HersfelSerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher /lnzeiger für den Kreis Hersfelö mit den Beilagen: Selmatschollen / Illustriertes Anlerhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterballuna und Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
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Nr. 136
Dienstag, den 14. Juni 1927
77. Jahrgang
Verschleiertes Llltimatum Rußlands.
Die russisch-polnischen Beziehungen sind ja immer sehr kühle gewesen, weil man in Rußland zwar nicht äußerlich, wohl aber innerlich immer noch nicht auf jene Gebiete des östlichen Polens verzichtet hat, die dem neugeschaffenen Staate die ahnungslose Versailller Konferenz zusprach, obwohl sie von Russen und den ihnen nahe verwandten, jedenfalls polenfeindlichen Ruthenen bewohnt wurden. Der Versuch, 1920 mit Gewalt in den Besitz dieser Gebiete zu gelangen, scheiterte im allerletzten Augenblick durch das Eingreifen Frankreichs, das seine besten Offiziere der polnischen Armee zu Hilfe sandte. Das Verhältnis blieb seitdem ein kühles, obwohl vor allem Tschitscherin, der russische Volkskommissar des Auswärtigen, eine Verbesserung der Beziehungen herbeizuführen versuchte, allerdings gerade infolge des polnischen Widerstandes ohne jeden Erfolg.
Jetzt ist der Topf natürlich völlig zerschlagen infolge der Ermordung des russischen Gesandten in Warschau. Angesichts des Konflikts zwischen England und Rußland braucht die Sowjetregierung, die diesen Konflikt durchaus nicht leicht nimmt, eine Art äußeren Erfolges aus innenpolitischen Gründen, da schon wieder ein führendes Mitglied der russischen kommunistischen Partei unweit Moskau einem Attentat zum Opfer fiel, es also doch wohl unter der Decke gärt. Da helfen offenbar die Terrormethoden ver „Tscheka" doch nicht mehr so ganz allein und aus diesen Erwägungen ist die Schroffheit der Note zu erklären, die in Moskau soeben dem polnischen Gesandten ■ übermittelt worden ist und die zwar an sich noch kein Ultimatum dar- stellt, Wohl aber davon wirklich nicht mehr weit entfernt ist.
Natürlich wird die ganze Fülle des bolschewistischen Pathos gegen die „dunklen Pläne der Weltreaktion" aufgewendet, denen allein die Ermordung Wojkows zugeschrieben werden müsse; nicht eine Einzeltat sei sie. Vor allem und letzten Endes sei England daran schuld durch seinen Bruch mit Rußland, wodurch nicht bloß die anti- bolschewistischen Strömungen gestärkt werden, sondern Verwicklungen zu schaffen, „um die Völker in ein blutiges Gemetzel zu stürzen in der trügerischen Hoffnung, das frühere Regime wiederherzustellen". Nun wird als F o r - derung ausgesprochen: schärfste Untersuchung der Mordtat unb Aufdeckung aller Fäden, die zu ihr führen, selbstverständlich auch strengste Bestrafung des und der Schuldigen. Dann weiter: „unverzügliche und energische Maßnahmen zur Liquidierung der auf polnischem Gebiet entfalteten Tätigkeit der terroristischen Banditenorganisationen und Personen, die gegen die Sowjetbeamten gerichtet ist, zu ergreifen". Das sind Forderungen, die — allerdings wohl nur im allgemeinen — auch zugestanden werden, besonders, da die Sowjetregierung behauptet, Material zu besitzen darüber, daß die antibolsche- wistischen Organisationen in Polen nicht bloß geduldet, sondern vielfach amtlich unterstützt wurden. Und schließlich: Zulassung eines Sowjetvertreters zur Teilnahme am Untersuchungsverfahren, also nicht etwa bloß bei der Gerichtsverhandlung. Die Note behauptet, daß Polen gerade in diesem kitzligsten Punkt schon einige Zugeständnisse gemacht habe.
Die Note verlangt von der polnischen Regierung „entsprechende, ohne Zögern erfolgende Mitteilungen", aber nicht bloß über Versprechungen, sondern über tatsächlich zu treffende wirkliche Maßnahmen, und „im Hinblick darauf ist die Sowjetregierung gezwungen, auf der Erfüllung der obengenannten elementaren Forderungen zu bestehen".
