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mit den Beilagen: Seimat?chollen / Illustriertes Unterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Unterhaltung und Willen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 94
Sonnabend, den 23. April 1927
77. Jahrgang
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Zu wenig evangelische Geistliche.
Von v. ReinhardMumm, Mitglied des Reichstages.
Von dem bekannten Politiker D. Mumm erbat einer unserer Berliner Mitarbeiter einige Aufklärungen über den in letzter Zeit öfters beklagten Rückgang der Zahl der evangelischen Geistlichen. Pastor D. Mumm stellte darauf folgende Darlegungen zur Verfügung:
Im Deutschen Reich ist die Zahl der Studierenden der evangelischen Theologie 1914: 4345, 1920: 3622, 1922: 3056, 1924: 2127, 1926: 2002 gewesen. Diese Zahl bleibt stark hinter dem Bedürfnis zurück. Das Bedürfnis dürfte bei der Zahl 3600 liegen. In den ersten Jahren nach dem Kriege trat ein Mangel noch nicht in die Erscheinung: die Zahl der stellenlosen Kandidaten und Hilssprediger war groß. Jetzt aber kann man in manchen Landeskirchen, z. B. in T h ü r i n g e n, bereits von einem empfindlichen Mangel reden. Und das, obwohl im Zusammenhang mit dem Wohnungsmangel die Pfarrer vielfach später wie früher in den Ruhestand treten. Es mag zur Stunde schon wieder ein gewisses Anschwellen der Ziffer zu bemerken sein, im ganzen bleibt doch der Notstand auch heute beachtlich.
Seine Gründe? Das beachtlichste scheint mir zu sein, daß das starke Sinken nicht mit der Revolution, sondern mit der Inflation zusammenfällt. Der Hauptgrund liegt darin, daß die kleinen Ersparnisse, die es den Eltern früher ermöglichten, ihre Kinder studieren zu lassen, in den Jahren 1922 und 1923 dahingeschwunden sind. Daher können so viele Eltern, insbesondere aus dem Pfarrer- und Lehrerstand, ihre Kinder nicht mehr studieren lassen. Auch die Zahl derer, die sich dem Volksschullehrer- beruf zuwenden, ist stark zurückgegangen, ist aber in den nächsten Jahren bei der großen Zah^der stellenlosen Jung- ^brer Nick: .tonnitoflaa ■
Weil so mancher gern Theologie studieren würde, wenn es ihm nur ökonomisch möglich gemacht würde, bedeutet es eine Hilfe, wenn jetzt die Studienstiftung des deutschen Volkes in D r e s d e n und die dortige Studenten- Hilse, die allen Fakultäten dient, es auch manchem erleichtern, Theologie zu studieren. Der Evangelische Ober- kirchenrat zu B e r l i n hat zu diesem Zweck 100 000 Mark bereitgestellt, auch haben Provinzialshnoden, Kreissynoden und Kirchengemeinden Stipendien ausgeworfen, z. B. Essen, B e r l i n - W i l m e r s d o r f und C h e m n i tz. Die h a n n o v e r s ch e Kirche kann aus ihrem Klosterfonds seit langem den Söhnen von Landgeistlichen besondere Erziehungsbeihilfen geben. Ebenso haben die mecklenburgische und die sächsische Landeskirche und andere Stipendien eingerichtet, und die alten Stipendien werden wohl im Laufe dieses Jahres auf Grund von § 27 des Anleiheablösungsgesetzes, wenn auch in stark verringertem Umfange, wieder aufleben. Dazu rammt, daß die Sorgen vergangener Jahre, die Gehaltszahlung oder die Versorgung seien unsicher, als säst beseitigt gelten darf. Pfarrer werden ebenso wie Oberlehrer und Regierungsräte nach der 10. Gehaltsklasse, ein Drittel nach der 11. Stufe besoldet und erhalten die gleichen Nebenbezüge für Wohnungsgeld, für Frau und Kind wie andere Akademiker. Die Notstände der Inflationszeit, die den Pfarrer zu einer Erwerbstätigkeit zwangen, sind überwunden. t „
Nun möchten wir freilich nicht, daß man zum theologischen Studium als zum Brotstudium griffe. Das führt zu innerlicher Zersetzung. Der Theologe bedarf der Freudigkeit, Christo in den Brüdern zu dienen. Er bedarf einer Innerlichkeit, die dem Zeitgeist hart ent-
pariser SandeWerstagSverhandbuigen unterbrochen.
