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Hersfel-erTageblatt

Reisfelder Kreisblatt

Amtlicher MnZeiger für öm Kreis Hersfel-

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mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterbaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 200

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(erstes Statt)

Sonnabend, den 27. August 1927

77. Jahrgang

Kämpfende Frauen.

Fliegersehnsucht. Von Küste zu Küste. Männliche Eigenschaften. Weibliche Tugenden. Nauchwett- bewerb. Bruderzwist.

In dem allgemeinen Wettrennen um Rekorde, um Ozeanflüge und sonstige unerhörte menschliche Spitzen­leistungen ist seit dem vorläufigen Scheitern der Pläne von Dessau und Köln ein Stillstand oder wenigstens eine kleine Ruhepause eingetreten. Die Franzosen haben zwei, die Amerikaner fünf oder sieben ihrer besten Piloten der unstillbaren Fliegersehnsucht zum Opfer gebracht und ohne Zweifel ist auch die teilnahmsvoll zuschauende Welt dieser Anstrengungen und Ankündigungen fürs erste etwas müde geworden. Die Pausen sollen, so scheint es, um so unterhaltsamer von abenteuerlustigen Frauen aus­gefüllt werden, die, ohne Vorreden und Federlesen, Taten vollbringen, die auf alles andere eher als auf ein schwaches Geschlecht schließen lassen. Da ist ein wackeres ostpreu- tzisches Mädchen aus Tapiau, Anni Weynell mit Namen, die schon im Juli als erste Deutsche die purpur­rote Insel Helgoland schwimmend umkreiste und die jetzt sogar das Kunststück fertiggebracht hat, in knapp 9^ Stun­den das stark bewegte Frische Haff zu durchschwimmen. Eine Leistung, die vor ihr noch kein Sterblicher zustande zu bringen vermocht hat und an der kurz zuvor erst ein tüchtiger Schwimmer männlichen Geschlechts zweimal ge­scheitert war. Trotz Gegenwind und Gegenstömungen behielt die junge Schwimmerin Oberwasser, bis die 20 Kilometer von Küste zu Küste überwunden waren. Und nun fühlt sie sich stark genug, um sich für das nächste Jahr als Anwärterin für die Durchquerung des Ärmelkanals anzumelden. Aber auch ein ungefähr gleichaltriges Lon­doner Bürgerkind hat in diesen Tagen eine ganz außer­gewöhnliche Kraftleistung zustande gebracht. Sie trägt den Namen des beko üten englischen Arbeiterführers MacDonald und kann sich rühmest, den 6000 Meter hohen Kilimandscharo, den höchsten Bergriesen des afri­kanischen Kontinents, in Begleitung einiger eingeborener ... Mawheg^.t die Größe und die Schwierigkeit dieser Gtpfelbezwingung, wenn man hört, daß damit erst der fünfte europäische Mensch seinen Fuß auf die Spitze dieses Berges gesetzt bat, und man wird gewiß bereit sein, die Anerkennung, die man sonst im allgemeinen für außerordentliche Bravourleistungen bereit hat, zu verdoppeln und zu verdreifachen, wenn ihrer sich so junge Mädchen rühmen können, wie sie sich hier als Heldinnen im Kampf gegen sonst übermächtige Natur­gewalten ausgezeichnet haben.

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Nicht ganz so erheblich wird allerdings das Maß der Bewunderung sein, die man dem 16jährigen jungen Mäd­chen zu zollen hat, von dem kürzlich aus Chikago berichtet wurde. Sie setzte sich an die Spitze des Zuges, der gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti durch die Straßen der Stadt marschierte, und wußte die Masse mit ihrer hemmungslosen Leidenschaft so mit sich fortzu- reißen, daß es um ein Haar auch hier zu schweren Zu­sammenstößen mit der Polizei gekommen wäre. Aber die amerikanischen Hüter der Ordnung scheinen im Umgang mit zornentbrannten Menschenhaufen eine glücklichere Hand zu haben, als es in Europa zumeist noch der Fall ist. Wir denken alle noch mit Schaudern an die hundert Toten aus den Wiener Straßenkämpfen, und wenn jetzt in Leipzig und in Hamburg, in Genf und in Paris die Protestkundgebungen gegen die Hinrichtungen von Boston auch zum Verlust von Menschenleben geführt haben, so kann man natürlich nur lebhaft bedauern, daß sich nir­gends in der Öffentlichkeit der wohltätige weibliche Einfluß geltend zu machen sucht, dem es in früheren Zeiten doch zuweilen gelungen ist, beruhigend und be­sänftigend zu wirken und die wilden Männer in den verschiedenen Parteilagern wenigstens vor äußersten Ge­walttaten zu bewahren. Aber leider muß man ja sagen, daß der.Ehrgeiz vieler Frauen heutzutage viel mehr dar­auf gerichtet ist, den Männern sogar in ihren männlichen Eigenschaften den Rang abzulaufen, als darauf, ihnen mit weiblichen Tugenden voranzuleuchten. Ließ sich doch dieser Tage eine englische oder amerikanische Miß als stärkste Raucherin der Welt" photographieren und in Zeitungen und Zeitschriften bewundern: eine dicke Ha­vanna im Mund, die sie mit strahlendem Gesicht in die Luft verpafft, ihr kleines Töchterchen zur Seite, das offen- . bar mit Stolz zu ihrer in dieser Kunst sicher noch uner­reichten Mutter emporblickt. Während zu gleicher Zeit in Berlin ein junges Mädchen sich an einem Dauer­rauchwettbewerb beteiligte und alle ihre männ­lichen Mitbewerber aus dem Felde schlug, indem sie zur Erledigung einer Normalzigarre mehr Zeit hinter sich brächte als jene. Solange die liebe Mitwelt sich mit solchen hervorragend wichtigen Geschäften die Zeit ver­treibt, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die große Masse auch einmal aus ihre Weise über die Stränge schlägt und wenn dabei ungleich weniger lächerliche und unblutige Vergnügungen herauskommen.

