KersfelöerTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 84 (Erstes Blatt)
Sonnabend, den 9. April 1927
77. Jahrgang
Erwartung.
Die „Stille Woche" beginnt, die Karwoche, Tage der Einkehr und der Besinnung aus die letzten und heiligsten Dinge. Sie soll den Blick des Menschen nach innen lenken, ihm Gelegenheit geben, sich einen Augenblick daran zu erinnern, daß hinter dem Jagen nach Gewinn und Genuß ein Höheres steht, daß alles Streben schließlich enden muß in dem Verlangen nach ideellen, geistigen Gütern, sonst vergeht sein Leben wie der Klang des tönenden Erzes und der klingenden Schelle. Diese Erkenntnis soll nicht niederdrücken, sondern erheben. Ist die Karwoche doch die Vorbereitung aus das strahlende Osterfest, das wir mit fröhlichen Herzen erwarten. Für die christliche Welt bedeutet das Fest die Erlösung von allem Sündenfluch und zu gleicher Zeit vom Joch der sinsteren Winterleiden.
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Auch an jenen Stellen, wo in der Regel überschwengliche Erwartungen bald unter der Nüchternheit praktischer oder auch unpraktischer Erwägungen zufammenbrechen, wo länglicher Redeschwall oft genug die Blüten der Phantasie erstickt, in unseren Parlamentshäusern, hat die anbrechende Karwoche Ruhe geboten. Die Volksvertreter der einzelnen Länder sind zu ihren Hausgötterr heimgekehrt und der Reichstag hat seine Pforten geschlossen. Nicht, ohne daß es in den letzten Tagen noch zu erheblichen Schlachten kam und für Liebhaber von Lärm, von persönlichen Schaukämpfen einiges zu sehen und zu hören gab. Wie schwer schien es, den Generalrechnungsanschlag des Reiches unter Dach und Fach zu bringen. Zwar gelang es nicht, dieses Dach des Etats wasserdicht zu gestalten; es blieben viele bedenkliche Löcher und der verantwortliche Rechnungsmeister war gezwungen, ungezählten ausschweifenden Erwartungen die Spitze abzubrechen. Der deutsche Bürger wird auch fernerhin über grimmigen Steuerdruck klagen. Noch lasten zentnerschwer die Kriegsverluste auf Familie und Wirtschaft, noch müssen wir alle bittere Anstrengungen , machen,- um Mem die. Mache d§ - MsturzeS hinwimzu- kvinmen und neue Erwartungen zu richten auf die Zukunft, die getragen ist von dem Vertrauen zu der unerschöpflichen Kraft des deutschen Volkes, Mr freudig emporschießenden Blüte unserer Jugend.
Ziffernreihen, so wichtig sie für jeden getreuen Hausund Lebensverwalter sind, erscheinen mitunter etwas langweilig. Da tauchen denn zum Glück in der Arbeit der Reichsboten Punkte auf, die sozusagen ablenkend und erfrischend wirken. Oder ist das B id r, mäßig genossen und zu angemessener Zeit, kein erfrischender Gegenstand? Also um das Bier und — leider, leider — seine Besteuerung stritt man sich lebhaft in dem Berliner Wallotbau. Schließlich wurde der Zapfhahn der Reden darüber geschlossen, das durstige Bayern und jedes andere Land bekam seinen Anteil an dem vom Ertrag des Gerstensaftes gemästeten Steuerzettel. Er wird schon etwas bringen —, denn den Schoppen nach getaner Arbeit läßt sich kein alter und auch kein junger Deutscher nehmen, ebensowenig wie den besänftigenden blauen Dunst, der aus glimmendem Tabakskraut quillt. Zum Rauchen ist, seitdem Feuerstein, Schwamm und Stahl ins Meer der technischen Entwicklung versunken sind, das Zündholz unbedingt notwendig. Um seine Herstellung, seine beste Nutzbarmachung im Interesse der Allgemeinheit griff man sich im Reichstag so heftig an die Köpfe, daß das „Hohe Haus" damit nicht fertig wurde und die Schachtel mit den roten oder weißen Zündstäbchen bis nach den Ferien zurückstellen mußte. Wie unscheinbar ist so ein kleines Zündholz. Und doch wird seine Bedeutung mächtig, wenn es in Gesellschaft von Millionen feiner Genossen alltäglich verbrannt wird und so beitragen muß zur Bestreitung der öffentlichen Ausgaben. Es gibt nichts Kleines unter der Sonne — Kleinigkeiten machen schließlich die Summe des Lebens aus. Deshalb auch das Ringen um eine Stunde Arbeitszeit mehr oder weniger in dem vom Reichstag verabschiedeten A r b e i t s- zeitnotgesetz — der Müßiggang, nicht die Arbeit, ist der Fluch der Menschen.
