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Kers^iöer Tageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher/lnzeiger für den Kreis HersfelS

Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.20 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in tzersfew, Mitglied des VDZV.

mit Sen Beilagen: Helmatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle /Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 211

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Freitag, den 9. Geptember 1927 77. Sadrgang

Das Pulverfaß.

In den Kreisen derKleinen Entente" erregt der englische Zeitungsbesitzer Lord Rothermere lebhafte Unruhe. Er beschäftigt sich in seinen Zeitungen seit einigeil Wochen mit den Zuständen in U n g a r n und kommt dabei zu dem Ergebnis, daß dieses Land infolge der Friedens­verträge in einen Zustand versetzt ist, dem dringend im Interesse des europäischen Friedens abgeholfen werden muß. Der Engländer vertritt dabei die Auffassung, daß in erster Linie das Ungarn angetane territoriale Unrecht wieder gutgemacht werden muß. Man kann es sich denken, daß ein solcher Vorschlag bei den an Ungarn grenzenden Staaten, die sich ja, um ihren ungarischen Raub zu be­halten und zur gegenseitigen Unterstützung, zu der so­genanntenKleinen Entente" zusammengeschlossen haben, auf den größten Widerstand gestoßen ist.

Man wollte zuerst die ganze Angelegenheit möglichst übersetzen. Als das nichts half, versuchte man den Lord als völlig einflußlos und als einen Mann mit über­spannten Ideen hinzustellen. Das verfing natürlich nicht. Alle Welt kennt den Einfluß dieses Mannes gerade in zeitungstechnischer Beziehung. Man kennt seinen Einfluß auf die englische Öffentlichkeit und weiß, daß er es auch verstanden hat, eine große Anzahl amerikanischer Zeitungen für seine Anschauung günstig zu stimmen. Schließlich rechnete man damit, daß dem Manne einmal die Sache über werde und er seinen Feldzug einstellen würde. Auch darin hat man sich geirrt. Der Lord fährt immer gröberes Geschütz auf und drohte sogar, dafür ein­treten zu wollen, daß den widerspenstigen Staaten der eng­lische und der amerikanische Geldmarkt gesperrt würde. Das dürfte nun nicht so leicht sein, zeigt aber immerhin den festen Willen, den Kampf weiterzuführen. Außerdem hat er es fertiggebracht, eine Reihe von englischen Unter­hausmitgliedern für die Frage zu interessieren, die dem­nächst die Verhältnisse au Ort und Stelle studieren wollen.

Der Hauptzorn richtet sich dabei gegen die T f ch e ch o- slowakei, der ein deutliches Spiegelbild vorgehalten wird. Der Welt wird hier Wohl zum erstenmal aus En­tentemunde der wahre Charakter dieses Staates enthüllt. Lord Ro.toeuit^ nt,.. daß e irren eigenen Tschechen­staat früher nie gegeben hat, sondern nur ein Böhmen, wobei auch erinnert wird an den Anteil, den eine eng­lische Prinzessin in der böhmischen Geschichte spielte. Dieses Böhmen setzte sich aus vielen Völkerschaften zusammen, die man jetzt, darunter etwa drei Millionen Deutsche und eine Million Ungarn, zu Tschechen machen will. Nicht mit Unrecht wird auf die Gefahren hingewiesen, die durch die Tschechisierungsmethoden der Präger Machthaber für den europäischen Frieden entstehen, so daß Europa alle Ursache hat, diesesPulverfaß" zu beseitigen.

Lord Rothermere ist absolut nicht deutschenfreundlich. Im Gegenteil, er weist darauf hin, daß es ihm nur daran liegt, aus Ungarn, wenn man seine Klagen verstummen macht, einen guten Freund Englands und Frankreichs aus dem Kontinente zu machen. Trotzdem hat die ganze An­gelegenheit auch für uns das größte Interesse, zumal bei Betrachtung der jetzigen Genfer Vorgänge, wo ja andere Staaten, die in einer ähnlichen Lage wie die Tschechoslowakei sind, sich mit allen Kräften bemühen, ihre jetzigen Grenzen zu stabilisieren, d. h., den an andern Völkern begangenen Raub zu verewigen und die Aus­führung der Friedensverträge durch die Siegerstaaten als ein Noli me längere hinzustellen.

