Hersfel-er Tageblatt
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tzersfelöer Kreisblatt
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Nr. 169
Freitag, bei 22. Juli 1927
77. Jahrgang
Frankreichs Kindernot.
Wir Deutschen haben immer mit einem leicht spöttischen Lächeln auf die französischen Bemühungen herabgesehen, die schwindende Volkskraft dieses Landes durch allerlei Mittel und Mittelchen zu stärken. Es war ja auch bedenklich, daß sich dort seit 1870 die Bevölkerung nicht oder nur ganz unwesentlich vermehrte, während Deutschlands Volkszahl wuchs und immer weiter wuchs, 1914 schon fast doppelt, soviel zählte als Frankreich. Wir lächelten über das Mittel der Prämiierung zahlreichen Kindernachwuchses, ohne leider zu ahnen, daß auch wir einmal in die gleiche Verlegenheit kommen könnten.
Der Krieg hat ja furchtbar aufgeräumt unter Frankreichs Jugend; verhältnismäßig wohl noch mehr als Deutschland hat dieses Land gelitten, das immer wieder Hekatomben seiner Söhne geopfert hat, fo daß einem' feiner Armeeführer der Beiname „Blut- säufer" gegeben wurde. Gewiß ist durch die Eroberung Elsaß-Lothringens dieser Verlust zahlenmäßig ausgeglichen worden, aber nicht trat in Frankreich ein, was auch nach früheren Kriegen und in allen anderen Ländern vor sich ging: ein Hinaufschwellen der jährlichen Geburtenziffer, sozusagen eine verstärkte Reaktion der Volkskraft gegen die vorhergehenden schweren Verluste. Stärker noch als früher macht sich die französische Sinnesart geltend, recht schnell und in ausreichendem Maße soviel Geld zu verdienen, um recht früh ein bequemes Rentnerdasein zu führen. Und allzu viele Kinder „stören" dabei, verzögern den Übergang in dieses Rentnerdasein. Das französische Zweikindersystem entspringt ' privategoistischen Gründen, keineswegs wirtschaftlicher Not.
Zu den bisher angewandten teils finanziellen, teils sonstigen Mitteln, in Frankreich den Nachwuchs zu begünstigen, hatman jetzt neue in Vorschlag gebracht. Man braucht ja Soldaten für den riesenhaften „Verteidigungs"plan vom Meer bis Belfort, den man schaffen will. In allzu starkem Kontrast zu den gewaltigen militärischen Anstrengungen, die Frankreich macht, um seine Hegemonie in Europa auf- ÄÄ leisten! Da hat man, um Ehehindernisse zu beseitigen, mehrere Gesetzesbestimmungen abgeschafft, wonach die Eheschließung Minderjähriger an die elterliche Zustimmung "geknüpft war. Und die „Nationale Vereinigung für die französische Volksvermehrung" propagiert eifrigst die Schaffung eines — Kinderstimm - rechts. Allerdings foll dies derartig ausgeübt werden, daß die Stimmen der Kinder denen der Eltern zuzu- rechnen sind und von diesen abgegeben werden sollen. Denn, so argumentiert man, der neue Mobilisierungsplan für den Kriegsfall erfasse ja auch die Kinder bis weit unter dem stimmfähigen Alter und Kriegsdienst ziehe Stimmrecht nach sich, ein'Satz, der ja auch in Deutschland während des Weltkrieges vielfach ausgestellt wurde.
Es mag uns gleichgültig sein, wie sich die Durchführung eines solchen Vorschlages politisch auswirken würde — hier interessiert nur, daß er doch zu allererst aus Gründen der Volksvermehrung gemacht wurde. An und für sich ist ja der Gedanke eines Familienstimmrechts theoretisch gar nicht so töricht und ist bei den Beratungen über ein Pluralwahlrecht auch in Deutschland vorgebracht worden von jenen Kreisen, die in der Familie die ZelledesStaates erblicken. Aber ob sich die französische Elternschaft nun dadurch bewogen fühlen foll, für ein Ansteigen der Geburtenziffer zu sorgen, nur aus dem Grunde, um dann ein mehrfaches Stimmrecht zu erhalten, darf man doch wohl etwas bezweifeln. Sehr viel realere Bevorzugungen und Unterstützungen sind ergebnislos verpufft. Nicht äußere Mittel, sondern nur eine innere Umstellung können hier etwas erreichen.
Nis Genfer GeeabrirAnngskonfsrenz.
Abbruch oder nicht?
Irr England betont man, daß ein Abbruch der Verhandlungen der Genfer Seeabrüftungskonferenz gar nicht in Frage komme. Im Gegenteil hatten die gegenseitigen Zugeständnisse zu einer Art Ausgleichsentwurf geführt, der gegenwärtig von den Bereinigten Staaten geprüft werde. Der Grund der Zurückberufung der britischen Vertreter sei, daß Baldwin die Einzelheiten dieses Kompromisses vor seiner Abreise nach Kanada zu erfahre« Wünsche.
