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hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt Mtlicher Anzeiger für den Kreis hersfel-

mit den Beilagen: HeimaLschollen / Illustriertes Anterhaltungsblali / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Anterhaltang und Wissen Belehrung und Kurzweil / WirtschaftUche Tagesfragen.

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Monatlicher Bezugspreis: Durch öie post bezogen 1.29 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersselö 1-00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark Druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in Hersfelv, Mitglied des VDZV.

Rr 216 Donnerstag, den 15. September 192? 77. Jahrgang

Größenwahn.

Es geht wieder einmal ein bißchen wild zu bei unseren nordöstlichsten Nachbarn, Litauen nämlich: Putsch­versuche sind in diesen östlichen Staaten jüngster Grün­dung nicht gerade etwas Seltenes, Attentate noch weniger, besonders wenn ein Parteidiktator mit Blut, Strang und Zuchthausstrafen regiert. Dazu gehört, daß Meldungen über alle derartigen Vorkommnisse nach Möglichkeit unter­drückt werden, man mit allen Mitteln zu verhindern sucht, daß Nachrichten über die Grenze ins Ausland gelangen.

War vor einiger Zeit schon allerhand in Kowno vor sich gegangen, was den Anschein linksradikaler oder bolschewistischer Unterströmungen trug, durch die herr­schende Militärdiktatur aber unterdrückt werden konnte, so kommen die jüngsten derartigen Meldungen aus dem Memelgebiet; aus diesem früheren Bestandteil des Deut­schen Reiches, den sich die Litauer raubten und den sie trotz Völkerbund und Memelstatut nach eigenem chau­vinistischen Gutdünken tyrannisieren. In der Kreisstadt Tauroggen, also unmittelbar an der Grenze des Memelgebietes, hat erst ein angeblich linksradikaler Putsch stattgefunden, gegen den Litauen Militär mar­schieren ließ. Der also offenbar doch nicht ganz unerheb­lich gewesen sein muß oder ist, denn der nächste Akt ist die Erschießung des dortigen Kreis­hauptmanns. Die blutigen Konflikte haben offenbar fortgedauert und Opfer gefordert und ein großer anti- sozialistischer Feldzug ist die Folge. Oder vielmehr: dieser Feldzug hat eine neue Verschärfung erfahren. Eine große Reihe von Verhaftungen sind erfolgt.

Man wird als Deutscher bei all diesen Meldungen und Vorkommnissen die Empfindung haben, daß viel beab­sichtigte Übertreibung dabei ist, daß der Putsch der herr­schenden Militärdiktatur gar nicht so ungelegen kommen mag, weil man die Zügelnochs chärferanziehen kann als bisher. Vor allem im Memelland. Hatte man auf die Zusage des litauischen Staatspräsidenten Wolde- maras, die dieser in Genf dem deutschen Außenminister gegenüber anläßlich der letzten Völkerbundsitzung gemacht hatte und worin eine bessere Behandlung der deutschen Memelländer versprochen war, wenig- Uüeas einiLL-^EerlrauLN.aeLetzl^cko.M^dsM-LoMung seit- Wdcm auf gründlichste enttäuscht worden: Die Deutschen- Verfolgung wurde eifrigst fortgesetzt, deutsche Schul­männer ebenso ausgewiesen wie die deutsch-memellän- dischen Redakteure, und um das Memelstatut kümmert man sich weniger denn je.

Und nun gar der Ausgang der Wahlen zum memel- ländischen Landtag, die immer und immer wieder hinaus­geschoben waren! Eine grimme Enttäuschung für, die dünne herrschende Schicht in diesem Gebiet zwischen Memel und Tauroggen; alsbald wird der schon von früher her übel berüchtigte litauische Kriegs­minister als Gouverneur hingeschickt. Die litauische Gesandtschaft in Berlin besitzt die Keckheit, sich auszuregen über die Freude, die in Deutschland über den erfreulichen Wahlausgang bezeugt wird. Spricht von Störungen in den Beziehungen zwischen den beiden Staaten" und ähnlichem.

In Genf aber hat gleichzeitig Woldemaras eine Be­sprechung mit dem deutschen Außenminister Dr. Strese- mann; was dabei verhandelt worden ist, blieb bisher noch unbekannt. Es zu erraten, dürfte aber angesichts der zahllosen deutschen Beschwerden kaum schwierig sein. Als neueste, darunter ist zu erwähnen, daß im Landkreis Memel eine ganze Reihe gewählter Gemeindevertreter und Beamter nicht bestätigt worden sind, weil sie die litau­ische Sprache nicht beherrschen. Was in einem Gebiet, das zu 99 Prozent deutsch ist, eben auch nur als Vorwand erscheint, das Wahlresultat zukorrigieren".

