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HersMer Tageblatt ffersfelöer Kreisblatt Mtlicher Anzeiger für den kreis hersfelS

mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Unterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

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Nr. SS Montag, den 11. April 1927 77. Jahrgang

Loucheur.

Der frühere französische Minister und bekannte Wirtschaftsführer hielt soeben in Berlin vor einer großen Zahl von angesehenen Persönlichkeiten aus Handel und Industrie und anderen interessierten Zuhörern einen Vortrag über die Wirtschaftslage Europas. Ausdrücklich nahm dabei Loucheur Bezug auf die bevorstehende W e l t - Wirtschaftskonferenz in Genf.

Loucheur ist Wohl der bedeutendste Wirtschafts- politische Kopf, über den Frankreich jetzt verfügt. Sein die Wirklichkeiten aber nicht nur des wirtschaftlichen, son­dern auch des politischen Für- und Gegeneinanders der Nationen kühl abwägendes Temperament hält ihn sein von allen phantastischen Plänen. Er stellt fest, enthält sich dabei jeden überflüssigen Werturteils, will nur das Mög­liche, nicht das Wünschenswerte. Die Art seines Denkens und Wollens wurde deutlich in seinem Vortrag. Gewiß ist sein Ziel letztes Endes eine wirtschaftliche Vereinigung aller Staaten Europas, aber er bezweifelt, daß die Ge­wohnheiten, die Vorurteile der Nationen mit langer staat­licher Selbständigkeit und die Verschiedenheit der Sprache eine baldige Verwirklichung dieses Gedankens zulassen. Die europäische Wirtschaftskrise, die auf die Tatfachen und Ergebnisse des Friedens zurückgeht, hat eine allgemeine Verminderung der Kaufkraft des Goldes zur Folge gehabt, des weiteren ein Zurückbleiben des Er­zeugungsvermögens Europas gegenüber der Vorkriegszeit und letzten Endes die Entstehung einer Treibhausblüte der Wirtschaft infolge der Veränderung der politischen Grenzen. Dadurch wird an manchen Stellen eine wahnwitzige Übererzeugung ohne eine entsprechende Steigerung des Verbrauches herbeigeführt.

Und die Hilfsmittel, um Besserung zu schaffen? Loucheur ist zu nüchtern, um von einem schnellen Nieder- brechen aller Zollschranken zwischen den europäischen Staaten auch nur zu träumen. Der Gedanke der natio­nalen Sicherheit hat sich viel zu eng an die Schaffung eines Wir-der Ei-

Achtung von^ Zollmauern verknüpft, als daß diese Bin­dung so schnell sich beseitigen ließe. Hemmend wirkt außer­dem noch, daß die wirtschaftlichen Produktionsmöglich­keiten der einzelnen Länder vielfach gänzlich verschieden sind; unsicher ist die Lage eines Landes, das arm an Kohle und Erz ist, während der Nachbar auf reicher Roh­stoffgrundlage sich eine dauernde Schwerindustrie schaffen konnte. Aber doch hält Loucheur die Schaffung einer europäischen Zollunion für durchaus nicht unmög­lich. Unter der Führung Deutschlands, das auf dem Wege der Organisation der Wirtschaft weit voranschreitet, muß sich Europa von der rein persönlichen Wirtschaftsart zu einer gruppenweisen Zusammenfassung seiner Wirtschafts­kräfte entschließen, um den W e t t k a m p s mit Ame­rika aufnehmen zu können. Diese gruppenweise Zusam­menfassung der Wirtschaft, von Unternehmerseite aus­gehend, muß dann auch bald die Arbeitervertetungen in sich aufnehmen, freilich auch den Verbraucherorganisa­tionen Rechnung tragen. Die Herstellung eines Gleich­gewichts also wobei der Staat aber nicht seine Macht einsetzen soll; der Krieg hat bewiesen, welche ungeheure Schuld eine solche vom Staat beeinflußte Wirtschafts­führung verursachte. Hier will Loucheur die Einsluß- nahme des Völkerbundes eingeschaltet wissen. Eine Art wissenschaftliches und statistisches Kontrollinstitut unter der Beobachtung des Völkerbundes soll eine Dauerenquete zwecks Ausgleich, zwecks Erhaltung des Gleichgewichts zur Aufgabe habem Loucheur ist, um das allgemeine wirtschaftliche Gleichgewicht nicht stören zu lassen, jetzt auch gegen einen französisch-deutschen Wirtschaftsblock und dabei mag daran erinnert werden, daß gerade er es war, der in Wiesbaden mit dem verstorbenen S t i n n e s ein Übereinkommen zwecks engerer Zusammenarbeit der deutschen und der französischen Wirtschaft geschlossen hat. Er will also ein großes zueinander abgestimmtes Wirt­schaftseuropa, in dem Deutschland, England und Frankreich den Kern bilden.