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Hinter der Mühe den Preis, hinter der Arbeit den Lohn. Kann man aber von Preis und Lohn reden, wenn in Genf kleinliches Feilschen und nicht mehr zu verbergende Hinterlist offenbar werden bei der Frage, die nun schon so lange auf der Tagesordnung der zünftigen Diplomatie steht, der Frage der Abrüstung? — Wir in Deutschland mußten abrüsten und haben es getan, gedrängt und angefeuert von den anderen mit dem Ver- fprechen, sobald wie möglich, morgen, übermorgen, nach- zusolgen. Und da dieses übermorgen längst dahin ist, da die Nachfolge nun endlich Tatsache werden soll, drückt man sich, versteckt sich hinter Phrasen und Vorwänden, salbadert und spricht und spricht, um nichts zu tun. Währenddessen geht in China alles drunter und drüber, wird notdürftig in Albanien die Lunte vom Pulverfaß ferngehalten, macht Frankreich sein ganzes Volk samt Weibern, Kindern und Greisen zu Soldaten, hält Mussolini Jmperatorreden, baut Britannien Luftflotten und versendet Coolidge aus Washington gleichzeitig Friedensbotschaften und gepanzerte Kriegsschiffe. Sind der Mensch und seine Kultur reif genug, um ein tausendjähriges Friedensreich aufzubauen, oder bleibt alles eine schöne Sage, hinter der angriffsbereit die Tücke lauert
915 ArteiWiMM angenommen
knappe Mehrheit für das
Arbeitszeitnotgeseß.
Vertagung des Reichstages bis 10. Mai.
(309. Sitzung.) CB. Berlin, 8. April.
Die Kommunisten legten zu Beginn der Reichstagssitzung eine Interpellation wegen der Vorgänge i n P e k i n g vor, die aber zurückgestellt werden mußte, da kein Regierungsvertreter anwesend war, der erklären konnte, ob die Regierung antworten wolle.
Auf der Tagesordnung steht als einziger Punkt die dritte Lesung des Arbeitszettnotgesetzes.
Abg. Gratzmann (Soz.) legte noch einmal die Gründe für die ablehnende Haltung der sozialdemokratischen Fraktion dar und wandle sich dabei besonders gegen die Wünsche des Handwerks, von dem Gesetz befreit zu werden. Er erklärte den Achtstundentag für tragbar und für erforderlich, um dem Arbeitslofenproblem wirklich zu Leibe gehen zu können.
Abg. Dr. Stegerwald (Ztr.) widersprach der Behauptung, daß die Sozialdemokratie die Forderungen aller Gewerkschaften vertrete. Das Verhandlungsergebnis sei von allen Seiten nuralsRichtlinien angesehen worden, die nicht Plötzlich und restlos im Reichstag durchgesetzt werden könnten. Durch forsches Auftreten könne man die Arbeitszeitfrage nicht lösen. Weiter erklärte der Abgeordnete die Sozialdemokratie für entbehrlich. Ihre Politik sei immer falsch orientiert gewesen. Sie hätte auch mit der welthistorischen Stunde der Revolution nichts anzufangen gewußt. Ebenso wäre der Sturz Marx' im Dezember 1926 bestimmt kein Meisterstück der Sozialdemokratie gewesen.
Abg. Heckert (Komm.) erklärte, jetzt bekommen die Sozial- demokraten den Dank des Herrn Stegerwald dafür, daß sie mit den Christlichen und den Demokraten den Achtstundentag verraten hätten.
Abg. Stöhr) (RatioWlsc^)» MMM sich, MM uueinge- schränkten Achtstundentag, stimmte aber dem Rotgesetz zu, weil es für die Arbeitnehmer erhebliche Vorteile bringe.
Abg. Gratzmann (Soz.) erklärte, Herr Andre und Herr Stegerwald hätten sich lieber nicht zu Fürsprechern ihrer Partei für dieses Gesetz machen sollen; sie hätten das bester anderen überlasten sollen.
Abg. Limbertz (Soz.) beschwerte' sich über den Arbeiterverrat des Zentrums. Die Schwäche der Gewerkschaften sei eine Folge der Dummheit und Bosheit der Kommunisten.
