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Mädchen wenigstens die Nachtwachen mit Anni, Gretel und der alten Minna teilte.

Auch heute wieder saß Deliane neben dem Rollstuhl.

Soll ich Ihnen die Fortsetzung des Romans aus demSt. Hubertus" vorlesen, Herr Gras?"

Er hob den Kopf.

Sie sind sehr gütig, gnädiges Fräulein, aber das viele Lesen strengt Sie an und ich möchte gern ein wenig mit ihnen plaudern."

Ganz, wie Sie wollen." Lia legte den gebundenen Jahrgang beiseite und griff nach ihrer Handarbeit. Heute will ja nun Professor Osterroth mitkommen."

Ja, eben, unser guter Medizinmann scheint seiner Diagonose doch nicht so recht zu trauen, deshalb hat er sich wohl das große Tier eigensaus Berlin verschrieben schade um die Mühe!"

Ueber die Züge des jungen Mädchens huschte es wie ein flüchtiges Erschrecken.

Schade?! Ich meine im Gegenteil, daß Doktor Klemm auf diese Konsulation große Hoffnungen setzt."

Mag sein," Hubertus machte eine müde Hand- bewegung, nur sehen Sie, ich glaube nicht mehr an eine vollständige Heilung, bestenfalls werde ich einen Teil der Sehkraft zurückerhalten, einen schwachen Licht­schimmer, aber für mich heißt es nun wohl Hahn in Ruh', ein Leben im Schatten--ist das über­haupt noch lebenswert?"

Herr Graf! Und ich verstehe nicht, wie um Gotteswillen kommen Sie auf solche Gedanken?!" Un­willkürlich griff sie nach seiner Hand.

Egede lächelte.

Sie meinen es gut, aber wozu soll ich mich selbst betrügen? Feige bin ich nie gewesen, und ein Unglück verliert seine Schrecken, wenn man es erst klar erkannt hat. Daß der linke Sehnerv verletzt ist, weiß ich, und so oft die Binde abgenommen wurde, blieb es Nacht um mich."--Er hielt inne, ein heißer Tropfen war auf seine Hand gefallen.Tränen?" fragte er leise.

Verzeihen Sie!" Ihre Stimme klang wie erstickt. Die dummen Nerven und es ist nur--, aber so dürfen Sie nicht reden, das Schicksal eines jeden Menschen steht in Gottes Hand!"

Das haben Sie mir schon einmal gesagt, damals am Weihnachtsabend, Md ich antwortete Ihnen dasselbe wie heute: mir ist der Kinderglaube verloren gegangen,---heutzutage geschehen keine Wunder mehr."

Ganz still war es im Zimmer, nur die kleine Standuhr tickte und teilte das lastende Schweigen in rinnende rieselnde Sekunden. Deliane beugte sich über den Kranken, etwas unsagbar Weiches, Mütterliches lag in dieser Bewegung.

Und wenn Gott doch ein Wunder täte?!"

Er atmete tief und gepreßt.

Wozu wollen Sie Hoffnungen wecken, denen nur ^ine umso bittere Enttäuschung folgen muß?"

Weil ich an die Kraft des Gebets glaube!" Sie sagte es leise, aber in den großen, dunkelblauen Augen­sternen stand ein seltsamer Glanz.An jedem Abend habe ich gebetet an jedem Abend" die Stimme brach ihr.

Wie gut Sie sind! Egede tastete nach der Hand des jungen Mädchens.Und ich Krüppel mache Ihnen so viel Mühe, Sie opfern sich auf für mich--"

Herr Graf! Das das dürfen Sie nicht sagen"

Es ist aber doch so, ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen, wie es einmal werden sollte, wenn Sie nicht mehr um mich wären."

Jeder Mensch ist ersetzlich, eine Krankenschwester würde dasselbe oder noch Besseres leisten als ich es kann, und ohnehin werde ich die Pflege in einiaer Leit abgeben müssen"

Müssen?!" Er fuhr auf:Weshalb?! Das verstehe ich nicht, liegt denn ein Grund vor--?"

Delianes Hand zuckte.

