Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
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mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 43
Montag, den 21. Februar 1927
77. Jahrgang
Einkommen und Nolkskrast.
Mit- einem heiteren, einem nassen Auge erfährt man durch die jetzt veröffentlichten Zahlen des Reichsfinanzministeriums, daß das deutsche Volkseinkommen auf über 40 Milliarden zu schätzen ist. Das ist eine Zahl, die wir vor dem Kriege nach Ansicht unterrichteter National- ökonomen überschritten hatten, und wenn wir im Jahre 1925 42 Milliarden Mark als Volk verdienten, so bedeutet das leider, daß das Volkseinkommen von heute beträchtlich geringer ist als damals, weil die Mark jetzt weniger „Wert" hat als vor dem Kriege, wir also für die Mark weniger kaufen können als damals.
Aber es ist ein Zeichen innerer Gesundung, daß unser Volkseinkommen diese Summe von 40 Milliarden Mark wieder überschritten hat. Man ziehe einmal zum Vergleich heran, was dieses Einkommen zahlenmäßig bedeutet gegenüber dem, was wir in der Inflationszeit „verdient" haben. Jetzt erst, in der Zeit der stabil gewordenen Währung, können wir feststellen, welche ungeheuren Verluste wir damals erlitten haben, als wir verschleuderten, was wir erzeugten. Im Jahre 1925 gab es rund vier Millionen persönliche Steuerzahler, die ein Gesamteinkommen von 12,5 Milliarden Mark hatten; dazu kamen 36 700 Steuerzahler „nicht physischen Rechts", also Aktiengesellschaften, Körperschaften usw., die ein Jahreseinkommen von 1723 Millionen versteuert haben. Nun ist ein großer Teil des Lohneinkommens bekanntlich steuerfrei und man kann wohl damit rechnen, daß dieses steuerfreie Einkommen mehr als das Doppelte beträgt von dem, was versteuert werden muß. Und so gelangt man zu der Zahl von ungefähr 40 Milliarden.
Der Vergleich mit der Vorkriegszeit ist nicht ohne Interesse. Heute beträgt das durchschnittliche Einkommen in Preußen rund 3300 Mark, während vor dem Kriege in Preußen ein Durchschnittseinkommen von 1221 Mari errechnet werden konnte. Zweierlei steht dabei fest. Die Wegsteuerung von Einkommensanteilen ist sehr viel größer geworden und es sind außerdem wM Mhr SteuerMbler . . . „üwcu <tiy r-umars. Äuar me Zahl jenes," vle über ein Vermögen von mehr als 10 000 Mark verfügen, ist gegenüber der Vorkriegszeit ganz erheblich gesunken. Während es damals über 2% Millionen gab, die mehr als 10 000 Mark besaßen, ist jetzt diese Zahl um gerade eine Million gesunken, und das Vermögen, das sie haben, bleibt um über 100 Millionen Mark zurück hinter dem Gesamtreinver- mögen der Großbesitzer von damals. Am 31. Dezember 1913 hatten wir in Deutschland 15 547 Millionäre, zehn Jahre später aber nur noch 4000. Heute gibt es nur noch 54 Personen in Deutschland, die über ein Vermögen von mehr als zehn Millionen verfügen, 1913 aber zählten wir deren 367.
