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Nr. 130
Dienstag, den 7. Juni 1927
77. Jahrgang
Chamberlins Europastug
Abflug LhamSerlins von Aewyork.
Nachdem ungezählte Meldungen bald über den Verzicht, bald wieder über die feste Absicht des amerikanischen Fliegers Chamberlin für den Flug nach Europa berichtet hatten, wurde dem Hin und Her ein Ende gemacht mit dem Einlaufen der Nachricht vom Abflug. Aus Newyork wurde Sonnabend, 4. Juni, gekabelt:
Clarence Chamberlin startete Sonnabend früh 6.04 Uhr Newyorker Zeit (11.04 Uhr mitteleuropäische Zeit) zum Fluge nach Europa von Curtitz Field bei Newyork mit dem Flugzeug „Columbia". L e v i n e, der Generaldirektor der Gesellschaft, die die „Columbia" gebaut hat, begleitet Chamberlin aus seinem Fluge nach Europa. Le- Vine trägt die Finanzierung und die geschäftliche Verantwortung für das Unternehmen. Beim zweiten Anlauf
Der amerikanische Flieger Chamberlin.
gelang der Start. Das Flugzeug rollte schnell an, wurde dann in eine Staubwolke eingehüllt und erreichte einige Bäume, um bald daraus dahinter zu verschwinden, während laute Hochrufe ertönten.
Wie erinnerlich, sollte die „Columbia" seinerzeit für den Flug Newyork—Paris starten, ehe Ltndbergh ihr zu- vorkam. Die Mannschaft der „Columbia" hat auf ihrem Flugzeug auf einer geschlossenen Rundstrecke als Vorbereitung für den Transozeanflug im Mai einen Dauerflug unternommen, bei der sie mit einer Flugdauer von 51 Stunden 12 Minuten einen neuen Rekord ausgestellt hatte. Die Wetteraussichten waren beim Abflug nicht ungünstig. über der Neufundlandbank lag allerdings in der Nacht noch eine schwere Nebelschicht, deren Verschwinden aber für heute nachmittag erwartet wird, über dem östlichen Atlantik, also dem letzten Flugdrittel, war das Wetter gut. Der Pilot machte einen äußerst zuversichtlichen Eindruck. Wiederholt scherzte er mit seiner Gattin, als sie das Flugzeug besichtigten. Chamberlin stieg vor dem Abflug in die Maschine, um noch einmal selbst alles zu überprüfen. Dann gab er das Zeichen zur Abfahrt.
Das 3«
Zwar wurde allgemein angenommen, daß Chamberlin in Berlin landen werde, doch hat er selbst wie seine Vertreter vor der Abreise keinerlei feste Angaben in dieser Beziehung gemacht. Chamberlin antwortete aus eme direkte Frage nach dem Ziel seines Fluges nur, daß er einen Rekordflug nach Europa zu unternehmen beabsich- tige. Doch hat Chamberlins Vater erklärt, daß sein Sohn ihm als Ziel des Fluges Berlin genannt habe. Es wurde berechnet, daß Chamberlin Montag früh 3 Uhr Berliner Zeit auf dem Tempelhofer Feld in Berlin landen könnte.
Nach einer anderen Mitteilung sagte Chamberlin, er würde sich bemühen, mit der „Columbia" die Küste von Irland zu erreichen und, wenn möglich, nach Berlin weiterzufliegen, um dadurch den Flug Lindberghs nach Paris zu überbieten. Wie die „Evening World" »M?M, soll der deutsche Botschafter in Washington.
Freiherr von M a I tz a n, in einer Erklärung Chamberlin guten Erfolg für seinen Deutschlandflug gewünscht haben. Chamberlin könne versichert sein, daß er in Berlin genau so ausgenommen werde wie seinerzeit Eckener in Amerika. Chamberlin trug eine Botschaft der National Aeronautic Association of the USA. an den Deutschen Aeroklub mit sich. Der Text der Botschaft lautete: „Aeronautic Association of the USA. sendet Grüße an den Aeroklub Deutschlands. Möge diese Botschaft durch Clarence Chamberlin weiter der Welt die Brauchbarkeit und Nützlichkeit des modernen Luftwesens vor Augen führen, das dazu bestimmt ist, den Wünschen des Welthandels auf Zeitersparnis zu begegnen."
Vorbereitungen in Berlin.
