HersMerTageblatt
Hersfel-er Kreisblatt
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mit den Beilagen: Leimalschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Anlerhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagessragen.
Nr. 71
Freitag, den 25. Mär; 1927
77. Jahrgang
Kanäle.
Von sachverständiger Seite wird uns geschrieben:
Zwischen der Eisenbahn und den Kanälen in Deutschland hat ja immer ein heftiger Wettbewerb stattgefunden; bekanntlich ist der Transport zu Wasser beträchtlich billiger als der auf der Achfe. Verschärft ist die Lage aber letzt dadurch, daß die Reichsbahn zu einer Art Privatgesellschaft geworden und der Verwaltung des Reiches ^tzogen ist, außerdem aber auf Grund des Dawes- Planes gewaltige Lasten zu tragen hat. Auf der anderen Serie ist ber Bau von Kanälen gegenüber der Vorkriegszeit zu einer weit kostspieligeren Sache geworden, weil die Bodenpreise ebenso gestiegen sind wie die Herstellungskosten, obwohl hierbei die Errungenschaften der modernen Technik weitgehend eingefetzt werden konnten. Dazu
^ — abgesehen von sonstigen Wirtschafts- polrtrschen Erwägungen — der Kanalbau ein besonders begünstigter Gegenstand der produktiven Erwerbslosen- fursorge geworden ist. Die Eisenbahn erblickt darin eine schwere Konkurrenz, die geeignet ist, den dringend gebrauchten erhöhten Ertrag des Eisenbahnbetriebes zu schmälern.
Außerdem aber muß die deutsche Wasserstraßenpolitik mit ganz entgegengesetzten wirtschaftspolitischen Anschauungen rechnen. Um nur ein Beispiel anzuführen: der Mittellandkanal, der ja seit Jahrzehnten Gegenstand des schärfsten Für und Wider ist, würde zwar einerseits den Transport der rheinisch-westfälischen Kohle bis weit nach dem Osten Deutschlands hmein stark verbilligen, andererseits aber dazu führen, daß die ober- schlesische Kohle dort geringeren Absatz fände. Ebenso würde durch diesen Kanal die Einfuhr ausländischen Getreides in das Herz Deutschlands hinein sehr erleichtert werden. Aus diesen Umständen erklärt es sich, daß sich weite Kreise des deutschen Ostens, ohne Rücksicht auf Parteistellung, gegen den Bau des Mittellandkanals wehren, weil sie übermächtigen Wettbewerb aus dem Westen befürchten. Ein anderer Kanalplan, der so- zenannte Hansa-Kanal, der aus dem rheinisch-west- in hie ^g^an-^^^
Gebiete", also an die deutsche Nordseeküste führen soll, hat das Ziel im Auge, dort den Vorspung wettzumachen, Den die englische Kohle infolge des billigen Seetrans- »ortes genießt. Schließlich ist noch ein drittes Projekt zu erwähnen, ein Kanal nämlich, der vom Aachener I n - sustrierevier zum Rhein hinüberführen und damit Dieses Gebiet wirtschaftlich enger an den industriellen Westen anschließen soll.
Der neue Reichsverkehrsminister Koch nimmt nun in tiefem (Streit um die Frage: Kanal oder Eisenbahn? einen vermittelnden Standpunkt ein. Er hat in seiner Ein- nihrungsrede zum Haushalt seines Ministeriums im Reichstag nur d i e Mittel angefordert, um die Bauwürdigkeit der beiden zuletzt genannten Pläne zu untersuchen. Die Akten über den Mittellandkanal Hinzegen sind geschlossen; der Kanal wird gebaut, besonders Da er auch für den Abtransport des deutschen Kalis von Wichtigkeit ist. Die Reichsbahn steht nun demgegenüber auf dem.Standpunkt, daß die Kanalkonkurrenz für sie nicht bloß außerordentlich schädlich ist, sondern ist auch der Ansicht, daß das für Kanalbauten aufgewendete Geld viel zweckmäßiger für den Ausbau entsprechender Eisenbahnlinien verwendet werden sollte. Um jene Transportmöglichkeiten zu schaffen, die durch den Bau der Kanäle geplant sind, brauche man, so wird gesagt, bei entsprechender Vervollständigung des Eisenbahnnetzes weit geringere Mittel als für den Kanalbau. Wesentlich für Die Wirtschaftlichkeit eines solchen Kanals sind nicht bloß die Kosten des Baues an sich, sondern aucy beispielsweise die Einlade- und Auslademöglichkeiten, die natürlich beim vorgesehenen Transport von Massengütern beträchtliche sein müssen. Denn nicht Einzelgüter, sondern Massengüter zu transportieren, ist die wirtschaftliche Aufgabe jedes Kanals. Und dieser Transport darf sich auch nur auf lange Strecken hinziehen, weil er sonst wenig rentabel wäre. Der Reichsverkehrsminister hat in seiner Rede auch auf die zweite Konkurrenz hingewiesen, die der Reichsbahn aus dem K r a f t f a h r w e s e n her erwächst, das wieder den Transport für kurze Strecken wirtschaftlich sehr rentabel macht. Wägt man also diese Transportmöglichkeiten wirtschaftlich gegeneinander ab, so wird die Entscheidung nach dieser oder jener Seite nicht so leicht. Muß man doch auch im Auge behalten, daß in der gesamten Verkehrspolitik der Fortschritt der Technik eine besonders große Rolle spielt und häufig genug in kurzer Zeit umwälzend wirken kann.