In amerikanischen Blättern aber ist man nicht ganz so hoffnungsvoll gestimmt. Die Lage in Genf, deren Schwierigkeit durch die Abreise der britischen Delegation gekennzeichnet ist, veranlaßt in Washington täglich lange Besprechungen, die dem Ausgleich der MeinungSverschie- denheiten innerhalb der einzelnen Ressorts dienen. Während das Staatsdepartement eine Einigung mit England erstrebt, besteht das Marineamt auf der Freiheit in der Frage des Kreuzertyps und der Kanonenkaliber innerhalb der Gesamttonnage. Eine bestimmte Erklärung wird erst nach der Rückkehr der britischen Delegation erwartet. Einige Matter raten, lieber abzubrechen als England nachzugeben, während andere für eine Verständigung eintreten. Schließlich muß noch bemerkt werden, daß man auch in Tokio nicht restlos zufrieden ist. Man stimmt zwar im allgemeinen dem vorläufigen englisch- Mpanifchen Kompromiß zu, erachtet aber die vorgeschla- W«e GesaMMer noch immer als M hoch.
M 1 ^-SMW^
Wer rumänische Thronwechsel
Äg Michael i. von Rumänien.
Der letzte WilleKönig Ferdinands.
Der Thronwechsel in Rumänien hat sich nach allem, was man erfahren konnt:, ruhig und reibungslos vollzogen. Von der befürchteten carolistischen Bewegung ist nichts zu verspüren. Prinz Carol, der ehemalige Kronprinz, der in Paris lebt und, wie es scheint, dort auch zu verbleiben gebend hat bisher einen ziemlich passiven Standpunkt einge.tr amen und keinerlei Neigung gezeigt, zu einem trei mten Faktor irgendeiner Bewegung zu werden. Ob ber andere in seinem Interesse etwas beginnen werden, tunn man noch nicht wissen. Das Kabinett B r a t i a n u ist auch weiterhin Herr der Lage
Der junge König Michael I.
und es herrscht im ganzen Lande Ruhe. Trotzdem befinden sich sämtliche Garnisonen in Alarmbereitschaft.
Die Vereidigung der drei Mitglieder des Regent- fchaftsrates fand in Bukarest in feierlicher Weise vor der Nationalversammlung statt. Sämtliche Mitglieder des Abgeordnetenhauses und des Senats waren in tiefer Trauer erschienen und eine zahlreiche Zuschaucrmenge wohnte auf den Galerien der Zeremonie bei. Das Diplomatische Korps war vollzählig erschienen.
Ruhe irr Wien.
Ein Aufruf der österreichischen Bauernschaft.
Die.Stimmung in Wien beruhigt sich weiter. Die Wiener Polizeidirektion hat dem Stadtkommando zur Kenntnis gebracht, daß die Situation die weitere Gestellung von militärischer Unterstützung entbehrlich macht. Der Polizeipräsident hat einen Tagesbefehl erlassen, worin er der Polizeibeamten gedenkt, die bei den Ereignissen vom 15. und 16. Juli den Tod gefunden haben oder verletzt worden sind. Die Bundesregierung habe ihm aus diesem Anlaß ihr Bedauern über die Opfer zum Ausdruck gebracht und der Wiener Polizei Dank und Anerkennung für ihr maßvolles und opferwilliges Verhalten ausgesprochen. Ungeachtet aller gegen die Sicherheitswache meist aus Verkennung des wahren Sachverhalts erhobenen Angriffe spreche er allen in diesen Tagen im Dienst gewesenen Polizeibeamten für ihre bewiesene Treue den Dank aus. In dem Tagesbefehl heißt es, daß vier Polizeibeamte den Tod fanden, 58 schwer, darunter einige lebensgefährlich, 202 noch unbestimmbaren Grades und 163 leicht verletzt wurden.
Der Vorstand des Reichsbauernbundes Österreichs war in Wien zur Beratung über die letzten Ereignisse versammelt. Er nahm eine Entschließung an, in welcher es u. a. heißt: Die letzten Schreckenstage haben deutlich bewiesen, daß die Frage Wien keine Wiener oder österreichische Frage allein, sondern ein internationales Problem geworden ist. Der Reichsbauernbund weiß sich mit dem überwiegenden, besonnenen Teil der österreichischen Bauernschaft eins, daß nur Ruhe und Frieden ein Gedeihen der Wirtschaft ermöglichen und Österreich aufrichten kann. Er ruft daher alle Bauern Österreichs auf, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren. Sollten sich durch weitere Hetzereien neuerdings Gefahren zeigen, dann mag die Regierung sicher sein, daß die österreichische Bauernschaft sich bereit hält, zusammen mit ben Sicherheitsorganen die friedliche Arbeit, H a b u n d Gut der Bürger und unsere Heimat mit allen Mitteln zu schützen Die Vertrauensmänner der Tiroler Bauernschaft hatten in einer Versammlung anläßlich der Ereignisse m Wien auch die Verlegung der Bundesregierung in eine andere Stadt gefordert, um bie Unabhängigkeit der Regierung zu sichern.
