Hersfel-er Tageblatt
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mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 206 Erstes Math
Gonnabend, den 3. September 192t
77. Jahrgang
Me Lage her deutschen Wirtschaft
Zndußrietagung in Frankfurt a. M.
Beratung der Wirtschaftsführer.
Es ist die achte ordentliche Mitgliederversammlung des Reichsverbandes der deutschen Industrie, die diesmal am 2. September in der Stadt Frankfurt a. M. zusammenkam, um über Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft zu beraten. Der offiziellen Eröffnung ging eine Besprechung des Präsidiums und des Vorstandes im Frankfurter Stadthaus unter Leitung des Geh. Regierungsrats Professor Dr. C. D u i s b e r g voraus.
Nach Erledigung innerer Angelegenheiten berichtete Direktor Hans Krämer über die Zollsenkungsaktion der Reichsregierung. Er stellte fest, daß die Industrie sich der Mitarbeit an den Beratungen über diese Frage nicht versagen lverde. Dann sprach Abg. F r o w e i n - Elberfeld über die Lohnpolitik der letzten Wochen und ihren Zusammenhang mit der Preis- und Zollpolitik. Es sei erstaunlich, daß in weiten Kreisen noch immer die Ansicht herrsche, daß in jedem Fall und auf die Dauer eine einfache Steigerung des Lohnes zu einer Erhöhung der Kaufkraft führen könne. Unvereinbar sei eins Politik, die eine ständige Erhöhung der Löhne zur Folge habe, mit einer Politik, die unter allen Umständen eine Preiserhöhung vermeiden wolle. Der Redner hält das Schlichtungsverfahren und die Verbindlichkeitserklärungen, wie sie sich im Laufe der letzten Jahre entwickelt haben, für wirtschaftsschädlich. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müßten dahin streben, Lohnkämpfe untereinander auszufechten. Geheimrat K a st l berichtete dann über das Schlußentschädigungsgesetz für Kriegsbeschädigte. Die Versammlung trat der Kritik des Redners an dem vorliegenden Gesetzentwurf bei. Über „Beziehungen des Reichsverbandes zu ausländischen zentralen Jndustrieorganisationen" sprach der Geschäftsführer des Reichsverbandes, Dr. H e r l e.
^M Kaisersaal des Römer ''ronsialiete abends der. , - - >M««istvat eine Empfangsfeier, in der Oberbürgermeister
Dr. Land man« die Gäste begrüßte und Geheimrat Dr. D u i s b e r g für den herzlichen Empfang dankte.
Vsrirag Gchsimrai C. Duisbergs.
Die achie ordentliche Mitgliederversammlung wurde durch eine Ansprache des Vorsitzenden des Präsidiums des Reichs- vcrbandcs, Geheimrats Professor Dr. Duisberg, eröffnet. Der Redner begrüßte die in großer Zahl erschienenen Gäste.und Mitglieder, namens den Reichsfinanzminister Dr. Köhler, den Reichswirtschaftsmiuistcr Dr. Curtius. den preußischen Handelsminister Dr. Schreiber sowie die übrigen Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden. Nach der Versicherung, dast
Geheimrat Pros. Dr. Duisberg.
auch die Industrie ihre Interessen stets der Erhaltung und Festigung des Staates unterordne, leitete Gehcinirat Duisberg zu einem Treugelöbnis auf den Reichspräsidenten über und sagte: Die ehrwürdige Gestalt unseres Hindenburg, der troti seines hohen Alters, dem ehernen Gebot der Pflichterfüllung folgend, das verantwortungsvolle Amt des Reichspräsidenten übernommen hat, leuchtet dem ganzen deutschen Volke voran. Unter den Glückwünschenden, die sich in wenigen Wochen zum 80. Geburtstage Hindenburgs zusammenfinden, steht mit in vorderster Linie die deutsche Industrie. Aus Vorschlag Dr. Duisberg wurde die Absendung eines Huldigungs- telegramms an Hindenburg von der Versa^'-'tung einmütig beschlossen, und der Redner nimmt dann Stellung zur
gegenwärtigen deutschen Wirtschaftslage.
