Hersfelöer Tageblatt
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mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. SS
Donnerstag, den 28. April 1927
77. Jahrgang
Der Genfer Fehlschlag.
Die dritte Tagung des Vorbereitenden Aus- schusses für die Abrüstungskonferenz in Genf hat mit einer Schlußsitzung ihre Beratungen beendet. Für weitere Beratungen wurde vorläufig der 1. November 1927 in Aussicht genommen.
Im Englischen Unterhaus sagte Urtterstaatssekretär Sümpfen vom Auswärtigen Amt auf eine Anfrage hin, er fürchte, der Stand der Arbeiten des Ausschusses für die Abrüstungskonferenz in Genf ermögliche nicht, einen auch nur ungefähren Zeitpunkt für die Eröffnung der Abrüstungskonferenz selbst anzugeben.
Das ist ein ganz unverhülltes Wort über das Ergebnis der Arbeiten, mit denen sich jene Kommission nun seit vielen Wochen abgemüht hat und die nun zu Ende sind. Der englische Unterstaatssekretär erklärt unzweideutig, daß man zu irgendeinem praktischen Ergebnis in Genf nicht gekommen sei. Vergebens hat sich der Kommissionsvor- schende in seiner Abschiedsrede bemüht, doch noch allerhand Ergebnisse festzustellen, aber Glauben hat er damit nicht gefunden, so höflich man ihm zuhörte. In der Welt draußen wird man unhöflicher sein und die Wirklichkeit nun nicht so zu verschleiern suchen, wie das durch die langen Reden in Genf geschah. Der deutsche Delegierte, Graf Bernstorff, jedenfalls hat in Ausführungen, die er nach der Schlußsitzung Pressevertretern gegenüber getan hat, dem Kind den rechten Armen gegeben. Mit aller Höflichkeit hat er auf die H a b e n feite der, Konferenz den einen Posten gestellt, daß man jetzt wenigstens die Auffassungen der verschiedenen Regierungen in der Ab- rüstungsfrage erfahren habe. Er glaubt sicher selbst nicht daran, daß dieser Posten irgendwie von Belang ist. Man braucht diese Auffassungen wirklich nicht mehr kennenzu- lernen, weil sie bekannt genug waren. Die Soll fette des Konferenzabschlusses wird aber von dem GrafenBern- storff erheblich schwerer belastet. „Die Regierungen haben in den Instruktionen, die sie ihren Delegierten erteilten, sehr wenig Eifer für die Sache der Abrüstung an den Tag gelegt," sagte er. Daher das Resultat: die von der Kommission unterbreiteten P^M^ae lassen keine oder nur eine sehr geringe Änderung in den Rüstungen der verschiedenen Mächtö erwarten, Änderungen, die auf keinen Fall irgendwelchen Unterschied in ihrer Rüstungsstärke herbeiführen würden.
Denn Beschlüsse hat die Kommission gefaßt, nur haben sie das eine Unangenehme an sich, daß sie knetbar wie Kaugummi sind und jeglichen Inhalt verlieren, sobald man sie anpackt. Was nützt es denn, wenn gemäß Arttkel 8 des Völkerbundpaktes die allgemeinen Rüstungen „auf ein Mindestmaß herabzusetzen sind, das mit der nationalen Sicherheit und mit der Durchsührung der durch em gemeinsames Handeln auferlegten internationalen Verpflichtungen vereinbar ist", und daß der Völkerbundrat die Aufgabe und die Verpflichtung hat, diese allgemeinen Sätze aus ihrer theoretischen Unbestimmtheit in praktische Wirklichkeit umzusetzen. Was nützt es weiter, daß sich aus diesem Artikel für Deutschland als Mitglied des Völkerbundes das Recht ergibt, nicht nur die Beschränkung, sondern auch die Herabsetzung der Rüstungen zu fordern, wie es Bernstorff auch jetzt wieder betonte. Er erhofft die künftige Beteiligung Sow;etrutz- lands an den Abrüstungsberatungen; aber man wird m dem sehr realpolitischen Moskau nach diesen Ergebnissen nur spöttisch die Achseln zucken. Die Völkerbundidee hat wieder einmal einen starken Stoß erlitten, wie Bernstorff festzustellen sich nicht scheute. Die Erwartungen, die die öffentliche Meinung mancher Kreise auf die Arbeiten der Konferenz fetzten, sind enttäuscht; die Abrüstung aber sollte das wahre Ziel des Völkerbundes fein. Denn die beiden anderen Ziele, nämlich Schiedsgericht und Sicherheit, sind nur Folgerungen. „Der Völkerbund wird feine Autorität einbüßen, wenn ihm die Durchführung der Abrüstung nicht gelingt; denn die Welt erwartet die Sicherheit erst durch die Abrüstung," stellte Graf Bernstorff des tücitcrctt fest»