Die englische ZeitungDaily Mail" erinnert im Zu­sammenhang mit der Rothermere-Aktion an einen Bries LordGeorgesan einen Ungarn aus dem Jahre 1921. Darin weist dieser englische Staatsmann im Hinblick aus die Angliederung ungarischen Gebietes an die Tschecho­slowakei auf den Bries Clemenceaus hin, den dieser 1918 an die deutsche Delegation richtete mit dem aus­drücklichen Hinweise, daß die Staatsmänner die Möglich­keit wohl erwogen hätten, einzelne Klauseln der Friedens- vertrüge später abzuändern. Das kann in diesem Zu­sammenhänge so verstanden werden, daß auch territoriales Unrecht wieder gutgemacht werden kann. Es heißt nämlich ausdrücklich in dem Briefe, daß der Friede Europas nur dann bestehen könne, wenn allen Nationen in gleicher Weise Gerechtigkeit zuteil würde.

Aus diesen Gründen ist es empfehlenswert, wenn auch die deutsche Öffentlichkeit dieser Rothermere-Angelegenheit Aufmerksamkeit schenkt. Was für Ungarn gilt, gilt in noch höherem Grade für uns. Es ist nicht uninteressant zu sehen, daß sich an einzelnen Stellen der Welt schon das Ge­wissen regt und dort darauf hingewiesen wird, daß auch Deutschland gegenüber in territorialer Beziehung Un­recht getan worden ist.

Der ZwiespaU m der Zlaggensrage.

Auseinandersetzungen zwischen Ministern.

In einer Versammlung zu Alton« kam der preu- Mche Ministerpräsident B r a u n aus die Flaggenfrage zu Brechen und wandte sich dabei gegen die Ansichten,. dw bekanntlich Reichsverkehrsminister Koch kürzlich bei einer Festrede vor dem deutschnationalen Arbeiterverein in Stettin vortrug. Nach dem amtlich bekanntgegebenen Wortlaut sagte Ministerpräsident Braun u. a.:

Mir iit bekannt, daß, obwohl die Reichsverfassung nur die schwarz-rot-goldene NaüonaMaaae und die schwarz-weiß-rote Laudelsilaaae mit der

-rote

Wirrwarr in Genf

Streit um die An'edellSresolution.

Heftige Kritik am Völkerbund.

In Genfer Völkerbundkreisen herrscht großer Wirr­warr, der durch die polnischen Friedenspaktvorschläge ver­ursacht worden ist. Die Großmächte hatten sich dieser Vorschläge angenommen und waren nach langwierigen geheimen Beratungen übereingekommen, ihren Inhalt ab- zuändern und den dann sertiggestellten Text als eine Friedensresolution gemeinsam bei der Völker- bundverfammlung einzubringen. Diese Friedensresolu­tion sollte von Polen, England, Frankreich und Deutsch­land unterzeichnet werden, wobei auch noch andere Mächte ihre Unterstützung zugesagt hatten. Der Kernpunkt dieser Resolution bestand in der Erklärung, daß jeder zur Lösung internationaler Konflikte unter­nommene Krieg verboten bleibt und alle internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel ent­schieden werden müssen. Polen, das ursprünglich seine Zustimmung zu dieser neuen Resolution gegeben und auf die Einbringung seiner ursprünglichen Vorschläge ver­zichtet hatte, hat im letzten Augenblick seine Unterschrift unter diese Resolution wieder zurückgezogen, angeblich, um aus Warschau neue Instruktionen in dieser Frage ein- zuholen. Indessen heißt es, daß hinter diesem Schritt Polens wieder Frankreich stehen soll, das versucht, von England eine weitergehende Formulierung der Resolution zu erlangen, um damit vor allem den polnischen Wünschen entgegenzukommen, die aus eine unabänderliche Festlegung der jetzigen Grenze Polens hinzielen.

Die Schwierigkeiten werden noch vergrößert, wenn man hört, daß auch Holland nicht darauf verzichten will, seine Anträge auf die Wiederaufnahme der Beratung der Grundsätze des Genfer Protokolls, das eine obligatorische Schiedsgerichtsbarkeit in allen internationalen politischen und rechtlichen Fragen vorsieht, zur.AbstimmM in der Völkerbundversammlung zu stellen, überhaupt zeigen sich in dieser Sitzung die Vertreter der kleinen Staaten gegen­über den Großmächten ziemlich aufsässig und die in der Tendenz ziemlich übereinstimmenden Reden der Ver­treter der kleineren Mächte wenden sich gegen die Sonder- politik und das überwiegen des Einflusses der Groß­mächte im Völkerbund.

