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Hersfel-erTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Monatlicher Bezugspreis: Durch öiepost bezogen 1.00 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für HersfelS 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Hbholer 0.80 Reichs-Mark. Druck unö Verlag von Ludwig Sunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VVZV.

Nr. 18 (Giftes Wt) Sonnabend, den 22. Januar 1927 77. Jahrgang

Sinnlosigkeiten.

Langsam beginnt die Sensation des Sechstage­rennens, bisher ein nie versagender Höhepunkt des Sportbetriebes in unseren Großstädten, ihre frühere An­ziehungskraft einzubüßen. Die 18. Veranstaltung dieser Art, die in diesen Tagen den ebenso lärmfrohen wie an­spruchslosen Berlinern vorgesetzt wurde, wird vielleicht noch nicht die allerletzte ihres Zeichens gewesen sein, aber wie lange werden sich noch genügend Zuschauer um ihret­willen kostbare Tages- oder Nachtstunden um die Ohren schlagen wollen? Unter vier Augen kann man ja wohl jetzt schon des öfteren das Bekenntnis vernehmen, daß im Grunde nur noch sehr minderwertiges Pu­blikum an solchen Dingen Gefallen finde; diesmal aber hat das Rennen mit einer so offenkundigen moralischen Pleite geschlossen, daß über feine vollendete Sinnlosigkeit nur noch eine Stimme herrschte. Es wäre gut, wenn wenigstens mit diesen äußersten Übertreibungen der Sport- fexerei, wie sie sich in den letzten Jahren bei uns einge­bürgert hatten, endlich Schluß gemacht würde. Für den gesunden Sport jeder Art, dessen unbedingte Not­wendigkeit selbstverständlich durch noch so verkehrte Aus­schreitungen nicht int geringsten beeinträchtigt wird, bleibt uns noch genug zu tun übrig, um unsere jungen wie auch unsere älteren Semester auf die Höhe körperlicher und da- mit in Verbindung auch geistiger Leistungsfähigkeit zu bringen. Aber ganze Tage und Nächte lang unentwegt die Pedale zu treten, ist wirklich fchon mehr eine Aufgabe, Die unterhalb der Grenze menschlicher Veranlagung und menschlichen Ehrgeizes liegt oder doch liegen sollte. Wenn gewisse Volksschichten auf solche Vergnügungen nicht verzichten können, so mögen sie selbst zusehen, wie und wo sie ihrer habhaft werden können; die große Öffentlichkeit und damit die gesunden Teile unserer Be­völkerung sollte man für diese Lustbarkeiten fernerhin doch lieber nicht mehr in Anspruch nehmen.

Alls eine regelmäßige Wiederkehr unserer Regie­rungskrisen es ist der, vierzehnte Reichskanzler, -tret s^ik SLuMo^mberereigNtst lu^s jetzi in Deutsch- gesucht wird werden wir dagegen für absehbare Zeit immer noch mit ziemlicher Bestimmtheit rechnen müssen. Denn noch kann niemand sagen, ob es diesmal gelingen wirb, einestarke" Mehrheitsregierung zustande zu bringen. Noch weniger, ob, selbst wenn sie ins Leben tritt, die kaum noch zu steigernde Leidenschaftlichkeit unseres täglichen Parteikampfes es nicht verstehen wird, in wenigen Wochen oder Monaten wieder neuen Konfliktsstoff zutage zu fördern. Diese Dauerkrisen, diese Krisen im Kreise, wie man sie mit Recht genannt hat, sind gewiß nicht als Volks­belustigungen gemeint; über solchen Verdacht ist der Reichstag mit seinen ganz ernster Arbeit hingegebenen Parteien erhaben. Aber außerhalb des Reichstages wächst unzweifelhaft die Neigung, sie von solchen einigermaßen respektlosen Gesichtspunkten aus zu beurteilen, je häufiger Der Reichspräsident in die Notwendigkeit versetzt wird, Aufträge zu Kabinettsbildungen zu erteilen. Wieviel an­geblichentscheidende" Beschlüsse sind seit dem 10. Januar, Dem Tage, an dem der erste Schritt $ur- Lösung der Krise von Herrn von Hindenburg getan wurde, inzwischen nicht schon von den verschiedenen Fraktionen gefaßt worden? Wie haben sich die Fraktionen die größte Mühe gegeben, in Der Beantwortung von an sie gerichteten Fragen der er­warteten klaren Stellungnahme solange wie nur irgend möglich aus dem Wege zu gehen, fast, möchte man sagen, mch Art ängstlicher Jungfrauen, die da glauben, daß, wenn Zeit gewonnen sei, für sie alles gewonnen sei. Wie oft hat nicht schon bald das Zentrum die Volkspartei, bald Diese die Sozialdemokratie oder ein Parteiführer einen anderenbrüskiert", die Verantwortung für die Vergeb- lichkeit dieses oder jenes Versuches von links nach rechts und von rechts wieder nach links geschoben und zurück- geschoben. Und wie haben sich die Parteien mit der Formu­lierung von Beschlüssen abgemüht, deren überwältigende Vieldeutigkeit, kaum, daß sie veröffentlicht waren, zu den bösesten Spöttereien hätten Anlaß geben können, wenn nicht der Gegenstand, um den es sich handelte, schließlich als doch gar zu ernst für die Erweckung von Heiterkeit empfunden worden wäre. Ein nichts weniger als er­hebendes Schauspiel, an dessen möglichst rascher Beendi­gung wirklich alle Parteien ein ganz gleichmäßiges Interesse haben und auch bekunden sollten. Angesichts der vielen Nöte unseres Volkes darf dieses Handeln und Feil­schen um Parteiverbindungen und Ministersttze unmöglich abermals Wochen oder gar Monate weiter fortgesetzt werden, ohne zur vollendeten Sinnlosigkeit zu werden.

