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Hers fei öer Tage blatt

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tzersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger für öen Kreis Hersfelö

: Monatlicher Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.20 ; Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Sersfeld : 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer : 0.80 Reichs-Mark druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in AersfekV, Mitglied des vdZV.

mit den Beilagen: Helmatschollen /

Illustriertes AnlerhallungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 150

Donnerstag, den 30. Juni 1827

77. Jahrgang

Auf falschen Wegen.

In eine entsetzliche Untiefe läßt die Schüler- tragödie blicken, die sich in Steglitz bei Berlin ab­gespielt hat. Die Abwesenheit der Eltern wird von den Kindern dazu benutzt, um Orgien zu feiern. Im Verein mit einem gleichwertigen" Schulkameraden wird die ganze Nacht hindurch ein Trinkgelage veranstaltet, bis sinnloseste Trunkenheit zur Mordtat treibt. Der Primaner ziehtseinen" Revolver und knallt los auf den jugend­lichenLiebhaber", den sich die Sechzehnjährige für die Nacht ins Haus lud. Widernatürliche Unzucht treibt die beiden jungen, noch nicht dem Knabenalter ganz entwach­senen Schüler zusammen und das Ende sind die beiden Schüsse. Auch anderswo knallen sie und fordern aus parteipolitischem Haß das Leben Andersgesinnter. Fast täglich tauchen überall in Deutschlands Zeitungen die Nachrichten auf von schweren parteipolitischen Streitigkeiten, die fast immer zu Verwundungen führen, oft genug aber auch einen tödlichen Ausgang haben. Leider sind es immer wieder gerade die jugend­lichen Elemente, die dabei im Vordergrund wirken. Schreitet die Polizei ein, so wird auch sie fast immer das Ziel wütendster Angriffe und muß sich dann mühsam genug der eigenen Haut wehren.

Halbe Kinder früher pflegte man das bezeichnende WortHalbstarke" anzuwenden, unreife Jugend, die sich aber die Rechte der Erwachsenen anmaßt! Ist das wirklich das kommende Geschlecht, auf dem unsere Zukunft beruht? Oder ist die Furcht, daß alle diese Vorkommnisse nicht etwa vereinzelte Erscheinungen, sondern Spiegelbild, Symptome sind, denn doch übertrieben? Man wünscht es im Innersten seines Herzens, man hofft es, aber die zweite Frage taucht gleich daneben auf: Wo blieben die Eltern? Ist ihre Schuld nicht viel größer? Den Nachrichten zufolge sollen die Eltern des Mörders in der Primanermütze gewußt haben, wie es moralisch oder viel­mehr unmoralisch um ihren Sohn stand; aber sie ver­schlossen die Augen gegen alles, ließen ihn ruhig gewähren, der parteipolitisch Verhetzten Messer und Schlagring, Knüppel oder gar Revolver gezückt wird, eigentlich viel anders? Niemandem von uns Älteren, die wir durch die harte Schule des Lebens und zum großen Teil durch die noch härtere des Krieges gegangen sind, wird es einfallen, nun unbedingt den Lobredner der früheren Zeit abzugeben; aber leider ist an dem moralischen Ver­fall großer Teile des jetzt im halbflüggen Alter stehenden Geschlechts nichts wegzudeuteln.

Verständige Väter klagen ja genug; die soziale Not macht die Jugend freilich das muß zugegeben werden häufig genug zu Frühreifen, die keck und alle Mah­nungen verlachend nach den Früchten des Lebens greifen. Man weiß ja aber auch, daß das WortWie die Alten sungen, so zwitscherten die Jungen" seine manchmal sehr verhängnisvolle Wahrheit noch längst nicht eingebüßt hat, leider zwitschert die Jugend heute viel öfter die schlechten Weisen der Alten nach. In jeder Volksversammlung kann man es ja erleben! Die Hauptkrakeeler sind fast immer jugendliche Elemente, denen es nur auf den Radau an- kommt. Und die sich gewiß von ihren Eltern nicht mehr bündigen lassen, sondern sehr selbstbewußt aft'f den Geld­beutel schlagen, den ihnen ein früher Verdienst füllt.

Und ebenso fern liegt es dem Verständigen, der diese Dinge besorgten Auges sehen muß, nun etwa nur die so­genannten unteren sozialen Schichten als mit solchen Ver­fallserscheinungen behaftet erklären zu wollen. Vor kur­zem wurde bei einer Revision der Schultaschen in einem Mädchenlyzeum festgestellt, daß mehr als die Hälfte der Fünfzehn- bis Sechzehnjährigen Puder und Schminke, Spiegel und Lippenstift mit sich führte. Und man weiß auch nur allzu genau, daß gerade dieses Alter die besten Kunden für diese Artikel abgibt. Also auch in denhöhe­ren" Schichten kriselt es; auch jene Sechzehnjährige, die sich denLiebhaber" ins Haus bestellte, war Besucherin eines Lyzeums und mag dort vielleicht oft genug im Kreise Gleichgesinnter mit ihrenErfahrungen" geprahlt haben.