Abg. Rieseberg (Dtn.) fand den Widerstand der Linken unverständlich, da ja dem Unternehmer neue Lasten auf- gebürdet würden. Redner empfahl schließlich eine Ausschuß- entschließung, die einen Gesetzentwurf fordert zur Änderung der Verordnung über die Arbeitszeit in den Bäckereien und Konditoreien in dem Sinne, daß die zugelassene wöchentliche Arbeitszeit eine freiere Verteilung auf die einzelnen Wochentage erfährt.
und die Gier nach dem Gut des Nächsten? Ware es an uns, so würden wir getrost einen entschiedenen Mißtrauensantrag gegen die Legende von der allgemeinen Abrüstung einbringen. Gar zu heftig sind die Erwartungen in dieser Hinsicht getäuscht worden. Manche unter uns haben gar zu fest geglaubt und müssen nun die Wahrheit des Wortes erkennen: „Wer leichtlich glaubt, wird leicht betrogen."
Doch trotzdem und alledem — jede Karwoche geht zu Ende und auch für unser deutsches Volk muß einmal das Auferstehungslicht alle Schatten seines Passionsweges verscheuchen. io.
Neues Vorgehen gegen Rußland in China.
Erregung in Moskau.
Das Diplomatische Korps in Peking hat gegen das Vorgehen der chinesischen Behörden im Pekinger Diplomatenviertel, wo nach den bisherigen Meldungen russische Baulichkeiten durchsucht wurden, Einspruch erhoben. Dieser Einspruch ist, wie Havas meldet, darauf zurück- zuführen, daß die chinesischen Behörden die ihnen vom Diplomatischen Korps erteilten Vollmachten überschritten haben. Abgesehen von der russischen Bank, sollen sie auch in die früheren Wohnräume der Russisch-chinesischen Eisenbahngesellschaft und in die frühere Kaserne eingedrungen sein, in der ehemals die russische Gesandtschaftswache un'tergebracht war.
. Die Haussuchungen in russischen Unternehmungen werden auch in anderen Städten Chinas fortgesetzt. So ist in T i e n t s i v chinesische Polizei, wie es heisst mit Genehmigung des französischen Konsulats, in die Sowjetbank, in die Bureaus der chinesischen Ostbahn sowie in andere Gebäude, die alle in der französischen Konzession liegen, eingedrungen. Alle in den durchsuchten Gebäuden angetroffenen Personen wurden festgenommen und viele Schriftstücke mit Beschlag belegt. In Schanghai ist das russische Generalkonsulat von Polizei und weißrussischen Soldaten u m z i n g e l t, so daß jeder Verkehr des Konsulats mit der Außenwelt abgeschnitten ist. Nach anderen Berichten soll sogar das Konsulatsgebäude von einer weißrussischen Freiwilligenabteilung besetzt worden sein.
In Moskau ist man über die Vorgänge in China, bei denen das russische Ansehen stark in Mitleidenschaft gezogen ist, sehr erregt. Dieser Erregung gibt die offiziöse „Jswestija" Ausdruck, die betont, daß die öffent-
Abq. Dr. Stegerwald (Ztr.) erwiderte auf die Angriffe der Linken. Er billige die politische Entwicklung, die das Ausscheiden der Sozialdemokraten mit sich gebracht habe, nicht. Er wolle keine Rückwärtsentwicklungen, namentlich keine sozialpolitischen. Er habe das Zustandekommen der Rechtskoalition sogar abhängig gemacht von der Beseitigung der llberstunden- mißstäude, die dieses Gesetz nun auch tatsächlich bringt. Damit schloß die Aussprache.
In der Schlutzabstimmung wurde das Arbeltszeit- notgesetz mit 195 gegen 184 Stimmen bei zwei Enthaltungen angenommen. Dagegen stimmten die Syzialdemokraten, Kom- munisten, Demokraten und die Wirtschaftspartei. D a s G e s e tz t r i t t a m 1. M a i i n K r a s t. Angenommen wurde die Entschließung bezüglich der Bäckereien und eine weitere Entschließung, die Maßnahmen gegen die Schwarzarbeit fordert. ,
Vizepräsident Esser teilte mit, daß die Regierung bereit sei, die kommunistische Interpellation über
die Vorgänge in Peking.
zu beantworten. Abg. Stöcker (Komm.) begründete dann die Interpellation und forderte zum Protest auf gegen das Eindringen chinesischer Truppen in die russische Botschaft in Peking.