Einen Gradmesser für die günstigere Entwicklung bildet die Zahl der Arbeitslosen, die im Laufe der letzten zwölf Monate von über anderthalb Millionen aus 576 000 gefallen ist. Aber die Belebung der deutschen Wirtschaft erstreckte stch in der Hauptsache fast ausschließlich auf den Binnenmarkt. Die Ausfuhr deutscher Waren konnte kaum gesteigert werden. An den Vorkriegswerten gemessen, liegt der deutsche Export noch immer etwa uni ein Drittel unter der Ausfuhr des Jahres 1913. Dr. Duisberg sprach über die Finanzverhältnisse der Wirtschaft und des Reiches. Es scheint bisweilen so, als ob im deutsch Volke das Bewußtsein erloschen ist, daß wir den größten Krieg der Weltgeschichte verloren haben. Ferner müssen wir weniger Versammlungen mit den unvermeidlichen Festen abhalten. Der Reichsverband beabsichtigt daher, seine Mitgliederversammlung nur noch alle zwei Jahre stattsinden zu lasten.
Deutsche Qualitaisarheii.
Begrüßungsansprachen hielten dann der Vorsitzende des Verbandes Mitteldeutscher Industrieller, Landrichter a. D. Braun, und Oberbürgermeister Dr. Landmann, Frankfurt a. M. Dr. Braun führte aus, es schiene ihm von besonderer Bedeutung zu sein, daß der Reichsverband seine diesjährige Tagung unter das Motto der deutschen Qualitätsarbeit gestellt hat. Ich glaube, daß gerade die letzten drei Ja^e uns gezeigt haben, daß es nicht daraus ankommt, fremde Methoden in unbedingter Nachahmung zu übertragen, sondern daß wir recht in die Frage hineinzudringen hätten, worin denn eigentlich die Stärke der deutschen Arbeit beruhe. Dr. Landmann wies daraus hin, daß tue Fürsorgetätigkeit der Städte für die Arbeitslosen es ermöglicht habe, den bisherigen Rationalisierungsprozeß in der Wirtschaft durchzu- führen. Wenn die Städte für Volksschulen, für die Berufsund Fachschulen ihren Haushalt mit Lasten von vielen Millionen bebürden, so ist die bevorzugte Nutznießerin dieser Aufwendungen die deutsche Wirtschaft; ihr kommen diese Leistungen in Gestalt eines zu den h ö ch st e n Q u a l i tä t s l e i st u n g e n befähigten Stammes von Arbeitern zugute.
Reichswirtschastsmimster Nr. Surtius.
Der Minister überbrachte die Wünsche der Reichsregierung für den Verlaus der Tagung und sagte dann, es sei nicht ganz so einfach, im gegenwärtigen Augenblick die wirtschaftliche Lage Deutschlands zu überblicken. Dr. Curtius verbreitete sich über den Stand von Aus- und Einsuhr und meinte, er könne nicht sagen, ob die gegenwärtige Kontunktur an sich gesund oder ungesund sei. Auch möchte er heute sich über die weitere Entwicklung und ihre voraussichtliche Gestaltung nicht äußern. Er halte es für glücklich, daß der Reichsverband der Industrie sich eine langfristige Ausgabe, das Qualitäts- Problem, als Hauptgegenstand seiner Erörterungen gestellt habe.
Für Deutschland blieben eine Reihe wirtschaftlicher Son- derfaktorcn bestehen. Das wichtigste dabei liege in den Reparationsverpflichtungen. Von Deutschland würden große Teile seinE SÄitaw..5, .«u?.MW»^,,LeS.HMeK-Plaqes an die Neparakionsberechtigten abgeführt. Die deutsche Kapi- . talbildung und die deutsche Wirtschaft würden dabei unter das notwendige Maß gedrückt.
Es sei nicht Deutschlands Schuld, daß es nicht gelang, mit allen für Deutschland wichtigen Ländern zu Handelsverträgen zu gelangen und die Zölle aus ein angemessenes Niveau zu bringen. Der deutsch-französische Handelsvertrag werde günstige Wirkungen bringen, aber das Handelsvertraassustem Europas dürste noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden. Bei uns müsse man die Augen nach allen Seiten osfenhalten. Der Ausbau unserer Handelsverträge müsse dem Deutschen im Ausland und dem Ausländer in Deutschland gesteigerte Möglichkeit zu friedlichem Wettbewerb geben.
