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Hers f§! öer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS mit den Beilagen: Leimalschollen / Illustriertes Anlerhallungsblatt / Nach Feierabend / Serd und Scholle / Anterhallung und Wissen

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__________ Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.___________________

Nr. 131 Mittwoch, den S. Juni 1SL7 77. Jahrgang

Chamberlin und Levine in Berlin

Osr Ozeanflieger am Ziel.

Landung um 17,55 (5,55 nachm? !lhr.

Das türkische Geschick, das der Vollendung des Fluges NewhorkBerlin noch im letzten Augenblick durch einige Mißhelligkeiten entgegentrat, ist besiegt, über die Not­landungsetappen Eisleben und Kottbus wurde Dienstag gegen Abend der von Anfang an bestimmte Endpunkt der Fahrt, Berlin, erreicht.

_ Begeisterter Empfang in Berlin.

Um 16.15 (4.15) Uhr stieg dieColumbia" mit Cham­berlin und Levine an Bord in Richtung Berlin vom Kott- busser Flugplatz auf, begleitet von 14 Flugzeugen der Deutschen Lufthansa. Nach 17.00 (5.00) Uhr nachmittags kam das Geschwader über dem Berliner Weichbild an und konnte von allen Straßen beobachtet werden, erschien bald über dem Flughafen in Tempelhof, wo eine dichtgedrängte große Menschenmenge in begeisterte Ovationen ausbrach. Die Flieger kreisten zum Willkommen längere Zeit in ele­gantem Fluge über der Reichshauptstadt und landeten dann um 17.55 (5.55) Uhr auf dem Tempelhofer Feld. Der Jubel war unbeschreiblich.

Die Zuschauermenge war trotz der Enttäuschung vom Montag auch am Dienstag bis ins Riesenhafte gewachsen. Es hatten sich vielleicht 100 000 Menschen angesammelt. Die amerikanischen Flieger wurden sofort bei der An­kunft durch den Reichswirtschaftsminister Dr. C u r t i u s sowie durch den amerikanischen Botschafter Schurman be­grüßt, ebenso durch den Vertreter der Stadt Berlin. Dr. C u r t i u s sprach im Namen des Reiches und des -Wsutzffcheu Staates. Während der Reoen erschollen un­aufhörlich die Hochrufe der begeisterten Zuschauer. Musik ertönte und spielte abwechselnd die amerikanische und die deutsche Nationalhymne. Es war ein unbeschreiblicher Augenblick.

Abends fand zu Ehren der Flieger in der amerika­nischen Botschaft ein kleiner Empfang im intimen Kreife statt. Mittwoch mittag werden Chamberlin und Levine vom Reichspräsidenten und vom Reichskanzler empfangen werden. Für Mittwoch abend hat die amerikanische Bot­schaft bereits Einladungen zu einer größeren Festlichkeit ergehen lassest.

Hindmbmg empfangt Me Meger.

Empfang durch Reichskanzler Marx.

Besondere Veranstaltungen zu Ehren der Flieger trafen Reichsbehörden, die Stadt Berlin, die amerikanische Botschaft, die Staatsregierung, die Deutsche Lust-Hansa und der amerikanische Botschafter. Chamberlin und Le­vine wohnen in der amerikanischen Botschaft. Chamberlin wird nicht nur, wie es ursprünglich hieß, vom Reichspräsi­denten, sondern auch vom Reichskanzler empfangen werden.

Mittwoch findet ein Essen beim amerikanischen Bot­schafter statt, ferner ist ein Essen bei dem Reichsaußen- mnister vorgesehen.

Am Mittwoch findet eine Magistratssitzung statt, in der über beabsichtigte Empfänge der Stadt Berlin be­raten wird. Vorgesehen ist ein Bankett, entweder in der Wohnung des Oberbürgermeisters oder im Rathause oder in der Städtischen Oper. Der amerikanische Bot­schafter war bei der Ankunft auf dem Tempelhofer Felde und richtete einige Worte an seine Landsleute. Für das preußische Staatsministerium war Staatssekretär Weißmann anwesend. Für Donnerstag ist ein Diner bei Außenminister Dr. Stresemann geplant. Die Deutsche Luft-Hansa wird die Flieger durch ihre Anlagen führen,, einen Theaterbesuch, Besichtigung von Potsdam, mit einer anschließenden Fahrt auf den Havelseen veran- stalten.

Dis Notlandung frei Klinge.