Ministerialdirektor Posse in Berlin.
In den deutsch-französischen Handelsvertragsverhandlungen ist wieder eine Pause eingetreten, die auf bedeutende und grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zurückzuführen ist. Es besteht gegenwärtig eine starke Spannung, die möglicherweise zu einem vollständigen Abbruch der Verhandlungen führen dürfte. Die Ursache ist der neue französische Zolltarif, gegen den nicht nur von deutscher Seite, sondern vom gesamten Auslande ernsteste Bedenken erhoben werden. Die Zollsätze sind so hoch, daß sie die Vorkriegssätze in der Regel um das Dreifache übertreffen. Auf Grund eines solchen Tarifes ist es unmöglich, einen Handelsvertrag abzuschließen, der für beide Teile vorteilhaft wäre.
Der Führer der deutschen Handelsdelegation in Paris, Ministerialrat Posse, ist in Bettin zur Berichterstattung und zur Einholung neuer Instruktionen eingetroffen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß auf der bevorstehenden Weltwirtschaftskonferenz, die am 5. Mai in Genf zusammentritt, ein unverbindlicher Meinungsaustausch zwischen den Vertretern fast aller europäischen Industriestaaten und den französischen Vertretern sepfloaen wird.
gegengesetzt ist. Und dadurch erklärt es sich auch, daß der Theologenmangel eine internationale Erscheinung ist. Der Protestantismus Frankreichs leidet noch mehr' darunter, wie der deutsche, auch in Elsatz-Lothringen. Ebenso leidet die evangelische Kirche in Polen. In den Niederlanden sind von 1350 Pfarrstellen 270 in der reformierten Kirche unbesetzt, in den Freikirchen von 721 Stellen 216. Die anglikanische Kirche Englands hat 3500 Geistliche zu wenig — und auch die katholische Kirche hat stark mit Theologenmangel zu kämpfen. Auch die große Zahl der Schulen mit realistischem Bildungsziel erschwert das Studium der Theologie. Es ist hart, noch nach der Reifeprüfung drei Sprachen (Lateinisch.
Pastor D. Reinhard Mumm.
Griechisch und Hebräisch) lernen zu müssen, und es ist eine ernste Frage der Gegenwart, wieweit das Studium der hebräischen Sprache noch von jedem Theologen zu fordern sein wird.
Es wird auch die Frage entstehen, ob in vermehrtem Umfange Gemeindetzelfer u:d -Helferinnen ohne aka- demiscye )Durcyottdung und ob L h ein o innen als Helfer in der Seelsorge anzustellen sind — die eben zusammengetretene Preußische Generalsynode wird sich damit zu beschäftigen haben. Denn die allgemeine Landflucht und der Umstand, daß unter den Akademikern die Zahl^der gebürtigen Großstädter schnell wächst, dauernde Schwierigkeiten schaffen, die Sanbpf
»vnvyji, werden Landpfarrstellen
zu besetzen.