Was nun kommen foll? Graf Bernstorff, der selbst bisher ein begeisterter Verfechter der Idee der Abrüstung und des Völkerfriedens war, kehrt um vieles nüchterner nach Berlin zurück. Er sprach in Genf noch die Hoffnung aus, daß die Völkerbundversammlung, die öffentliche Meinung der ganzen Welt ihren Einfluß ausüben müssen, damit in der künftigen zweiten Lesung der bisherigen Kommissionsbeschlüsse ein wirklicher Erfolg erzielt werde. Ob er damit mehr aussprach als eine höfliche Schlußfloskel bei Beendigung dieser Kommissionsarberten # Wir glauben es nicht; Enthüllung d er W rrklich- keit ist vielmehr das, was jener englische Unterstaatssekretär zu gleicher Stunde wie Bernstorff im Unterhaus aussührte. Er weiß nicht, wann die Abrüstungskonferenz überhaupt kommt. Und hätte hinzufügen können, er wisse nicht, ob die Abrüstung überhaupt kommt.
Vorbehalte Deutschlands.
Eine Luftflotte des Völkerbundes.
Auf Veranlassung Deutschlands wurde in der Genfer Schlußsitzung an die Spitze des Kapitels über die Ratisi- kationsbestimmungen eine deutsche Generalreserve eingetragen. Mit dieser Generalrekerve wird
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Anwellerschäden in aller Welt.
Der Schaden noch u »'Übersehbar.
Das schlechte Wetter, das in den letzten Tagen über ganz Mitteleuropa wütete, hat an zahlreichen Orten ge- radeze verheerend gewirkt. Von allen Himmelsrichtungen laufen Katastrophenmeldungen ein, die auf ungeheuren, vorläufig noch nicht zu übersehenden Schaden schließen lassen.
Zu O re ußen hat der Sturm mannigfachen Schaden an den Telephonleitungen und Häusern angerichtet. Infolge des mit einer Sekundengefchwindigkeit von 22 Metern aus dem Haff in den Pregel drückenden Sturmes stieg der Fluß 1,40 Meter über seine normale Höhe. Der Maschinenraum der neuen Eisenbahnbrücke wurde unter Wasser gesetzt. Das Hochwasser reicht bis Tapiau. In der Nähe von Frauenburg strandete ein Schlepper mit einem Kahn. Die Mannschaft wurde von Frauenburg aus geborgen. Ein Holzkahn geriet auf der Höhe von Möwenhaken in Seenot. Die Besatzung konnte mit knapper Not unter schweren Anstrengungen gerettet werden. Ein zur deutschen Grenzwehr gehörender Zollkutter ist bei Kahlberg gestrandet. Seine Besatzung konnte sich selbst an Land retten. Die beiden nach Berlin und Stettin fälligen Flugzeuge konnten nicht starten.
In Pommern
wütete der mit kleinen Unterbrechungen schon seit Tagen anhaltende Sturm in der ganzen Provinz, vornehmlich im Küstengebiet der Ostsee, und erreichte mit einem aus SSW. kommenden Orkan, Windstärke 11, seinen Höhepunkt. Der Orkan richtete an Gebäuden und den Leitungsnetzen großen Schaden an. Sogar im Stadtgebiet von Stettin wurden mehrere Schaufensterscheiben vom Sturm ein- Sedrückz. ÄLfeS dem schweren Unwetter zwei mit Kies beladene Kähne. Während die Besatzung des einen sich retten konnte, ertrank von dem anderen der Schiffer Max Schmidt mit Frau mtb Kind. Auf der Höhe von Lubnin zerschellte ein Kahn, der sich auf der Fahrt nach Greifswald befand. Der Schiffer konnte sich retten. In der Wismarschen Bucht strandeten infolge des schweren Sturmes zwei Schiffe.