Magistrat und Stadtverordnete beschlossen schon bei Eintreffen der Abflugnachricht, sich gegebenenfalls auf das Tempelhofer Feld zu begeben und den Amerikaner offiziell zu begrüßen. Die amerikanische Botschaft in Berlin machte sich ebenfalls empfangsbereit. Die deutsche Marineleitung wies sämtliche Schiffe der Kriegsmarine an, dem amerikanischen Flieger jede nur denkbare Unterstützung angedeihen zu lassen. Den
Flugstrecke Newyork—Berlin.
gleichen Befehl erhielt das deutsche Geschwader, das sich zurzeit in den spanischen Gewässern befindet. Die Marine- Küstenfunkstationen bekamen Anweisung, nach dem Flieger Ausschau zu halten und auf seine Funksignale zu achten. Die Berliner Polizeibehörden trafen ebenso alle notwendig erscheinenden Maßnahmen.
Ausrüstung Chamberlins und feines Flugzeuges.
Das Flugzeug „Columbia" enthielt beim Aufstieg einen großen Tank mit 390 Gallonen Benzin, außerdem sind auf den Tragflächen fünf kleinere Behälter montiert, die weitere 65 Gallonen fassen. Um den Haupttank herum ^wurde ein zusammenlegbares Gummiboot mit Rudern, Leuchtpistolen und Signallichtern, die automatisch bren- nen, wenn sie aus das Wasser fallen, angebracht, außerdem Blitzlicht mit zwei Ersatzbatterien, Sicherheitszündhölzer und drei eiserne Rationen sowie zwei Behälter mit Wasser und eine Funksendestation.
Frau Chamberlin besorgte die nötigen Butterbrote, die die Flieger während der Reise ernähren sollen. Die Flieger nahmen zehn Butterbrote und Hühnerfleisch mit, dazu zwei Flaschen Hühnerbouillon, eine Flasche Kaffee und sechs Apfelsinen.
Aus kleineren Orten Long Islands kamen im Lause des Sonnabendmorgens Nachrichten, daß Chamberlins Flugzeug in mittlerer Höhe schnell fliegend bei schönem Wetter gesichtet wurde.
Notlandungen Chamberlins.
Bei Eisleben und Kottbus.
Am Morgen des zweiten Pfingsttages lief in Berlin, das vor Erwartung fieberte, die Nachricht ein, daß der Ozeanflieger Chamberlin um 5 Uhr morgens bei dem Dorfe Helft« bei Eisleben, Provinz Sachsen, eine Notlandung vorgenommen habe. Ein bald eingetroffenes Flugzeug der Deutschen Lufthansa kam ihnnzu Hilfe und flog nach Halle, um neuen Betriebsstoff für Chamberlin, dessen Maschiue unbeschädigt war, zu holen. Nach Auffüllung des herbeigeholten Benzins sollte sofort die Weiter- sahrt nach Berlin angetreten werden.
Wie die Eisleber Zeitung alsbald berichten konnte, erfolgte die Notlandung morgens ungefähr um 6 Uhr bei Bischofsrode in der Nähe von Eisleben, und zwar wegen Benzinmangels. Außerdem war ein kleiner Defekt an der Anlasserbatterie entstanden. Nachdem durch ein Fahrzeug der Deutschen Lufthansa Benzin herbeigeholt und aufgefüllt war, auch der Defekt beseitigt war, erfolgte um % 10 Uhr der Neuaufstieg und unter Begleitung von mehreren Lns^ v ? ' vrn begann die Weiterfahrt nach Berlin.
* propetterbruch.
Eine zu cite Notlandung mußte Chamberlin nach einiger Zeit in der Nähe von Kottbus, bei Klinge, auf sumpfigem Gelände vornehmen. Die Ursache war diesmal ein Propellerbruch. Durch diesen Unfall wurde es fraglich, ob Chamberlin noch am gleichen Tage in die Lage versetzt werden konnte, nach Berlin zu gelangen. Klinge ist eine Bahnstation auf der Strecke Kottbus—Forst (N.L.), 15 Kilometer von Kottbus entfernt.
Chamberlins unterbrochene Fahrt.
Beide Pfingsttage wurden von den hochgespannten Erwartungen auf die Ankunft des amerikanischen Fliegers Chamberlin und durch die Vorbereitungen auf seinen Empfang ausgefüllt. Am ersten Feiertage kamen gelegentliche Meldungen, daß tynn das Flugzeug da und dort gesehen haben wollte, obwohl nichts Bestimmtes gesagt werden konnte. Am späten Abend des ersten Pfingsttages sollte die „Columbia" etwa 500 Kilometer von der Küste Irlands gesehen worden sein, um Mitternacht lief eine Meldung ein, Irland sei überflogen und der Kurs richte sich nach dem Kanal.