Die neue Arbeitszeit.
Zustimmung des Reichskabinetts.
Das Reichskabinett beriet gestern erneut die Frage des Notgesetzes über die Regelung der Arbeitszeit. Es erklärte sich einstimmig mit den von den Regierungsparteien in der ursprünglichen Vorlage vorgenommenen Änderungen einverstanden, die eine Ergänzung im Sinne der Reichsregierung darstellen, und verfügte die sofortige Wciterleitung der Beschlüsse an den Reichsrat.
Die ausschlaggebenden Bestimmungen des Arbeitszeitnotgesetzes werden in der neuen Fassung folgenden Inhalt haben:
.„Erstens, wird dem.8.6 des Gesetzes eine Bestimmung an-
Nch immer WMU auf dem Man
Ställen widersetzt sich der
AterfuchlrnMommifsion.
Keine Beteiligung Deutschlands.
Die Beilegung des Konfliktes zwischen Italien und Jugoslawien scheint doch nicht so glatt vonstatten zu gehen, wie man dies namentlich in Paris, London und Berlin ^erwartet hat. Die Kabinette dieser drei Länder waren bekanntlich mit Zustimmung der jugoslawischen Regierung dahin übereingekommen, durch eine auf breitester Grundlage gebildete Kommission an der albanisch-serbischen Grenze eine Untersuchung vornehmen zu lassen. Gegen diese Entsendung der Untersuchungskommission hat nun der italienische Botschafter in Paris Einspruch erhoben. Italien begründet diesen Widerstand gegen die Unter- suchungskommisston damit, daß es nach Ansicht der italienischen Regierung unbestreitbar sei, daß die jugoslawische Regierung an der albanischen Grenze Militärvorbereitungen getroffen hat. Bis zum Eintreffen der Nntersuchungs- kommisston würde nach Ansicht der italienischen Regierung Jugoslawien die Truppen von der albanischen Grenze zurückgezogen haben.
gefugt, me Besagt: Wirv Mehrarbeit geleistet, so haben die Arbeitnehmer, mit Ausnahme der Lehrlinge, Anspruch auf eine angemessene Vergütung über den Lohn für die Arbeitszeit hinaus. Als angemessene Vergütung gilt ein Zuschlag von 25 %, sofern die Beteiligten nicht eine andere Regelung vereinbaren. Im Streitfälle entscheidet bindend der Schlichter.
§ 10 lautet in der neuen Fassung: Die Beschränkungen der Arbeitszeit finden keine Anwendung aus Arbeiten in Notfällen «nd in anderen außerordentlichen Fällen, die unabhängig vom Willen der Beteiligten eintreten und nicht auf andere Weife zu beseitigen sind, besonders, wenn Rohstoffe oder Lebens- jni^I- äOPS^®^^ wtM,-E AeHsÄSsrz^ zu mißlingen droht.
Das gleiche gilt, wenn eine geringe Anzahl von Arbeitnehmern an einzelnen Tagen mit Arbeiten beschäftigt wird, deren Nichterledigung das Ergebnis der Arbeit gefährden oder einen unverhältnismäßig großen wirtschaftlichen Schaden zur Folge haben würde, und wenn dem Arbeitgeber andere Vorkehrungen nicht zugemutet werden sönnen.
Im übrigen wird in dem Gesetz bestimmt, daß eine Arbeitszeit von zehn Stunden nur überschritten werden darf aus dringenden Gründen des Gemeinwohls mit befristeter Genehmigung oder wenn es sich um Vorbereitungs- und Ergänzungsarbeiten handelt, bei denen eine Vertretung des Arbeitnehmers durch andere Arbeitnehmer des Betriebes nicht möglich ist und die Heranziehung betriebsfremder Arbeit- nehmer dem Arbeitgeber nicht zugemutet werden kau».
Lettischer Präsidentschaftskandidat Dr. Woit.
Die größte Aussicht, der Nachfolger des kürzlich verstorbenen Präsidenten des Freistaates Lettland, I a h n i s
gewesene lettische außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister Dr. Woit, dessen Bild wir oben wiedergeben.
Dr. Köhler über SLeuerfragen.
Keine Senkung der Zucker st euer.
Im Steuerausschutz des Reichstages führte der Reichsminister der Finanzen auf Anfrage der Sozialdemokratischen Partei aus: Nach dem Gesetz vom 3. September 1925 ist die Reichsregierung verpflichtet, wenn die
Nach einer Meldung des „Echo de Paris" soll England übrigens daraus bestehen, datz an der etwa einzu- setzenden Untersuchungskommission auch deutsche Offiziere beteiligt sein sollen. Von amtlicher deutscher Seite wird hierzu mitgeteilt, daß eine diesbezügliche Anfrage an die deutsche Regierung bisher noch nicht gestellt worden sei. In Berliner politischen Kreisen wird stark bezweifelt, daß Deutschland einem Ansuchen nach Mitbeteiligung an der Untersuchungskommission entsprechen würde. Mit der Übernahme einer solchen Pflicht würde Deutschland auch eine Verantwortung auf sich laden, die zu übernehmen es keine Veranlassung habe.