Hieraus spricht am deutlichsten der ultimative Charakter der Note; und man denkt an jene Forderungen, die einst, fast genau vor 13 Jahren, Österreich an Serbien wegen der Serajewoer Mordtat gerichtet hat und die abgelehnt wurden, weil — Rußland hinter Serbien stand. Pechschwarz ist der politische Horizont überzogen; nie war seit sieben Jahren die Lage derart gespannt. Und wenn Polen nicht nachgibt. . . .?
Dr. Krausneck f.
Tragischer Tod des bayerischen Finanzministers.
Der bayerische Finanzminister Dr. Krausneck ist beim Einsteigen in die Straßenbahn beim Starnberger Bahnhof in München tödlich verunglückt. Er wurde mit schweren Verletzungen in die Chirurgische Klinik eingeliefert, wo er fünf Minuten nach der Einlieferung infolge eines Bruches der Halswirbelsäule verstarb.
Zu dem tödlichen Unfall des bayerischen Finanzministers Dr. Krausneck werden folgende Einzelheiten bekannt: Dr. Krausneck wollte seine Gemahlin besuchen, die erkrankt ist und in der Chirurgischen Klinik liegt. Als der Minister am Starnberger Bahnhof die Straßenbahn besteigen wollte, kam er zu Fall und erlitt einen Bruch der Wirbelsäule, Verletzungen des Rückenmarks und weitere schwere Verletzungen an den Beinen. In einem Kraftwagen wurde der Minister, der zunächst, da er keine Ausweispapiere mit sich führte, nicht erkannt wurde, in die Chirurgische Klinik gebracht, wo kurz nach der Einlieferung der Tod eintrat. In der Zwischenzeit waren die Söhne des verunglückten Ministers wegen des Ausbleibens ihres Vaters besorgt geworden und wandten sich direkt an den Ministerpräsidenten Dr. Held, desfen Wohnung sich in der Nähe der Wohnung des Finanz- ministers befindet, um Erkundigungen einzuzieben
«vupnung ncy in ver ocaye oer Wvqnung oes Hmanz- i Ministers befindet, um Erkundigungen einzuziehen. Ministerpräsident Dx, Held tröstete zunächst die An- |
Die 45. Dölkerbunbratstagung
Drei Danziger Fragen.
Beginn der Ratstagung in Genf.
Der Völkervundrat ist am Montag unter dem Vorsitz des englischen Staatssekretärs des Äußern, Sir Austen Chamberlain, zu seiner 45. ordentlichen Tagung zusammengetreten. Nach einer kurzen Geheimsitzung, in der die Tagesordnung unter Einschluß der Memelbeschwerde ge- nehmigt und einige administrative Fragen geregelt wurden, der litauische Bertagungsantrag selbst aber nicht zur Sprache kam, trat der Rat in öffentlicher Sitzung zunächst in die Beratung von dreiDanziger Fragen ein. Es handelt sich dabei um das Gesuch des Danziger Senats wegen Befreiung des Lustfahrzeugbaues in Danzig von den bisher geltenden Beschränkungen, ferner um die Ernennung eines Vorsitzenden für das in einem kürzlich zwischen Danzig und Polen abgeschlossenen Vertrag vorgesehene Tabakmonopolschiedsgericht und um die Bestellung des Völkerbundkommissars in Danzig zum Vertreter des Rats für die jeweilige Genehmigung 311m Durchtransport nichtpolnischen Kriegsgeräts durch das Gebiet der Freien Stadt Danzig.
In der Geheimsitzung des Völkerbundrates wurde, wie noch bekannt wird, auf Vorschlag von Reichsaußenminister Dr. Stresemann beschlossen, die Frage der Bedingungen, unter denen die Listen über die deutsche Zivilaviatik auf Grund des Pariser Abkommens vom 22. Mai 1926 zur Verfügung des Völkerbundes gehalten werden sollen, nicht zur Sprache zu stellen. Ferner wurde auf Vorschlag des Ratspräsidenten beschlossen, mit der Entscheidung über den l tauischen Vertagungsantrag zur Memelbeschwerde bis Dienstag zu warten.