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Nicht ohne Sorge konnte man sein, ob nicht auch in dem wiedek entbrannten Kampf um die alte und die neue Reichsfahne die eine oder andere unserer zungen­fertigen Frauen sich temperamentvoll an die Spitze stellen würde, um, sei es für, sei es gegen, die Streitaxt zu schwingen. Davon ist glücklicherweise bislang nichts zu vernehmen. Die Männer werden hübsch unter sich ge- |

VerMMOrW am Minne

Zugabsturz bei Chamonix.

lieber 20 Toie und 30 Verletzte.

Zu den bekanntesten und schön gelegensten Berg­bahnen der Alpen gehört die Zahnradbahn, die am Ostab­hang des Tales von Chamonir nach Montanvert führt. Sie bietet viele Aussichtspunkte auf die ungeheure Gletscherwelt des höchsten Berges unseres Kontinents und galt auch als durchaus sicher.

X Die Ung-üilMelte.

Donnerstag, 4,50 Uhr nachm., sollte der Zug der Zahn­radbahn die Bergstation von Montanvert, 2000 Meter über dem Meere, wie gewöhnlich verlassen, als ein hef­tiger S ch n e e st u r m ausbrach. Infolgedessen stürzten noch zahlreiche Menschen auf den Zug, der überfüllt abfuhr. Es scheint nun, daß entweder der Zug infolge der Überfüllung eine zu große Ge­schwindigkeit angenommen und die Bremsen nicht funktioniert haben, oder, was wahrscheinlicher ist, daß die Zahnstange bei der Abfahrt nicht ein­gegriffen hat. Jedenfalls nahm der Zug bei dem alsbald steilen Abstieg eine rasende Geschwindig- keitan, und die Passagiere, die sich sofort von der Gefahr Rechenschaft zu geben begannen, bestürmten die wenigen Beamten um Hilfe. Bei der ersten Kurve an einem Viadukt entgleiste nun der Zug. Die Lokomotive und der erste Wagen stürzten über die Böschung die etwa 15 Meter tiefe Schlucht hinab.

lassen und müssen nun zusehen, wie sie die lichterloh ent­zündeten Brandfackeln wieder zum Verlöschen bringen. Kein Zweifel, niemand in Deutschland, er stehe zu Schwarz-Weiß-Rot und zu Schwarz-Rot-Gold wie er wolle, kann an diesem Bruderzwist seine Freude haben,, zumal er sich diesmal im unmittelbaren Angesicht des Auslandes abspielt und an einen amerikanischen Besuch in Berlin anknüpft. Die Amerikaner haben uns mit ihren gewiß nicht umsonst, aber doch immerhin ohne allzu harte Bedingungen gegebenen Milliardenkrediten bis zu einem gewissen Grade bei dem Aufbau unserer Wirtschaft unter­stützt. Schade, daß sie nicht auch ihre unbegrenzte, ja man darf sagen, ihre stürmische Verehrung der Fahne, in der sich ihnen die strahlende Hoheit und Größe der Vereinigten Staaten verkörpert, nach Deutschland ein- sühren können. Wie w i r aus eigener Kraft aus der unheilvollen Zerrissenheit herauskommen sollen, das ist heute noch kaum abzusehen. Dr. Sy.

Dis RhemlanKsSesstzungssrage.

Beratungen in England und in Frankreich.

Das englische Kabinett hat sich in seiner letzten Sitzung mit der Frage der Aufrechterhaltung einer britischen Besatzungsarmee im Rhein­land beschäftigt.Daily Telegraph" weiß zu berichten, daß die amtliche Haltung Großbritanniens nach wie vor von folgenden drei Haupterwägungen beherrscht wird:

1. Die Verminderung der alliierten Truppen im Rheinland muß in Übereinstimmung mit den Deutschland gegebenen Zusicherungen ein beträchtliches Ausmaß haben; 2. die Herabsetzung der Truppenzahl muß aus proportionaler Grundlage erfolgen, d. h. die britische und bie französische Besatzungsarmee sollen im gleichen Ver­hältnis vermindert werden; 3. die Frage der französischen Sicherheit ist ein vollständig separates System, dessen Verbindung mit der zur Erörterung stehenden Frage weder mit dem Versailler Vertrag noch mit dem in Lo- carno abgeschlossenen Rheinlandpakt zulässig ist.