Alle diese Aufgaben und Pläne sollen ja nun auf der kommenden Weltwirtschaftskonferenz noch des näheren be­sprochen werden. Ein Ziel ist ja schon erreicht, das erst Beratungsstoff auf dieser Konferenz abgeben füllte: die Schwierigkeiten der Finanzwirtfchaft sind im großen und ganzen in den einzelnen Ländern, behoben, die Währungs­festlegung durchgeführt. Es bleiben die Fragen der Zoll­schranken, der landwirtschaftlichen Zusammenarbeit und der europäischen Wirtschaftsorganisation. In diesem Zusammenhang hat aber Loucheur die uns am meisten drückende Frage des Dawes-Plans nicht berührt.

Man sieht, daß diese Gedanken auf einem durchaus möglichen Wege nicht zu nebelhaften Zielen hinführen, sondern nur eine Entwicklung weitertreiben, bei der wir Deutsche erfreulicherweise nicht in der hintersten Reihe marschieren.

Sanffchreiben -es Reichspräsidenten.

Anläßlich der Verabschiedung des Reichshaushalts.

Aus Anlaß der Beendigung der dritten Lesung des Reichshaushalts für 1927 und der Verabschiedung des Gesetzes über den vorläufigen Finanzausgleich sowie der damit in Verbinduna liebenden Gesetze bat der Reichs-

Ei« de«Wr Wftiiitgsoirtrig in Senf

Direkte Beschränkung des

Kriegsmaterials gefordert.

Neue Ausführungen des Grafen Bernstorff.

In der Vorbereitenden Genfer Abrüstungskommission ist ein Antrag der deutschen Delegation auf direkte Be­schränkung des Kriegsmaterials zur Sprache gekommen. Begründet wurde dieser Antrag von dem deutschen Dele- gationssührer, Grafen Bernstorff, der betonte, daß sowohl für Deutschland wie auch für jedes andere Land, das ernstlich die Abrüstung anstrebe, die Frage der Begren­zung des Kriegsmaterials und der Truppenzahl von ent­scheidender Bedeutung sei. Die bisher in Genf vorgeschlagene indirekte Beschränkung des Kriegsmaterials

auf dem Umwege der Heeresausgaben sei unbefriedi­gend und ein wenig wirksamer Ersatz für direkte Erfassung des Kriegsmaterials zum Zwecke der Abrüstung. Die Fortschritte der Technik hätten den Krieg der Menschen zu einem Krieg der Maschinen gemacht. Um so notwendiger sei die direkte Erfassung des Kriegsmaterials. Graf Bernstorff wies am Schluß seiner Ausführungen darauf hin, daß die öffentliche Mei­nung der Welt wolle und daraus warte, daß die W a f s e n Niedergelegt würden. Sie wolle nicht Umwege, son­

dern klare Tatsachen.

In der dann folgenden Aussprache schlössen sich die Vertreter Schwedens, Hollands, Finnlands und der Ver­einigten Staaten im wesentlichen den Ausführungen des

Präsident in persönlichen Schreiben dem Reichsfinanz­minister Dr. Köhler sowie dem Staatssekretär Dr. seinen Dank und seine Anerkennung für die hier geleistete mühevolle Arbeit ausgesprochen.

Die Reichszuschüsse für die Kleinrentnerfürsorge.