Der dänische Minister des Äußeren betonte die Not­wendigkeit der Verwirklichung der allgemeinen Ab­rüstungsverpflichtung, während der Japaner Adatzi für eine wirksame Wiederaufnahme der Abrüstungsarbeiten plädierte, die mit Geduld und Beharrlichkeit gelöst werden könnten. Der litauische Ministerpräsident, Woldemaras, gelangte zu der Feststellung, daß der Völkerbund die Pflicht habe, den Frieden zu organisieren; könne er das nicht, so werde er verschwinden.

Herr Minister Koch aussuyrt, es sei selbstverständlich, daß die Reichsfarben geachtet werden müßten, weil sie verfassungs­mäßig seien, und gleichzeitig hervorhebt, daß ein Teil des deutschen Volkes, zu dem er sich wohl auch rechnet, m den Far­ben Schwarz-Weiß-Rot eine gerade heute lebendige und in die Zukunft weisende Mahnung sehe, so muß ich daraus ent­nehmen, daß Herr Koch und feine Parteifreunde die ver- fasiungsmätzigen Reichsfarben wohl achten wollen, das aber am würdigsten durchzusühren glauben, indem sie sie in die Tasche stecken und ihre schwarz-weiß-rote Patteifahne offen im Winde flattern lassen, wenn sie auf den republikanischen Richt­linien des Herrn Reichskanzlers Marx ihrem in die Zukunft weisenden Ziel, der Monarchie, entgegenschreiten.

Die Rede Brauns hat die Diskussion in der Presse über die Flaggenfarben wieder hell auflodern lassen und Ministerpräsident Braun erfährt zum Teil recht kräftige Kritik in den ihm entgegengesetzt eingestellten Zeitungen. So schreibt ein rechtsstehendes Berliner Blatt:Es sollen in diesen Tagen verschiedentliche Bemühungen im Gange gewesen sein, um den unseligen Flaggenstrett, schon aus Rücksicht auf den bevorstehenden 80. Geburtstag des Reichspräsidenten, durch eine irgendwie geartete Verstän­digung aus der Welt zu schaffen. Herr Braun kann für sich in Anspruch nehmen, diese Bemühungen durch seine Alto- naer Rede von Grund auf überflüssig gemacht zu haben."

*

Das Schreiben des preußischen Ministerpräsidenten B r a u n an die Staatsminister über das Verhalten der B e r - liner Hotels in der Flaggenfrage hat jetzt zu Verordnun­gen einzelner Ministerien geführt. Das Preußische Ministerial­blatt veröffentlicht einen Runderlatz des Ministers des In­nern und des Finanzministers, in dem das Schrei­ben wiedergegeben und angeordnet wird, daß die Nachgeord­neten Behörden und ihre Beamten in den von Braun ge­nannten Hotels amtliche Veranstaltungen nicht abhalten und andere Veranstaltungen dort in amtlicher Eigenschaft nicht besuchen dürfen.

Spannung zwischen Italien und Belgien.

Vor dem Abbruch der Beziehungen.

In Brüssel liefen bei der Regierung in den letzten Monaten wiederholt Beschwerden aus Rom ein, veranlaßt von Mussolini. Er erhob Einspruch dagegen, daß die belgischen sozialdemokratischen Minister tätig an Ver­anstaltungen teilnehmen, die sich gegen das jetzige Regi­ment in Italien wenden. Da die Vorstellungen Musso-

Der Präsident der Norwegischen Kammer, Hambro, griff die Großmächte des Rats in scharfen Worten an und warf ihnen vor, daß noch nicht ein einziges ständiges Rats Mitglied das Statut des Ständigen Internationalen Ge­richtshofes im Haag unterzeichnet habe. Ferner beschwerte er sich scharf über die

Geheimpoüük der Ratsmitglieder, besonders einer Gruppe von Großmächten, wodurch die Gefahr geschaffen worden sei, daß die öffentliche Meinung der Welt sich gegen die Arbeiten in Genf wendet. Hambro glaubt ein Nachlassen des öffentlichen Interesses gegenüber dem Völkerbünde bereits heute seststellen zu können. Im Zusammenhang mit der Kritik an der Geheimdiplomatie des Rates verlangte Hambro, daß sich die 22 zurzeit in Genf weilenden Außenminister bewußt sein sollten, daß sie nicht bloß als Außenminister, sondern auch als Vertreter des Völkerbundes nach Genf kommen. Es wäre auch besser, wenn die Ratsmitglieder nicht so sehr aus den Kreisen der hauptstädtischen Diplomatie der Großmächte entnom- men wären.