Eine Protestnote Jugoslawiens.
Als Gegenschlag zu dem Vorgehen Italiens hat jetzt auch die Regierung Jugoslawiens Material für eine Zirkularnote zusammengestellt, die an alle befreundeten und verbündeten Regierungen geschickt werden und in der nähere Angaben über militärischeVorbereitun- gen Italiens unter der unmittelbaren Leitung Musiolinis enthalten sein sollen. In der Note werden diese Rüstungen als eine unmittelbare Gefahr für alle Nachbarstaaten bezeichnet und es wird eine Enquete und Nachprüfung dieser Rüstungen verlangt.
Lohnsteuer in zwei aufeinanderfolgenden Vierteljahren mehr als 600 Millionen Mark erbringt, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die L o h n st e u e r entsprechend senkt. Die Reichsregierung hält sich an dieses Gesetz gebunden und würde, wenn das Lohnsteueraufkommen die bezeichnete Höhe übersteigt, einen Gesetzentwurf vorlegen. Desgleichen werde die Reichsregierung, wenn die Vermögenssteuer unter 400 Millionen Mark bleibt, der aber erst in der ersten Hälfte des Mai übersehen werden können.
Zu den Anträgen aus Senkung oder Aufhebung der Zucker st euer müßte er erklären, daß die Etatslage des Reiches, wie sie sich gegenwärtig darstellt, eine Senkung der Zuckersteuer im jetzigen Zeitpunkt nicht zuläßt.
Der Steuerausschuß lehnte einen sozialdemokratischen Antrag ab, daß die Bevorzugung der landwirtschaftlichen Gebäude bei der Hauszinssteuer beseitigt und die Verwendung dieser Steuer für fiskalische Zwecke aus 20 % begrenzt wird. Desgleichen wurde ein kommunistischer Antrag abgelehnt, der die Hauszinssteuer aufheben und die Mieten auf 60 % der Friedensmiete herabsetzen will.
Angriff auf die Ausländer von Aanking.
Geschützfeuer englischer und amerikanischer Kriegsschiffe
Nach einer Radiomeldung ans Nanking wurde der Hügel, auf den sich die Ausländer aus Nanking geflüchtet hatten, beschaffen. Man glaubt, daß das Feuer von Kantontruppen abgegeben wurde. Der britische Konsul wurde verwundet und ein britischer Arzt getötet. Hierauf bombardierten britische und amerikanische Kriegsschiffe das Gelände in der Nähe des Hügels, um den Ausländern die Räumung des Hügels zu ermöglichen. Es wurden ferner zu diesem Zweck auch Marinedetache- ments gelandet — Drei in Manila vor Anker liegende amerikanische Zerstörer haben vom amerikanischen Admiral Williams in Schanghai Befehl erhalten, sofort nach Schanghai zu kommen.
Reuter meldet aus Schanghai, daß Weisung zur Einstellung des Generalstreiks ergangen ist. Der Pekinger Korrespondent des „Daily Telegraph" meldet: über die hier eintreffenden Nachrichten wird eine strenge Zensur ausgeübt. Unter dem Verdacht der Agitation für die Kantonesen wurden 40 Studenten von den hiesigen Polizei- und Militrbehörden verhaftet.
Deutscher Reichstag.
(295. Sitzung.) CB. Berlin, 24. März.
Die zweite Lesung des Haushalts des Reicksverkehrs- ninisteriums wurde fortgesetzt. Abg. Quaatz (Dtn.) berichtete über die Verhandlungen des Ausschusses und teilte dabei mit, baß in den Etat neu eingestellt worden seien zum , Betriebe einer weiteren Luftverkehrslinie Berlin—Danzig—Königsberg 105000 Mark, für die Linie Danzig—Marienburg—Elbing— Allenstetn 110 000 Mark, zur Förderung des Luftverkehrs mit Südamerika 1800 000 Mark. Der Redner behandelte das Kanalproblem. Früher hätte man eine Kanalschwärmerei feststellen können, jetzt fei man nüchterner geworden.
Die umstrittenen Kanalbauten.
Preußischer Staatssekretär Dr. Weismann gab im Namen der am Mittellandkanal interessierten Länder Preußen, Sachsen, Braunschweig und Anhalt die Erklärung ab, das Reich hätte sich durch Staatsvertrag verpflichtet, den Mittellandkanal einschlietzlich des Südflügels zu bauen. Diese Verpflichtung sei die Voraussetzung für die Überlastung _ der Wasserstraßen an das Reich gewesen. Finanzielle Einwande könne das Reich bezüglich des Südflügels nicht erheben, de für andere Wasserbauten, deren Bedeutung sich mit der des Mittellandkanals nicht vergleichen laste, erhebliche Mittel vorhanden' seien. In der beantragten Streichung des Sudiluaeu