HersfelSerTageblatt
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Hersselöer Kreisblatt
Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Kersfelö
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mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 177
Montag, den 1. August 1927
77. Jahrgang
Mehr Llniformschmuck.
Unsere Reichswehr hat die Vorzüge einer Frau, von der „man nicht spricht". Eingeengt durch die Bestimmungen von Versailles, argwöhnisch beäugt von fremden Augen tut sie unbeirrt ihre Arbeit. Nicht mehr hebt „der Glanz der Uniform" sie heraus aus dem Gewimmel des Alltags, denn allzu laut predigen die mehr als vier Jahre, in denen das Feldgrau eine fast selbstverständliche Tracht jedes kampffähigen Mannes geworden war. Als zu Manöverzwecken 1913 das Feldgrau angelegt wurde, da ahnten nur wenige, daß aus den paar Wochen des Tragens der neuen Uniform sobald bitterer vierjähriger Ernst werden würde.
Ernsthaft ist dieses Feldgrau unserer Reichswehr; schon diese Farbe selbst bedeutet ja die Ehrung und Wahrung einer Tradition. Man will diese Uniform jetzt etwas farbenfroher gestalten, ohne aber den Ernst des Feldgraus dadurch zu beseitigen. Ist sie doch auch beim einfachen Angehörigen der Reichswehr ein Kleid, das er zwölf Jahre hindurch trägt, und daher ist es nicht ohne Bedeutung, daß der Ernst dieser Farbe gemildert wird.
Auch dabei wird an die Wahrung der Tradition gedacht. Wie früher sollen die Waffenröcke Paspeln erhalten; aber für die Infanterie ist nicht mehr wie früher das Rot bestimmt, sondern — passender zum grauen Rock — das Weiß; die Kavallerie wird gelbe, die Artillerie rote, die Kraftfahrer werden rosa, die Fahrtruppen hellblaue, die Pioniere schwarze und die Nachrichtentruppen hellbraune Paspeln erhalten. Denn sie tragen ja alle denselben, den feldgrauen Rock. Dieselben Farben kehren auch als „Unterlage" für die Litzen auf dem Kragen wieder und an den Biesen, die jetzt das Grau der langen Hosen unterbrechen sollen. , , Die Offiziere erhalten jetzt wieder die silbernen, bei den Generalen golddurchwirkten Achselstücke und dann die „Fangschnüre", wie einst die Flügeladjutanten und die Schutztruppe sie getragen haben, und die zum eGesellschafts- anzug gehören sollen. In zahlreichen Armeen des Auslandes kennt man diesen Uniform schmuck — denn ein Schmuck nur soll es sein, nicht unwürdig der Erinnerung an die Männer, die im Frieden und ^ WH^WBÄW dL Klappkragen zu ersetzen, wie er gleichfalls im Kriege schon vielfach bei der Offiziersuniform Verwendung fand, übrigens auch durchgehend bei der Kakhiuniform aller Truppen, die im Orient gefochten haben. Er ist viel bequemer,, gesundheitlich auch viel empfehlenswerter als der einfache Stehkragen. Nicht aber ist beabsichtigt, einen Schlips einzuführen, wie mancherorts behauptet wird. An und für sich liegt übrigens nichts Unmilitärisches gegen den Begriff der Uniform darin; im Auslande ist er verbreitet und die deutsche Marine hat ja auch immer weißen „Zivilkragen" nebst Schlips getragen, übrigens auch Landtruppen. Gerade unsere schneidigste und todes- freudigste Truppe, die Flieger nämlich, haben während des Krieges — zum Entsetzen manches altpreußischen Generals — sogar das Recht erhalten, Kragen und Schlips bei geöffneter Uniform zu tragen. Man denkt übrigens daran, ebenso wie im Anfang des Krieges, die alte preußische Halsbinde — „eine Streichholzbreite über dem Kragenrand sichtbar" — wieder durch den feldgrauen Schal zu ersetzen, der allerdings ja sehr bald als — Taschentuch diente, beim Klappkragen aber zweifellos vorteilhafter aussieht als die Halsbinde.