Wäre das alles nicht so unsagbar traurig, so müßte man über diesen brutalen Größenwahn eines Völkersplitterchens von zwei Millionen Litauern fast lächeln. Ein Größenwahn übrigens, 6er noch grotesker und brutaler wirkt, weil er sich ja über ein Gebiet stürzt, das er sich erobert hat unter Bruch der Versailler Friedensbestimmungen und dem noch jetzt die Selbstverwaltung international garantiert ist. Durch den Völkerbund nämlich, bei dem ja hierfür noch eine be­sondere Kommission besteht. Achselzuckend aber mag Woldemaras alle Beschwerden des deutschen Außen­ministers mit dem Hinweis auf die Putschversuche ab­lehnen und der Völkerbund kümmert sich nicht um das, was dort oben jenseits unserer Nordostgrenze vor sich geht.__

SchreckenSregkment in Litauen.

Die litauische Regierung geht jetzt mit den schärfsten Maßnahmen gegen die Putschisten vor, um sich am Ruder zu halten. Wie verlautet, sollen in Tauroggen sechs Stu­denten standrechtlich erschossen worden sein, die fi«, an dem Putsch beteiligt hatten. Das Urteil soll bereits voll- streikt worden sein. Weitere Todesurteile sollen bevor- stehen, und zwar sollen noch fünf Putschisten hingerichtet w^den.

Zur Untersuchung der Tauroggener Unruhen hat die litauische Regierung eine Kommission eingesetzt, der bereits die Verhaftung von hundert Aufständischen ge­lungen ist. Der Kommandant von Tauroggen, der be­schuldigt Wird, den Aufstand nicht rechtzeitig bekämpft 311 haben, hat sich den Behörden selbst gestellt. Die Behörden haben es namentlich auf die Mitglieder der Sozialdemo- kratischen Partei abgesehen, deren Führer, soweit sie nicht ins Ausland geflüchtet find, verhaftet wurden.

Springflut in Japan u. Mexiko

Wirbelstürme am Pazifik.

Tausende von Menschen umgekommen.

Nicht ganz mit Recht trägt der Große oder Pazifische Ozean auch den Namen des Stillen Ozeans. Die größten Stürme, die der Seemann erlebt hat, haben sich gerade auf diesem Meer ereignet. So auch jetzt wieder.

In Japan und Mexiko wurde, scheinbar als Folge eines unterirdischen Bebens, ein dumpfes Dröhnen ge­hört, dem unmittelbar eine drei Meter hohe Welle folgte, die weit in das Innere des Landes drang und alles mit sich fortschwemmte. Der Taifun dauerte zweieinhalb Tage lang. Die Stadt Nagasaki und andere Städte der Umgebung sind verwüstet worden, wie es in dieser Schwere seit vielen Jahren dort nicht vorgekommen ist. Zahlreiche Gebäude und die gesamte Ernte wurden ver­nichtet. Ein Dorf bei Kumamoto wurde von der Spring­flut unter Wasser gesetzt, die 100 Häuser zerstörte. 150 Personen ertranken. Aus einer anderen Ortschaft wird berichtet, daß dort 400 Häuser zerstört wurden und 1000 Personen ertrunken sind.

In Kyushu, auf der südlichsten Insel Japans, wird die Zahl der Toten zwischen 1000 und 1150 angegeben. Die Stadt Kojima sowie die Städte Nakamura und Nagasaki wurden am schwersten von dem Unwetter be­troffen. Die drei Städte und ein zwei Meilen dahinter liegendes Gebiet wurden vollständig überschwemmt. In Kojima wurden zweitausend Häuser zerstört, in Naka­mura etwa eine gleiche Anzahl und in Nakajima etwa fünfhundert. Im Innern des Landes sind die Flüsse über ihre Ufer getreten und haben große Teile der Reisernte vernichtet. In Omuta stehen fünftausend Häuser unter Wasser und fünfzehntausend Personen sind obdachlos. Auch in Kumanoto haben, wie man befürchtet» nur wenige der zahlreichen Schiffe und Strandboote sich vor dem Sturm retten können.