Im französischen Ministerrat, der unter dem Vorsitz des Staatspräsidenten Doumergue stattfand, be­richtete Briand über den Stand der Verhandlungen mit England in der Frage der Verminderung der Rheinland­besatzung. Pressevertretern erklärte er, daß eine Einigung zwischen London und Paris sicher sei.

Einzig der Kaltblütigkeit eines Schaff- n e r s ist es zu verdanken, daß der zweite Wagen nicht auch mitgerissen wurde. Als der Mann die Gefahr sah, löste er in mutiger Weise die Verbindung mit dem ersten Wagen und zog die Handbremsen. So wurden über 60 Insassen dieses Wagens gerettet. Von den Insassen des ersten Wagens, abgesehen von den wenigen, die beizeiten abspringen konnten, ist kein einziger ohne schwere Ver­letzungen davongekommen, da beim Sturz die Maschine auf den Wagen fiel. Das Unglück ereignete sich vor dem Hotel von Montanvert, dessen Personal die erste Hilfe­leistung vornehmen konnte. Eine halbe Stunde nach dem Unglück traf bereits der erste Hilfszug aus Chamonix ein. Die Bergungsarbeiten haben die ganze Nacht hindurch gedauert.

Die Zahl der Toten wurde alsbald mit 21 festgestellt, weitere 30 Passagiere sind verletzt worden. Sie setzen sich aus allen Nationalitäten zusammen; vermutlich sind auch einige Deutsche darunter.

Die Verletzten sind in die umliegenden Hotels ge­bracht worden und 40 Ärzte aus der Umgebung bis nach Genf hin wurden gerufen, um den verunglückten Touristen nu helfen.

Preußen und die Alaggenfrage.

Ministerpräsident Braun an die Staatsminister.

Der zwischen dem Magistrat der Stadt Berlin und einem Teil der Berliner Hotelbesitzer ausgebrochene Flaggenstreit hat nun auch den Preuß. Ministerpräsidenten zu einer Stellung veranlaßt. Der Berliner Oberbürger­meister Böß hatte seine Teilnahme an einem Festessen im HotelKaiserhof" zu Ehren des augenblicklich in Berlin weilenden Newyorker Oberbürgermeisters abgesagt, weil das Hotel am Verfassungstage, dem 11. August, nicht die Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold gezeigt habe, respektive sein Erscheinen an die Bedingung geknüpft hatte, daß nun­mehr Schwarz-Rot-Gold gehißt werde. Der Entschluß des Berliner Oberbürgermeisters war durch eine Magistratsentscheidung bekräftigt worden. Das Hotel Kaiserhof" sagte nun zu, innerhalb des Festsaales die schwarz-rot-goldenen Farben anzubringen, weigerte sich aber, auch nach außen hin entsprechend zu flaggen. Es wurde bei seiner Stellungnahme durch eine Reihe von gleichen Berufsunternehmungen unterstützt, die erklärten, sich im Flaggenstreit neutral verhalten zu wollen. Andere Hotels traten dem entgegen und sprachen sich für Schwarz- Rot-Gold aus. Diese im Anfang mehr lokale Auseinander­setzung hat nunmehr weitergegriffen und zu einem Rund- schreiben des preußischen Ministerpräsidenten an seine Amtskollegen geführt mit folgendem Inhalt:

Am Verfassungstage haben die Hotels Kaiserhof, Bristol, Continental (die sogenannte Hotelbetriebsgesellschaft), das Hotel Esplanade und das Hotel Adlon trotz der Aufforderung, die Reichsflagge an diesem Tage zu zeigen, nicht geflaggt. Bei dem Hotel Adlon ist diese Tatsache um so mehr ius Auge ge- fallen, als das genannte Hotel am 4. Juli, bem amerikanischen Nationalfeiertag, die amerikanische Flagge gehißt hat. Die ge­nannten Hotels haben auch an ihrem Beschlusse, die Reichs­flagge nicht aufzuztehen, festgehalten trotz der Vorstellungen, die das Auswärtige Amt bei ihnen erhoben hat. Der Kaiserhos hat sogar, als er zu Ehren der Anwesenheit des Newyorker Bürgermeisters die amerikanische Flagge hißte, ausdrücklich das gleichzeitige Ausziehen der deutschen Reichsslagge abgelehnt.

Ich halte es für dringend erforderlich, daß die republika­nische preußische Regierung diese Stellungnahme gegen den heutigen Staat damit beantwortet, daß die Herren Staats- minister weder selber zu Veranstaltungen in den genannten Hotels zinlüden noch sich an solchen beteiligen. die in den