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HersfelSer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt Amtlicher Anzeiger Dr ven Kreis HersfelS

Anzeigenpreis: Die einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, die Reklamezeile 50 Pfennig. (Grunöschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preis­nachlaß gewährt.: Kür die Schristleitung verant­wortlich: Kranz Zank in Hersfeld. Kernsprecher Nr. 8

Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.20 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für HersfelS 1-00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0-80 Reichs-Mark * Druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in Hersfelv, Mitglied des VDZV.

mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblalt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurrwell / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 140

(Erstes Blatt) Sonnabend, den 18. Juni 1927

77. Jahrgang

Falscher (Sport

Kampflust der Jugend. Mit Gummiknüppeln und Pflaster­steinen. Daudets Festung. Deutschland, Deutschland über alles.

Die junge Generatton unserer Tage ist mit wahrer Leidenschaft dem Sport ergeben. Für sie ist e r der Vater aller Dinge, der Kampf mit Fußball und Tennisschläger, mit Bein- und Armmuskeln, und die internationalen Wettbewerbe in den Riesenstadien der Großstädte, auf den sorgfältig gepflegten Rennbahnen für Motorräder und Kraftwagen sind längst zu einer fast Sonntag für Sonntag wiederkehrenden Erscheinung der Sommermonate ge­worden. Trotzdem will ein Teil dieser Jugend es sich an der bloßen friedlichen Betätigung ihrer Kampflust nicht genügen lassen.

Auch die Auseinandersetzung mit politischen Gegnern ist gewissen Kreisen des Heranwachsenden Geschlechts nachgerade ein sportliches Bedürfnis geworden, das aber mit sehr unsportlichen Mitteln befriedigt wird: mit Stöcken und Schlagringen, mit Gummiknüppeln und P f l a st e r st e i n e n. Ob nun Rote Frontbundleute mit nationalsozialistischen Arbeitern, Jungmannen des Reichsbanners mit Stahlhelmern, ob sozialistische mit völkischen Studenten aneinandergeraten, wie es in diesen Tagen wieder an der Wiener Universität ge­schehen ist, überall gibt es mehr oder weniger blutige Köpfe, bis Polizei und Behörden sich einmischen und die Streitenden so oder so für eine kleine Weile wenigstens zur Vernunft bringen. Natürlich hängt diese traurige Erscheinung mit der Aufgeregtheit der Nachkriegszeit zu­sammen. Die Heranwachsende Jugend glaubt vielfach, die nicht ausgetragenen Gegensätze der Kriegsepoche auf ihre Weise bereinigen zu müssen, wobei sie ihre natürlichen Gegner nicht außerhalb, sondern diesseits der .eigenen Landesgrenzen sucht und findet. Daß dabei die so­genannte proletarische Jugend des Noten Frontkämpfer­bundes mit schlechtem Beispiel vorangeht, darf wohl als eine ziemlich unbestrittene Tatsache festgestellt werden. Hat doch eben erst der Oberpräsident von Westfalen, der Jentrumsabgeordnete Gronowski, die v Ortsgruppe dieser ausgesprochenen Kampforganisation aufgelöst und verboten, offenbar, weil er anders den öffentlichen Frieden in dieser Arbeiterstadt nicht mehr aufrechtzu­erhalten vermag. Der Rektor der Wiener Universität mußte die Hochschule schließen, da seine Autorität nicht mehr ausreichte, den blutigen Raufhündeln unter den Kommilitonen ein Ende zu machen, und hat den Leiter der sozialistischen Studentenorganisationrelegiert", wie der Fachausdruck lautet, das heißt also, von der Universt- tät verwiesen. Um den Völkerprügeleien ein für allemal ein Ende zu machen, hat manchen Völkerbund ge­gründet, der im Schweiße seines Angesichts an der Aufgabe arbeitet, dem ewigen Frieden auf dieser armen Erde die Wege zu bereiten. Sollte es gegenüber diesem Ziel nicht eine kleinere und deshalb leichter zu lösende Aufgabe bedeuten, der sportwidrigen Austragung von Meinungsverschiedenheiten mit Schießeisen innerhalb der Völker ein Ende zu machen?