Einen Verteidiger seiner Politik hat der Völkerbund in der Person des griechischen Delegierten Politis, der es in Abrede stellte, daß ein Versagen des Völkerbundes in bestimmten Konfliktsfällen zu verzeichnen sei. Außerdem bestritt er, daß durch die Geheimdiplomatie irgendwelche Nachteile für die Völkerbundstaaten entstanden seien. Hauptschuld an diesen Auffassungen sei die Übertreibung der Meinung von der Macht des Völkerbundes, der eine freie Verbindung Gleichgeordneter sei, die der eigenen Initiative der Mitglieder freien Spielraum lasse. Im übrigen trat er für die Verwirklichung des.Genfer Proto­kolls ein. Die Ausführungen des griechischen Delegierten überraschten bei den Vertretern der kleinen Nationen, doch wird darauf hingewiesen, daß Politis mit seiner Rede auf die Erlangung eiltet Kandidatur im Rate hingezielt habe.

Wahl der drei nichtständigen Aatsmitglieder.

Die Wahl der drei nichtständigen Ratsmitglieder, die an die Stelle der ausscheidenden Natsmächte Belgien, Salvador und Tschechoslowakei treten sollen, ist auf Don­nerstag, den 15. September, angesetzt worden. Künftig sollen die Ratswahlen jeweils am zweiten Montag im September, also eine Woche nach Beginn der Völkerbund­versammlung, erfolgen. Im Falle, daß ein ausscheidendes Ratsmitglied einen Antrag auf Wiederwählbarkeit stellt, soll die Völkerbundversammlung darüber am Vormittag des Wahltages entscheiden. Dementsprechend wird über den vorliegenden Wiederwählbarkeitsantrag Belgiens ebenfalls am Donnerstag, den 15. September, Beschluß gefaßt werden.

linis ohne Wirkung blieben,, wurde der italienische Bot­schafter in Brüssel abberufen und nur ein Geschäftsträger in Brüssel belassen.

Die Beziehungen zwischen Rom und Brüssel wurden andauernd schlechter. Zu Beginn dieser Woche hat nun auch der italienische Geschäftsträger, Bordonaro Belgien verlassen und die Leitung der italienischen Botschaft einem diplomatischen Kanzleibeamten überlassen. Dieser Schritt hängt, wie verlautet, mit der am nächsten Sonntag statt- findenden Matteotti-Feier zusammen.

An diesem Tage findet im Volkshaus zu Brüssel die Enthüllung des Matteotti-Denkmals statt. Henderson, ehemaliger britischer Minister, wird das Denkmal über­nehmen, der deutsche sozialdemokratische Abgeordnete Müller, Leo Blum, französischer Deputierter, und die beiden in Frankreich in Verbannung lebenden italienischen Abgeordneten Turati und Mogdiliani werden bei dieser Denkmalsenthüllung Reden halten. Von den vier sozial­demokratischen Ministern Belgiens nimmt auf Wunsch der bürgerlichen Minister niemand an der Feier teil. Indessen führt die sozialdemokratische Presse Belgiens eine solche scharfe Sprache gegen Italien, daß deswegen eine neue Beschwerde aus Rom kam.

potiiffche MrwKfchaL Deutsches. Mich.

Kabmettssitzung ohne Dr. Stresemann.

Da der in Genf weilende Reichsaußenminister Dr. S t r e s e m a n n erst Freitag zu den augenblicklich so be­deutsamen Genfer Fragen das Wort nehmen kann, ist es ihm nicht möglich, Sonnabend früh zu der angesagten Kabinettssitzung in Berlin zu erscheinen. Die Sitzung, die sich bekanntlich mit der Besoldungsreform be- schäftigen wird, muß deshalb ohne ihn stattsinden. Dr. Stresemann wird voraussichtlich Freitag abend von Genf abreisen und Sonnabend abend in Berlin sein. Da die Sonnabendsttzung wahrscheinlich über die Besoldungs­reform doch noch keine bestimmten Beschlüsse fassen wird, könnte Dr. Stresemann an einer Fortsetzung der Beratun­gen, etwa Montag oder Dienstag, teilnehmen. Vielleicht würde er dann zu gleicher Zeit über Genf referieren.

Was bringt die Besoldungsreform?

Bisher war aus den vielfachen Äußerungen über die