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Hersfelöer Tageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Mzriger für öen Kreis Hersfelö mit den Beilagen: Leimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

R'. 213 Montag, den 12. September 1927 77. Jahrgang

Klärung.

Die Völkerbundtagung hat ihren Höhepunkt er­reicht. Nach den Wirrnissen der letzten Tage ist eine gewisse Klärung eingetreten. Man kann von einem Nachlassen der Unruhe sprechen, dir durch die Ankündigung des Hollän­dischen Außenministers und durch die verschiedenen pol­nischen Vorstöße in die Versammlung hineingetragen worden war. Das hat der deutsche Außenminister mit seiner großen Rede bewirkt. Das trat augenfällig in die Er­scheinung, als der Polnische Vertreter Sokal zur allge­meinen Überraschung nicht etwa die letzte polnische These verteidigte, die wegen ihrer allzu sichtlichen Ostlocarno- tendenz abgelehnt war, sondern warme Worte für die Resolution fand, die Die Rechtsvertreter der Locarno- mächte aus der ersten polnischen Anregung gemacht hatten und die so großes Unbehagen in Warschau hervorgerufen hatte. Damit hat Polen jetzt indirekt das zugegeben, was es bisher immer nicht anerkennen wollte, daß durch die Locarnoverträge eine genügende Sicherheit für ganz Europa geschaffen ist.

Die damit zur Aussprache gestellte Resolution ent­hält eigentlich nur Selbstverständlichkeiten, die in einer Völkerbundversammlung nicht erörtert zu werden brauch­ten; soll doch gerade das, was die Resolution erstrebt, die Verhinderung von Angriffskriegen und Gewaltakten der Völker untereinander, mit die Hauptaufgabe des Bundes sein. Richt mit Unrecht konnte deshalb der italienische Vertreter Scialoja sie als überflüssig zurückweisen. Aber immerhin ist es gut, daß man sich einmal offen darüber ausspricht. Ersieht man dann doch daraus, wie wenig eigentlich der Völkerbund bisher in dieser Beziehung ge­leistet hat, so daß man zu den Hilfsmitteln der Locarno­verträge greifen mußte. Es wäre erfreulich, wenn be­sonders auf dem Gebiete der Abrüstung nun endlich ein­mal ein schnelleres Tempo ein geschlagen würde. Auch dafür kann Stresemanns Rede ein Weg­weiser fein.

In Deutschland dürfte Stresemann besonders darin Zu­stimmung finden, als er vor dem Völkerbunds es unterstrich, daß, wenn ein Volk die Sicherheit nötig habe, dies Deutsch­land sei, wo ein wachsendes Volk auf enger gewordenem Boden sich zu erhalten wünsche und deshalb nicht nur mit- tätig, fondern Vorkämpfer sein wolle auf dem W e g-e- g u m allgemeinen Fr lede N. Um zu zeigen, daß Deutschland darin nicht nur mit Worten, son­dern auch mit Taten vorangehen wolle, erklärte schließ­lich der Außenminister, wobei er die Versammlung aus­horchen machte, daß Deutschland noch in dieser Session die im Völkerbundstatut enthaltene Schiedsgerichts­klausel unterzeichnen wolle. Eine Pflicht dazu be­steht nicht. Die Unterzeichnung ist vielmehr jedem Mit­glieds ausdrücklich freigestellt. Ebenso ist es gestattet, ge­wisse Bedingungen an die Unterschrift zu knüpfen. Auch darauf hat Deutschland verzichtet und sein Schicksal jetzt vollständig in die Hände des Völkerbundes und damit des Friedensgedankens gegeben.

Die Bedeutung des deutschen Schrittes liegt haupt­sächlich auf moralischem Gebiete. Niemand kann jetzt Deutschland mehr vorwerfen, daß es ihm mit seinen Friedensbeteuerungen nicht ernst ist. Es kann jetzt ruhig alle Bestrebungen ablehnen, die es zu neuen Sicherheits­pakten verpflichten wollen. Aber noch eins ist hervorzu- heben. In Völkerbundkreisen, namentlich von den kleine­ren Mächten, wird darüber geklagt, daß sich die Groß­mächte in einen gewissen Gegensatz zu chnen stellen. Ein Teil dieser kleineren Mächte hat nun diese Klausel schon unterzeichnet, aber noch niemand von den Großmächten, wenigstens nicht vorbehaltlos. So stellte seinerzeit Frank­reich die Bedingung, daß gleichzeitig auch das Genfer Protokoll in Wirksamkeit treten müsse. Da das, infolge Widerstandes Englands kaum geschieht, so ist die fran­zösische Erklärung so gut wie nicht abgegeben. Deutsch­land war also die erste Großmacht, die hier bahnbrechend wirkte.