Wie die „Neue Preie Presse" erfährt, wird gegen den hier verhafteten kommunistischen preußischen Landtags-
„E6 l^be der König
Unter atemloser Spannung und Stille der Versammlung verkündete der Präsident des Parlaments, daß der König nahe. Aller Augen wandten sich dem Eingang des Hauses zu, durch den der fünfjährige Knabe, der in schwerer Stunde Rumäniens Königsthron besteigt, ein- treten sollte.
Von seiner Mutter, der eheverlassenen Gattin des Prinzen Carol, geleitet, erschien König Michael I. und nahm unter brausenden Hochrufen der Versammlung seinen Platz aus dem Thronsitze ein. Hinter ihm schritten die drei Mitglieder des Regentschaftsrates, Prinz Nikolaus, der Patriarch Christe« und der Präsident des Obersten Gerichtshofes, Budzdupan sowie die Kammerherren und Hofdamen. Darauf begannen die Ver- cidigungszeremonien. Als erster küßte Prinz Nikolaus das Kreuz und die Bibel und leistete mit lauter Stimme den Eid der Treue zu König Michael und der Verfassung. Die anderen folgten. Als die Eidesleistung vorüber war, erhob sich der Senatspräsident und rief: „Es lebe der König Michael I.!", worauf der kleine König vortrat und die Versammlung militärisch grüßte. Das ganze Haus brach in endlose Hurrarufe aus. Die KöniginwitweMaria,die infolge des Todes ihres Gatten einen Nervenzusammenbruch erlitten hat, wohnte der Feierlichkeit nicht bei.
Die Armee wurde auf König Michael vereidigt. Dem Prinzen Carol wurde von der Regierung mitgeteilt, daß der Staat fest entschlossen sei, den im Januar 1926 ge faßten Beschluß über die Thronfolge zu beachten. Bis zur Beisetzung des verstorbenen Königs, dessen Leichnam einbalsa lert wurde, wird das Parlament keine neuen Sitzungen mehr abhalten. Dem Herkommen entsprechend, hatte Bratianu dem Regentschastsrat das Rücktrittsgesuch des »raviuetts uoerreicht; es wurde jedoch nicht angenommen.
Teffameniseröffnung in Sinaia.
In Sinaia wurde in Gegenwart der Königin Maria und der königlichen Familie das Testament König Ferdinands zusammen mit einem an dem Ministerpräsidenten gerichteten Brief veröffentlicht. In diesem Brief bekräftigt König Ferdinand von neuem feinen Wunsch, daß die verfassungsmäßige Regelung der Thronfolgefrage in vollem Umfange geachtet werde. Dieser Wunsch ist durch die Einsetzung des Regentschaftsrates, die Eidesleistung und die Zustimmungserklärung aller Parteien erfüllt worden. Zum Begräbnis des Königs wird aus Deutschland Prinz Wilhelm von Hohen- zollern, der Bruder König Ferdinands, erwartet.
abgeordneten Pieck ein strafrechtliches Untersuchungsverfahren eingeleitet werden, da er verdächtig ist, an der Agitation zur Veranstaltung neuer Unruhen teilgenom- men zu haben.
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Die sozialdemokratische „Volkszeitung" in Innsbruck meldet, daß auf den fozialdemokratifchen Tiroler Landtagsabgeordneten Brunner in Buch bei Schwaben mehrere Gewehrschüsse abgegeben seien. Die Täter seien bereits verhaftet worden.
Ein norwegischer Dampfer überfallen.
ChinesischePiraten rauben 2 0 0 0 0 ® o 11 a r.
Der norwegische Dampfer „Solviken", der am £1 d. Mts. Hongkong mit dem Ziele Saigon verlassen hatte, wurde von Seeräubern, die sich unter die Paffagiere vor; Hongkong gemischt hatten, überfallen. Sie überrumpelten die Offiziere und verwundeten den Kapitän Rickard Gentoft schwer. Der zweite Offizier Johnson rang mit Zwei Seeräubern, wurde jedoch überwältigt und erschossen. Der Führer der Bande, der fließend englisch sprach, gab den ersten Offizier den Befehl, nach der Bias- bucht zu steuern, wobei er drohte, alle weißen Of- fiziere zu töten, wenn seinen Anweisungen nicht sprach, gab dem ersten Offizier den Befehl, nach der Bias- bucht anlangte, legten zwei Schaluppen längs des Schiffes an und übernahmen zwei Kästen mit Goldbarren im Werte von 20 000 Dollar und das Passagiergepäck.
Den eingeborenen Schiffsagenten, fechs chinesische Passagiere unb einen Knaben führten sie mit fort. Darauf ergriffen die Seeräuber mit Hilfe von zwei Schiffsbooten die Flucht. Bei ihrem Fortgang erklärten sie: Ihr könnt den anderen sagen, daß sie uns ihre Flugzeuge schicken, aber sie werden uns nicht finden.
politische Rundschau.
Deutsches Reich
Abschluß des deutsch-belgischen Notenwechsels.
Der Notenwechsel mit Belgien wegen der Senatsrede des belgischen' Kriegsministers d e B r o q u v i l l e ist von Deutschland geschloffen worden. Belgien hatte seine Vor- würse ^o vWtWLswiLriÄer Zustände bei der Reichs-