Ich bin hier nur als Gast, nennenswertes Ver­mögen besitze ich nicht, da habe ich mich um eine Stellung als Gesellschafterin beworben, heute früh bekam ich die Zusage, eine verwitwete Frau von Oldersloh auf Kressin will es mit mir versuchen, ich könnte schon am 1. März antreten."

«So--das war es--" Egede war ganz in sich zusammengesunken, regungslos saß er da, nur seine Hände zupften nervös an der Decke.Sie sind entschlossen anzunehmen?!"

«Ich ich weiß noch nicht, mein Onkel redet mir zu und es ist ja auch ein Glück, daß ich sobald etwas gefunden habe--"

Ihr Onkel redet Ihnen zu?! Mir sagte er doch, er hoffe, Sie würden bei ihm bleiben?"

Ja, aber ich wollte nicht---"

Und der Grund?!"

Ein gequälter Ausdruck trat in die Züge des jungen Mädchens.

Eine Laune,--nichts weiter--."

Das glaube ich Ihnen nicht!" Hubertus machte eine Bewegung, als wolle er die schwarze Seidenbinde abstreifen, ein bitteres Lächeln huschte um seine Lippen.Was gäbe ich darum, wenn ich Ihnen jetzt in's Auge sehen könnte!"

Ihre Hände umkrampften die Lehne des Stuhls, daß die Knöchel weiß wurden.

Herr Graf, ach bitte, machen Sie es mir doch nicht so bitterschwer!"

Also, schwer wird es Ihnen, von hier fort- zugehen? Aber ich will Ihnen nicht wehe tun, mich nicht in Ihr Vertrauen drängen,--dazu habe ich kein Recht, ich bin ein einsamer Mensch ein Blinder ich kann Ihnen nur danken--"

Mit einem unterdrückten Wehlaut sang Deliane neben dem Rollstuhl in die Knie, ein haltloses Schluchzen erschütterte den schlanken Körper---

«Gnädiges Fräulein!" Egede streichelte über die schwere, goldschimmernde Flechtenkrone.Wir müssen tapfer sein, beide, mein Lebensweg führt ins Dunkele, aber Sie sind jung, geschaffen um glücklich zu sein, die Zeit heilt jeden Schmerz jeden"

Von der Straße her kam der dumpfe, warnende Ton einer Hupe, das junge Mädchen sprang auf.

Oh Gott, ich glaube, es ist Dr. Klemm,--." Rasch fuhr sie mit dem feinen Batisttaschentuch über Augen und Wangen.Soll ich die Herren gleich hier- hersühren?"

Ich bitte, wenn Sie so gut sein wollen?" Hubertus zwang sich zu einem Lächeln.Und nicht wahr, Sie bleiben während der Untersuchung bei mir, ich habe dann immer das Gefühl, als könne mir nichts geschehen.

Lia nickte nur, sprechen konnte sie nicht, die Kehle war ihr wie zugeschnürt, mit ein paar raschen Schritten ging sie zur Tür und trat aus den Flur.---

* * *

Dr. Klemm rieb sich die Hände.

Darf, ich bekannt machen? Professor Dr. Oster­roth Graf zur Egede Fräulein Delius, meine getreue Helferin und Assistentin bei allen Untersuchungen!"

Hubertus streckte dem Spezialisten die Hand hin.

Es ist sehr freundlich, daß Sie die Güte hatten, hierher in unseren abgelegenen Weltwinkel zu kommen, die Herren werden gewiß ganz durchfroren sein von der Fahrt; wie mir das gnädige Fräulein sagte, ist eine kleine Erfrischung bereitgestellt--"

Sehr liebenswürdig," der Professor strich mit der Hand über das glattrasierte, eckige Kinn, ich möchte

aber doch lieber erst das Berufliche erledigen, kann das Zimmer wohl gänzlich verdunkelt werden?" wandte er sich an das junge 9Jläbd)en.

Gewiß, ich brauche nur die Läden zu schließen, einen Augenblick."--Sie huschte aus dem Zimmer.

Egede richtete sich auf.