In bezug aus die vom Völkerbundrat behandelten
stimmt Ijieuttilj'jptrwircTn^ in dem Streit zwischen Danzig und Polen über das Tabakmonopol eingesetzt wird. Man gibt dem Hohen Kommissar in Danzig das Recht, selbständig über die Erlaubnis zu entscheiden, daß Munitionstransporte, allerdings nicht nur von polnischer Seite, durch Danzig geführt werden. Die Frage hat insofern eine Bedeutung, als Rußland angeblich Kriegsmaterial für China durch Danzig befördert haben soll. Die Frage der Herstellung von Luftfahrzeugen und Kriegsluftfahrzeugen in Danzig wird in der Weise auf sechs Monate vertagt, daß man die Frage der hierfür schon gewählten Kommission znweist.
Die Frage der Aufhebung der einschränkenden Bestimmungen für den Danziger Flugzeugbau löste eine Debatte aus, da Senatspräsident Sahm, unterstützt vom Völkerbundkommissar van Hamel, um Beschleunigung der Entscheidung bat, an der Danzig ein erhebliches wirtschaftliches Interesse habe. Aus formalen Gründen wurde
gehörigen und zog hierauf direkt bei der Polizeidirektion Erkundigungen ein, wo ihm mitgeteilt wurde, daß in der Chirurgischen Klinik ein unbekannter Toter liege, der an einem Finger den Ehrenring des Deutschen Museums trage. Dem Ministerpräsidenten war bekannt, daß Dr. Krausneck seinerzeit bet der Eröffnung des Deutschen Museums durch die Zueignung des Ringes seitens der Museumsleitung geehrt worden war, und begab sich hierauf persönlich in die Chirurgische Klinik, um zu seinem jähen Schrecken in dem Toten seinen verunglückten Ministerkollegen zu erkennen.
Bei den Hinterbliebenen des Ministers sowie bei Ministerpräsident Dr. Heldt sind zum -Ableben Dr. Kraus- necks zahlreiche Beileidskundgebungen eingegangen. U. a. haben Reichspräsident v. Hindenburg, Reichskanzler Marx und andere führende Persönlichkeiten Kondolenztelegramme gesandt. Die Beisetzung Dr. Krausnecks soll auf Staatskosten erfolgen.
Finanzminister Dr. Wilhelm Krausneck wurde am 5. Oktober 1875 zu Bayreuth geboren und hat nach Abschluß seiner Universitätsstudien der bayerischen Finanzverwaltung angehört. Seit 1919 war er im bayerischen Finanzministerium tätig. 1920 wurde er Staatssekretär in diesem Ministerium und noch im gleichen Jahre, am 16 Juni 1920, zum Staatsminister der Finanzen ernannt. Diese Stellung hat er in den seither aufeinanderfolgenden bayerischen Ministerien ununterbrochen bekleidet.
Die deutsch-englischen
- Mustnellenberatungen.
Enges Zusammenarbeiten mit der Landwirtschaft.
Bei den deutsch-englischen Wirtschaftsbesprechungen in Leverkusen gaben die englischen Mitglieder ihrer dank- baren Anerkennung für die große Aufmerksamkeit, die ihnen bei ihrem Aufenthalt in Deutschland entgegengebracht wurde, Ausdruck.
Auch bei dieser Besprechung war die gleiche Atmo- späre des Vertrauens und des gegenseitigen guten Willens zu bemerken, wie bei der Konferenz von Broadlands. Man kam in allen erörterten Fragen zu übereinstimmenden Ansichten. Der Bericht Lammers' über die Verhandlungen in Genf gab die Grundlage für eine einaebende Vrüfuna
trotzdem die Vertagung bis zur nächsten Ratssesston be- schlössen.
Auf Bericht des polnischen Außenministers Zaleskt wurde die Einberufung einer internationalen Inristen- konferenz zur Kodifizierung verschiedener Rechtsmaterien m Aussicht genommen, wozu van Vlokland, der neue holländische Außenminister, zum Zweck der Vereinheitlichung dieser Völkerbundarbeit mit der Internationalen Privatrechtskonferenz im Haag eine Einladung nach Holland aussprach. Über die Einberufung einer solchen Konferenz soll die nächste Völkerbundversammlung entscheiden. Nach Entgegennahme von Berichten des Hygieneausschusses, des Opium- ausschusses und des Generalsekretärs begründete der englische Außenminister und neue Natspräsident, Chamber- lain, seinen Antrag auf Herabsetzung der Zahl der ordentlichen Ratstagungen von vier auf drei im Jahre, schlug aber entgegen den Erwartungen der Öffentlichkeit vor, diese Frage erst in der nächsten Rats- tagung in Verbindung mit der Völkerbundversammlung zu entscheiden. Die nächste öffentliche Sitzung wurde auf Dienstag angesetzt.