Natürlich wird es manche Kreise in Deutschlanv geben, die sofort von „Kinkerlitzchen" reden werden. Sie empfinden dabei zu wenig, daß eine derartige Konzession an die Angehörigen der Reichswehr etwas sehr Menschliches, nur zu Verständliches enthält. In England z. B. sind vielfach sogar die alten Uniformen beibehalten worden und sie werden mit besonderem Stolz getragen. An dem Ernst des Ganzen wird ja durch die Verschönerung der Uniform nichts geändert. Gerade weil unsere Reichswehr in ihrer Arbeit so eingeengt, jeder Entwicklung beraubt ist, sollen Mann wie Offizier außerhalb des Dienstes die Uniform gern und freudig tragen.
Lärm im Wiener Gemeinderat.
Russischer Protest in Wien.
Im Wiener Gemeinderat kam die Vorlage über die während der Wiener Schreckenstage gegründete Gemeindeschutzwache zur Erörterung. Während der Begründung der Vorlage setzte bei den Christlichsozialen und bei den Großdeutschen heftiger Lärm ein, wobei einzelne Gemeinderäte mit Aktentaschen aus die Pulte schlugen. Man hörte auch Glocken und Pfeifen. Gegen den Bürgermeister Seitz wurde der Vorwurf erhoben, daß er die nur für die Tage der Gefahr errichtete Gemeindewache weiterbehalten wolle. Der Bürgermeister verteidigte die Bersassungs- mäßigkeit seiner Verfügung. Schließlich wurde die Vorlage über die Aufstellung einer Gemeindeschutzwache unter dem Protest der Minderheit angenommen.
Die Wiener Sowjetgesandtschaft hat gegen eine Erklärung des Vizekanzlers H a r t l e b bei der österreichischen Regierung Einspruch erhoben. Der Vizekanzler hatte behauptet, daß mehrere Funktionäre der Berliner Handelsvertretung der Sowjetunion während der Aufruhrtage in Wien geweilt hätten, um bolschewistische Aktionen vorzubereiten.
Eine „Richtigstellung" Mussolinis.
Bozen war immer eine deutsche Stadt.
Die beiden deutschen Abgeordneten für Südtirol, Baron Sternbach und Dr. Tinzl, haben dem italienischen Ministerpräsidenten Mussolini eine Denkschrift überreicht, die die von Mussolini in einer Kammerrede gewähnte angebliche Entdeckung des Abg. Barduzzi im Archiv der Bozener Handelskammer richtigstellt. Dieft angeblichen Entdeckungen waren bekanntlich der Ausgangspunkt zu der Behauptung, daß Bozen ursprünglich eine italienische Stadt gewesen sei. In der Denkschrift wird nun auf Grund wissenschaftlichen Materials nachgewiesen, daß
Bozen niemals eine italienische, sondern immer eine deutsche Stadt
gewesen ist, und daß auf keinen Fall von einer Wieder- italienisierung Bozens gesprochen werden kann. In dem Begleitschreiben zu der Denkschrift betonen die Abgeordneten, daß entgegen der Behauptung Barduzzis das Archiv des Marcantilo dem Magistrat von Bozen niemals geheim gehalten sei, vielmehr seien die erwiesenen deutschen wissenschaftlichen Veröffentlichungen dieser Akten schon vor dem Kriege erfolgt, ohne daß irgend jemand aus diesen in italienischer Sprache abgefaßten Dokumenten Rückschlüsse auf die sprachliche Zusammensetzung der Bevölkerung oder den angeblich italienischen Charakter der Stadt Bozen gesucht hätte.
Eine Beleidigungsklage Dr. Schachts.
Nachspiel zum Börsenkrach am 13. Mai.
Der Börsenkrach vom 13. Mai, dem sogenannten schwarzen Freitag, beschäftigte das Erweiterte Schöffengericht Berlin-Mitte. Wegen eines Artikels mit der Überschrift: „Das Geheimnis des schwarzen Freitags" und der Unterschrift: „Auch Dr. Schacht soll dick verdient haben" hatte Reichsbankpräsident Dr. Schacht Strafantrag gegen den Redakteur Alfred Hurtig gestellt. In dem Artikel wurde gesagt, daß der Börsenkrach nicht zur Ruhe kommen dürfe, bis der Staatsanwalt sich mit den Leuten, die dabei Geld verdient haben, Ete man. sich auch mit Dr. Schacht beschäftigen, der an dem Tage des Börsenkrachs aus Berlin verschwunden sei. Der Angeklagte hatte nicht genügend Beweise an der Hand, um seine Behauptungen glaubwürdig erscheinen zu lassen; er habe angeblich nur darauf hinweisen wollen, daß die Zurückhaltung -Dr. Schachts vor dem schwarzen Freitag zu großen und unberechtigten Gewinnen geführt habe.
