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tzersMer Tageblatt

^DG«WW kersfelöer Kreisblatt lZ^ssWM« «^«ttkLW^^ Amtlicher Mzeiger für öen Kreis Hersfelö ! ».ASWFNW

mit öen Beilagen: SelmaLschollen / Illustriertes Anterhallungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anlerbaltuna und Wissen _________________Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 135

Montag, den 13. Juni 1927

77. Jahrgang

Die Diskonterhöhung.

Zu der für die deutsche Wirtschaft wichtigen Erhöhung des Diskontsatzes von 5 auf 6 Prozent wird uns von einem finanzpolitischen Mit­arbeiter geschrieben;

Der Entschluß des Reichsbankpräsidenten, dem Zentralausschuß die Heraufsetzung des Diskontsatzes um ein Prozent zu empfehlen, ist für die Öffentlichkeit wohl ziemlich überraschend gekommen; war doch amtlich in den ersten Tagen des Juni verbreitet worden, in maß­gebenden Kreisen sehe man die starke Anspannung der Reichsbank zum Monatsschluß noch nicht als entscheidend für die Notwendigkeit einer Heraufsetzung des Diskonts an. Es wurde damals auffallend fcharf betont, daß die Reichsbank nicht geneigt scheine, die Ansätze für einen Konjunkturaufschwung, die sich in der letzten Zeit gezeigt hätten, durch eine Verteuerung des Kredites zu beeinträchtigen. Die Banken haben allerdings richtiger gerechnet; sie hielten die Heraufsetzung des Reichsbankdiskonts trotz aller Dementis doch für un­mittelbar bevorstehend und haben daher in den letzten Tagen des vergangenen Monats einen großen Teil ihres Wechselportefeuilles an die Reichsbank abgestoßen, so daß sie ihr Geld jetzt ohne Verlust wiedererhalten können. Nun wird wohl auch die Bank von England dem deutschen Vorgehen folgen; auch dort sind bereits Ver­käufe von Goldguthaben vor sich gegangen und der Lon­doner Geldmarkt ist außerordentlich steif geworden.

Dr. Schacht begründet die Heraufsetzung des Reichs­bankdiskonts mit längeren Ausführungen, in denen er sich auch wieder gegen die übertriebene Börsenspekulation mit Hilfe kurzfristigen auslän­dischen Geldes wendet. Diese Auslandsverschuldungen aus Kredit hätten die volkswirtschaftliche Liquidität sehr vermindert und außerdem die Diskontpolitik der Reichsbank ständig durchkreuzt, so sehr, daß die Reichsbank in ihren diskontpolitischen Entschließungen außerordentlich unfrei fei. Krieg und Inflation haben Deutschland von flüssigem Gelde entblößt und die deutsche Wirtschaft sei daher auf die Zufuhr niMändischen Kavi. tals angewiesen. Wenrll TetzQMr-Diökont erhöht werde, so werde dadurch zwar diese Zufuhr gesteigert, aber möglicherweise über das Volkswirtschaftlich notwendige oder nützliche Maß hinaus. Das täusche dann eine wirt­schaftliche Blüte vor, die zu stärkerem Verbrauch von Aus­landswaren anrege. Außerdem werden auch die Barüber­weisungen des Reparationsagenten auf Grund der Dawes-Lasten viel zu sehr erleichtert, weil eben diese Bar- überKeisungen nichts anderes sind als Rückgabe der in übermäßiger Weise hereingeströmten ausländischen De­visen, während der Warenexport eine entsprechende För­derung nicht erfahre.

Unsere Handelsbilanz ist passiv und diese Passivität hat im Mai wieder ein starkes Anwachsen ge­zeigt; der Devisenbestand bei der Reichsbank ist bis auf einen geringen Rest zusammengeschrumpft. Infolge der Passivität der Handelsbilanz ist auf einen Ersatz der hin­gegebenen Devisen nicht zu rechnen; daher ist es not­wendig, durch die Erhöhung des Diskontsatzes wieder eine langfristige Anlage ausländischen Geldes zu begünstigen, aber nur solchen Geldes, das zweckmäßige Verwendung innerhalb der deutschen Pro­duktion finden kann. Man hat ja auch wegen des Devisen- schwundes der Reichsbank und der von ihr getätigten Goldverkäufe schon gewisse Bedenken hinsichtlich der Stabilität unserer Währung geäußert; Dr. Schacht be­nutzte die Gelegenheit, um sehr scharf dagegen Front zu machen.Die Währungsfrage ist in Deutsch­land kein Problem mehr" und wenn sich die Gold- und Devisendeckung der Reichsbank vermindere, so ziehe dies lediglich eine Einschränkung des Notenumlaufes nach sich. Allerdings wird die Wirtschaft dem entgegen­halten, daß sie bei ansteigender Konjunktur gerade eine Verstärkung des Notenumlaufes brauche!