Die Überflutungen durch Stürme an der me$if a. Nischen K ü st e stellen sich als wesentlich schwerer her­aus, als man ursprünglich annahm. Zahlreiche Personen wurden getötet, Hunderte sind verletzt. Tausende sind ob­dachlos geworden. Wegen der vollständigen Unter- brechung der Verbindungen treffen die Nachrichten nur mit großer Verspätung und sehr spärlich ein. Besonders schwer sind die Zerstörungen am Golf von Tehuan» t e p e c im Staate Oaxaca bis nach Guyamas im Staate Sonora, sie erstrecken sich auf ein Gebiet von mehr als 1000 Meilen Länge. Der Verlust an Menschenleben ist besonders schwer in Salina Cru.

Das Erdbeben am Schwarzen Meer.

Die Zahl der Opfer und die Zerstörungen infolge des Erdbebens an der Küste des Schwarzen Meeres sind gleichfalls viel höher als zuerst angenommen wurde. In Jalta wurden 13 Personen getötet und 358 verletzt. In Mishor wurden durch Mauereinsturz drei Personen ge­

Die bevorstehende Lannenbergfeier.'

Teilnahme von Reichs- und Staatsregierung.

Reichspräsident von Hindenburg nimmt, wie be­kannt, an der am Sonntag, den 18. September, stattfinden- den Einweihung des zur Erinnerung an die Schlacht von Tannenberg errichteten Denkmals teil. Außer ihm wer­den sich aber auch Vertreter der Reichsregierung und der preußischen Regierung beteiligen. So begeben sich Reichs­kanzler Dr. Marx sowie Reichsinnenminister von Keudell am Sonnabend nach Ostpreußen zur Feier. Der Reichskanzler wird nach der Denkmalseinweihung am Montag in Königsberg weilen und am Dienstag nach Berlin zurückkehren. Auch der preußische Ministerprä­sident Braun nimmt, dem Vernehmen nach, an der Tannenbergfeier teil. Reichspräsident von Hinden­burg soll programmäßig am 16. September an Bord eines Kreuzers im Königsberger Hafen eintreffen.

Die Flottenmanöver in der Ostsee.

Parade und Nachtübung.

Mittwoch früh traf Reichspräsident v. Hindenburg in Swinemünde mit der Bahn ein. Er wurde von dem Reichswehrminister Dr. G e ß l e r, dem Chef der Marineleitung, Admiral Zenker, und General Blei­dorn als Vertreter des Chefs der Heeresleitung begrüßt. Auf dem Bahnhof bildeten Schulen und Vereine Spalier. Der Reichspräsident fuhr dann im offenen Auto durch die blumengeschmückten Straßen zum Marktplatz. Hier wurde er von Oberbürgermeister Dr. L e s k e im Namen der- Stadt Swinemünde willkommen geheißen. Die Bevölke­rung brächte dem Reichspräsidenten herzliche Ovationen dar. Der Reichspräsident begab sich dann mit dem Tender Hela" in Begleitung des Chefs der Marinestation, Vize­admiral Räder, an Bord des Flottenflaggschiffes Schleswig-Holstein" zur Ausfahrt in die Swinemünder Bucht zur Abnahme der Flottenparade. Eine Nachtübung schließt sich an. Donnerstag geht die Reise des Reichs­präsidenten weiter nach P i l l a u, und zwar an Bord des KreuzersBerlin".

tötet. Viele Häuser in Jalta sind eingestürzt. Das ehemalige Zarenpalais in Livadia, das jetzige Bauernsanatorium, hat einen Ritz davongetragen. Der Turm der Villa Schwalbennest am Gipfel eines Felsens in der Nähe von Mishor ist ins Meer a ^ 71 ü r z t. Im Sanatorium Krasnoje Snamja, in we^ deutsche Arbeiter zur Kur weilen, wur. Die oberen Stockwerke erheblich beschädigt. Die deutschen Ar­beiter blieben unversehrt. In den Aipeiri- bergen wurde die DreifelsengruppeHörnchen" zersplittert. In Mishor begannen infolge der Erd stoße die Glocken zu läuten. Im Gebirge erfolgten Berg- einstürze. Die oberen Stockwerke der Seewarte in Sebasto- Pol wurden zerstört. In ChersoneS stürzte einer der alten Türme der hellenistischen Kulturepoche ein. Gestern abend und im Laufe des heutigen Tages dauerten die Erdstöße in Jalta, Sebastopol und Simferopol an. In Jalta wurden 37 Erdstöße verzeichnet. Die eingeleitete Hilfs­aktion nimmt einen ungestörten Verlauf. An manchen Orten konnte der unterbrochene Telephon- und Tele­graphenverkehr wiederaufgenommen werden.