Herr Professor, ich weiß, wieviel von dieser Stunde für mich abhängt, und da möchte ich Sie um eines bitten: Schenken Sie mir, sobald Sie Gewißheit haben, reinen Wein ein, ich bin ein Mann und kann die Wahrheit ertragen!"

Gewiß, Herr Graf," der Berliner Arzt ordnete sein Besteck und stellte eine kleine Lampe mit mattrotem Glas auf den Tisch,ein Verschweigen oder Beschönigen wäre ohnehin zwecklos, denn nach dem Krankheitsbild, das mir der Herr Kollege entwarf, gibt es überhaupt nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat ein Eingriff vollen Erfolg oder--" er brach ab, als Deliane eintrat.

Soll ich hier bleiben?" fragte sie zaghaft.

Ja, ich bitte darum, Sie haben es mir versprochen!" sagte Hubertus rasch.

Doktor Klemm, der die Vorhänge zugezogen hatte, nickte dem jungen Mädchen zu.

Ich werde doch nicht auf meine bewährte Hilfs­kraft verzichten. Ohne Ihre aufopfernde Pflege wären wir heute schwerlich so weit!"

Aber Herr Doktor--!" Lia wurde ganz rot bei dem Lob und dann löste sie rasch, um ihre Befangenheit zu verbergen, die schwarze Seidenbinde, die über Egedes Stirn lag.

Der Spezialist hatte sich einen kleinen Hocker herangezogen, mit seinen weißen, fast frauenhaft zarten Händen rückte er die Lampe zurecht, scharf, wie die Lichter eines Raubvogels, blickten die merkwürdig hellen Augen über der weit vorspringenden Adlernase.

Bitte, gnädiges Fräulein, würden Sie den Kopf des Patienten halten? So ja Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Graf, Ich tue Ihnen nicht weh."

Hubertus fühlte, wie Delianes Finger, die weich und kühl feine Stirn umschlossen, zitterten. Professor Osterroth hatte das Gummiband mit dem daran be­festigten Konkavspiegel übergestreift.

Bewegen Sie einmal die Augäpfel, Herr Graf, rechts links nach oben nach unten--- danke! Nehmen Sie einen Lichtschein wahr?"

Nur eine ganz schwache Dämmerung--"

Hm--" ein paar leise geflüsterte lateinische Worte und dann plötzlich der grell auszuckende Strahl einer elektrischen Taschenlampe--Egede fuhr zu­sammen, deckte unwillkürlich die Hand über die Augen.

Die Spannung in den Zügen des Berliner Arztes löste sich.

Ich glaube, wir dürfen hoffen" und nun trat wieder der Hohlspiegel in Tätigkeit. Dr. Klemm reichte die Instrumente zu.

Es ist gut," der Spezialist legte die Seidenbinde über die Stirn des Kranken und räusperte sich, mit einer Bewegung, als würde ihm plötzlich der Kragen zu eng, griff er nach seinem Selbstbindeschlips.Sie haben volle Offenheit gewünscht, Herr Graf, und wie die Dinge liegen, hätte ich ohnehin sprechen müssen. Es wäre zwecklos, wollte ich Hoffnungen erwecken, die sich vielleicht nicht realisieren lassen, auch eine wissen­schaftliche Begründung kann ich mir wohl ersparen. Kurz gesagt, wir müssen alles auf eine Karte setzen, die volle, ungetrübte Sehkraft beider Augen kann nur durch einen sofortigen Eingriff erhalten werden, eine Operation, die noch heute erfolgen müßte.

In Egedes Zügen zuckte kein Muskel.

Fortsetzung folgt.

Für Jeden etwas.

Chinesenkrieg in Amerika.

Von H. Hesse, Newyork. -

/ Von jeher haben überall in der Welt diese oder jene Geheimbünde in bösem Ruf gestanden. Am bekannteste« dürften die Maffia in Italien und die Blutrache auf Korsika geworden sein. Die Anhänger der Maffia hetzten einen von ihnen Geächteten zu Tode und die Sitte der Blutrache auf Korsika verlangte blutige Rache für ein ermordetes Glied der Familie. Wenn es aber möglich ist, so übertrifft der Asiate auch den heißblütigsten, jäh­zornigsten Südeuropäer noch an Verschlagenheit und Tücke, an List und Grausamkeit. Ein Beispiel dafür bieten die Chinesen in Nordamerika. Ganz zu Unrecht gilt der Chinese im Urteil des Abendlandes als emp- findungsarm, als gefühlskalt. Seine Ruhe ist nur eine äußere. Er trägt eine ausdruckslose Maske als Folge der Zurückdrängung von Gefühl und Leidenschaft durch Jahrtausende.