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Aber im übrigen: auch die Siegerstaaten wissen ein Liedchen von dieser Unbeherrschtheit eines Teiles der neuzeitlichen Jugend zu singen. In Frankreich vergeht bereits, seitdem die Regierung einen lebhaften Feldzug gegen die Jünger Moskaus eingeleitet hat, kaum ein Tag, an dem nicht Kommunisten mit ihren Gegnern in feurigem Faustkampf die Kräfte messen. Und ebenso zeigen ihre Gegenfüßler auf dem rechten Flügel der politischen Kampffront, die Leute von derAction fran- caife", nicht geringe Neigung, es auf Stechen und Schießen gegenüber der Staatsgewalt ankommen zu lassen. Ihr Vorkämpfer, Herr Leon Daudet, hat nun einmal den Ehrgeiz, der Welt zu beweisen, daß er mehr ist als nur der Sohn eines berühmten Vaters. Statt der gerichtlichen Aufforderung zum Antritt einer kürzlich gegen ihn verhängten Gefängnisstrafe Folge zu leisten, zog er den Stab feiner Mitarbeiter und in der Veranstaltung geräuschvoller Protestkund­gebungen besonders erprobter Anhänger in seinem Zeitungsgebäude zusammen, verrammelte dessen Türen und Fenster und erklärte sich gewillt und entschlossen, es auf eine regelrechte Belagerung dieser F e st u n g durch die Polizei ankommen zu lassen. Nach einigem Geplänkel aber streckte er, als der Polizeipräfekt in höchsteigener Person auf dem Kampfplatz erschien, die Waffen; nicht vor den Feuerschlünden der Pariser Schupoleute aber wich er zurück, sondern vor dem Appell an die Vaterlandsliebe eines jeden Franzosen, der der Welt unter keinen Umständen das Schauspiel einer offenen Auflehnung gegen die gott- gesetzte Obrigkeit geben dürfe. So sind die Pariser wieder einmal um eine kleine Sensation, an der sie ge­wiß ihre Helle Freude gehabt hätten, betrogen worden.

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Immerhin, unsere Brüder im immer noch besetzten Rheinland wären heilsroh, wenn sie über keine geringere Enttäuschung zu klagen hätten. Ihnen hat die inter­alliierte Kommission, aus besonderem Entgegenkommen natürlich, dieser Tage genaue Vorschriften über die Absin- gung des deutschen Nationalliedes festgelegt man denke: Franzosen, Belgier und Engländer be­stimmen in deutschen Landen, wann und wo und wie das Deutschlandlied laut werden darf oder zu unter­bleiben hat! Sie unterscheiden zwischen Städten, in

PMmhöhWSMliiie jotädigeiogen.

Neuer Entwurf für die Postgebühren.

Beratung am Sonnabend.

Im Verwaltungsrat der Reichspost erklärte Reichs- postminister Dr. Schätzet nach Beendigung einer länge­ren Debatte über die Anträge der Parteien, daß er aus dem Beschluß des Reichstages die Folgerungen ziehe und die Postgebührenerhöhungvorlagen zurücknehme. Hier­auf beantragte Abgeordneter Aklekotte (Ztr.), nun­mehr die Beschlüsse des Arbeitsausschusses zu der Post- gebührenvorlage, die eine geringere Erhöhung der Postgebühren vorsehen, als Entwurf einzubringen. Der Reichspostminister erklärte sich damit einverstanden. Der Verwaltungsrat wird am Sonnabend zu diesem neuen Entwurf Stellung nehmen.

Dr. Schätzet hatte vorher ausgeführt, er wolle der in dem Beschluß des Reichstages zum Ausdruck gebrach­ten Willensmeinung des Reichstages Rechnung tragen. Andererseits müsse er aber auch die Entschließung des Verwaltungsrates einholen alsder für die Führung der Wirtschaft, des Haushalts und für die Finanzgebarung der Deutschen Reichspost letzten Endes entscheidenden und verantwortlichen Stelle".

Dann wandte sich der Minister in entschiedener Weise gegen die Beschlüsse des Reichstages. Wenn diesen Be- fchlüssen entsprochen werde, so fehlten der Reichspost die Mittel, um die Ausgaben zu bestreiten, die durch die Ge- bührenvorlage Deckung finden sollen. Ungedeckt blieben bis auf weiteres die laufenden Beschaffungen im Betrage von 150 Millionen. Es müßten alle laufenden Bestellun­gen für Bauten, technische Einrichtungen, Betriebsein­richtungen, Kraftwagen und sonstige Betriebsmittel ent­sprechend abbestellt werden. Weitere Bestellungen könnten weder an die beteiligte Industrie noch an das Bauhand­werk oder Gewerbe erteilt werden. Einzustellen seien ferner alle Betriebs- und Verkehrsverbesserungen, einzu­stellen sei endlich der Ausbau der Verkehrseinrichtungen, auch müßten wahrscheinlich schon in nächster Zeit 12 000