Einen gewissen Ausgleich für die Erhöhung des Diskontes der Reichsbank hat allerdings der Beschluß der Berliner Bankenvereinigung dadurch herbeigeführt, daß auch die H a b e n z i n s e n um ein Prozent h e r auf­gesetzt werden sollen, und zwar zunächst für die täglich fälligen Gelder, dann aber auch nach Fühlungnahme mit den auswärtigen Banken für die langfristigeren Ein­lagen. Die ansteigende Konjunktur wird aber durch die Heraufsetzung des Diskontsatzes doch kaum gehemmt werden, weil die ungesunde Entwicklung, die die Börsen­spekulation durch die Hereinnahme kurzfristiger auslän­discher Kredite genommen hatte, und die dadurch erfolgte Inanspruchnahme des Geldmarktes erfolgreich in den Hintergrund gedrängt worden sind.

Amerika gegen siebereinwanderung.

Die deutsche Einwanderungsquote erschöpft.

Das amerikanische Generalkonsulat in Berlin teilt mit, daß die Vormerklisten zur Erteilung von Einwande­rungsvisen nach den Vereinigten Staaten bei allen ame­rikanischen Konsulaten in Deutschland wieder geschlossen werden, da genügend Vormerkungen vorliegen, um die deutsche Quote für das Rechnungsjahr 1927/28 vollkom­men auszufüllen. Die deutschen Auswanderer müssssen sich also in diesem Jahr ein anderes Ziel suchen, als die Vereinigten Staaten. In den letzten Jahren traten viele Auswanderer den Weg nach Südamerika an. Australien versperrt den Deutschen leider immer noch seine Tore.

Die Allgewalt der Töne

Eröffnung der Mffkaussteünng in Frankfurt a. X

Gegen Jazz- und Negerrhythmen.

Die Internationale AusstellungMusik im Leben der Völker", deren Beschickung durch die Regierungen des Auslandes alle Erwartungen übertroffen hat, wurde in Frankfurt a. M. durch einen 'Festakt in der Frankfurter Oper in Anwesenheit zahlreicher in- und ausländischer Gäste feierlich eröffnet. Staatssekretär Dr. von Schubert, ' der preußische Kultusminister Dr. Becker, der österreichische Gesandte in Berlin, Dr. Frank, der französische Unter­richtsminister Herriot, die belgischen Minister Vandervelde und Huysmans und die diplomatischen Vertreter einer Reihe weiterer europäischer Länder waren zu der Feier er­schienen, die vom Opernorchester unter der Leitung von Professor Krauße mit dem Vorspiel aus denMeister­singern" eingeleitet wurde.

In seiner Begrüßungsansprache betonte Oberbürger­meister Dr. Landmann, daß durch die ganze Menschheit der Schrei nach der Seele, nach der Innerlichkeit gehe, und diesem Schrei solle die Ausstellung Ausdruck geben.

Nach ihm nahm Reichsaußenminister Dr. S t r e s e - m a n n das Wort, der namens der Reichsregierung der Ausstellung guten Erfolg wünschte, Er feierte den Genius Beethovens und die Allgewalt der Töne, die ein Band um alle Völker winde. Er wolle seine und der Reichsregierung Freude darüber zum Ausdruck bringen, daß so hervorragende Staatsmänner und Diplomaten in Frankfurt vereinigt seien. Auch er feierte die Verinner- lichung durch die Musik und wandte sich dann, wiederholt von lebhaftem Beifall unterbrochen, argen die jetzt in der v< ouze,r Server erngetretene V e r st; u w u u g v e 1 M n - s i k, gegen die Jazz- und Negerrhythmen. Wir müssen,

Beginn der Vötkerbnnöraisiagung.

Die Ministerbegegnungen in Genf.