Die Reichsregierung beabsichtigt zur Verbesserung der Lage der Kleinrentner einen Betrag von 25 Millionen Mark als Zuschuß zur kommunalen Kleinrentnerfürsorge beizusteuern. Der Wohlfahrtsausschuß des Deutschen Landkreises ist nun der Ansicht, daß, ganz abgesehen von den erschwerenden Bedingungen, die für die Verwaltungen an diese Fondsverteilung wieder einmal geknüpft sind, diefe Mittel auch v i e l z u g e r i n g sind, um wirklich zu helfen. Auf den Kopf des Kleinrentners entfällt nur em Betrag von etwa 5 Mark, der kaum die Mieterhöhung decken wird. Es besteht auch keine Sicherheit, daß der Reichszuschuß laufend gewährt wird. Die mit der Über­weisung verbundenen Grundsätze werden daher von den Kreisen abgelehnt.

Die Marineunruhen vor dem Anisrsuchungsausschuß.

Nachklänge aus den Kriegsjahren.

Der parlamentarische Untersuchungsausschuß für die Ur­sachen des Zusammenbruchs hielt wieder eure offentuche Sitzung ab, in der eine Gegenüberstellung einiger seinerzeit bei den Marineunruhen verurteilten Matrosen mit dem damaligen Kriegsgerichtsrat und jetzigen Landgerichtsrat Dobring stattfand. Nach Vereidigung der erschienenen Zeugen eröffnete der Berichterstatter Abg. Joos (Ztr.) durch Befragen des Heugen, Dr. Dobring, die Verhandlungen. Dr. Dobring wies die Vorwürfe, die ihm über seine Haltung gegenüber den damals angeklagten Matrosen von 1917 gemacht werden, ganz entschieden zurück. Die auch wieder vernommenen früher verurteilten Matrosen behaupten von Neuem, daß Dr. Do­bring bei ihren Vernehmungen, die sich oft stundenlang hin- zogen, ganz entgegengesetzte Vernehmungsprotokolle aufgesetzt habe. Von einer politischen Organisation auf der Flotte sei im Jahre 1917 noch gar keine Rede gewesen. Der Abgeordnete Brüninghaus (D. Vp.) warf dabei ein, dag der Zeuge, der frühere Oberheizer Sachse, im Gegensatz zu seiner jetzigen Aussage doch einmal vor dem Ausschuß zugegeben habe, daß schon lange vor den Ernährungsschwierigkeiten über die deutsche Flotte

eine Vertrauensleuteorganisation von 3000 Personen aufgezogen worden sei. Diese Organisation^habe schon damals im Zeichen der Liebknechtschcn >;deen gestanden. Dies bestritt der Zeuge Weber, dem sich auq der Zeuge Steiqemann anschloß. Seinen Freund den erschollenen R uch- pietsch, stellte Steigemann als einen Mann dar, der sich einer politischen Führerrolle bewußt war und auch einmal zugav, hinter sich Abgeordnete zu haben. Fraglos habe Relchpatzch das Endziel gehabt, einmal

die Flotte lahmzulegen.

Als davon gesprochen wird, daß Reichpietsch 1915 in die zweite Klasse des Soldatenstandes versetzt worden war, weil er einem Kameraden 240 Mark entwendet hatte, stellte d^ Schneider fest, daß dieses Geld ihm und Reichpietsch Zusammen gehört hatte, und daß es zu dem an Bord verbotenen Zlga- rettenhandel verwendet werden sollte. Um ihn nicht zu ver­raten, hätte Reichpietsch den angeblichen Diebstahl aus stch ge­glommen. Der Ausschuß vertagte sich da,auf aus den.6. Mai.

Als davon ge

Grafen Bernstorff an, dagegen sprachen sich die Ver­treter Japans, Jugoslawiens und Rumäniens gegen den deutschen Vorschlag und für die Rüstungsbeschränkung durch Ausgabenbeschränkung aus. Graf Bernstorff be­dauerte, daß sich die Annahme seines Vorschlages, der nichts anderes verlangt, als was Artikel 8 des Völker­bundpaktes enthalte, als unmöglich erwies. Die deutsche Regierung werde bei den weiteren Verhandlungen aus ihren Vorschlag wieder zurückkommen, da er für Deutsch­land von entscheidender Wichtigkeit sei.