Das Oderhochwaffer.
Die aus dem Oberlauf der Oder gemeldete große Hochwafferwelle hat in ihren Ausläufern das Gebiet von Schwedt-Gartz erreicht. Die Wafferbauverwaltung hm Mannschaften und Material bereitgestellt, um bei etwaigen Dammbrüchen eingreifen zu können. Um die Gefahr für die Dammdeiche zu vermindern und auch den allgemeinen Hochwasserstand der Oder im Unterlauf abzusenken, mußten die Schleusen zu zwei bisher gegen das Hoch- |
die eventuelle spätere Zustimmung Deutschlands zu dem von Frankreich aufgestellten und in erster Lesung unter deutschem Vorbehalt angenommenen Grundsatz, daß alle bereits bestehenden Abrüstungsverpflichtungen, also auch die des Versailler Vertrages, durch die Bestimmungen der Abrüstungskonvention nicht berührt werden können, von der Erfüllung der verschiedenen grundsätzlichen deutsche« Forderungen, vor allem in bezug auf die ausgebildeten Reserven und das gesamte Kriegsmaterial, abhängig ge. macht. Gleichzeitig wird die Schaffung von Garantien dafür verlangt, daß in annehmbaren Fristen sichtbarere Fortschritte aus dem Wege einer allgemeinen Abrüstung n-ftig sind, als dies durch die geplante erste Abrüstungskonvention der Fall fein wird.
Auf der Tagung der Internationalen Luftfahrtkommission in London wurde ein Antrag angenommen, nach dem dem Völkerbund das Recht zur Unterhaltung einer eigenen Luftflotte gewährt werden soll. Für eine solche Luftflotte sollen bestimmte internationale Unterscheidungsmerkmale festgesetzt werden.
pwtest gegen stanröMe Schießübungen.
Zwei Granaten bei einem Gut krepiert.
Am 21. April hat die Artillerie der französischen Besatzungstruppen auf dem Schießplatz von Fellingen bei Trier, der aus ehemals bebautem Gelände besteht, Schießübungen abgehalten. Um 11 Uhr vormittags flogen kurz nacheinander zwei Granaten über den Weinort Oberemmel hinweg, dicht an dem der Domkirche von Trier gehörenden Weingutshof Scharzhof vorbei und s ch l u g e n in einer Entfernung von 100 Meter von dem Gebäude in eine Wiese, wosiekrepierten. Dreißig Meter von dieser Stelle befand sich eine Anzahl Arbeiterinnen bei der Arbeit. Da die Explostion auf einer sumpfigen Wiese stattfand, war ihre Wirkung nicht sehr groß und von den Mädchen wurde daher niemand verletzt. Die deutschen Behörden haben wegen des Vorfalles Vorstellungen bei der Beiaüuna erboben.
Wasser durch Deiche noch geschützten Wiesenpoldern zwischen Schwedt und Gartz geöffnet werden. Mehrere tausend Morgen Wiesen und einige Äcker wurden dadurch der Überflutung preisgegeben.
In Mecklenburg.
Nach Meldungen, die von der Leitung der zur Hilfeleistung ins mecklenburgische Hochwassergebiet ausgesandten Sicherheitspolizei in Schwerin eingetroffen sind, ist die Lage in der Gegend von Boizenburg und vor allem in der Sudeniederung so bedrohlich geworden, daß menschliche Kraft gegenüber dem Druck des Hochwaffers völlig machtlos ist. Die 200 Mannschaften der Sicherheitspolizei, die fast den ganzen Tag über bis zur Brust im Wasser gestanden haben und infolge der enormen Anstrengungen völlig ermüdet sind, haben sich, da ihre Bemühungen doch zwecklos sind, von den Rettungsarbeiten zurückgezogen. Der heftige Sturm treibt dauernd ungeheuer Waffermassen über die Ufer und überflutet immer größer« Gebiete fruchtbaren und bestellten Geländes. Im Sude- gebie't, wo die Deiche nur 3,80 Meter hoch sind, wirkt sich das Hochwasser besonders katastrophal aus. Die Folgen sind noch gar nicht abzusehen. Eine völlige Zerstörung der Sommerdeiche ist zu befürchten.