Für die amerikanischen Flieger wurden nach der Zwischen­landung bei Eisleben, die wegen Benzinmangels erfolgte, unter Beihilfe einiger Angesessener hundert Liter Benzin von einem benachbarten Fabrikanten herangeholt. Die Lufthansa­slugzeuge, die das amerikanische Luftgefährt überhaupt nicht entdeckt haben, waren entgegen den ersten Meldungen daran nicht beteiligt. Nach dem Wiederaufstieg geriet Chamberlin infolge des unsichtigen Wetters an eine falsche Bahnstrecke und kam so in die Nähe von Kottbus statt nach Berlin. Über dem sumpfigen Terrain bei Klinge, 15 Kilometer von Kottbus, war das Benzin wiederum zur Neige gegangen. Chamberlin be­schloß, zu landen, im Sumpfboden bohrte sich aber eines der Tragräder tief ein und dabei brach der Propeller. Die Not­landung war durch den Rundfunk bekanntgeworden, worauf Einwohner von Kottbus mit den Vertretern des Magistrats sich zur Landungsstelle begaben und die Flieger im Auto ab- holten. Die beiden Flieger wurden von dem Generaldirektor der Deutschen Lufthansa, Rotter-Bcrlin, der zufällig mit seiner Gattin in Kottbus weist, empfangen und fuhren im Auto so­

fort nach Kottbus. Im Hotel Ansorge trugen sie sich in das Goldene Buch der Stadt Kottbus ein. Alsbald stieg ein Junkersflugzeug vom Tempelhofer Felde in Berlin mit Mi- nisterialrat Brandenburg, den Direktoren Bronsky und Milch von der Lufthansa und dem amerikanischen Botschaftsrat Poole auf und begab sich nach Kottbus, um die Amerikaner abzuholen. Diese zogen es aber vor, die unverweilt begonnene Reparatur der

Notlandungsplatz Klinge.

Columbia" abzuwarten, um dann am folgenden Tage mit ihrem eigenen Flugzeug nach Berlin zu fliegen. Sie waren in Kottbus Gegenstand zahlreicher Ehrungen durch die Behörden und die Bevölkerung. Die Flieger konnten sich kaum zu dem notwendigen Schlaf und dem noch notwendigeren Essen nach den langen Fastenstunden zurückziehen. Kottbus hatte feinen LMen Tag, auf. dem MarUpla^ konzertierte eine Musikkapelle und die halbe Einwohnerschaft war bis in den späten Abend auf den Beinen.

*

Die reparierteColumbia^ über Kottbus.

Montag mittag gegen 1 (13) Uhr war der neue Pro­peller an Chamberlins Flugzeug eingebaut und der Ozeanflieger erschien, um den Apparat auszuprobieren. Es gelang ihm auch, die Maschine freizubekommen und in die Höhe zu bringen. Chamberlin flog mehrere Male unter den Zurufen der Bevölkerung über die Stadt Kott­bus und ließ sich dann um 13,03 Uhr auf dem Kottbusser Flugfeld nieder. Inzwischen hatte sich der Stadtrat in der Halle des Hotels Ansorge versammelt, um den zurück­kehrenden Flieger zu begrüßen und ihn zu dem Hotel Zum Weißen Roß" zu begleiten, wo ein Festessen statt- fand. Die letzte Motorenprüfung vor dem Flug nach Berlin fand um 14 Uhr statt. Für 16,30 Uhr war die Abfahrt angesetzt. Ein Geschwader der Deutschen Luft­hansa und der Verkehrsfliegerschule begleitete sie.

*

Flugzeug Chamberlins mit dem zerbrochenen Propeller.

Glückwünsche und Begrüßungen.

Die Stadt Kottbus war für den Landungstag das Ziel ungezählter Telegramme und Beglückwünschungen aus aller Welt.

Aus Washington sandte der Präsident der Ver­einigten Staaten, C o o l i d g e, an Chamberlin folgendes Telegramm:Ich beglückwünsche Ihre wundervolle Leistung eines neuen Dauerflugrekords in der Eroberung der Luft. Unser Land ist mit mir voller Freude, daß Sie den ersten ununterbrochenen Flug Amerika- Deutschland glücklich zurückgelegt haben. Amerika sendet dem deutschen Volke seine Grüße."

Reichspräsident v. Hindenburg hat an den Präsi­denten Coolidge folgenden Glückwunsch gerichtet.Zu dem kühnen Fluge der beiden amerikanischen Ozeanflieger Chainberlin und Levine, die in heldenhafter Überwindung von Zeit und Raum das Welstueer Merbrückt und unsere

Rattonen davurch nähergebracht haben, spreche ich Ihnen, Herr Präsident, und dem amerikanischen Volke meine auf­richtigen Glückwünsche aus."

An Chainberlin und Levine in Kottbus richtete Reichskanzler Dr. M arx nachstehenden Glückwunsch:Zu der glücklichen Vollendung Ihrer kühnen Tat spreche ich Ihnen im Namen der Neichsregierung und des deutschen Volkes die herzlichsten Glückwünsche aus. Die außer­ordentliche Leistung eines Fluges von Amerikas Ostküste nach dem Herzen Deutschlands bildet einen Markstein in der Entwicklung des Luftverkehrs unb ein neues Freund­schaftsband zwischen unseren Völkern."

Weiter gingen Telegramme ein von der Deutschen Lufthansa, vom amerikanischen Staatssekretär Kellogg usw. Den beiden Gattinnen der Flieger gratulierte der deutsche Botschafter in Amerika, von Maltzan, der auch ein Telegramm an den amerikanischen Botschafter, Schurman, in Berlin sandte.