Der Dirigent der ostasiatischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, Geheimrat Dr. Trautmann, erwiderte, daß aus den neuesten telegraphischen Berichten des deutschen Gesandten in Peking hervorgehe, daß er von dem Vorgehen der chinesischen Polizei vorher keine Kenntnis hatte, sondern dadurch vollkommen überrascht worden sei. Zu einer erschöpfenden rechtlichen Beurteilung des Vorgehens der chinesischen Polizei fehle es dem Auswärtigen Amt im Augenblick noch an den nötigen tatsächlichen Unterlagen. Aus alle Fälle müsse berücksichtigt werden, daß Deutschland in dem Versailler Vertrage aus bte Rechte aus dem sogenannten Pekinger Protokoll hat verzichten müssen. Er möchte schließlich besonders davor warnen, einzelne ausländische Regierungen wegen dieser Ereignisse an» zugreifen, deren Tatbestand noch nicht einmal ganz fcststeht. Damit ist die Angelegenheit erledigt Das Haus verLaHt-e sich dann bis zum 10.- Wen
Vizepräsident Esser wies in einem Schlußwort darauf hrn, daß eine arbeitsreiche Tagung ihren Abschluß gefunden habe. Er stellte mit Befriedigung fest, daß der Haushaltsplan, wenn auch nicht zum verfassungsmäßigen Termin, so doch nur mit kurzer Verspätung erledigt werden konnte. Er dankte besonders dem Haushaltsausschuß und seinem Vorsitzenden, dem Abgeordneten Heimann. Besonders schmerzlich wurde das Fehlen des Präsidenten Löbe bemerkt. Erfreulicherweise konnte sich dieser bereits wieder im Reichstage zeigen und es bestände die sichere Erwartung, daß er nach der Pause die Zügel der Reichstagsregierung wieder fest in die Hand nehmen wird. (Beifall.) Der Vizepräsident schloß, indem er den Abgeordneten ein fröhliches O st e r f e st wünschte.
Abg. Müller-Franken (Soz.) sprach auch den Vizepräsidenten den Dank des Hauses aus.
Itche Meinung der Sowjetunion höchste Erregung und Empörung über die verübten Gewalttaten zeige. Das Blatt stellt in Aussicht, daß, sobald sich die Lage geklärt haben wird, Rußland die nötigen Konsequenzen ziehen wird.
Pessimismus in Genf.
Die Frage der Begrenzung der Rüstungsausgaben.
Die Freitagssitzung des Vorbereitungsausschusses für die Abrüstungskonferenz, auf deren Tagesordnung die Begrenzung der Rüstungsausgaben stand, brächte infolge der entschiedenen Ablehnung dieses Punktes durch den japanischen Vertreter und einer anschließenden, außerordentlich pessimistischen Erklärung des belgischen Delegierten de Broucköre interessante Erwiderungen der Vertreter Englands, Frankreichs, Deutschlands, Polens, Hollands und anderer Länder, die für die Beurteilung des augenblicklichen Standes der Abrüstungsarbeiten innerhalb der verschiedenen Delegationen charakteristisch sind. De Broucköre hatte festgestellt, daß eine Begrenzung der Rüstungen bis jetzt eigentlich auf keinem einzigen Gebiete beschlossen wurde. Zuerst habe man von der Abrüstung, dann von der Herabsetzung und schließlich von der Begrenzung der Rüstungen gesprochen. Unter den augenblicklichen Umständen sei zu befürchten, daß man schließlich nicht einmal von einer Konvention zur Begrenzung der Rüstungen, sondern nur noch von einer Konvention über die Veröffentlichung und gewisse Vereinbarungen betreffend den Rüstungsstand der einzelnen Länder werde sprechen können. Er verzichte nach dieser Feststellung auf nutzloses Reden und es bleibe ihm, wie er mit bewegter Stimme schloß, nichts anderes übrig, als sich auf seinen Stuhl niederzusetzen. Vergeblich versuchte Lord Robert Cecil, den tiefen Eindruck der pessimistischen Ausführung de Broucktzres abzuschwächen, der durch eine Rede Paul-Boncours, obwohl der französische Delegierte sichtlich bemüht war, die Stimmung wieder zu heben, tatsächlich noch verstärkt wurde.
Der deutsche Delegierte Gras Bernstorfs erklärte, daß er nicht unbedingt gegen die Beschränkung der Rüstungsaus- gabcn sei, daß er sie aber nur als eine ergänzende Methode nach der Durchführung der direkten Beschränkung der Rüstungen anerkennen könne. „Wenn wir hier," so erklärte Graf Bernstorff, „nicht zu dieser unmittelbaren Beschränkung der verschiedenen Rüstungsarten kommen, so wäre allerdings der Pessimismus de Broucksres berechtigt.
Ich hoffe aber immer noch, daß wir dazu kommen werden, die Mitarbeit der deutschen Delegation bei jeder Maßnahme zur Beschränkung der Rüstungen ebestsalls W sichern.