Hersfeiöer Tageblatt
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Nr. 132
Donnerstag, den g. Juni 1927
77. Jahrgang
Sie SzeiilsliM beim MWWeiiteli
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Chamberlin und Levine.
Ehrungen für die amerikanischen Piloten.
Mit dem Tag nach der Ankunft auf dem Tempelhofer Felde in Berlin und dem jubelnden Empfang, den sie dort gefunden, begann für die amerikanischen überwinder des Ozeans die Reihe osfizieller Ehrungen. Mittwoch morgen zunächst ein Presseempfang in der amerikanischen Botschaft. Dabei stellte es sich heraus, daß die Flieger über den Verlauf des Fluges nichts sagen durften, denn Vertreter eines amerikanischen Blattes halten schon mit ihnen einen Vertrag geschlossen, der Chamberlin und Levine zur Schweigsamkeit in dieser Beziehung verpflichtete. Nach dem Empfang Fahrt zum Reichspräsidenten.
Hindenburg empfing die beiden Amerkkafireger Chamberlin und Levine, die von dem amerikanischen Botschafter eingeführt wurden, und ließ sich von ihnen nähere Einzelheiten über ihren Flug von Newyork nach Deutschland erzählen. Er beglückwünschte die beiden Herren herz
Chamberlin (rechts) und Levine werden bei der Ankunft in Berlin auf den Schultern getragen. Im Vordergründe der amerikanische Botschafter Schurmann Hand in Hand mit Reichsminister Dr. Curtius.
lichst zu ihrer überragenden Leistung und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die kühne Tat ein gutes Vorzeichen für die weitere Annäherung der beiden großen Völker sein werde. Als Andenken überreichte er ihnen sein Bild mit Unterschrift im silbernen Rahmen.
Chamberlin dankte dem Präsidenten für die Ehren, mit denen man sie, seit sie sich auf deutschem Boden befinden, überschüttet hat. Darauf Abschied, nachdem auch der amerikanische Botschafter dem Präsidenten im Namen des amerikanischen Volkes gedankt hatte.
Auf dem Wilhelmplatz vor der amerikanischen Botschaft hatten sich schon früh viele Menschen angesammelt, die geduldig im strömenden Regen ausharrten, bis in der zwölften Stunde das Automobil die Flieger zum Reichspräsidenten gebracht. Sie wurden lebhaft begrüßt. Als der Empfang bei Hindenburg nach etwa 20 Minuten beendet war und die Amerikaner wieder erschienen, durchbrach das inzwischen zahlreicher gewordene Publikum die Absperrungsketten und stürmte fast das Auto. Nur mit größter Mühe konnte die Polizei den Wagen durch die Menschenmenge durchbringen, der von der Menge bis zum Botschaftsgebäude begleitet wurde. Im Chor rief darauf das Publikum vor der Botschaft: „Chamberlin how!", „Hurra!" Auf diese Weise erreichte man schließlich, daß Chamberlin und Levine am Fenster erschienen. Hochrufe tosten minutenlang über den Platz. Chamberlin winkte gerührt und kletterte schließlich, um von allen gesehen zu werden, zusammen mit Levine auf das Fensterbrett.
Die nächsten plane.
Bei der Pressebesprechung vor dem Hindenburg- Empfang erklärte Chamberlin auf die Frage nach weiteren Absichten, daß diese noch keineswegs festständen.
Chamberlin meinte weiter, es sei ausgeschlossen, daß sie mit der „Columbia" wieder nach Amerika zurückfliegen würden. Möglich sei es dagegen, daß sie einen Rundslug nach Wien, Rom und Paris unternehmen würden. Begeistert äußerten sich beide Flieger immer wieder über ihre Aufnahme in Deutschland und besonders über die herzliche Hilfsbereitschaft, die sie bei ihrer Notlandung in Kottbus von der dortigen Bevölkerung erfahren haben. Jedenfalls wollen die Flieger bis Sonnabend in Berlin bleiben.
Der amerikanische Gesandte in Prag, Lewis Ein- stem, hat sich nM Berlin mit der Bitte gewandt, „daß der
Ozeanslieger Chamberlin Prag besuchen möge. Der tschechoslowakische Aeroklub hat an den Flieger ein Be- grüßungstelegramm abgesandt, in dem ebenfalls der Hoffnung auf einen Besuch Ausdruck gegeben wird.
Ehrungen durch die Stadt Berlin.
. Der Magistrat Berlin beschäftigte sich mit der Frage emer Ehrung der Ozeanflieger durch die Stadt. Ein festlicher Empfang im Rathause findet auf jeden Fall statt. Außerdem kommt die' Ernennung Chamberlins zum Ehrenbürger oder die Benennung einer Straße nach ihm in Frage.