Amtsgerichtsrat Burkert führte aus, daß der Artikel zwei Vorwürfe enthielte: einmal den des Dickverdient- Habens und dann den, daß Dr. Schacht der Veranlasser war, daß die Leute verdient haben. Reichsbankpräsident Dr. Schacht äußerte dazu, ob einige Herren die Maßnahmen der Reichsbank, die dienstlich zu ihrer Kenntnis gekommen waren und kommen mußten, anderweitig ausgenutzt haben, interessiere ihn hier gar nicht. Hier käme für ihn nur der Vorwurf in Betracht, daß er am schwarzen Freitag verdient habe.
Nach längerer Beratung verkündete Amtsgerichtsrat Burkert als Gerichtsbeschluß, daß die Sache zu vertagen sei und daß zu dem neuen Termin die beantragten Beweise erhoben werden sollen.
Die Nachfolgerschaft Hörsmgs.
Landtagsabgeordneter Prof. Wänting-Halle ausersehen.
Der frühere deutsche Gesandte in Belgien, der Sozial- demokrat Otto Landsberg, hat endgültig auf eine Kandidatur für den Oberpräsidentenposten in der Provinz Sachsen verzichtet. Vom preußischen Ministerium des Innern ist nun der Landtagsabgeordnete Pros. W ä n t i n g aus Halle als Nachfolger Hörsings im Magdeburger Oberpräsidium in Vorschlag gebracht worden. Wenn das Kabinett dem Vorschlag zustimmt, so wird das Einvernehmen mit dem Provinzialausschuß nachgesucht werden.
Prof. Heinrich Wänting ist 57 Jahre alt. Er stammt aus Z w i ck a u und ist als Nationalökonom seit 1895 an preußischen Universitäten tätig. Seit dem Herbst 1904 wirkt er als ordentlicher Professor der Nationalökonomie an der Universität Halle. Er wurde 1919 als Sozial- demokrat in die Verfassungsgebende Landesversammlung und bei den folgenden Wahlen auch in den Preußischen Landtag gewählt.
Stahlhelmtag und Amisvorsteher.
Eine Richtigstellung des Ministers Grzesinski.
Die deutschnationale Landtagsfraktion ersuchte das Staatsministerium in einer Kleinen Anfrage um Auskunft, ob es zutreffe, daß die Amtsvorsteher, Landjäger usw. geheim angewiesen worden seien, Feststellungen über die Finanzierung des Stahlhelm- tages zu machen und insbesondere festzustellen, ob irgendwelchen Stahlhelmmitgliedern Vorteile geboten oder versprochen seien, wenn sie zum achten Reichsfrontsoldatentag nach Berlin kämen. Der preußische Minister des Innern hat diese Anfrage in folgender Weise richtiggestellt:
Der Reichskommissar für Überwachung der öffentlichen Ordnung beim Reichsministerium des Innern hatte
um Feststellung ersucht, ob die Meldung über die Anwerbung von Erwerbslosen in der Neumark zur Teilnahme am achten Reichsfrontsoldatentag in Berlin zutreffe. Diesem Ersuchen ist entsprochen worden. Mit ; w Feststellung wurde der Polizeipräsident in Berlin beauftragt, der seinerseits noch die Regierungspräsidenten in Potsdam und Frankfurt a. d. Oder um Feststellungen zu diesen Behauptungen angegangen hat. Hiernach ist die Behauptung, es seien Ermittlungen wegen der Finanzierung des Stahlhelmtages und Gewährung von Vorteilen an Stahlhelmmitgliedern bei Teilnahme am Berliner Stahlhelmlage angestellt, unrichtig.
Die Notlage in Ostoberschlesien.
Neue Arbeiterentlassungen.
