminalpolizei sich nach der Westerplatte begeben hätten.
Der Kommandant der Westerplatte ließ den Danziger Beamten durch einen Feldwebel bestellen, daß die Westerplatte polnisches Gebiet sei und eine Amtshandlung Danziger Beamten ohne Genehmigung der polnischen diplomatischen Vertretung nicht zugelassen werden könne. Später teilte die polnische diplomatische Vertretung dem Polizeipräsidium mit, daß die polnischen Behörden endgültig geprüft hätten, ob Zagorski auf der Westerplatte sei. Eine Danziger Amtshandlung sei deshalb nicht notwendig.
Die Danziger Behörden werden also verhindert, aus der Westerplatte, die Danziger Gebiet ist und Danziger Recht untersteht, nachzuprüfen, ob dort die Danziger Gesetze verletzt werden. Dieser Vorfall stellt eine derartige Überschreitung aller den Polen gezogenen Grenzen dar, daß der Völkerbund in Genf wohl kaum noch umhin kann, endlich zu den untragbar gewordenen Verhältnissen in Danzig Stellung zu nehmen.
Zollkrieg Frankreich-Amerika in Sicht.
Vorläufig keine Einigung.
Die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten »st ziemlich erregt wegen der Reibungen zwischen Paris und den Vereinigten Staaten und man erörtert in Amerika ziemlich heftig die Möglichkeit eines baldigen Zollkriegs mit Frankreich.
Bereits feit einiger Zeit sind zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich Meinungsverschiedenheiten über die gegenseitige Zollbehandlung ausgebrochen, die sich letzt stark zugespitzt haben. Frankreich hat bekanntlich einen neuen Zolltarif geschaffen und ihn bei dem Abschluß des deutsch - französischen Handelsvertrages in Kraft gesetzt. Darin sieht man in den Ver-