Leider geht aus der Statistik aber noch hervor, daß der alte Spruch: „Handwerk hat einen goldenen Boden" in wirtschaftlicher Beziehung nicht mehr zutrifft, weil die Jahreseinkünfte aus Gewerbebetrieb beträchtlich unter dem Gesamtdurchschnitt liegen. Und daraus entspringt eine zweite bedauerliche Zeiterscheinung. Das ist der rapide Geburtenrückgang, der in Deutschland festgestellt werden muß. So ganz unrecht hat der Malthusianismus nicht, jene Lehre, die die Geburtenhäufigkeit in engsten Zusammenhang mit dem Einkommen der verschiedenen Volksklassen bringt. Gewiß ist eine derartige Lehre keineswegs unbedingt richtig, weil wir schon vor dem Kriege die Erscheinung verzeichnen mußten, daß die Geburtenhäufigkeit leider in den sozial und wirtschaftlich gehobenen Klassen weit geringer war als in den wirtschaftlich schlecht gestellten. Nun aber ist in Deutschland die Geburtenziffer stark gesunken, viel schneller, als das sogar in Frankreich der Fall ist. Dieses Land hat ja seine Bevölkerungsziffer nur dadurch erhalten können, daß es in ganz unbeschränkter Weise Fremde aufnahm und naturalisierte. Nun ist es in Deutschland gerade der sogenannte Mittelstand, bei dem dieses Sinken der Geburtenziffer zu verzeichnen ' ist, nicht zuletzt bei den Beamten und Angestellten. Um ein Volk zu mehren, ist es notwendig, daß einer Ehe mindestens drei Kinder entspringen. Aber leider wird diese Kinderzahl gerade im Mittelstand häufig nicht er« reicht. Noch sind wir nocht soweit, daß wie in Frankreich ein größerer Kindersegen weitgehende finanzielle Unterstützung durch den Staat erfährt, aber es ist zu erwägen, ob nicht die Tatsache des Geburtenrückganges sich bei der Besteuerung auswirken muß, also höhere Kinderzahl eine stärkere steuerliche Berücksichtigung zu erfahren hat Der ewige Jungbrunnen unseres Volkes ist das Land. Dort wird erfreulicherweise auch heute noch das Kind nicht als Belastung, sondern als eine Freude und ein Zuwachs betrachtet. Auch hieraus ergeben sich für den Staat dringende Pflichten. Es gilt, diesen Jungbrunnen zu verbreitern, ihn stärker fließen zu lassen durch die Gewährung von Siedlungsmöglichkeiten. Es ist eim bekannte Tatsache, daß in der Großstadt die Familie mit der dritten Generation gewöhnlich erloschen ist, und wenn wir in Deutschland nicht auf den Weg gezwungen wer- den, den Frankreich nun fchon seit einem halben Jahrhundert geht und der ein tatsächliches Erlöschen bei Volkskraft bedeutet, so müssen wir dafür sorgen, daß bie Quelle der Erneuerung unseres Volkstums breiter und reicher sprudelt.
915 MWtom
Deutscher Reichstag.
(273. Sitzung.) CB. Berlin, 19. Februar.
Ein völkischer Antrag zur Änderung des A«f w e r - tvngsgesctzes wurde dem Rechtsausschuß überwiesen. L§ folgte die zweite Beratung des Gesetzentwurfes über die Verlängerung des
deutsch-französischen Handelsprovisoriums und des Saarabkommens.
Abg. Dr. Schnee (D. Vp.) erinnerte daran, daß die Einreisen Deutscher in französische Kolonien und Mandatsgebiete immer noch abhängig gemacht werden von dem Ergebnis einer wohlwollenden Prüfung der französischen Regierung. Das gelte auch besonders für die ehemaligen deutschen Schutzgebiete, nach dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund sei diese Bestimmung aber völlig hinfällig.
Die Verträge wurden in zweiter und dritter Lesung angenommen. Ebenfalls in zweiter und dritter Lesung wurde der deutsch-niederländische und deutsch-dänische Schiedsgerichts- und Vergleichsvertrag angenommen. Die erste Lesung des
Reichshaushalisplanes für 1927 wurde darauf fortgesetzt. Abg. Dr. Fischer-Köln (Dem.) erklärte, die Etatsdarstellung des Ministers hätte manche Erinnerung an die Art geweckt, mit der Herr v. Schlieben seine Reserven und Überschüsse erzielt hätte. Der Redner legte dann dem Minister eine Reihe von Fragen vor, darunter die nach dem gegenwärtigen Kassenbestand des Reiches und nach den Verteilungen, die demnäMt aus Reichsanleihen an die Wirtschaft zu erwarten seien. Die Angriffe gegen Dr. R e i n - hold wies, der Redner zurück. Herr v. Schlieben und die Rechtskoalition von 1925 ebenso wie die gegenwärtige seien von der Schuld, durch pessimistische Fehlschätzungen die Grundlage für die aufgeblähte Finanzwirtschaft in Reich, Ländern und Gemeinden geschaffen zu haben, nicht freizusprechen Außerordentlich befremdlich sei oie Zusage des Ministers, du Garantie für die Länder uM G^einden von ^
„.. e^ye.«.- a« Ute x -wwiraten )ci diese Eryöhunx Völlig unannehmbar. Der Redner kündigte dann eine große Anzahl von Anträgen zum Finanzausgleich und zur Steuergesetzgebung an. Er forderte insbesondere die durchgreifende Ermäßigung des Einkommensteuertarifs, Streichung des Paragraphen 35 des Reichsausgleichsgesetzes und Einkommenbesteuerung nach dem mehrjährigen Durchschnitt.