Die Verwaltung der Gräfin - Laura - Grube in Chorzow hat zum 15. August erneut Kündigungen ausgesprochen, von denen 408 Arbeiter, darunter 24 Schwerkriegsbeschädigte und ein großer Teil der noch in den deutschen Gewerkschaften Organisierten, betroffen werden. Die deutschen freien Gewerkschaften haben sich gegen die Maßnahme beschwerdeführend au den Demobilmachungskommissar und an den Warschauer Atbeitsminister gewandt. Nach einer Zusage des Demo- bilmachungskommissars dürften schon im Laufe der nächsten Woche Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und den Regierungsstellen stattfinden. Zurzeit finden in Oberschlesien schon Wahlkämpfe zu den kommenden Sejmwahlen statt. Die radikalen Elemente entfalten eine rege Werbetätigkeit. Mehrere Volksversammlungen mußten wegen kommunistischer Zwischen- fälle in Königshütte gesprengt werden.
Die ersten Zeichnungen für die Sindenburg-Spende.
Deutschamerikaner beteiligen sich.
Dankenswerterweise haben sich schon jetzt die preutzi- fflen %royiiiai^ mit ürwa— Gesamtbetrag von 200DÖO Mark an der Hindenburg- Spende zu beteiligen. Innerhalb der großen Wirtschaftsverbände setzt, nachdem nunmehr auch die Industrie und die Landwirtschaft besonders aufgerufen haben, gegenwärtig eine starke Werbetätigkeit unter den Mitgliedern ein. In ganz besonders mustergültiger Weise ist die Werbung bereits von einzelnen Handelskammern, darunter vor allem auch von der Berliner, geregelt worden. Allmählich gehen der Geschäftsstelle der Hindenburg- Spende, Berlin NW. 40, Scharnhorststraße 35, auch die Meldungen der Postämter über die bei ihnen bisher eingezahlten Beträge zu. Ganz besonders erfreulich und kennzeichnend für die V e r e h r u n g, die der Reichspräsident in den breiten Schichten genießt, ist, daß die Beiträge, soweit sie bei den Postämtern eingezahlt werden, sich zum großen Teil aus Beträgen von 20, 30 und 50 Pf. zusammensetzen.
Interessant ist auch, daß aus den Kreisen der deutschen Presse in Nordamerika, vor allem in Milwaukee und Wisconsin, schon jetzt Stimmen vorliegen, die erkennen lassen, wie der Gedanke der Hindenburg- Spende bei den Deutschen und ehemaligen Deutschen Nordamerikas gezündet hat. , Diese Tatsache verdient um so mehr Anerkennung, als gerade die Deutschen sich finanziell sehr stark an der Behebung der Flutschäden des Mississippiunglücks beteiligt haben.
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Sie Genfer Konferenz im Todeskamps.
Cooltdge lehnt ab.
Im Namen des Präsidenten Coolidge, der aus seinem Sommersitz in Süd-Dakota weilt, wurde in Washington bekanntgegeben, daß die Vereinigten Staaten Englands j Genfer Vorschläge nicht annehmen könnten, da ihre Folge wäre, daß die Völker sich noch größere Kriegsflotten zulegen würden, als sie jetzt schon besitzen. Es sei bester, die Konferenz abzubrechen, als daß die Vereinigten Staaten Verträge eingehen, die sie zwängen, ihre Rüstungen zu erhöhen.
Ist diese Nachricht richtig, dann dürfte es in Genf keine Verhandlungsmöglichkeiten mehr geben. Trotzdem soll man in London noch die Hoffnung hegen, daß Englands Vorschläge wenigstens Die Grundlage eines Abkommens bilden könnten. Auch in Tokio hofft man, daß doch noch ein Kompromiß möglich sein werde. Der Fehlschlag der Konferenz würde für Japan, das einem kostspieligen Wettrüsten entgehen möchte, eine bittere Enttäuschung bedeuten.
politische Rundschau.
Deutsches Reich
Deutsche Dokumente über Orchies.
Von deutscher amtlicher Seite werden jetzt ausführliche Dokumente zur Orchiesaffäre veröffentlicht, die eidesstattliche Aussagen aller beteiligten deutschen Offiziere und zweier Franzosen bringen. Aus den Dokumenten geht klar hervtzL daß deutsche Soldaten in Orchies in entsetz-