HersMer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS mit den Beilagen: Seimalschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Serd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
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Nr. 165 Montag, den 18. Juli 1927 7t. Jahrgang
Die Lage in Oesterreich
Generalstreik für Oesterreich proklamiert.
Alle Grenzen abgesperrt.
Österreich ist von der Außenwelt abgeschlossen. Das Präsidium der Österreichischen Sozialdemokratischen Partei hat, um die Aufruhrbewegung wieder in seine Hände zu bekommen, den Generalstreik proklamiert, der auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln sofort im vollen Umfange eingefetzt hat. Post, Telephon und Eisenbahn haben ihren Betrieb eingestellt und auch zahlreiche Privatbetriebe sind stillgelegt worden.
Durch die Sperre der Nachrichtenübermittelung ist es natürlich außerordentlich schwer, über die Ereignisse in
Der Justtgparun rn w<en.
Wien sich ein klares Bild zu machen. Nach Meldungen, die auf Umwegen in die Außenwelt gelangt sind, ist es nach den blutigen Zusammenstößen am Freitag nachmittag gegen Abend der Polizei und dem Militär gelungen, die Ruhe wiederherzustellen und die Plätze vor dem Parlamentsgebäude, dem Justizpalast und anderen großen öffentlichen Gebäuden mit starken Kräften zu besetzen. Allerdings haben die Aufrührer in Wien schon schweren Schaden angerichtet, denn das I u st i z g e b ä u d e soll bis auf die Umfassungsmauern niedergebrannt sein, da die Feuerwehr von der Menge daran gehindert wurde, rechtzeitig die Flammen zu bekämpfen. Hart mitgenommen wurden auch einige rechtsstehende Zeitungen, dercnMobiliar und Maschinen zumTeil vernichtet wurden. Natürlich hat sich bei diesen Vorgängen auch wieder der Mob hervorgetan und auch die Kommunisten versuchen, aus den blutigen Vorgängen in Wien für ihre Sache Kapital zu schlagen. Die Kommunistische Internationale soll einen Aufruf erlassen haben, in dem die Arbeitermassen in Wien aufgefordert werden, gegen die bürgerlichen Klassen in Österreich zu kämpfen, außerdem soll das Vollzugskomitee der Kommunistischen Internationale beabsichtigen, zur Unterstützung der österreichischen Arbeiter Geldspenden zur Verfügung zu stellen.
Die sozialdemokratische Parteileitung in Österreich und die Gewerkschaftskommission haben sich in einem Mitteilungsblatt an ihre Anhänger in einem Aufruf gewandt, in dem sie zur Ruhe mahnen. Bei den Fremden, die jetzt in Österreich Erholung suchen, scheint dieser Aufruf aber keinen besonderen Eindruck gemacht zu haben, denn viele verlassen fluchtartig das Land.
Die Sozialdemokratische Partei will die letzten Er- eignifse dazu benutzen, um sie für sich politisch auszuwer- ten. So hat sie an den Bundeskanzler Seipel, der der Christlichsozialen Partei, die etwa dem Zentrum in Deutschland entspricht, nahestcht, das Ersuchen gerichtet, von seinem Amte zurückzutretcn; auch verlangt sie, daß der Polizeipräsident von Wien, Schober, der ebenfalls christlichsozial ist, von seinem Posten verschwindet. Bundeskanzler Seipel soll es indessen abgelehnt haben, dem sozialdemokratischen Wunsch nach seinem Rücktritt nachzukom- men, doch sollen, wie es heißt, umfangreiche Veränderungen in der Zusammensetzung des jetzt rechtsstehenden Wiener Kabinetts vorgenommen werden.
Tirol ist ruhig.
Die Tiroler Landesregierung hat alle Maßnahmen getroffen, um die Ruhe im Lande aufrechtzuerhalten. Militär, Gendarmerie und Polizei liegen in höchster Bereitschaft.
Nach einer Führerbesprechung des Republikanischen Schutzbundes wurde der Tiroler Bundesführer von der Landesregierung aufgefordert, im Interesse des Landes auf seine Anhänger beruhigend einzuwirken, da jede Aktion des Bundes, die zu Ruhestörungen fuhrt, auf energische Abwehrmaßnahmen der Tiroler Landesregierung stoßen würde.
Die Stätte der Änruhen.
Die Straßenkämpse in Wien erinnern in ihrem Verlaus an den Putschversuch, der in Wien in den Ostcrtagen des Jahres 1919 stattsLNd. Auch damals entstand plötzlich in den links
radikalen Arbeitskreisen wegen angeblicher ungerechter Urteile eine Aufstandsbewegung, und die Demonstranten marschierten aus den äußeren Bezirken auf die Ringstraße. Aus dieser Prachtstraße stehen die meisten öffentlichen Bauten: das Parlament, das Rathaus und der Justizvalast, der auch die höchsten Gerichtsstellen beherbergt, bilden eine architektomsche Einheit. Dicht daneben liegt die Universität, die in den letzten Wochen der Schauplatz zahlreicher Demonstrationen und heftiger
Kämpfe zwischen Nationalsozialisten und sozialdemokratischen Studenten gewesen ist.