In der vorhergehenden Sitzung war es zu einem interessanten Rededuell zwischen dem deutschen Delegationsführer, Grafen Bernstorff, und dem Führer der französischen Delegation, Paul-Boncour, gekommen. Graf Bernstorff bezog sich in geschickter Weise bei dieser Auseinandersetzung, bei der es sich um eine Auslegung der Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages han­delte, auf ein amtlichesDokument der französischen Regie­rung, in dem französischerseits betont wird, daß Frank­reich für die Gleichheit der Völker kämpfe. Graf Bern­storff forderte den französischen Delegierten auf, nunmehr auch diesen Worten Taten folgen zu lassen. Paul-Boncour erkannte zwar die Berechtigung nach allgemeiner Ab­rüstung an, lehnte es aber in seinen Ausführungen aus­drücklich ab, für alle Völker Gleichberechtigung gelten zu lassen. Als Begründung für diese Auffassung führte er u. a. die Verschiedenheit der politischen und geographischen Lage der Länder an. Jedenfalls hat die bisherige Aus­einandersetzung in Genf noch keine Annäherung der Dele­gationen in der Frage der Abrüstung gebracht.

Dis Haussuchungen in Peking.

Die ausländischen Militärattaches in Peking besich­tigten, wie dieTimes" meldet, das bei der Haussuchung im Sowjetgebäude beschlagnahmte Material. Sie fanden außer Propagandamaterial gegen Japan, Frankreich und Großbritannien noch folgendes: eine Reihe von Siegeln für eine neue kommunistische Regierung, Ballen antibritischer und antiimperialistischer Propa­ganda, zwei Maschinengewehre, verschiedene alte Gewehre, zwanzig Revolver und ein starkes Lustabwehrgeschütz. Es wurde Munition für alle Waffen gefunden, aber keine Bomben. Die Gefangenen werden immer noch verhört, das Beweismaterial ist noch nicht veröffentlicht worden. Eine Anzahl von Dienern, die sich unter den Gefangenen befanden, ist bereits freigelassen worden. 35 bekannte Kommunisten werden gefangengehalten.

Wie dieTimes" weiter meldet, dauert die durch den Überfall auf das Sowjetgebäude verursachte Erregung an. In den Kreisen der Studenten herrsche große Unruhe wegen der geplanten Verhaftung von 4000 Chinesen, deren Namen auf einer bei dem Überfall aufgefundenen kommunistischen Liste verzeichnet sind. Die deutsche Kolonie in Hankau soll, ebenfalls nach denTimes", einen Dampfer für den Abtransport sämt­licher sich dort aufhaltenden deutschen Staatsangehörigen gechartert haben.

Gemeinsamer MchieNwteff in Lhina.

Fremdenflucht aus Peking.

Wie Havas mitteilt, haben sich die Regierungen von Frankreich, England, der Vereinigten Staaten, Italien und Japan dahin verständigt, wegen der Zwischen- fälle in Nanking vorstellig zu werden und Ge­nugtuung zu fordern. Ihre diplomatischen Vertreter in Peking hätten Anweisung erhalten und würden die zu übermittelnde gemeinsame Protestnote endgültig fertig- stellen. Es sei noch nicht bekannt, ob in Schanghai oder in Hankau und auch in Peking Schritte unternommen würden.

Wie Reuter erfährt, rechnet man damit, daß die Übergabe der Noten bereits in den nächsten Tagen erfolgt, daß aber die Veröffentlichung erst statt- finden wird, wenn die Noten sich in der Hand der Be­hörden von Kanton befinden. Die Frage der Sanktionen steht, wie verlautet, mit der Übergabe der Noten in keinem Zusammenhang.

Amerikanische Meldungen aus Peking berichten, daß auf Grund von Instruktionen des Pekinger diplomatischen Korps und der Konsuln Amerikas und der europäischen Mächte alleAmerikaner und Europäer in Hong­kong, Schanghai und Tientsin konzentriert werden sollen unter dem Schutz der Besatzungstruppen und der Schiffsgeschütze, bis in China wieder geordnete Verhält­nisse geschaffen sind. Das gesamte Gebiet Chinas soll vollständig von Fremden geräumt werden. In Peking bleiben nur die Diplomaten ohne Familien und die Ge- sandtschastswachen zurück.

Das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegen­heiten in Moskau hält dauernd Beratungen ab. ohne bis-