Die Chinesen Nordamerikas zerfallen in Gruppen, die sich Tongs nennen und einander bitter befehden. Meistens herrscht eine Art Waffenstillstand. Sagt jedoch einer der Tongs Krieg an, so ist es in den Chinesen­vierteln der Großstädte Zeit für Polizisten und Zivilisten, sich nach Deckung umzusehen. Die Schlitzaugen haben das Morden aus dem Hinterhalt zu einer Kunst entwickelt wie noch kein wilder Volksstamm. So friedlich ihre Be­schäftigung auch sein mag, so gehören die meisten Chi­nesen doch einem der Haupttongs an, die sich O n L e o n g und H i p Sing nennen. Der erstere umfaßt die Handel­treibenden, die wohlhabendere Schicht, der letztere die Ärmeren, die meistens in Restaurants oder Wäschereien arbeiten. Erhalten sie auf unterweltlichem Wege den Mobilmachungsbefehl, so lassen sie Waschfaß und Seife oder den Spülstein im Stich, bewaffnen sich mit Pistole, Dolch und sonstigen altmodischen Waffen und schleichen zu einem Treffplatz. Die Mitglieder sind durch Eid ge­halten, jeden Angehörigen eines feindlichen Tongs beim ersten Anblick kaltzumachen. Das ist sicher eine unmensch­liche, barbarische Sitte, denn meistens kennen sich die Un­seligen gar nicht, wissen vielfach nicht einmal die Ursache der Fehde.

Kürzlich herrschte wieder einmal Kriegszüstand in den Chinesengettos der amerikanischen Großstädte, da der Waffenstillstand ablief, der den großen Tongkrieg vor zwei Jahren beendete, nachdem über fünfzig Opfer ge­fallen waren. Der Waffenstillstand ging um Mitternacht zu Ende. Dreißig Minuten später fielen schon die ersten Opfer, die sich in der gleichen Nacht auf acht beliefen. In den Großen Hauptquartieren der beiden Tongs, die sich im Chinesengetto zu Ne w y o r k befinden, herrschte Hoch­betrieb. Kuriere kamen und gingen die Großmoguls saßen hinter gefüllten Reisschüsseln und leiteten den Krreg.

Warum sie ihn führen, wissen außer ihnen nur noch die chinesischen Götzen. Die amerikanische Polizei ist nie dahintergekommen, was für Beweggründe diesen ewigen Fehden zugrunde liegen, die nun schon ein halbes Jahr­hundert andauern. Spieleraffären, Rauichgistgeschafte, chinesische Halbweltdamen, Eifersucht, gewöhnlicher Brot­neid tausend andere Leidenschaften und Laster mögen in diesem Hexenkessel gären, der in den Großstädten un­sichtbar brkdelt: in den Chinesenvierteln zu Newyork, Chikago, Boston, Cleveland, Minneapolis, Prttsburg, San Fr'anzisko und anderen. .

Die Geschichte der chinesischen Verbände in den Ver­einigten Staaten begann um die Mitte des vorigen Jahr­hunderts mit der Einführung von Kulis nach Kali­fornien. In verstärktem Maße geschah dies, als in den sechziger Jahren die großen Überlandbahnen gebaut wur­den Die erste Vereinigung entstand in den siebziger Jahren als Wohltätigkeitsgesellschast für Chinesen und besteht noch heute. Mit der Zunahme der Chinesen ent­standen weitere Vereine und Verbände. Am bekanntesten wurden die Tongs der Hip Sing, On Leong und der Vier Brüder. Die letzteren hörten vor einigen Jahren auf zu existieren infolge eines Krieges zwischen