Die evangelischen Volkskirchen haben sich im letzten Jahrzehnt als g e f e st i g t erwiesen. Sie haben nun alle ihre neuen festen Verfassungen, sie sind durch den Deutschen Evangelischen Kirchenbund fest miteinander verbunden. Die Kirchenaustrittsbewegung konnte trotz aller Mühen im wesentlichen nur welke Blätter zum Abfall bringen, nirgends aber den kirchlichen Bestand erschüttern. Somit kann man nur wünschen, daß unter sunserer Jugend, in der der Drang nach unsichtbaren, unwägbaren Kräften stark ist, eine wachsende Schar sich zum Studium der evangelischen Theologie entschließen möchte. Freilich genügt nicht eine schwebende, rein subjektive Religiosität, die die Bedeutung großer Gemeinschaftsbildungen, wie es die Volkskirchen sind, nicht zu fassen vermag. Es gehört zum rechten Studium der Theologie ein wenn auch nur keimhaftes Verständnis für die Bedeutung und für die volksgestaltende Kraft der Reformationskirche. Schweres gibt es in jedem Beruf, auch im Beruf des Stadtpfarrers und des Landpfarrers. Wem es aber Freude ist, anderen zu dienen, müde Herzen aufzurichten, erschrockene Gewissen zu trösten und auch in vielen äußeren Nöten nach Kräften zu helfen, der wird im Berufsleben des Pfarrers eine Freude finden, die kein anderer Beruf zu geben vermag.
Deutschlands Recht auf allgemeine Abrüstung.
Die Vorbereitende Abrüstungskommission setzte in Genf nach der Osterpause die Durchberatung des Entwurfes für die künftige Abrüstungskonvention fort. Der deutsche Vertreter, Graf Bernstorfs, ergriff im Laufe der Verhandlungen mehrere Male das Wort, um Deutschlands Standpunkt klarzulegen. Er unterstrich hierbei nochmals entschieden die deutsche Forderung nach Begrenzung der ausgebildeten Reserven und des Kriegsmaterials jeder Art, über die bei den jährlich in Aussicht genommenen Veröffentlichungen über den Rüstungs- stand der Mächte Aufschluß gegeben werden müsse. Deutschland hat ein juristisches und moralisches Recht aus allgemein Abrüstung. Deutschland werde seine Zustimmung nur einer Konvention geben können, die seine rechtlichen Ansprüche zufriedenstellt. Sollte die geplante Abrüstungskonferenz nicht zu einem über- einkommen führen, das als tatsächliche Verwirklichung einer ersten Etappe auf dem Wege zur allgemeinen Abrüstung angesehen werden kann, so werde Deutschland mit sich zu Rate gehen müssen, ob es überhaupt eine solche Abrüstungskonvention unterzeichnen könnte.
Eine weitere Meldung aus Genf besagt, daß über den
von youanv gestellten Antrag aus jährliche listenmäßige Veröffentlichung der Waffen- und Munitionsbestände keine Einigung erzielt werden konnte. Namentlich die Vertreter Japans und Frankreichs hatten sich in energischer Weise gegen diesen Antrag ausgesprochen.
Maffenhinrichtungen in Hankau.
Angriffsvorbereitungen gegen Tschangkaischek.
। Flüchtlinge, die aus Hankau in Schanghai eintrafen, teilten mit, daß die Lage in Hankau besorgniserregend sei. Die Kommunisten nähmen dort Massenerschießungcn von Kaufleuten und Grundbesitzern vor und die Bevölkerung plündere. Tschen hat dem Konsularkorps mitgeteilt, daß, falls die ausländischen Kaufleute ihre Geschäfte nicht wieder aufnehmen, die Behörden keine Garantie für den Schutz der Berkaufsläden übernehmen können.
Nach einer Meldung der „Times" aus Peking wird berichtet, daß große Truppenabteilungen auf dem Jangtse von Hankau nach Wuhn befördert werden, um General Tschangkaischek anzugreifen. Dieser erklärte, daß er 300 000 Mann unter seinem Befehl habe uwb auf alles vorbereitet sei. Der Korrespondent bemerkt, es könne keine wirkliche Sicherheit geben, bevor nicht die fremden Besatzungen in Nordchina innerhalb des Gesandtschaftsviertels wesentlich verstärkt seien.
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Das bisherige Ergebnis der Durchsicht des in der Pekin- ger Sowjetbotschaft beschlagnahmten schriftlichen Materials soll erwiesen haben, daß Rußland über 76 000 englische Pfund Unterstützungsgelder an die chinesische Kommunistische Partei und an General Feng gezahlt habe. Der englische Militärattache habe die Dokumente photographieren lassen. Andere Schriftstücke sollen sich auf den russischen Spionagedienst in der englischen, amerikanischen und japanischen Botschaft beziehen.