Mittwoch abend gab der amerikanische Botschafter Schurman den Fliegern ein Essen. Außenminister Dr. Stresemann lud Chamberlin und Levine für Donnerstag zum Frühstück. Für Freitag mittag ist ein Emp- fang durch die Stadt Berlin vorgesehen und für Freitag abend eine feierliche Veranstaltung des R e i ch s Verkehrs mini st er s. Am Sonnabend werden die beiden Atlantikflieger Gäste der Deutschen Lufthansa sein. Es heißt, daß die Flieger nach ihrer Abreise von Berlin noch einmal nach dort zurückkehren werden, und zwar dann, wenn ihre auf der Europareise befindlichen Frauen ein- getroffen sind.
Coolidge an Hindenburg.
Der Präsident der Vereinigten Staaten, Coolidge, sandte an den Reichspräsidenten v. Hindenburg folgendes Telegramm:
„Ich danke Ihnen für die freundliche Botschaft über den Flug Chamberlins und Levines. Sie bringen die besten Wünsche Amerikas an Deutschland mit. Ich freue mich, meine besten Wünsche an Sie und das deutsche Volk anzufügen und Ihnen gleichzeitig für gütigen Empfang zu danken, der Amerikas Fliegern zuteil wurde."
Reichsaußenminister Dr. Stresemann richtete an den amerikanischen Botschafter Schurman folgendes Glückwunschtelegramm: „Herzlichste Glückwünsche zu dem gewaltigen Erfolg Ihrer wagemutigen Landsleute. Möchte das zeitliche Näherkommen unserer Länder auch Grundlage weiterer geistiger und kultureller Annäherung sein." In feiner Antwortdepesche sagt Schurman, es sei kein Zweifel, daß das Hauptergebnis dieser großen Tat die Verstärkung der Bande der Freundschaft und des guten Willens sei, die glücklicherweise zwischen den beiden Völkern bestehen.
Vom Tempelhofer Felde.
In der Rede, die Reichswirtschaftsminister Dr Curtius bei der Ankunft der Flieger hielt, hieß es u. a.: „Lassen Sie mich den allgemeinen Wert Ihres Kluges aussprechen: Es ist Bestimmung der Menschheit, sich die Kräfte der Natur dienstbar zu machen, um allen bessere Daseinsbedingungen zu verschaffen und friedliches Ringen der Nationen um höhere Kultur zu ermöglichen. Aus dem Wege zu diesem Ziele haben Sie eine neue Etappe gewonnen." Der amerikanische Botschafter Schurman sagte: „Wir grüßen Sie als den vom Himmel kommenden Sendboten des guten Willens und der Freundschaft vom amerikanischen Volke zum deutschen Volke, die über den Ozean hinweg im 18. und im 19. Jahrhundert als Freunde vereint waren und jetzt, gebe der Himmel, durch die Luft im 20. und all den kommenden Jahrhunderten einander noch nähergebracht werden."
Das Flugzeug wurde nach Abfahrt der Flieger in die Stadt in die Halle geleitet, wo es von Beamten der Flugpolizei bewacht wird. Es ist ein Hochdecker aus Holzkonstruktion mit einem M0-L8-Wright-Motor und von erstaunlich leichter Bauart, so daß selbst die Fachleute nicht umhin konnten, ihre Überraschung über die geringe Größe des Flugzeuges auszudrücken. Die Spannweite beträgt 14 bis 15 Meter.
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Chamberlin telephoniert mit seiner Mutter.
. Der glückliche Flieger hatte nach seiner Ankunft in Berlin den Wunsch, mit seiner Mutter in Amerika zu sprechen. Die transozeanische Verbindung, die für das Gespräch des Fliegers mit seiner Mutter über London hergcstellt worden war, funk- tionierte tadellos. „Hallo, liebe Mutter!" sagte Chamberlin. Seine Mutter fragte, ob er wohl angekommen wäre, woraus er sagte, er wünschte, sie wäre hier. Seine weiteren Pläne seien noch nicht bestimmt. Chamberlin lächelte, als er die Stimme seiner Mutter hörte. Daraus nahm der amerikanische Botschafter Schurman den Apparat und gratulierte bei Mutter Chamberlins.
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Die strenge Regierung und das böse Bier.
Aus Amerika wird gemeldet, die dortige Regierung beabsichtigt, eine Untersuchung des Vorgehens des Postdirektors von Hempstead bei Neivvork in die Wege zu leiten, der bei den 250 nach Deutschland bestimmten Briefen, die Levine aus dem Transozeanflug mitnahm, die Marken gestempelt hat. Als Begründung wird angegeben, daß Levine keine Berechtigung hat, Post zu transportieren. Nach Aussagen von Sammlern besitzen die auf diese Weise gestempelten Marken als Erinnerungsstücke einen Wert von je 50 Dollar.