__________ Dr. Sy.

Vorsichtsmaßnahmen in Peking.

ArmbindenfürdieDeutscheninSchanghai.

Wenn auch keinerlei Anzeichen für die Möglichkeit von Unruhen oder Streiks bestehen, so treffen die Behörden doch alle in Betracht kommenden Vorsichtsmaßnahmen. Vor dem Gebäude des Reuter-Bureaus und vor zahl­reichen anderen Häusern, in denen Ausländer wohnen, sind Doppelposten mit ausgepslanztem Ba­jonett ausgestellt worden. Während der Nacht durch­ziehen dauernd Patrouillen die Straßen. Der Gesandte der Vereinigten Staaten, der sich auf der Reise nach

Die innerpolitische Krise

Noch immer parieiberachngen.

Hindenburgs Brief an Dr. Marx.

Die Lösung der Regierungskrise ist am Freitag nicht viel weitergebracht worden. Die meisten Reichstags­fraktionen hielten Beratungen ab, die der durch den Brief d. Hindenburgs an Marx geschaffenen innenpolitschen Lage galt. In diesem Brief richtet bekanntlich der Reichs­präsident an Dr. Marx das Ersuchen, die Bildung einer Regierung auf der Grundlage einer Mehrheit der bürger­lichen Parteien des Reichstages mit tunlichster Beschleuni­gung vorzunehmen. Er appelliert gleichzeitig an die hier in Frage kommenden Fraktionen des Reichstages, persön­liche Bedenken beiseite zu lassen, wobei er besonders her- vorhebt, daß die kommende Regierung nicht gegen einzelne Parteien, sondern für das Wohl des Vaterlandes arbeite und die berechtigten Interessen der breiten Arbeitermassen wahren müsse. Als erste Fraktion des Reichstages hat sich bie des Zentrums mit diesem Appell des Reichspräsidenten beschäftigt. Über ihre Sitzung, die zum Teil erregt ver­laufen sein soll, wird in einer partei-offiziösen Aus­lassung mitgeteilt, daß nach dem Scheitern der von ihr an- geftrebten Regierung der Mitte ein Zustand geschaffen ist, Der große st a a t s p o l i t i s ch e Gefahren in sich schließt und nicht länger verantwortet werden kann. Der erneute Ruf an die Zentrumsfraktion, die Regierungs­bildung führend zu beschleunigen, stellt, so heißt es in der Auslassung weiter, die Fraktion vor eine ü b e r a ü s verantwortliche Aufgabe. Bei der Inangriff­nahme dieser Aufgabe legt die Fraktion Wert darauf, dem Lande gegenüber ihre außen- und innenpolitischen Grundlinien unter Berücksichtigung der neu geschaffenen Lage klar herauszustellen.

Das Zentrum hat einige Mitglieder feines Vor- jtyüte^^mti tz«ru re? "M^mW Ab raT l u u a, v am

Amerika befand, um mit Kellogg über die Lage in China zu beraten, ist durch ein Kabeltelegramm aas Washington nach Peking zurückberufen worden..

Nach Meldungen aus Peking tragen die Deutschen in Schanghai zum Schutz gegen Belästigungen Armbinden, die sie als Deutsche kennzeichnen. In Tschang- scha streikt in der europäischen Konzession das gesamte chinesische Dienstpersonal.