Warum die wurenoe Menge die Akten, die im Justizpalast verwahrt werden, vernichtete, ist nicht recht erklärlich, da im Justizpalast nur Zivilaerichtsbarkeit geübt wird. Sollten auch die Grundbuchakten, die sich im Justizpalast befinden, verbrannt sein, so wäre dies ein geradezu unersetzlicher Schaden.
Heranziehung fremder Truppen?
Militär an der österreichisch-ungarischen Grenze.
Nach einer Meldung der „Chicago Tribune" sollen die diplomatischen Vertreter in Wien die Regierung um die Erlaubnis gebeten haben, aus den Nachbarländern Trup. pen zum Schutze der fremden Missionen heranziehen zu dürfen. Die Diplomaten sollen gleichzeitig der österreichischen Regierung angeboten haben, diese Truppen eventuell zur Niederschlagung des Aufstandes mit zu verwenden. Das Blatt meldet weiter, daß in Ungarn der Belagerungszustand verhängt worden sei, weil Ungarn ein übergreifen der Aufstandsbewegung auf ungarisches Gebiet befürchte.
Die bayerisch-österreichische Grenze ist bei Engel- hardtszell von österreichischen Bundestruppen besetzt worden. Der ganze Verkehr von und nach Österreich z« Schiff und mit der Bahn ist stillgelegt.
Am Zusammenstöße in Wien.
Bisher 65 Tote.
—Nachdem es in Wien kurze Zeit verhältnismäßig ruhig zuging, wurde die Stimmung in den Sonnabend- Nachmittagsstunden wieder nervös. Sie entlud sich in Hernals. Fünf Wachleute wurden von der Menge, die sich rasch durch Zulauf aus den Seitengassen gebildet hatte, bedrängt. Die Wachleute gaben darauf Hoch- schüsse ab) immerhin wurden drei Personen verletzt, die von der Reitungsgesellschaft in das Spital gebracht werden mußten. Weiter sammelten sich in der Rosensteingasse Menschenmassen an. Hier wurden sechs Personen getötet und etwa zehn schwer verletzt.
Im ganzen beläuft sich die Z a h l der Toten bisher auf 65, die Zahl der Verwundeten, ine sich in den Spitälern befinden, wird aus 470 angegeben. Außerdem sind etwa 430 Personen anderweitig in ärztlicher Behandlung, so daß man bisher insgesamt mit etwa 1000 Opfern der Unruhen rechnen muß.
Bürgermeister Seitz gab bekannt, daß beschlossen worden ist, eine Gemeindepolizei zu bilden, dre gh aus Angehörigen des Republikanischen chutzbundes zusammensetzt. Es sind bereits 5000 ausgesuchte Leute hierfür vorgemerkt. Diese Polizei wird ebenfalls bewaffnet. In den Kreisen der städtischen Behörden erwartet man von der Bildung dieser Orgam- sirtion einen beruhigenden Einfluß auf die Stimmung der
worden ist, sich aus An
Der Bürgermeister als Landeshauptmann hat den Ausschank von geistigen Getränken verboten und für Übertretungen des Verbots Bestrafungen angedroht. Die Gewerkschaftskommission und der Sozialdemokratische Parteivorstand haben in diesem Zusammenhang beschlossen, daß die Hotels sowie die Gaststätten und Kafsee- Hausbetriebe offen gestalten- werden können. Das Personal habe jedoch darauf zu sehen, daß das Alkoholverbot streng eingehalten werde. An die Bevölkerung ergeht im Interesse eines ruhigen Verlaufs der Protestkundgebung, so heißt es in dem „Mittzeilmlgsblatt der Sozialdemokratie
Österreichs" weiter, die dringende Aufforderung, sich in den nächsten Tagen unbedingt jedes Alkoholgenusses zu enthalten.
Die führenden Kreise der Wiener Sozialdemo- k r a t i e sind bestrebt, die Bewegung wieder in die normale Lage hinüberzuleiten. Es wird von ihnen betont, daß auch die Streikparole diesem Zweck habe dienen sollen, indem die wüsten Ausschreitungen abgelöst werden durch die organisierten Maßnahmen der Parteileitung. Das nächste Ziel ist, der Stadt wieder ihr übliches Aussehen zu geben, und den inneren Verkehr wieder zu eröffnen. Die Straßenbahnen sollen noch Möglichkeit wieder den Verkehr aufnehmen. Allerdings ist nicht zu verhehlen, daß
von kommunistischer Seite starke Quertreibereien
im Gange sind. In diesem Zusammenhangs ist interessant, daß mit einem der Berliner Flugzeuge auch der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands, Pieck, nach Wien gekommen ist. Die sozialistische Parteileitung hofft, daß die weitere Entwicklung sich in ruhigen Bahnen bewegen wird, über die Wiederaufnahme des Eisenbahn-, wie überhaupt des Fernverkehrs verlautet allerdings noch nichts; man hört aber, daß die Wiederherstellung des normalen Verkehrs auch hier sobald ivie möglich angestrebt werden muß, schon wegen des Eindrucks nach außen.