Da die Ankunft in Berlin für die Morgenstunden auf dem Tempelhofer Felde angesagt war, wurden große Vorbereitungen getroffen. Das ganze Feld war abgesperrt, durch eine Postenkette von Schutzleuten umstellt, Oberbürgermeister Böß war besonders aus seinem Urlaub nach Berlin zurückgekehrt, um Chamberlin zu empfangen. Schon am ersten Pfingsttage abends hatten sich Menschen angesammelt, die die ganze Nacht durchharrten. Morgens nmr die Menge etwa auf 100 000 angewachsen, die den Flugplatz in weitem Bogen umschlossen.
Die Erregung stieg aufs Höchste, als eine Nachricht bekannt wurde, daß der Flieger bei D o r tm und um 4 Uhr nachts gesehen worden wäre. Das ganze Geschwader der Lufthansa stieg auf, um ihm entgegenzu- fliegen. Doch Stunden vergingen ohne Resultat und allmählich machte sich ziemliche Enttäuschung bemerkbar. Die Flugzeuge der Lufthansa kehrten vom Dortmundfluge zurück, von Chamberlin hatten sie nichts entdeckt. Ständig kreisten sie in den Lüften, aber die harrende Menge auf dem Tempelhofer Felde begann gegen 10 Uhr abzuwandern.
Deutsches Geschwader in Lissabon.
Deutschland und Portugal.
Das unter dem Kommando des Vizeadmirals Mommsen inPissabon eingelafene deutsche Geschwader besteht aus den Linienschiffen „Schleswig-Holstein", „Elsaß", „Hessen" und dem Kreuzer „Berlin". Die portugiesische Regierung hat für die Dauer des Aufenthalts einen Admiral attachiert. Nach dem Austausch der offiziellen Besuche und einer Audienz beim Präsidenten der Republik faud unter Anwesenheit des Präsidenten ein Staatsdiner mit anschließendem Empfang und Ball statt. Dann gab die deutsche Gesandtschaft für die Offiziere ein Essen. Im Laufe der Woche sind verschiedene Festlichkeiten vorgesehen. Die Abreise des Geschwaders wird am Freitag erfolgen.
Im Verlauf des von der deutschen Gesadtschaft ge- «ebenen Diners wandle sich der deutsche Gesandte, Dr. V o r e tz s ch in einer Ansprache an den Präsidenten der Republik, Carmona, und betonte, daß er mit großer Freude feststelle, daß dank der klugen Leitung des Präsidenten die Beziehungen zwischen den beiden Ländern leichter und freundschaftlicher würden. Präsident Car- mono antwortete, er hoffe, daß die Wünsche und Hofs- nuugen des deutschen Gesandten sich in eine fruchttragende Wirklichkeit umsetzen würden und freue sich feststellen zu können, daß hierzu die Regierung aus freien Stücken bei- getragen habe und im Einklang mit den berechtigten In- teressen des Landes weiter beitragen werde.
Italien gegen Rußland.
Mussolinis Antwort.
Das faschistische Parteidirektorium hat auf das den Faschismus verurteilende Manifest der 3. Internationale mit einer Erklärung geantwortet, in der es u. a. heißt: „Der einzige Staat, der in Europa und auf der Welt seit Jahren das sogenannte Gleichgewicht bedroht und stört, ist nur das Rußland der 3. Internationale, das überall Unruhe verursacht. Das faschistische Italien sagt den vier Professionsscharlatanen des Komintern, daß es keine Aktion dulden kann von denjenigen Leuten, die ein ganzes geduldiges, großmächtiges Volk seit Jahren mit Massakern verfolgen, von denselben Leuten, die jeden Tag mit Haufen von Leichen das Gebäude einer Diktatur stützen müssen, so daß diese nicht mehr die Diktatur des Proletariats, sondern gegen das Proletariat ist. Wenn der Znsammen- bruch des bolschewistischen Regimes nicht Hunger und Elend nach sich gezogen hätte, so würde es in den Augen der Welt durch die Tatsache allein verdammt, daß seine Vertreter sich gezwungen sehen, von den bürgerlichen Nationen des Westens Techniker und Kapital in Anspruch zu nehmen. Das neue antifaschistische Manifest der 3. Internationale stellt nichts anderes dar als den erbärmlichen Versuch, die Mißerfolge in der Außenpolitik und die Krise des Sowjetregimes im Innern, die gerade in diesen Tagen klar zum Ausdruck kam, zu verdecken."
Regierungswechsel in Rumänien.
Auflösung des Parlaments.
Die seit längerer Zeit anhaltenden innenpolitischen Schwierigkeiten haben zu einer Regierungskrisis geführt. Die Bemühungen des leitenden Staatsmannes Ave - r e s c u zur Regierungsumbildung sind an dem Widerstand der rumänischen Parteiführer gescheitert. Infolgedessen überreichte der Ministerpräsident dem König die Gesamtdemission des Kabinetts. Während Averescu dem > Winisttzrrgj Bericht erstattet?, traf der Minister des König-