denen sich Besatzungstruppen befinden, und solchen, die dieser Auszeichnung im Augenblick entbehren müssen, ver­bieten jede Absingung des Liedes in einer Art und Weise, die von den fremden Truppen als eine Herausforderung empfunden werden müßte oder könnte, und empfehlen, auch sonst in jeder Beziehung und unter allen Umständen ein durchaus gesittetes Betragen an den Tag zu legen, ansonsten sich die Rheinländer den Zorn der Besatzungs­mächte zuziehen würden. Mit dürren Worten gesagt, eine Schurigelei, wie man sie großen, durch­aus mündigen und einigermaßen selbstbewußten Völkern im 20. Jahrhundert wirklich weder auf der nördlichen noch auf der südlichen Halbkugel der Erde noch zumuten sollte. Aber dafür haben die Herren Brrand und Chamberlain in Genf wieder um so brünstiger von Frie­den und Verständigung gesprochen wie lange noch glauben sie, die Welt mit so zwiespältiger Haltung über die Unmöglichkeit der heutigen Zustände an unserer West- grenze hinwegtäuschen zu können? Dr. Sy.

Schluß in Genf.

Die Frage der Ostbefestigungen.

Die 45. Tagung des Völkerbundrates ist am Freitag nachmittag geschlossen worden. In der letzten öffentlichen Sitzung verhandelte der Rat vor allem über Flüchtlings­fragen und Danziger Angelegenheiten. Die Entscheidung über das polnische Munitionslager auf der Westerplatte bei Danzig wurde auf den September vertagt mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß diese Entscheidung keinerlei Präjudiz für den im September zu fällenden Beschluß dar­stellen dürfe. In einer der letzten öffentlichen Sitzung folgenden Geheimsitzung wurde die Priorität der Dan­ziger Staatsanleihe vor der Danziger Hafenanleihe auf­gehoben. Dieser Beschluß hat zur Folge, daß nunmehr sofort mit den Hasenarbeiten in Danzig begonnen werden kann.

In der voraufgegangenen Geheimsitzung des Völker­bundrates richtete der Sekretär des Völkerbundes an den Rat die Anfrage, wie er sich zur Ernennung eines deutschen Mitgliedes in die Mandatskommission stelle, die als möglich im Budget für 1927 vorgesehen sei. Die Anfrage ist der Mandatskommission überwiesen worden, an einer Erledigung im Sinne der deutschen Auf- fassung dürfte nach der einmütigen Stellungnahme der Ratsmitglieder nicht zu zweifeln sein.

Durch die plötzliche Erkrankung des französischen Außenministers Briand, der von einem schmerzhaften Augenleiden befallen worden ist und plötzlich die Konfe­renzstadt verlassen hat, sind die in Fluß gewesenen Mi­nisterbesprechungen nicht zu dem Ende geführt worden, das ursprünglich in Aussicht genommen war. Wie es heißt, sollen die Ministerbesprechungen bei nächster Ge­legenheit wieder ausgenommen werden. Ob dies schon vor Zusammentritt der nächsten Ratstagung möglich sein wird, steht allerdings noch dahin.

I Großem Interesse in politischen Kreisen Deutschlands begegnet die Frage, wie nun die Angelegenheit der Be­sichtigung der Ostfestungen in Genf geregelt worden ist.

Arbeiter entlassen werden. Für die Erhöhung der Beamtenbesoldung sei kein Geld vorhanden.

Es lagen demgegenüber von mehreren Abgeordneten, die dem Verwaltungsrate angehörcn, Anträge gegen die Portoerhöhung vor. Der Demokrat R a s ch i g beantragte, die Beratung der Vorlage auf den November zu ver­schieben. Die Sozialdemokraten wollten sie an den Reichs- Postminister zurückverweisen. Der Kommunist T o r g l e r wollte von einer Beratung und Beschlußfassung vollständig Abstand nehmen und die bisherigen Portosätze beibehalten.

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Höhere Nundfunksätze.

Inzwischen ist den Mitgliedern des Verwaltungsrates eine neue Vorlage des Rcichspostministeriums zugegangen, die die Erhöhung der Rundfunkgebühren von monatlich zwei Mark auf drei Mark vorschlägt. Es wird davon eine Mehreinnahme von 15 bis 21 Millionen Mark er­wartet.