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Einschränkung des Zugverkehrs nach Tirol.
Die Reichsbahndirektion München teilt mit: Wegen Streikes der österreichischen Bundesbahnangestellten ist der gesamte Verkehr auf den österreichischen Strecken ab Salzburg, Simbach, Kufstein und Miltenwald seit Sonnabend nacht eingestellt. Bis zu diesen Übergangsstationen wird auf den deutschen Strecken der Zugverkehr durchgeführt. Die Züge auf der Linie Berchtes- gaden—Schellenberg—Salzburg werden wegen Streikes der Salzburger Tramwaygesellschaft nur zwischen Berch- tesgaden und S ^elk'.Veig—Hangender Stein gefahren.
Vom italienischen Militärkommando am Brenner trifft die Nachricht ein, daß, wenn der Bahn- verkehr nicht ausgenommen werde, Italien seine Transitzüge übet den Brenner nach Deutschland unter militärischer Bedeckung selbst führen werde. In der Umgebung des Brenners liegen etwa 10 000 Mann zu Manövern.
Der Reichsschulgesetzentwurf.
Die Vorlage der Reichsregierung über das Reichs- schulgesetz, die nach strengster Geheimhaltung jetzt der Öffentlichkeit übergeben worden ist, will die im Artikel 146 Abs. 2 der Reichsverfassung niedergelegte Bestimmung erfüllen, daß alles Nähere über das deutsche Schick- Wesen durch ein besonderes Gesetz geregelt werden soll. Sie will nicht die Frage zur Entscheidung bringen, ob der Gemeinschaftsschule durch die Verfassung eine besondere Vorzugsstellung einzuräumen ist, will vielmehr den drei Schularten, die in der Verfassung vorgesehen sind, im Rahmen der Bestimmungen des neuen Gesetzes freie Entwicklungsmöglichkeiten geben. Für diesen Zweck werden zunächst einmal die Formen der deutschen Volksschule genau unterschieden. Ihnen allen ist gemeinsam die Aufgabe,
„die schulpflichtige Jugend durch Unterricht auf der Grundlage des deutschen Kulturgutes zu körperlicher und geistiger Tüchtigkeit heranzubilden und sie in Unterstützung, Ergänzung und Fortführung der elterlichen Erziehung zu sittlich wertvollen Menschen und zu Staatsbürgern zu erziehen, die fähig und bereit sind, der deutschen Volksgemeinschaft zu dienen."
Hinsichtlich der
Formen der Volksschule
werden die nach Bekenntnissen nicht getrennte (Gemein- Ks-), die Bekenntnis- und die Bekenntnissreie Schule liche oder Weltanschauungsschule) unterschieden.
Die Gemeinschaftsschicke,
die grundsätzlich allen schulpflichtigen Kindern offen stehen soll, hat ihre Unterrichts- und Erziehungsaufgaben auf „religiös- sittlicher" Grundlage, aber ohne Rücksicht aus die Besonderheit einzelner Bekenntnisse und Weltanschauungen zu erfüllen, wobei der Religionsunterricht, natürlich nach Bekenntnissen getrennt, ordentliches Lehrfach ist. Wohl zu unterscheiden von dieser neuen Gemeinschaftsschule ist jene andere im Südwesten Deutschlands bestehende, die den Charakter einer ausdrücklich christlichen besitzt und die laut Artikel 174 der Reichsverfassung besonders berücksichtigt werden muß. Der Entwurf erfüllt diese Forderung dadurch, daß diese Schulart zunächst einmal fünf Jahre hindurch nickt abgeändert werden soll; durch Landesgesetzgebung kann bestimmt werden, daß sie auch weitere fünf Jahre hindurch in ihrer Art erhalten bleibt. Da die Länder zur Durchführung des Reichsschulgesetzentwurfes erst binnen zwei Jahren verpflichtet sind, so würde jene christliche Gemeinschaftsschule vorerst nöch bis zu zwölf Jahren bestehenbleiben. Erst dann ist es möglich, sie in eine der drei anderen Schulformen umzu- ändern, wenn die Erziehungsberechtigten von wenigstens zwei Dritteln der die Schule besuchenden Kinder sich dafür aussprechen. Bekanntlich haben sich die volksparteilichen Minister des Kabinetts gegen diese Regelung ausgesprochen.
Die zweite weitaus verbreitetste Schulform in Deutschland ist nun
die Bekenntnisschule,
die nur zur Aufnahme von Kindern eines bestimmten Be-