Nach amerikanischen Berichten sagte Frau Ella Boole, Präsidentin der Frauenvereinigung gegen den Alkohol, in einer Rede: „Die Nachricht, daß zwei tapfere Menschen nach heroischem Flug alles Gute, das sie taten, dadurch wieder null und nichtig machten, daß sie den Wunsch ausdrückten, Bierzutrinken, bereitete mir eine peinliche Überraschung. Ich bin überzeugt, es war nicht nur mir peinlich, sondern auch all den Millionen die Gesetze ehrenden Amerikanern. Cham- berlins Verhalten ist um so bedauerlicher, weil Lindbergh ein so gutes Beispiel als Temperenzler gab."
Baden-Baden.
Von einem politischen Mitarbeiter wird uns zu der Begegnung zwischen Dr. Stresemann und Tschi- tscherin in dem bekannten Weltbadeort im Schwarzwald geschrieben:
Die russische Regierung hat es sich schon des längeren zu eurer uns nicht gerade angenehmen Gewohnheit gemacht, jedesmal, wenn Deutschland in Genf oder sonstwo mit den Vertretern der Westmächte zusammentrifft, vorher eine kleinere oder größere, vor allem aber recht auffallende politische Demonstration zu verunstalten, etwa — wie jetzt wieder in Äaden-Baden — einen Ministerbesuch bei unserem Außenminister herbeizuführen, so daß dieser sozusagen mit einem leisen Juchtengeruch behaftet nach Genf zieht. Für die deutschen Vertreter ist das nicht gerade sehr erfreulich, wenn dann die anderen ob dieses Geruches ein wenig die Nase krausziehen.
Denn wirklich Neues mag der russische Volks- kominissar des Auswärtigen, Tschitscherin, dem deutschen Außenminister weder mitgeteilt noch von ihm gehört haben — abgesehen allerdings von der Nachricht, daß in Warschau der russische Gesandte ermordet worden ist. Denn der deutsche Standpunkt ist so oft und so deutlich klargelegt worden, daß das Liebeswerben weder des Westens noch des Ostens uns irre machen kann. Natür- lich wird über den Inhalt des Zwiegesprächs in Baden- Baden Stillschweigen gewahrt; aber da man politisch wesentlich Neues kaum vorzubringen hatte, wird man sich wohl etwas über die finanziell-wirtschaftlichen Folgen des englisch-russischen Bruches unterhalten haben.
Auch hierin wird ja kaum alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird und nur sehr ungern würde die englische Geschäftswelt ein völliges Zerreißen der wirtschaftlichen Fäden nach Rußland hinüber und von dort herüber sehen, zumal offensichtlich in Amerika die englischen Hinweise auf die „drohende bolschewistische Gefahr" es nicht habe verhin- dern können, daß die Vereinigten Staaten ruhig im Geschäft mit Rußland bleiben und außerdem sicherlich versuchen werden, hierin weiteres Terrain zu gewinnen. Aber etwas anderes mag Dr. Stresemann seinem Besucher dringend ans Herz gelegt haben, die Mahnung nämlich, sich nicht auf dem Wege der Dritten Internationale i n dre innerdeutsche Politik zu mischen, wie das gerade in den allerletzten Tagen wieder einmal geschah. Eigentlich sollten die Russen sich doch mit diesen „Weltrevolutionären" Experimenten nicht bloß in London, sondern auch in Paris die Finger so verbrannt haben, daß sie sich etwas vorsichtiger und zurückhaltender benehmen sollten. Unsere an und für sich schon schwierige Stellung wird dadurch auch nicht gerade erleichtert und hoffentlich besitzt Tschitscherin Einsicht und Einfluß genug, um dieser Schwierigkeit Rechnung tragen zu lassen.
. wird ja zunächst einmal genug mit dem russisch- p o l n l s ch e n K o n f l i k 1 zu tun haben. Denn die Note, die dem polnischen Gesandten in Moskau seitens der Sowjetregierung überreicht worden ist, erhebt den Vor- gröblicher Pflichtvernachlässigung und behält sich noch alles, weitere vor. Das Verhältnis zwischen den beiden Reichen ist schon an und für sich ein ziemlich gc- spanntes und ist seit dem englisch-russischen Bruch noch kühler geworden. So hat sich durch die Mordtat des russischen Emigranten die allgemeinpolitische Atmosphäre womöglich noch verschlechtert, wenn man auch freilich die Wohl etwas „markierten" englischen Befürchtungen nicht zu teilen braucht, daß nun die Sowjetrepublik gleich ihre Rote Armee gegen Polen in Bewegung setzt! Daß freilich die Tat seitens Moskau politisch ganz gehörig ausgenutzt werden wird, ist ja nach den Erfahrungen, die man nach dem gleichartigen Geschehnis in der Schweiz gehabt hat, wo ja auch ein Delegierter der Sowjetregierung erschossen worden ist, durchaus anzu- nehnVl,