In der deutschen Öffentlichkeit wird vielfach der deutschen Abordnung vorgeworfen, daß sie die Frage der Rheinlandräumung nicht offiziell anschneidet. Vielleicht wäre man hier uns mit den verschiedenen Wenns und Abers gekommen. Ganz besonders hätte man die Frage der Sicherheit als noch nicht genügend geklärt bezeichnet. Alle solche Ausreden müssen jetzt angesichts der Strese- mannrede wirkungslos werden. Briand hat seinerzeit selbst auf das große psychologische Opfer hingewiesen, das Deutschland mit der Unterzeichnung der Locarnoverträge brächte. Jetzt hat Deutschland zu diesem Opfer noch ein größeres Hinzugefügt. Der letzte etwaige Einwand gegen die Rheinlandräumung ist damit gefallen. Soweit Deutschland in Betracht kommt, ist der andern Sicherheit verbürgt. Es kann deshalb noch mehr als bisher fordern, daß nun endlich das Rhein- land frei wird und die andern abrüsten, sollte doch Deutschlands Entwaffnung nur der Auftakt zum allge­meinen Niederlegen der Waffen sein.

Mruhen ln Liiauen.

Ein Putschversuch. . ?

Nach Mitteilungen des litauischen Kriegsministeriums wurde durch Kommunisten in der Grenzstadt T a u r o g - gen ein Umsturzversuch unternommen. Die örtlichen Be­hörden hätten den Versuch alsbald erstickt. In Kowno wird vermutet, daß sich auch einige Mitglieder der L i n k s- parteien an dem Putsch Beteiligt hätten.

Nach dW BeMrunLLmMeMyWl Md bei, den Un-

Sriunb u. Wmdmm MeidiW-enMeM-

Rede Briands in Genf.

Sein Vertrauen in den Völkerbund.

Der Höhepunkt der jetzigen Völkerbundversammlung ist überschritten. Nach Dr. Stresemann nahm Frankreichs Außenminister Briand das Wort zu einer Rede, die gleich­sam als eine Antwort auf die Ausführungen Dr. Strese- manns anzusehen ist. Zu Beginn feiner Darlegungen zerpflückte er alle Ausführungen, die gegen die Arbeit des Völkerbundes oder einzelner seiner Organe bisher vor- gebracht worden waren. Dabei nahm er an vielen Stellen seiner Rede Bezug auf diemutige und edle" Rede von Reichsaußenminister Dr. Stresemann.

Im einzelnen führte Briand aus, er habe sehr genau alle Nuancen der Rede Dr. Stresemanns verstanden, die auf die natürlichen und begreiflichen deutschen Wünsche Bezug hatten, und er wisse den Mut zu würdigen, den es erfordert hätte, diese Rede zu halten. (Beifall.) Auch er verkenne nicht, daß eine etwas schwere und pessimistische Atmosphäre bestanden habe. Aber sie sei nun zerstreut. Er wolle darauf Hinweisen, was der Völkerbund vor einem Jahr gewesen und was er heute sei. Seit dem Eintritt Deutschlands, das nunmehr den Platz innehat, der ihm gebührt, so unterstrich Briand, sind wir zusammen­geschlossen zu einer einzigen großen Familie, verbündet zur Überwindung aller Hindernisse in großer Loyalität.