Es soll also auf diesem Wege den Ausfall, der durch die Abschwächung der Portoerhöhung entsteht, wieder hereingebracht werden. Ob das Postministerium mit dieser Vorlage größere Sympathie finden wird als mit dem Plan der hohen Portogebühren, muß abgewartet werden.

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Erneuter Widerspruch der Wirtschaft.

Der Zentralverband des Bank- lind Bankiergewerbes, Deutscher Industrie- und Handelstag, HauptgeMeinschaft des Deutschen Einzelhandels, Reichsverband der Deutschen In- dustr e, Reichsverband der Privatversicherung, Reichsverband des Deutschen Groß- und Überseehandels, Reichsverband des Deutschen Handwerks und Verein Deutscher Spediteure hatten sich in letzter Stunde nochmals telegraphisch an den Reichs- postminister gewendet und dringend gebeten, von einer neuen Belastung der Bolkswirtichast durch die geplanten Gebitzren- erhöhungen nach MöglDtett abzusehen. Auch die vom Ar­beitsausschuß des Verwaltungsrats beschlossenen Milderun­gen der Vorlage machen die Gesamtheit der geplanten Maß­nahmen keinesw-oz erträglich.

Während in amtlichen Kreisen immer noch Stillschweigen über die in Genf getroffenen Vereinbarungen beobachtet wird, wird aus sonst gut unterrichteter Quelle gemeldet, daß an die in Frage kommenden Mächte in Genf die Zusage gegeben worden ist, einen Besuch alliierter Mili­tärsachverständiger in Begleitung des Generals Pawels, an der Ostgrenze zuzulassen. Als Bedingung soll deutscherseits ausgemacht worden sein, daß die Gegenseite die Zulassung dieser Besichtigung als einen freiwilligen Akt Deutschlands ansehe und daß diese Besichtigung kein Präjudiz bedeute. Die deutschen zuständigen Stellen werden sich ja bald selbst über die Abmachungen zu äußern haben, die über die Ostfestungsfrage in Genf ge­troffen worden sind.

Die Szeanfiieger wieder in Berlin.

Die Gattinnen der Ozeanflieger hatten auf dem LloyddampferBerlin" eine sehr angenehme Reise. Ihnen zu Ehren wurde ein Bordfest gegeben zum Besten der Wohlfahrtseinrichtungen des Norddeutschen Lloyd. Mit dem gleichen Dampfer traf eine 200 Personen umfassende amerikanische Reisegesellschaft ein, die eine Rundreise durch Deutschland zu machen beabsichtigt. Nach einem herzlichen Empfang durch ihre Gatten fuhren Herr und Frau Chamberlin und Herr und Frau Levine mit einem Flugzeug der Deutschen Lufthansa von Bremerhaven nach Bremen, dann nach Hamburg, darauf nach Magde­burg, um die Theaterausstellung zu besichtigen, und am selben Tage noch nach Berlin, wo ihnen wieder ein herzlicher Empfang bereitet wurde.

Deutschenverhastungen in Nußland?

Keine neue Note an Polen.

Nach einer aus Moskau in Berlin eingelaufenen Meldung sollen vier oder fünf Deutsche in Moskau ver- haftet worden sein. Unter den Verhafteten sollen sich ein Dr. I ö r n s und ein E r n st T h i e d e befinden, die übrigen Namen sind nicht bekannt. Die Inhaftierten werden der Spionage beschuldigt und sind ins Gefängnis der G. P. U., der Nachfolgerin der Tscheka auf politischem Gebiet, übergesührt worden.

Wie man in Berlin hört, hat das deutsche Aus- wärtige Amt sofort eine Anfrage wegen dieser Angelegen­heit an die d e u t s ch e B o t s ch a f t in Moskau gerichtet. Vor einiger Zeit ist bekanntlich der deutsche Kommunist Dobbert mit der Beschuldigung des Verrats ver­haftet und alsbald hingerichtet worden, seine Frau und sein Kind wurden nach Sibirien verschickt. Die Vor- stellungen des deutschen Auswärtigen Amtes wurden da­hin beantwortet, daß Dobbert inzwifchen die russische Staatsangehörigkeit erworben habe und deshalb keine Verantwortung vor Deutschland gegeben sei. Auch ein Hamburger Kapitän namens Berner wurde vor kurzem unter ähnlichen Anschuldigungen in Petersburg verhaftet und wird festgehalten.