Nicht nur in der Wirtschaft selbst müßten die Voraussetzungen gegeben sein, um ein Höchstprodukt deutscher Leistungsfähigkeit zu erzielen. Auch die großen dem Reiche gehörenden Verkehrsanstalten, die Bahn und Post, mußten das ihrige beitragen, um den Absatz dieser Produkte zu erleichtern. Schließlich müsse auch in der Verwaltung des Reiches, der Länder und Gemeinden der Autoritätsgrundsatz verwirklicht werden.
Die Voraussetzungen zur Qualitätsarbeit behandelte das Präsidialmitglied Geheimrat Dr. K a st l. Deutschland gehöre zu den Ländern, für die heute mehr denn je die Qualitätsleistung von ausschlaggebender Bedeutung ist. Die Belastung durch zu hohe Steuern erschwere ganz besonders die Erzeugung von preiswerter Ware mit hoher Qualität.
Mst der Verwaltungsresorm im Rahmen der gegenwärtigen Verfassung könne nur ein Teil der Aufgaben gelöst werden, darüber hinaus müsse es auch zu einer Verfassungsreform kommen, die, unter Schonung der kulturellen Selbständigkeit der großen und mittleren Länder, in einer systematischen Erweiterung der Reichs- gewalt bestehen müsse.
Der Redner behandelte weiter die Belastung durch Steuern, soziale Versicherung, Arbeitslosen- und Krisen- versorgtenproblem, Arbeitszeitnotgesetz, Tarifpolitik und schloß: Nur wenn das Trennende zwischen den einzelnen Berufsgruppen des deutschen Volkes in den Hintergrund treten würde, sei für Deutschland die Möglichkeit eines Wiederaufstiegs gegeben.
Herbfiflimmung.
Zweikindersystem in Deutschland. — Mussolinis Parole. Mißmut in Genf.
Es herbstelt in Genf. Vielleicht noch nicht so sehr an den paradiesischen Gestaden um den vielbesungenen See herum: aber in der Stimmung der wieder zu fröhlichem Tun versammelten Völkerbunddelegationen der verschiedenen Länder ist von sommerlichen Hochgefühlen, von zuversichtlicher Selbstgewißheit, von unerschüttertem Vertrauen auf die Größe und Güte der Sache, um derentwillen drer- oder viermal im Jahr Hunderte von Menschen im Frre- denspalast zusammenströmen, wenig oder gar nichts mehr zu spüren. „ ,
Die Tatsache, daß weder L o r d C e c r l, der langjährige Hauptdelegierte des Britischen Königreiches, noch S e n a t o r d e I o u v e n e l, der bisherige Führer der französischen Delegation, diesmal in Genf zu sehen sind, tn Verbindung mit der einigermaßen zweifelhaft gewordenen Stellung des belgischen Außenministers V a n d e r v e l d e
hat chie Temperatur, die berühmte „Atmosphäre" um den Glaspalast herum, dessen Fenster erst kürzlich dem Steinhagel der Sacco - Vanzetti - Demonstranten standzuhalten hatten, gegen früher merklich sinken lassen. Viel Hütte nicht gefehlt und sogar der allertreueste der Völkerbundhelden, Frithjof Nansen, hätte auch schon diesmal die Flinte ins Korn geworfen, weil er in diesem Kreise irgend-
Flinte ins Korn geworfen, weil er in diesem Kreise irgendwelche nützliche und ersprießliche Arbeit nicht mehr leisten zu können vermeint; nur ein starker Druck seiner Regierung soll ihn schließlich umgestimmt haben. Jedenfalls, die Wasser der Begeisterung um den allgemeinen Bund der Nationen haben sich ziemlich rasch verlausen.