Diese Hindernisse führte Briand nacheinander aus: Sicherheitsfrage, Abrüstungsproblem, ökonomische Schwierigkeiten. Auch er würdigte dabei die Leistungen der WeltwirtschastskouferenfWirtschaftliche Konflikte führen naturnotwendig eines Tages auch zu blutigen Konflikten." Die freie Aussprache auf der Tribüne des Völkerbundes sei das Mittel, um aus allen Gebieten Miß­verständnisse zu beseitigen und Vertrauen zu schassen. Daß diese Wirkung vorhanden sei, habe sich ihm stark aufgedrängt bei der vorangegangenen Aussprache, von der man ja zunächst auch das Empfinden gehabt hätte, daß sie Venen «enamcnre tiefere, die außerhalb dieser Organisation aus jedes Schwächezeichen des Völkerbundes lauern.Die Tatsache," so rief er aus, daß wir für unsere Beschlüsse die Bildung einer Ein­stimmigkeit brauchen, ist die stärkste Stütze für das Wachsen, für die Festigung, für die Schaffung des Ver­trauens in den Völkerbund. Dieses Vertrauen haben die Völker bereits; sie verlangen mit Recht, daß unsere De­batten nicht Scheinmanöver sind."

Briand ironisierte dann die vorgebrachten Bedenken gegen Konventikel einzelner Ratsmächte. Er erinnerte an die Überwindung der Kriegsgefahr im vorigen Jahr, an die Schwierigkeiten der Aufnahme Deutschlands und an das große Erlebnis des Augenblicks, wo mit seinem Ein­zug der Erfolg erreicht war.Das alles ist nicht ohne diplomatische Einzelverhandlungen möglich und es ist ganz falsch, die Großmächte deswegen zu verdächtigen, so daß sie schließlich sich dafür entschuldigen müßten, daß sie Großmächte sind." Gleichfalls nicht ohne Ironie trat er dem Vorwurf wegen des überwiegens der Diplo­maten entgegen. Den hier anwesenden Außenministern seien alle Nachteile bekannt, die ihnen persönlich durch die innere Politik entstünden Nachteile, die während ihrer Abwesenheit von Hause nicht gerade zu verschwin­den pflegten. Dann kam Briand auf die Abrüstung zu sprechen. Frankreich kenne seine Verpflichtungen und ins­besondere diejenigen des Artikels 8 und betrachte sie als eine heilige Pflicht. Mit der ihm eigenen bildhaften Dar- stellungskunst begründete Briand die Hemmnisse auf dem Wege zur Erfüllung aus der Psychologie der Völker, die den Krieg erlebt hätten.

Geheimrat Kastl Mitglied der Mandatskommission.

Geheimrat Kastl, geschäftsführendes Präsidialmitglied des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, wurde vom

ruhen ein Beteiligter getötet und zwei verwundet worden. Nachrichten über die Ereignisse in Tauroggen werden streng überwacht. Der bei dem Umsturzversuch als Führer tätige Reservekapitän M a j u s sei wegen Spionage vom

Zu den Unruhen in Litauen.

Militär entlassen worden. Jn.Tilsit wollte man wissen.

Völkervundrat in geheimer Sitzung zum deutschen Mit­glied der Mandatskommission ernannt. Ludwig Kastl ist aus dem bayerischen Landesdienst hervorgegangen. Er war in den Kolonien tätig; als Bezirksrichter in Windhuk, später bis 1910 Hilfsarbeiter im ehemaligen Reichs- kolonialamt. Von 1911 bis 1920 war er als Regierungs­rat des Generalgouvernements Windhuk tätig. 1920 wurde er Geh. Regierungsrat im Wiederaufbauministerium, 1921 Ministerialrat im Reichsfinanzministerium. Im März 1925 ist er auf eigenen Wunsch ausgeschieden, um zum Reichsverband der deutschen Industrie Überzugehen.

Chamberlain spricht in Genf.

Keine Rückläufigkeit des Völkerbundes.

Der englische Außenminister bezog sich in seiner An­sprache auf die zwischen Dr. Stresemann und Briand ausgetauschten Reden und unterstrich deren Bedeutung, wobei er beide als Vorkämpfer des Friedens von höchstem staatsmännischen Niveau und persönlichem Mut bezeichnete. Auch er höre raunen von der Rückläusig- keit des Völkerbundes. Er sehe nichts davon in der Wirk­lichkeit. Den Vorwurf der Sonderbildung innerhalb des Rates weist er zurück. Es gebe hier keine anderen Zu­sammenkünfte als zwischen Briand, Stresemann, Vandervelde, Scialoja und ihm selbst, und diese Zusammenkünfte gelten nicht den Ratsgeschäften, sondern ihren eigenen Angelegenheiten, sowie sie sie ohne den Rat erledigen zu können hoffen, wobei alle Freiheit für alle Ratsmitglieder erhalten bleibe. Zur Abrüstung gelte, wie er französisch zitierte,nicht davon reden, sondern durch Taten beweisen". England habe sofort nach Kriegsende seine Armee unter den Vorkriegsstand herabgesetzt, sein Flottenbudget von Jahr zu Jahr vermindert, und wenn es für seine so vielen, so zerstreuten, so schwer zu schützen­den Lande mehr getan hätte, wäre das unverantwortlich gewesen.