Ministerbegegnungen.
Das für Sonntag in Aussicht genommene Zusammentreffen von Dr. Stresemann, Briand und Chamberlain hat nicht stattgefunden. Dagegen hatten die drei Außenminister am Montag nachmittag eine Zusammenkunft, nachdem Dr. Stresemann mit Briand vorher unter vier Augen verhandelt hatte. Der litauische Ministerpräsident Woldemaras unterhandelte mit Ministerialdirektor Gaus.
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Jugoslawische Hofe an den Völkerbund.
Die von der südslawischen Regierung dem General - südftawlsch^albnnischen Zwischenfall wurde in Genf be- kanntgegeben. In der Note gibt die jugoslawische Regie- rung eine eingehende Darstellung des Verlaufs der Ereignisse, die zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Jugoslawien und Albanien geführt haben. Weiter heißt es, daß die jugoslawische Regierung der Ansicht sei, daß der Artikel 12 des Völkerbundpaktes auf den vorliegenden Konfliktsfall keine Anwendung finde. Aus diesem Grunde stelle die jugoslawische Regierung nicht den Antrag, daß der Konfliktsfall durch den Völkerbund geprüft werde. Sollte jedoch der Völkerbundrat der Ansicht fein, daß der Vorfall in Verbindung und unter Hinweis auf andere Umstände von schwerwiegender Bedeutung sein könnte, so würde die jugoslawische Regierung sich dem Völkerbundrat für eine eingehende Prüfung und Unter- suchung dieses Problems in seiner Gesamtheit mit Ein- schluß des Zwischenfalles zur Verfügung stellen.
der wirtschaftlichen Lage Europas. Man kam überein, in beiden Ländern den Jndustrieorganisationen ein enges Zusammenarbeiten mit der Landwirtschaft zu empfehlen. In der Frage über die Ausdehnung des internationalen Schiedsgerichtsverfahrens in geschäftlichen Streitfällen sympathisieren alle Teilnehmer mit dem Borschlag, der in dieser Frage auf dem Stockholmer Kongreß der Internationalen Handelskammer gemacht wurde. Zur Verbesserung der wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen wird ein Austausch von Hochschullehrern und Studenten zwischen allen Ländern für erwünscht gehalten.
Die Teilnehmer der Konferenz werden zum Ausbau dieses Gedankens die erforderlichen Schritte unternehmen. Das Washingtoner Abkommen wurde eingehend erörtert. In allen Sitzungen dieser Konferenz wurde die Wichtigkeit der Berücksichtigung der Konsumenten immer im Auge behalten.
Abweisung der Note in Polen.
Die zweite russische Note hat in Warschau ziemliche Empörung ausgelöst. Die Presse fordert fast einhellig die Zurückweisung der offiziösen Forderungen. In der „Epoka" und im Blatte der Pilsudski-Anhänger, „Glos Prawdy", erfährt die Note eine entschiedene und energische Abweisung. „Glos Prawdy" schreibt: Im Bestreben nach Aufrechterhaltung gutnachbarlicher Beziehungen hat die polnische Regierung alles getan, was in ihrer Macht steht und was den internationalen Gebräuchen entspricht, damit dieser traurige Vorfall, der sich zufällig auf polnischem Staatsgebiet abgespielt hat. die Beziehungen nicht stört — doch keinen Schritt weiter! In der „Epoka" heißt es: In diesem Schriftstück aus Moskau sehen wir die typische Geschicklichkeit russischer Noten, wo Nachgiebigkeit und Höflichkeit an Vermessenheit und Unverschämtheit grenzen. Die polnische öffentliche Meinung wird auf diese Note antworten müssen teilweise durch entschiedenes Verwerfen, teilweise durch vollkommene Nichtbeachtung des Inhalts. „Warszawianka" schreibt: Die russische Forderung, daß ein Mitglied der Sowjet- gesandtschaft an der Untersuchung teilnehmen soll, läßt sich mit staatlichen und rechtlichen Begriffen nicht vereinen.
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