Reichsfinanzminister Dr. Köhler erklärte, wenn er genötigt gewesen sei, eine nüchterne Schilderung zu geben, so fei das nicht seine Schuld, da ihm bei Etat erst in letzter Stunde gewissermaßen als Vermächtnis in die Hand gedrückt worden sei. Dr. Reinhold hätte in
Deutschlands Grenzschutz.
Nach langwierigen Verhandlungen ist zwischen Deutschland und der Botschafterkonferenz Anfang Februar eine Einigung über die Frage der Ostbefestigungen erzielt worden. Deutschland hat sich in diesen Abmachungen verpflichtet, im Osten keine anderen Befestigungswerke zu errichten wie die im Jahre 1920 in den Listen der Militärkontrollkommission verzeichneten und
schon vorhandenen. Außerdem hatte die deutsche Regierung zugestimmt, daß eine Anzahl Befestigungsanlagen bei Königsberg, Lötzen und Glogau vernichtet werden sollen. Unsere Karte gibt eine Übersicht über bie Möglichkeiten eines deutschen Grenzschutzes in Ost und West, wie sie nach den letzten Vereinbarungen in Paris Deutschland von der Botschafterkonferenz zugestanden worden sind.
Ein Deutscher als Gaarprasident?
Rücktrittsgesuch des jetzigen Vorsitzenden Stephens.
Der bisherige Präsident der Regierungskommission des Saargebietes, der Kanadier Stephens, hat den Völkerbund gebeten, von feinem Amt zurücktreten zu dürfen, da er sich den Anstrengungen und Aufregungen seines schwierigen Amtes gesundheitlich nicht mehr gewachsen fühle. Das Bedauern über den Rücktritt Stephens ist im
ien mit Sranitrei^
ein außerordentlich schweres sein werde. Dr. Reinhold Hätt« gesagt, er hätte die erste Strecke zum Ziele zurückgelegt unt nur die Steuersenkung herbeizuführen vermocht. Das sei sicher der angenehmere Teil gewesen. Er, der Minister, treib« keinerlei Fassadenpolitik. Erfreulich sei die ihm aus de» Hause gemachte Mitteilung, daß nach Auffassung der Par teien im Etat noch 150 Millionen gespart werden könnten Der Minister stellte weiter fest, daß er allen Senkungsbor schlügen direkter und indirekter Steuern zustimme, wenn ob finanzielle Lage des Etats und der Kasse es erlaube. Es so wirklich für die unterstützende Erwerbslosenfürsorge a>
1. April 1927 kein einziger Pfennig da. Er hätte in Badei festgcstcllt, daß der Betrieb bei den Landesfinanzänttern »ich überall in Ordnung sei und hätte dann nach seinem Amts antritt bestätigt gesehen, daß fast in dem ganzen Reiche dv gleichen Zustände herrschten. Er wolle bestrebt sein, die Lag wieder in Ordnung zu bringen. Der Minister warnte voi allzuvielen rückschauenden Betrachtungen. Er gab dann b» bindende Zusage, daß alles geschehen solle, um die reichs gesetzliche Rahmenregelung der Realsteuern in den nächstei Monaten durchzuführen. Der Minister erklärte weiter du in der Treffe ausgetretenen Gerüchte über eine beabsichtigt! Betriebsstoffsteuer für die gesamte Wirtschaft als eine ge mästete Ente.