Das Genfer Protokoll.lshne.er nach, wie vor ab, und^^, nur mangelndes BerMritMlN für Die besonderen Htuddr Nisse, die für England beständen, ließen andere diese Forderung wieder aufnehmen. Der Völkerbundpakt stehe fest und zu ihm müsse man Vertrauen haben. Daneben gäbe es Locarno, ein System von Verträgen, das gestern wie heute als Bürgschaft für den Frieden in West und Ost mit Recht bezeichnet worden sei. Er wolle keinen Überstaat aus dem Völkerbund hervorgehen sehen, sondern ihn organisch aus sich selbst entwickeln, und gebe mehr auf den moralischen Eindruck von Reden, wie sie zwischen französischen und deuffchen Delegierten hier aus­getauscht worden seien, mehr auf freiwilliges und gegen­seitiges Einvernehmen, als auf eine Häufung sensatio- neller Schritte. Auch eine Eiche wachse nur langsam, um stark zu werden, und der Völkerbund sei ein organisches Wesen gleicher Art.

Die Rede Chamberlains fand lebhaften Beifall. Nach ihm sprach als zweiter Redner Ramon Caballero (Para­guay), der sich fast ausschließlich mit der Frage des inter­nationalen Rechts befaßte.

Abänderung des holländischen Antrages.

Vor Schluß der Sitzung erklärte der holländische Außenminister Beelaert van Blokland, die Rede Cham­berlains habe ihn zu der Überzeugung gebracht, daß der Text seines Antrages zu Mißverständnissen Anlaß geben könnte, und er ändere ihn deshalb in dem entscheidenden Teile dahin ab, daß die Bezugnahme auf das Genfer Pro­tokoll ganz fortfällt und dafür die Wendung gesetzt wird, daß das Studium der Grundsätze für Sicherheit, Schieds­gericht und Abrüstung, wie sie im Völkerbundpakt nieder­gelegt seien, wiederaufgenommen werden soll. Der pol­nische Entschließungsentwurf wurde von der Versamm­lung auf Antrag des Präsidenten an den dritten Ver­sammlungsausschuß überwiesen.

der Vorstoß gegen die litauische Regierung sei nicht nur in -^auroggen, sondern auch in anderen Teilen Litauens er­folgt. Der kleine Grenzverkehr bei Tilsit ist gesperrt worden. Die Grenze darf nur mit einem Auslandspaß mit Visum überschritten werden. An der memelländischen Grenze sind größere litauische Militärformationen beob­achtet worden. Die auf Lastkraftwagen nach Laugszargen beorderten Abteilungen des litauischen Infanterieregi­ments Nr. 7 haben den Auftrag, vorläufig jeden Verkehr von und nach Laugszargen abzusperren, bis Verstärkungen aus Memel mit Maschinengewehren eintreffen. In Pogegen ist eine Kompagnie des gleichen Regiments ein­marschiert, die den Bahnhof und die Hauptstraßen streng bewacht. Auch in übermemel sind Truppen eingerückt, die die Brückenköpfe besetzt haben.

über die Bewegung in Tauroggen wird noch be­richtet: Der eigentliche Führer des Aufstandes war ein gewisser Serbento, ein linkssozialistischer Lehrer. Die Aufständischen hatten Post, Telegraph und Bahnhof be­setzt. Etwa 200 bis 300 Kommunisten hatten die Staats­bank gestürmt und etwa 100 000 Lit erbeutet. Mit Kraft­wagen wurden schnell Truppen herbeigeschafft, die die Ordnung wieder herstellten. Vier Tote, darunter ein Kommunist und ein Mitglied des Litauischen Schützen­verbandes, sollen die Opfer des Aufruhrs in Tauroggen und seiner Unterdrückuna fein.