Der StM-itrnüberfaU in Mexiko.
Zahlreiche überlebende wahnsinnig geworden.
Nach Berichten von Augenzeugen wurden zahlreiche Opfer des Banditenüberfalls auf den Merikoexpreß beim Eintreffen der Regierungstruppen durch Messerstiche zerstückelt und im Wahnsinn schreiend aufgefunden. Zwölf Überlebende, zumeist Amerikaner und Engländer, konnten nach Guadalajara geschafft werden. Ein überlebender, der ansehen mußte, wie seine ganze Familie verbrannte, lachte von Wahnsinn ergriffen, als man ihm von dem Vorgefallenen berichtete. Die Opfer wurden größtenteils sofort an der Schreckensstelle begraben, um Seuchen zu vermeiden. Bei der Ankunft des Zuges, der die über- lebenden des Eisenbahnattentats nach der Stadt Mexiko brächte, spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Ungefähr ganz kleine Kinder sind von den Banditen getötet worden. Zahlreiche Verwundete weisen äußerst gefährliche Verletzungen und Brandwunden auf.
Die genaue Zahl der Opfer des Eisenbahnüberfalls in Mexiko steht immer noch nicht fest. Der erste Lazarettzug kehrte nach Mexiko-City mit 50 Verwundeten zurück, unter denen sich eine Deutsche, Frau Levin, befand, die einen schweren Nervenschock erlitten hatte. Die verfolgenden Truppen haben die Räuber noch nicht erreicht, doch sind Flugzeuge ausgesandt, um ihre Fluchtlinie aufzu- finden. Präsident Calles hat den Kriegsminister angewiesen, die Operationen gegen die Banditen persönlich zu leiten, und hat befohlen, sie tot oder lebendig abzu- liefern.
genden Truppen haben die 3 sind Flugzeuge ausgesandt, finden. Präsident Calles l wiesen, die Operationen gl
Für die evangelische k ' schule.
Entschließungen des Evangelischen Reichselternlages.
Der in Hildesheim zu einer Beratung zusammengetretene Recchselterntag nahm zu der schulpolitischen Lage folgende Entschließung an:
. ..Der zum 5. Reichselterntag in Hildesheim versammelte Reichsverband evangelischer Eltern- und Vollsbünde fordert, daß ihm endlich ein in gewissem Sinne unveräußerliches vcr- fassungsmätziges Recht gegeben wird, und erwartet daher, daß dle Reichsregierung nunmehr ohne Verzögerung das angekün- dlgte Reichsschulgesetz vorlegt. Die evangelische Elternschaft verlangt für ihre Kinder die evangelische Bekennt- n i s s ch u l e. Es ist uns darum Gewissenspslicht, zu erklären, dap nur nicht länger auf das Reichsschulgesetz warten können, das der Bekenntnisschule Gleichberechtigung und volle Entsal- tungsfrciheit gewährleistet. Die Umwandlung der Gemeinschaftsschule in eine Schule mit christlicher Marke lehnen wir ab, weil dadurch für die christliche Erziehung eine innerlich unklare und unzureichende Grundlage geschaffen würde. Der Charakter der Staatsschule soll auch bei der Bekenntnisschule unangetastet bleiben. Aber zugleich sind im Rahmen der Schulverfassung die Rechte des Elterngewissens unbedingt sicherzustellen. Wenn wiederum die Reichsschulgesetz- gebung verschleppt würde, so wäre damit der Lösung der Schul- frage durch Konkordatsvertrag die Bahn freigemacht."
In weiteren Entschließungen wird die Aufgabe des Reichsverbandes evangelischer Elternverbände betont, für die Sicherung der Elternrechte auf der Grundlage der Reichsver- sassung einzutreten, und die Erwartung ausgesprochen, daß die Forderung einer gesetzlichen Vertretung der Eltern in den Schulverwaltungskörpern möglichst bald erfolge.