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Sie II"'^"'-lleberschwemmung.
Die Waffermassen des über seine Ufer getretenen Mississippi befinden sich noch in der Nähe von Memphis, aber binnen einem oder zwei Tagen werden sie in New- orleans Leben und Eigentum der Einwohner in Gefahr bringen, wenn nicht praktische Schritte getan werden. Der Gouverneur von Louisiana hat infolgedessen den Kriegssekretär in Washington um Erlaubnis ersucht, die Dämme unterhalb von Neworleans mit Dynamit zu sprengen. Hierdurch würden viele Quadratmeilen Ackerland überschwemmt werden, Die besorgten Landleute patrouillieren bereits mit Gewehren bewaffnet die Dämme ab, um etwaige Sprengmannschaften fernzuhalten. Wenn die Regierung indessen die erwähnte Erlaubnis gibt, so wür- den die Personen, deren Grundstücke überschwemmt würden, für ihre Verluste entschädigt werden.
Der Gouverneur von Louisiana mußte die National- garde aufrufen, um Zusammenstöße zu vermeiden. Der Gouverneur von Arkansas hat dringend um Zusendung von Impfstoff gegen Typhus und Pocken gebeten. In Arkansas sind auf der Krone des schmalen Deiches rund 3000 Menschen vom Wasser eingeschlossen. Frank B. Hahne, der frühere Präsident der Baumwollbörse von Neworleans, schätzte den Verlust der Baum- wollernte durch die Überschwemmung auf eine Million Ballen, die Memphiser Baumwollkreise schätzen den Verlust sogar auf 1^ Millionen.
Die Erhöhung des Briefportos.
Warum die Post Geld braucht.
Die Ankündigung des Reichspostministeriums, in nächster Zeit eine Erhöhung des Briefportos vorzu- nehmen, hat in Kreisen von Handel und Industrie zicm- liche Überraschung und Bestürzung hervorgerufen. Etliche Wirtschaftsverbände haben gegen die beabsichtigte Porto- erhöhung bereits Protest eingelegt und erklärt, daß sie eine neue bedenkliche Belastung der Wirtschaft darstellen würde. Die geplante Portoerhöhung kommt zu dem jetzigen Zeitpunkt auch um so überraschender, als der Reichspostminister bei den Beratungen des Reichspost- etats tm Reichstag vor einigen Wochen hatte erklären lasten, daß die Geschäftslage der Reichspost eine Tarif erhöhung nicht erfordere. Ein genauer Zeitpunkt für bü Portoerhöhung ist bisher noch nicht festgesetzt, da die betreffende Vorlage die zuständigen Stellen des Postministe
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riums noch nicht passiert hat und auch noch verschiedene Wirtschaftsverbände gehört werden sollen. Das Ministerium glaubt allerdings, daß die Erhöhung der Posttarife am 1. Juli in Kraft treten kann.
Der ehemalige Reichspostminister S t i n g l äußerte sich einem Journalisten gegenüber über die Gründe, die das Reichspostministerium jetzt dazu veranlaßt hätten, eine Erhöhung der Portokosten in Aussicht zu nehmen. Dr. Stingl erklärte, daß für ihn die Notwendigkeit einer Portoerhöhung außer Zweifel stände, wenn nicht eine be- beträchtliche Vermehrung des Umsatzes die Einnahmen der Post wesentlich steigere. Die Ankurbelung unserer Wirtschaft habe sich keineswegs so günstig ausgewirkt, wie man dies bei der Reichspost erhofft hatte, so daß ein Ausgleich für die erheblich gesteigerten Material-, Betriebs- und Personalkosten bisher nicht geschaffen worden sei. Dr. Stingl wies ferner darauf hin, daß die Reichspost indirekt einen guten Teil der Repara - tionsleistungen zu tragen habe. Im Jahre 1926 seien 70 Millionen Mark von der Reichspost an das Reich abgeführt worden. Die Geldabfindungen von Bayern und Württemberg für die Aufgabe des Postreservates ständen noch immer aus und auch für diess Zwecke müßten Gelder von der Reichspost bereitgestellt