Abg. Keil (Soz.) fand es merkwürdig, daß die Parteien die während der Amtszeit unter Dr. Reinhold dessen Tätig keit gebilligt hätten, jetzt mit Vorwürsen über ihn verfielen In der Frage der Auswertung müßten die Banken, die groß« Gewinne gemacht hätten, schärfer angesaßt werden.
Abg. Nolte (Wirtsch. Vgg.) stimmte der Senkung bei Zuckersteuer zu und begrüßte das mutige Bekenntnis bei Finanzministers zu einem wirtschaftlich tragbaren und gerechten Steuersystem.
Abg. Klinge (Bayer. Bauernbund) verlangte energisches Einschreiten gegen die Börsenspekulation. Die Bewertunj des mittleren und kleinen Bauernbesitzes müßte gerechter gestellt werden.
Abg. Scheiter (Ztr.) erhob Bedenken gegen ben dem» DK Parikurs würde auch durch diesen Antrag nicht erreich« werden.
Damit schloß die erste Lesung des Reichshanshaltsetati 1927. Es begann sogleich die zweite Lesung der Einzelhaus- haltungen, und zwar zunächst die Aussprache über den Haushalt des Reichskabinetts und den des Reichskanzlers.
Abg. Torgler (Komm.) lehnte die Ausgaben für bie Reichszentrale für Heimatdienst ab, für die der Abg. Soll- mann (Soz.) eintrat.
Unter Ablehnung aller Abänderungsanträge wurde bei Etat bewilligt und ebenso ohne Aussprache der Etat des vorläufigen Reichswirtschaftsrates.
Darauf vertagte sich das Haus auf Momag.
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(Saargebiet um so aufrichtiger, als die Methoden des Ka- nadlers einen angenehmen Gegensatz zu denjenigen d.s ersten Präsidenten der Regierungskommission, des Franzosen Rault, darstellten, dessen Demission seinerzeit im Saargebiet freudig begrüßt wurde.
Was die Nachfolgeschaft des zurücktretenden Präsideir» !en anbelangt, so ist es natürlich, daß man es im Saargebiet für selbstverständlich ansieht, daß jetzt, nachdem zuerst ein Franzose und dann ein Brite den Vorsitz der Re- gierungskommission innegehabt hat, nun endlich auch das dem Zentrum angehörende saarländische Mitglied der Regierungskommission, C o ß m a n n, auf diesen Posten berufen wird.
Stresemanns unpolitischer Arlaub.
Kuudgebungen für den Außenminister.
Alle politischen Kombinationen, die man zunächst an Stresemanns Rivieraaufenthalt knüpfte, haben sich als gegenstandslos erwiesen, es handelt sich offenbar tatsächlich nur um einen unpolitischen Erholungsurlaub. Wie verlautet, beabsichtigt Dr. Stresemann, bis Ende dieses Monats an der Riviera zu verweilen und alsdann nach Genf zn fahren, um an der Sitzung des Völkerbundrates teilzunehmen.
Dr. Stresemanns Aufenthalt in San Remo gab Veranlassung zu mancherlei freunblidjen Kundgebungen, namentlich auch von italienischer Seite, so von dort weilen den italienischen Studenten aus Genua. Die deutsche Kirchengemeinde von San Remo, verbunden mit Deutschen der benachbarten Ribieraorte, vereinigte sich in der vergangenen Woche mit dem Minister zu einem Gemeindeabend, an dem auch viele Ausländsdeutsche, Vertreter der evangelischen englischen Kirchen, sowie evangelische Italiener teilnahmen. Die außergewöhnliche Herzlichke ■, mit der die Deutschen aller Parteien den Reichsaußenministe! bei dieser Gelegenheit begrüßten, zeugte von einer vor bildlichen Einheitlichkeit des dort ansässigen und dort weilenden Deutschtums, die ihren Eindruck auf die anwesenden Ausländer nicht verfehlte.
Generalstreik in Schanghai.
Gegen die Entsendung englischer Truppe«.
Der Allgemeine Gewerkschaftsbund hat in Schang« Hai den Generalstreik ausgerufen, um seiner Forbelang der Räumung Schanghais durch du Truppen Suntschuanfangs und durch die britische» Truppen Nachdruck zu verleihest. Alle Angestellten bei