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Lieberschwemmungen in Mecklenburg.

Die Umgebung des Cummerower Sees, der an der mecklenburg-pommerschen Grenze liegt, hatte unter Über­schwemmungen zu leiden. Ein Damm zwischen den Ort­schaften Verchen und Aalbude ist infolge des Steigens des Seespiegels durch austretende Wasser der Peene über­flutet. Die sogenannten Rosin-Peene-Wiesen sind unter Wasser gesetzt, so daß eine

Bergung der Heuernte ausgeschlossen erscheint. Das Wasser reicht bei Aalbude bis in die Nähe der Häuser.

Unwetter in Italien.

Auf der Kleinbahn RoveretoRiva wurden zwei leere Eisenbahn Waggons durch den Sturm SAßS« c in ^nW.c xj^are^ > uji ukUUWl . ^i^ei Myae^ des Zuges flüchten um. In der Umgebung von Bergamo Wurde ein großer Teil der Weinernte durch Hagel zer­stört. In den Dolomiten ist die Temperatur auf Null gesunken und es herrscht Schneegestöber.

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7000 Opfer der Cholera.

Seit Beginn der Choleraepidemie sind in Nanking 7000 tödliche Fälle gemeldet worden. Auch in den Ein­geborenenvierteln Schanghais hat die Krankheit zu­genommen. Unter den Ausländern sind bisher nur sieben Todesfälle vorgekommen. Die chinesischen Ärzte sollen sich bisher vollkommen unfähig gezeigt haben, die notwendigen medizinischen Gegenmaßnahmen zu treffen. Täglich soll es in Nanking vorkommen, daß Erkrankte in den Straßen hinstürzen und sterben. Die Epidemie ist durch Sol­daten der Nanking-Armee nach der Eingeborenenstadt verschleppt worden. ___

Ratswahlen in Genf.

Fortsetzung der Friedensdebatte.

Am Donnerstag, der die Wahlen der drei neuen nichtständigen Ratsmitglieder bringt, wird der Rat in seiner jetzigen Zusammensetzung seine beiden letzten Sitzungen abhalten, die u. a. die von der griechischen Re­gierung vor den Rat gebrachte Angelegenheit des von einer deutschen Werft auf Grund eines Vorkriegsver- trageS zu liefernden KriegsschiffesSalamis" regeln sollen und weiter die noch aus der Tagesordnung stehenden Danziger Fragen behandeln werden. Die beiden wesent­lichen Fragen, die sich auf die Forderung Danzigs nach Verlegung des polnischen Munitionsdepots von der Westerplatte beziehen, sind zunächst auf juristische und formale Schwierigkeiten gestoßen, für deren Behebung bisher nur geringe Aussichten zu bestehen scheinen. Gleich­falls in juristischer Beratung befindet sich der ungarisch- rumänische Optantenstreitfall, bei dem diesmal Graf Apponyi Ungarn vor dem Rat vertreten wird.

Inzwischen gehen die Ausschußberatungen weiter. Im Abrüstungsausschuß sprachen noch die Vertreter ver­schiedener Länder zum Abrüstungsproblem. Alle Redner waren sich in ihren Ausführungen einig, daß in der Ab­rüstungsfrage irgend etwas geschehen, müsse. Man wird abwarten, ob diesen Reden endlich Taten folgen, wie dies ja anch der deutsche Vertreter gefordert hat.

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Besprechungen Dr. Stresemanns.

Der litauische Ministerpräsident Woldemaras ist nach Rom abgereist. Er wird seine Verhandlungen mit Reichs- außenminister Dr. Stresemann über die allgemeinen zwischen Deutschland und Litauen schwebenden Fragen bei seiner Rückreise Ende des Monats in Berlin fort­setzen. Die letzten memelländischen Beschwerden werden im Einvernehmen mit den Memelländern vorläufig nicht zur Erörterung vor den Völkerbundrat gebracht, sondern ebenfalls diesen direkten Verhandlungen vorbehalten. Außerdem hat die seit einigen Tagen unter Führung von Kommerzienrat Röchling in Genf weilende saarländische Delegation Reichsaußenminister Dr. Stresemann aus­gesucht. Die Besprechungen gälten einer Reihe wirtschaft­licher Fragen des Saargebietes.