Schachts 50. Geburtstag.

Ein Ehrentag des Reichsbankpräsidenten.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht wird am 22. Januar 50 Jahre alt. Der Öffentlichkeit ist Dr. Schacht, der früher Bankdirektor und Bankinhaber war, auf seinem Posten als Reichswährungskommissar bekanntgeworden, zu dem er im November 1923 ernannt wurde. Nach dem Tode des Reichsbankprästdenten Havenstein ernannte ihn der Reichs­präsident Ebert zum Reichsbankpräsidenten.

Dr. Schacht hat sich um die Stabilisierung der Wäh­rung eifrig bemüht. Seine Hauptgegner finden sich na- mentlich in den Reihen der Aufwertungsanhänger, mit deren Vertretern er schon oft vor dem Richter stand. Bei diesen Prozessen handelte es sich in der Hauptsache um die von den Aufwertungsverbänden geforderte besondere Auf­wertung der alten grauen rotgestempelten Tausendmark­scheine, der sich Dr. Schacht stets mit der Begrün­dung widersetzte, daß durch eine Aufwertung dieser Scheine die Gefahr einer neuen Inflation herauf­beschworen würde.

Dr. Schacht verlebt seinen Geburtstag fern von Berlin im Golf von Neapel.

Sie pariser Restpunktverhandlungen.

Günstiger Verlauf der Besprechungen.

Gegenüber der Vermutung, daß die deutschen Dele­gierten vor der Lösung der Berliner Regierungskrise keine endgültigen Vorschläge unterbreiten können, die eine Bereinigung der Frage der Ostfestungen zuließen, glaubt derMatin" mitteilen zu können, daß General von Pawelsz und Legationsrat Förster ihre ursprünglichen Vorschläge abgeändert wätten. Dieser überarbeitete Text sei von dem Versailler Militärkomitee unter Vorsitz von Marschall Foch geprüft worden. Es bestehe Grund zu der Hoffnung, daß die Verhandlungen demnächst ein günstiges Ergebnis zeitigen würden.

Deutscher Reichstag.

(256. Sitzung.) CB. Berlin, 21. Januar.

Auf der Tagesordnung steht die zweite Lesung des Ge­setzentwurfs zur

Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.

Wer an einer Geschlechtskrankheit leidet, hat nach der Vor­lage die Pflicht, sich von einem Arzt untersuchen und erforder­lichenfalls so lange behandeln zu lassen, wie nach ärztlichem Urteil eine Ansteckungsgefahr besteht. Minderbemittelte sollen auf Kosten der Länder unentgeltlich behandelt werden. Die

Richtlinien beauftragt, die den Besprechungen mit den Deutschnationalen zugrunde gelegt werden sollen. Diesem Redaktionsausschuß gehören Reichsarbeilsminister Dr. Brauns sowie die Reichstagsabgeordneten Dr. Wirth und Joß an. Die von diesem Ausschuß ausgearbeiteten Richt­linien wurden dann am Freitag abend von der Zentrums­fraktion eingehend beraten.

Der Brief des Reichspräsidenten an den Reichs­kanzler hat bei den politischen Parteien die größte Beachtung gefunden. Während in den Kreisen der rechtsstehenden Parteien der Schritt Hindenburgs durch­aus gebilligt und darauf hingewiesen wird, daß es zu be­grüßen ist, wenn Reichspräsident Hindenburg nach mehr­wöchiger Regierungskrise jetzt endlich dem deutschen Volke zu einer Regierung verhelfen will, wird in links­stehenden Kreisen bezweifelt, ob das Schreiben des Reichspräsidenten mit der Reichsverfassung zu verein­baren ist. Von unterrichteter parlamentarischer Seite wird gegenüber diesem Meinungskampf darauf hinge­wiesen, daß auch bei früheren Gelegenheiten der Auftrag zur Regierungsbildung in der Form erteilt worden sei, daß gleichzeitig die Art der vom Reichspräsidenten beab­sichtigten Kombination umrissen wurde. So erinnert man an das Schreiben des Reichspräsidenten vom 15. Mai v. I. an Herrn Dr. Marx. Auch Reichspräsident Ebert hat z. B. am 26. Oktober 1921 an den damaligen Reichskanzler Dr. Wirth ein Schreiben gerichtet, das ungefähr der heutigen Situation entspricht. Ebenso beauftragte er am 24. November 1923 Herrn Dr. Kardorff, eine Regierung der bürgerlichen Parteien zu bilden. Am Tage darauf er­suchte er den Staatssekretär Albert, ein Kabinett ohne parteipolitische Bindungen zusammenzustellen, und als auch diese Kombination scheiterte, erteilte er den Auftrag zur Bildung einer Regierung, die sich auf die mittleren