Die 45. Tagung des Völkerbundrates begann in Genf am Montag vormittag mit einer Geheimsitzung, in der die endgültige Tagesordnung der Sitzung sowie gewisse Budget- und Personalfragen erledigt wurden. Dieser Beratung folgt dann eine öffentlich Sitzung, in der vor allem Danziger Fragen (Fliegerei, Schiedsrichter­ernennung in der Frage des Tabakmonopols, Munitions­transporte) zur Diskussion stehen.

Für Sonntag nachmittag war eine Besprechung zwischen Dr. Stresemann, Chamberlain und Briand vor­gesehen. Wie es heißt, sollte bei dieser Ministerbegegnung über die Herabsetzung der Zahl der Rhein­landtruppen gesprochen werden, auf die Deutschland auf Grund der Note der Botschafterkonferenz vom 16. No­vember 1915 vollgültigen Anspruch hat.

Lindberghs Empfang in Washington.

100 000 Gäste zum Empfang.

Die Ankunft des Atlantikfliegers Charles Lindbergh in der amerikanischen Hauptstadt gestaltete sich zu einem Triumphzuge, wie ihn selbst diese Stadt noch nicht gesehen hat. Aus allen Teilen der amerikanischen Repu­blik trafen die Gäste ein, deren Zahl auf 100 000 geschätzt wird. Der Äther zeigte ein Heer von Flugzeugen und das schöne LuftschiffLos A n g e l e s", das Dr. Eckener einst von Friedrichshafen nach Newyork steuerte. Die Mutter des Fliegers fuhr in einem Eisenbahnzuge nach Washington, stieg aber eine Station vorher aus und setzte sich in eine Straßenbahn, um den Ova­tionen nach Möglichkeit zu entgehen. Sie wurde aber von Polizeikommissaren erkannt und im Privatauto des Präsi­denten Coolidge ins Weiße Haus gebracht, wo sie als Gast des Präsidenten Aufnahme gefunden hat.

Präsident Coolidge feierte Lindbergh in einer Ansprache und gedachte besonders seiner Bescheidenheit, denn Lindbergh hat bisher alle Millionenange- bote, die ihm gemacht worden sind, a b g e l e h n t. Dank gebühre auch dem französischen Volke, das Lind- bergh trotz der Trauer um Nungesser und Colt gefeiert habe. Er erhielt das Ehrenslie g erkr eu z, das ihm der Präsident unter dem Jubel der Menge an die Brust heftete. Darauf sprach der Atlantikflieger selbst und überbrachte die B o ts ch aft der Fr e u n dschaft un d des guten Willens der europailchen Ra­tio n e n, die ihn empfangen haben.

Seine nur drei Minuten lange Ansprache wurde be­jubelt. Lindbergh wird nun nach Newyork fahren, das ihn in freudiger Aufregung erwartet.

X-

Pinedo in Lissabon gelandet.

Der italienische Flieger de Pinedo ist in Lissabon ein- getroffen. Der Flug von den Azoren nach Portugal ver­lies ohne Zwischenfall. Pinedo ist bekanntlich nach Lmd- bergh, aber vor Chamberlin abgeflogen.. Er kam bei der Überquerung des Ozeans mit einemnassen Bade davon.

so schloß Dr. Stresemann, diesesTrommelfeuer" auf unsere Nerven abwehren nnd wieder die feier­liche Stunde der Seele suchen, uns der das Größte kommt, was geschaffen worden ist. (Lauter Beifall.)

Nachdem Kultusminister Dr. Becker den Gruß der preußischen Staatsregierung überbracht hatte, hielt der französische Unterrichtsminister Herriot eine Rede, in der er ausführte, daß Frankreich gern hierher gekom­men sei und sich dem friedlichen Wettbewerb angeschlossen habe, nicht als Genießer einer Reihe von Festen, die zu oft den Spitzen der Völker angeboten werden. Sie be­fänden sich hier als Menschen, die festen und entschlossenen Willens seien, die Mittel wiederzufinden, um die große Masse der Völker für die musikalische Kultur zu gewinnen und dadurch die Musik als wesentlichen Bestandteil in die Ethik der neuen Zeit eindringen zu lassen. Es scheine ihm, daß diese Kundgebung unter dem Genius des großen Mitbürgers der Stadt Frankfurt, Johann Wolfgang Goethe, stattfinde. Das Hindernis der Sprache, das o viel tue, um die Menschen zri trennen, verschwinde in >er Musik. Der Musiker spreche eine Sprache, die e d e m zugänglich sei, eine Sprache, über die hin­aus nichts mehr vorhanden sei, als das stumme Spiel der Zahlen und das schweigende Schwingen der Sphären. Zum Schlüsse wünschte Herriot, daß das Fest in Frank­furt dem Wirken des Friedens dienen möge, an dem heute alle großen Geister der Welt arbeiten. Nie­mals "könnte es in der Politik gelingen, wenn nicht eine geistige Vorarbeit vorausginge. Möge uns die Musik da­zu verhelfen, diese höhere Form der menschlichen Kultur zu verwirklichen, die Friede heißt. Möge sie während und nach diesem Feste neue friedliche Erorberungen er­zielen, möge sie über den Geist der Führer hinaus in die Herzen der Völker eindringen, möge er endlich gehört

schlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!"

Russische Kriegsprophezeiungen.

In einem oder zwei Jahren."

Der Volkskommissar für das Kriegswesen in Sowjet­rußland, Woroschilow, führte in einer Rede über die politische Lage auf einer Moskauer Arbeiterversammlung aus, Rußland sei in eine Periode eingetreten, wo sich die Feindseligkeit gegen den Sowjetstaat verstärke. Nicht nur in England, sondern auch in Staaten, mit denen Rußland Handel treibe, betrachte die Bourgeoisie die Sowjetunion nur als eine Episode, die früher oder später liquidiert werden müsse. Die Hauptaktion gegen den Sowjetstaat werde natürlich von England geführt, wie die Spionage­tätigkeit und die Zwischenfälle in der letzten Zeit dentlich bewiesen hätten. Wenn ein Krieg auch in nächster Zeit nicht wahrscheinlich sei, müsse man ihn doch in einem oder zwei Jahren erwarten. Da mit Banvitenüberfällen,

Attentaten und Bomben nichts zu erreichen sei, werde England versuchen, eineEinheitsfront" gegen Rußland zu schaffen, wenn nicht militärischer, so doch wirtschaftlicher Art, in der alle kapitalistischen Staaten vereinigt seien. In jedem Falle müsse man vorbereitet sein, daß England einen kriegerischen Überfall plane, der in zwei oder einem Jahre, aber .....

in einigen Monaten schloß Woroschilow,

kommen könnte. Die Rote Armee, fu/m,} ^w^viupiuiu, sei bereit, erfolgreich jeden Feind abzuwehren. Nötig sei

aber noch eine energische Vorbereitung des Hinterlandes, damit im Falle eines Krieges der wirtschaftliche Aufbau keine Erschütterungen erleide.

Nach Meldungen aus Blagowjeschtschensk sind dort fünf Mitglieder gegenrevolutionärer Organisationen, hin gerichtet worden. Die Verurteilten wurden be­schuldigt, im Auftrage des Großfürsten Nikolajewitsch monarchistische Agitation unter den Kosaken getrieben und gegen die Sowjetregierung gehetzt zu haben. Auch in Tscheljabinsk wurde ein ehemaliger weißgardischer Offizier erschossen, Desgleichen werden aus Wladiwostok und aus Tiflis Hinrichtungen gemeldet. In Charkow ist eine außerordentliche Kontrollkommission eingetroffen, die den Kampf gegen die oppositionellen und separatistischen Ele- mente in der Ukraine leiten soll.

Ozeanflug und Abrüstung.

Eine Anregung Schurmans.

Bei dem Bankett des Amerikanischen Klubs in Berlin zu Ehren der Flieger Chamberlin und Levine würdigte der amerikanische Botschafter Schurman die Bedeutung des Fluges und kam dann auf die A b r ü st u n g s f r a g e zu sprechen.Gleichwie fester Staube und Entschlußkraft den Piloten zum Siege verhalfen," sagte Schurman,so würde ein vernünftiges Maß von Vertrauen in den guten Willen anderer Nationen entschlossene Führer in die Lage versetzen, die kostspieligen und drückenden Rüstungs- l a st e n, unter denen wir jetzt stöhnen und die, weit ent­fernt, unsere Sicherheit zu garantieren, nur provozierend wirken und Anlaß zu künftigen Kriegen sein können, von den Schultern der Menschheit zu nehmen. Ich behaupte, daß in dem neuen Abschnitt der Geschichte, in den wir jetzt eintreten, eine Nation sich nicht länger durch Rüstungen sMtzrn ksvn. Dir neue Evoche verlanat stur«