In den Vereinigten Staaten.

Die Begeisterung über den nach einigem Mißgeschick dennoch glücklich vollendeteil Flug ist ungeheuer. Es werden Bilder von Kottbus und Eisleben veröffentlicht sowie eine von der National Graphic Society herrührende längere Beschreibung der beiden Städte. Aus dem Leben der beiden Flieger werden zahlreiche Anekdoten veröffentlicht.

Die Brooklyner Handelskammer, die den ursprüng­lich geplanten Flug derColumbia" nach Paris finanziell garantiert hatte, ließ Frau Chamberlin 15 000 Dollar für ihren Gatten als Preis für den gelungenen Flug AmerikaDeutschland und Frau Levine eine goldene Uhr für deren Gatten überreichen.

Frau Levine und Frau Chamberlin traten sofort an Bord des deutschen DampfersBerlin" die Reise nach Europa zu ihren Gatten an. Der Handelsattache der deutschen Botschaft, Dr. von Wülfing, fährt mit den beiden Damen nach Berlin.

In einigen Kirchen wurden Gebete für die beiden Flieger gesprochen, während in anderen Kirchen die Geist­lichen auf das Beispiel hinwiesen, das die beiden durch ihr Vertrauen und ihren Mut gegeben hätten. Die Zahl der verkauften Zeitungen hat eine noch nicht dagewesene Höhe erreicht. Ganze Zeitungen sind gefüllt mit Mit­teilungen über den Lebenslauf der Flieger, mit Beschrei­bungen des zurückgelegten Weges, Mitteilungen über Interviews mit ihren Frauen und anderen Verwandten.

Der Flieger Lindbcrgh hat von Bord des Kreuzers Memphis" aus fnnkentelegraphische Glückwünsche an Chamberlin gerichtet. Er sagt u. a.: Es ist eine pracht­volle Tat. Derartige Leistungen werden dazu beitragen, die Weltluftschiffahrt weiter zu entwickeln.

*

Bei Chamberlin in Kotibus.

(Von unserem am Sonntag nach KottbuS entsandten Berliner CL.-Mi t a r b e i t e r.)

über eins bin ich mir vollkommen klar: Wenn der Empfang, der den beiden Ozeanfliegern in Berlin zuteil wird, um soviel herzlicher ist als Berlin größer ist als Kottbus, bann bleibt von den beiden nichts mehr übrig. Als wir in Kottbus eintrafen, war der Marktplatz abgesperrt, da er die Menge, die das die ame­rikanischen Flieger beherbergende Hotel Ansorge be­lagerte, um die Flieger zu ehren und zu begrüßen, nicht mehr faßte. Trotz ihrer ungeheuren Ermüdung waren C h a m ö er l i n und Levine nochmals zum Flugzeug gefahren, um die Möglichkeit des sofortigen Weiterfluges zu erwägen. Die Jnstandsetzungsarbeiten waren aber größer als vorausgesehen, und infolgedessen wurde be­schlossen, den Flug erst am nächsten Tage fortzusetzen. Bei dieser Rückkehr zum Hotel konnten sich die beiden Flieger kaum vor der begeisterten Menge retten. Levine, ein kleiner, schmächtiger, aber sehnig gebauter Sportsmann, stand dem ganzen Treiben etwas hilflos gegenüber. Ein junges Mädchen überreichte ihm Rosen, ein anderes Kon­fekt. Er stammelte nur verlegen:thank you." Kurz darauf traf in einem zweiten Auto Chamberlin ein und wurde, wenn möglich, noch stürmischer begrüßt. Da er über 50 Stunden lang nicht geschlafen hatte, konnte er sich kaum auf den Füßen halten und mußte von seinen beiden Begleitern, dem Oberbürgermeister Dr. Kreuz und dem amerikanischen Legationssekretär Dr. Poole, fast die Treppe hinaufgetragen werden. Auf die Fragen der Pressevertreter, ob und wann er weiterfliegen würde, antwortete er, daß noch keine Entscheidung gefallen wäre, und daß er vorläufig nur den einen Wunsch hätte: baden und schlafen.

Dennoch erholten sich beide Flieger überraschend schnell und konnten noch an einem Bankett im Rathause teilnehmen. Auf weiteres Befragen erklärte Chamberlin, daß er nicht heruntergegangen wäre, wenn er nicht voll­kommen die Orientierung verloren bätte. Von vornher­ein war beabsichtigt, in Berlin zu landen, und es tat ihm furchtbar leid, daß es ihm nicht gelungen ist, den richt-- gen Weg zu finden. Aber er hat dauernd damit gerechnet, daß ihm die Flugzeuge der Deutschen Lufthansa Leu Weg weisen würden. Leider war keines von ihnen zu sehen, so daß er die falsche Bahnstrecke entlang geflogen ist und schließlich keinen Rat mehr wußte. Nicht Benzinmanael