Behandlung von Geschlechtskrankheiten ist nur für das Deutsche Reich approbierten Ärzten gestattet. Fernbehandlung ist ver­boten, ebenso sind alle Ratschläge für die Selbstbehandlung mit Vorträgen, Schriften, Abbildungen usw. untersagt. Wer zum Zwecke der Heilung oder Linderung von Geschlechtskrank­heiten Mittel oder Verfahren anpreist, wird mit Gefängnis bestraft. Aufklärende Verträge werden von dieser Straf- bestimmung nicht betroffen, wenn sie sich nicht aus die Behand­lung erstrecken. Die sogenannte Sittenpolizei und die Prosti- tuiertenkontrolle sollen fortfallen.

Abg. Dr. Moses (Soz.) erklärte, daß seine Fraktion keine einheitliche Stellung zu der Vorlage cinnähme. Das gelte be­sonders für den Kurpfuschereiparagraphen. Der Redner schil­derte dann den Einfluß der Wohnungsnot auf die Verbrei­tung der Geschlechtskrankheiten namentlich unter den Kindern und bezeichnete schließlich, trotz mancher Bedenken, die Vor­lage als einen Fortschritt, besonders wegen der Aufhebung der Reglementierung.

Abg. Dr. Spuler (Dtn.) sah in dem Gesetzentwurf ein an­nehmbares Kompromiß. Er wünschte aber, daß die Regie­rungsvorlage im § 76 abgestellt wird, wo das Monopol für alle Geschlechtskrankheiten und Krankheiten oder Leiden der Geschlechtsorgane festgelegt worden sei. Gegen Aufhebung der Kasernierung und Reglementierung äußerte er jedoch schüfe Bedenken.

Abg. Bickes (D. Vp.) sprach die Hoffnung aus, daß der vorliegende Gesetzentwurf endlich in einer Form verabschiedet wird, die Gewähr dafür biete, daß er seinen Zweck, die Ge­schlechtskrankheiten einzudämmen, wirklich erfüllen kann Laß durch Gesetzgebung hier etwas erreicht werden könne, hatte das Reichsfeuchengesetz bewiesen. Der Redner be ntragte im Namen der Regierungsparteien eine Ergänzung zum 4, wo­nach die GesUndheitsbehörden nur dann jemanden zur ärzt­lichen Untersuchung zwingen können, wenn die Anzeige gründ­lich geprüft ist. Anonyme Anzeigen dürfen überhaupt nicht berücksichtigt werden.

Abg. Frau Arendsee (Komm.) begründete, da ihre Partei das Gesetz für unzureichend hielte, eine Reihe von Abände­rungsanträgen, darunter solche, wonach auch die approbierten Heilkundigen zur Behandlung zugelassen und die unentgel^ liche Behandlung eingeführt werden soll.

Abg. Pätzold (Wirtsch. Vgg.) betonte, da daS Gesetz bei Fürsorge für die Volksgesundheit diene, so könne es von allen Abgeordneten ohne Parteiunterschied begrüßt werden. Er hielt jedoch die vollständige Ausschaltung der Naturheilkuu- digen für außerordentlich bedenklich.

Abg. Bayersdörfer (Bayer. Vp.) unterstrich die große Be- beutung der Po. läge für die gesundheitliche Förde­rung. Er war jedoch der Ansicht, daß die Fürsorge für die gefährdeten Minderjährigen noch verstärkt werden sollte.

Abg. von Ramin (Völk.) hatte schwere Bedenken, die seine Freunde dazu bestimmen müßten, gegen das Gesetz zu stimmen, wenn es nicht wesentlich abgeändert wird.

Daraus vertagte sich das Haus zur Weiterberatung aus Sonnabend.

preußischer Landtag.

(240. Sitzung.) tt. Berlin, 21. Januar.

In der gestrigen Sitzung wurde noch der volksparteiliche Urantrag gegen die Begnadigung des seinerzeit wegen Wahl- fälschnng verurteilten Lehrers S i e b e n s abgelehnt.

Das Haus nimmt zunächst die Wahl des dritten Vrze- präsidenten vor, der an die Stelle des verstorbenen Abg. Garnich (D. Vp.) tritt Abg. von Campe (D. Vp.) schlägt seinen Fraktionsfreund W i e m e r vor. Die Wahl erfolgt durch Abgabe verdeckter Stimmen. Auf den Abg. Wiemer