Die Kosten des Haushaltes des Völkerbundes betragen dieses Jahr schon mehr als 24 Millionen Goldfranken. Zu diesen Kosten trägt Deutschland natürlich auch ein gehöriges Maß bei. Leider sind für andere mindestens ebenso wichtige Dinge keine Geldmittel da. Um nur ein Beispiel zu nennen: Je mehr Ergebnisse der Volkszählung vom Juni 1925 bekannt werden, desto deutlicher tritt die ungesunde Richtung der ganzen Entwicklung zutage, in der unser Volkstum begriffen ist. Die Zahl der Ehen wächst von Jahr zu Jahr, aber der Geburten werden immer weniger in Deutschland. Für Hessen zum Beispiel läßt sich der A b st i e g v o m V i e r - zum Zweikindersystem ganz klar nachweisen; auf 1000 Frauen unter fünfzig Jahren kamen 1880 noch 246 Kinder, 1910 noch 177, dagegen 1925 nur noch 123. Dazu kommt, daß das Tempo dieses Rückganges sich beschleunigt, je länger er andauert, und daß von ihm jetzt auch bereits die ganz jungen Ehen ergriffen sind, während früher die Kinderbeschränkung erst nach mehrjähriger Dauer der Ehe einsetzte. Man kann diese Feststellungen ruhig auf ganz Deutschland ausdehnen und für sie die Wohnungsnot ganz oder zum größten Teil verantwortlich machen. Wenn in Deutschland immer noch nahezu eine Million Familien sich ohne eigene Wohnung behelfen müssen, so wird an diesen traurigen Tatsachen gewiß sobald nichts zu ändern sein. Mussolini hat für „sein" Volk sozusagen die Parole ausgegeben, daß es sich binnen einer bestimmten Frist von vierzig auf sechzig .Millionen zu y,ermMrn.hatzr-. Und^er ^LderMimn dazu, es nicht bei bloßen Worten bewenden zu lasten. In Deutschland ist von irgendwelchen ernsten Maßnahmen zur Bekämpfung des Geburtenrückganges nichts zu spüren. Und doch könnte man meinen, daß w i r mindestens die gleiche Veranlassung hätten, ihr mit allen nur anwendbaren Mitteln zu begegnen, wie das auf eine viel schmalere Ernährungsbasis angewiesene Königreich Italien. Dr. Sy.
Die Bedeutung der Presse.
Zusammenkunft Stresemann — Loucheur.
Im Mittelpunkt der am Freitag abgehaltenen öffentlichen Ratssitzung stand eine Erörterung des Ergebnisses der jetzt in Genf zu Ende gegangenen internationalen Pressekonferenz. Der Präsident der Pressekonferenz betonte in seiner Dankesrede an den Völkerbund, daß die Pressekonferenz eine erste offizielle Anerkennung der Presse darstelle. die damit zum erstenmal nicht über die Hintertreppe, sondern über die Freitreppe in die Weltpolitik eintrat.
Reichsaußenminister Dr. S t r e s e m a n n, der in der Debatte das Wort ergriff, führte aus, daß die Weltpresse mit der Ergänzung der Arbeit der Staatsmänner betraut sei. In iher Hand liege es, ob die Welt befriedet oder die Öffentlichkeit aufgereizt werde.
Die Ratssitzung verabschiedete ferner eine Anzahl von Ausschußbeschlüssen, die sich auf internationale Zusammenarbeit beziehen.
Inzwischen hat die private Fühlungnahme der Dele- galionsführer in Genf wieder eingesetzt. So leistete Dr. Stresemann der Einladung des französischen Groß- industriellen Loucheur Folge. Die Zusammenkunft fand in einem in der Nähe Genfs gelegenen Gasthaus statt, in dem ein früherer großfürstlicher Küchenchef seine berühmte Küche führt; vor allem soll es dort ganz delikate Pasteten geben. Die Zusammenkunft verzögerte sich etwas, da das Auto Loucheurs mit einem Radfahrer einen Zusammenstoß hatte.
Vandervelde nach Brüssel befohlen.
Sein Rücktritt bevor stehend.
Aufsehen hat in Völkerbundkreisen die plötzliche Abreise des belgischen Außenministers Vander- v e l d e erweckt. Er soll an einer Kabinettssitzung in Brüssel teilnehmen, die sich mit der von ihm vorgeschlagenen Untersuchungskommission über die „Kriegsgreuel" in Belgien beschäftigen soll. Man fürchtet, daß Vandervelde nicht nach Genf znrückkehren, vielmehr demissionieren wird. Damit würde die Stellung des gesamten belgischen Kabinetts in Frage gestellt sein.
Reich-kuratorium für Technik in der Landwirtschaft.
Ausgaben und Verwaltung.
Das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft teilt zu der vollzogenen Umwandlung des Reichsausschusses für Technik und Landwirtschaft in ein Reichskuratorium für Technik in der Landwirtschaft mit.