Es ist allerhöchste Zeit, daß unsere Jugend etwas straffer an die Zügel genommen wird. Und das trotz alles Geschreies überFreiheit" oderSelbstbe­stimmungsrecht". Wehe dem Volke, das sich nicht seiner höchsten und letzten, feiner wichtigsten Pflichten gegen feine Jugend erinnert!

Beratungen über das Reichsschulgesetz.

Reichskanzler und Regierungsparteien.

Im Reichstag hatten der Reichskanzler und der Reichsinnenminister eine Besprechung über das Reichs­schulgesetz mit den Regierungsparteien und den Sachver­ständigen der Fraktionen.

Ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Man will damit bis zu der am Ende dieser Woche erfolgenden Rückkehr des Reichsaußenministers Dr. Stresemann aus Oslo warten. Es liegt die Absicht vor, im Notfalle durch die Regierungsparteien einen Antrag gleichen Inhalts wie der Regierungsentwurf im Reichs­tage einbringen zu lassen an dem Tage, an dem der Ent­wurf dem Reichsrat zugeht. Unter Umständen könnte so die erste Lesung im Reichstag noch vor der Sommerpause erledigt werden.

Ueber Atlantik und Pazifik

Syrd unterwegs nach Paris.

Der Flug über die Ozeane.

Wochenlang waren die Wetterverhältnisse über dem Atlantischen Ozean so schlecht, daß der bekannte amerika- Nische Flieger Byrd, der als erster (vor Amundsen) den Nordpol überflogen hat und auch gern als erster den Atlantikflug unternommen hätte, nicht starten konnte und auf dem Flugplatz bei Newyork warten «nutzte, während Lindbergh und Chamberlin derweilen Lorbeeren ernten konnten. Jetzt ist auch er mit seinem dreimotorigen Fokker- apparatAmerica" gestartet und »vird vermutlich den süd­lichen Kurs (also nicht über Neufundland) nach Paris wählen. Wenn man auch einem dritten Sieger nicht die Beachtung wie einem ersten schenkt, so bietet der Byrdsche Flug doch viel Interessantes. Er hat drei Fluggäste an Bord und bringt zahlreiche Briefe nach Europa. Unter ihnen befindet sich auch ein Schreiben des Nerv- Yorker Bürgermeisters Walker an den Reichs­präsidenten von Hindenburg. Byrd beabsichtigt, nur wenige Stunden in Paris zu bleiben und dann sofort bett Rückflug nach Newyork anzutreten. Es ist möglich, datz er Chamberlin und Levine, die von der Schweiz aus nach Paris kommen wollen, dort treffen «vird. Man zweifelt in Fachkreise«» nicht, datz sein Unternehmen von Erfolg ge­krönt fein wird, denn er kann mit seinen drei Motoren eine größere Fluggeschwindigkeit (140 Kilometer pro Stunde) als seine beiden Vorgänger erzielen, auch wird er jede fechste Minute auf Welle 690 ein Funkzeichen geben und stündlich ein Flugbulletin aussenden. Die Deutsche Lufthansa ist in erhöhter Bereitschaft, falls Byrd ver­sehentlich auf deutsches Gebiet sammelt sollte.

Währenddessen sind die amerikanischen Marineoffi­ziere Maitland und Hegenberger, ebenfalls mit einem dreimotorigen Fokker, auf bem Stillen Ozean unter­wegs nach Hawa1^lind,auf halber Strecke der e i L8 .ue-L Fülltet worden. Sie werden von dort aus nach kurzem Aufenthalt nach San Franzisko zurückkehren. Der Pilot Smith, der gleichzeitig mit ihnen dieselbe Luftreise unter­nehmen wollte, mußte bald zurückkehren, da einer seiner Motoren versagte und er so nicht bis ans Ziel gekommen wäre.

Trotzdem jetzt geradezu schon ein Hochbetrieb über den Weltmeeren herrscht, ist es immer noch nicht gelungen, eine Spur von den beiden ersten Fliegern, die den Atlantik überqueren wollten, zu finden. Nach wie vor werden Nungesser und C o l i gesucht, aber alle Meldungen über sie sind wieder dementiert worden.

Stresemanns Aobelvortrag in Oslo.

Ein großes ge.sellschaftliches Ereignis.

Reichsaußenminister Dr. Stresemann hielt am Mitt­woch in Oslo seinen Vortrag, zu dem er als Träger des Friedensnobelpreises vom Nobelkomitee eingeladen wor­

den ist.

Die große Halle der Osloer Universität war bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den Zuhörern waren der Storthingpräsident Dr. Hambros, Storthingvizepräsident Movinckel. Staatsminister Lvkke mit den meisten Mit-

Aufienmimster Dr. Stresemann mit v« Gesandten Dr. Rhomberg.

gliedern seines Kabinetts, der deutsche, englische, fran­zösische, amerikanische, schwedische, finnische und dänische Gesandte, der kommandierende General und komman­dierende Admiral, der Vorsitzende der Osloer Stadtbe­hörde, der Bürgermeister von Oslo, der Präsident der Nöbelkomitees und Rektor der Universität, Slang, Pro­fessor Frithjof Nansen, die Spitzen d e r d e u t s ch e n Kolonie und viele andere. Präzise um zwei Uhr kam der König mit Gefolge. .

Der Präsident des Nobelkomitees begrüßte Dr. Strese­

Byrds Ausrüstung.

DieAmerica", Byrds Flugzeug, besitzt drei luft- .ekühltc je 200 PS. starke Wright-Motoren. Die Flügel ^aben eine Spannweite von 71 Fuß. Das Gewicht des lvvarates beträgt 14 500 Pfund, der Sauvttank faßt über

Polar- und Ozeanüberflieger Byrd.

3600 Liter Benzin. Die Gesamtbetriebsstoffmenge beläuft sich auf über 6000 Liter und reicht für eine Flugdauer von 50 Stunden. Da Chamberlin bis Eisleben nur 51 Stunden brauchte, wird dieser Vorrat für die Strecke Newyork

Ein amerikanisches Mefenluftschiff.

Einen neuen Rekord «voller« die Amerikaner mit einem Luftschiff, das jetzt gebaut wird und dreieinhalbmal so groß sein soll wie derZ. R. III", nun bald aufstellen. War es für dieses deutsche Luftschiff schon leicht möglich, ben Flug über den Atlantik zu unternehmen, so wird dieser nette Luftriese vermutlich einen ununterbrochenen Fliig rund um die Welt ausführen können. Ein Plan, den Dr. Jo­hannes Schwenzler aus Strelitz in Deutschland den Ame­rikanern für ein Riesenluftschiff eingereicht hatte, wurde an dritter Stelle lobenb hervorgehoben.

mann. Er unterstrich, daß Stresemann gewiß gefühlt hätte, daß sich nicht nur das Nobelkomitee, sondern die ganze Stadt für seinen Besuch und seinen Vortrag interessierte. Dann begann Dr. Stresemann seinen Vortrag.

Deutschlands Friedenspolitik.

Die Rede Stresemanns.

In der Rede in der Aula der Universität in Oslo wies Dr. Stresemann daraus hin, daß der Gedanke des Stifters des Friedensnobelpreises der «var, den von ihrn selbst mit dem genialen Erfinderblick entfesselten Naturkrästei« die Macht des Menschengeistes entgegenzusetzen. Die deutsche Friedenspolitik wäre nicht möglich gewesen, toenn sie nicht einem tiefen Sehnen der deutschen Volksseele entsprochen hätte. Dem deutschen Volke ist es nach dem «nilitärischen Zusammeubruch nicht leicht gemacht worden, die nationale Idee in diesem Sinne zu vertreten und auf beth Wege zum Frieden mit« fühlend zu sein.

Dr. Stresemann ging sodann aus die einzelnen politischen Phasen ein, die dem «nilitärischen Zusammenbruch folgten, er­innerte an den Ruhreinbruch, den Dawesplan, um sich dann längere Zeit mit der Konferenz von Locarno zu be­schäftigen. Er betonte hierbei, daß es eine Unwahrheit wäre, zu sagen, daß diese Politik freudiger und herzlicher Zustim­mung begegnet wäre. Dr. Stresemann kain dann auf die Völkerbundtagung zu sprechen, in der Deutschland in den Völkerbund ausgenommen wurde, und erinnerte an die Rede Briands, in der dieser daraus hinwies, daß die Zeit der Kanonen vorbei sein müsse und daß über diesem Jahrhundert die Worte stehen müßten, daß die beiden großen Völker, Deutsche und Franzosen, die soviel Lorbeeren int Krieg auf den Schlachtfeldern errungen hätten, ihre Zukunft nuninehr nur den großen idealen Zielen der Menschheit widmen sollten.

Heute könne gesagt werden, daß in dem Willen nach Frieden und Verständigung die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes sich einig sei. Wenn ein Volk, dessen soziale Umschichtung so gewaltig war, des Bolschewismus Herr ge« worden ist, so zeigt dies ben Sieg des Realpolitischen über das Imaginäre und über den Illusionismus.

Alle Parteien arbeiten heute im neuen Deutschland mit, denn schließlich hat über alle Verschiedenheit der Anschauung doch der Gedanke gesiegt, daß alle Hände notwendig wären zum Aufbau. Die Söhne und Enkel werden nur denen die Palme der Anerkennung reichen, die in dieser Ehrenzeit nicht bescite standen, sondern mit Hand anlegten, um das zusam- mengebrochene Haus wieder aufzubauen. Der Minister ge­dachte in diesem Zusammenhänge in ehrenden Worten des Reichspräsidenten.

Dr. Stresemann bedankte sich schließlich für die Ehre, die ihm durch die Verleihung des Friedensnobelpreises zuteilge­worden ist und schloß seine Ausführungen mit folgenden Worten: Wir bekennen uns 311 dem Geschlecht, das aus dem Dunkel ins Helle strebt. Nach Beendigung seines Vortrages erntete der Minister anhaltenden stürmischen Beisall. Der König drückte Dr. Stresemann die Hand.