Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
mit den Beilagen: Heimalschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
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Nr. 15
Mittwoch, den 19. Januar 1997
77. Jahrgang
Königsberg und Lötzen.
Wenn bei fachlichen Verhandlungen der eine Teil nicht ganz vom Willen zur Ehrlichkeit beseelt ist, so wendet er gern einen von jeher beliebten Trick an. Dieser besteht darin, die Aussprache unvermerkt aus einen Nebenpunkt zu lenken und sich in diesen mit geheuchelter Leidenschaft zu verbeißen. Dadurch soll die Aufmerksamkeit von den wichtigen Dingen abgelenkt und so das Scheitern des versuchten Ausgleichs dem Gegner in die Schuhe geschoben werden.
Nach dieser Art gehen zurzeit — mehr oder minder beabsichtigt, muß man wohl annehmen — die Beratungen in Paris zwischen dem Versailler Militärkomitee und den deutschen Vertretern über die sogenannten Restpunkte vor sich. Während man in Deutschland und auch wohl in Frankreich unbedingt voraussetzte, es solle nun endlich die kaum noch länger verschiebbare Räumung des besetzten Rheinlandes Form und Wirklichkeit gewinnen, traten plötzlich die Auseinandersetzungen über die Befestigungen an unseren Ostgrenzen in den Vordergrund. Königsberg und Lötzen besitzen noch einige veraltete Erdwerke, es stehen noch ein Dutzend unmoderner Geschütze in dem Bereich der Feste Königsberg. Das beunruhigt angeblich das französische Gewissen so stark, daß es sich nicht aufzuschwingen vermag zur Anerkennung der im übrigen nicht mehr zu leugnenden Verpflichtung zur Rheinlandräumung. Polen, der geliebte Freund Frankreichs, sei derart bedroht durch die alten Geschützrohre Königsbergs, daß man es ihm nicht verdenken könne, wenn es dahinter kriegerische Pläne der Deutschen emporwachsen sehe und sich ernsthaft in Gefahr fühle. Polen geht zwar finanziell fast zugrunde an den Ausgaben für seine fast eine halbe Million Mannschaften umfassende Armee, die mit den modernsten Angriffswaffen, Tanks, Kriegsflugzeugen usw. ausgerüstet ist. Die Deutschen besitzen von alledem nichts, die hunderttausend Mann umfassende Reichswehr ist gar nicht imstande, irgendeine Grenze nachhaltig gegen Riesenheere, wie sie Polen und Frankreich unterhalten, zu schützen — schadet nichts, die rosten- rm «anenen von Königsberg oevroyeu ^ Mlnische Sicherheit. Der polnische General H c n n i n g - M i ch a e- l i s erkennt zwar in einer Veröffentlichung an, daß heute auch den größten Festungen kein offensiver Charakter mehr zukomme, daß Königsberg nur im Falle eines feindlichen Einfalles in Ostpreußen einige geringe Verteidigungs- dienste leisten könnte. Trotz alledem wiegt man in Paris die Köpfe bedenklich hin und her, Königsberg und Lötzen, sagen die Polen, verkörpern den Angriffswillen Deutsch- lands. Weil die Polen es sagen, muß es wahr sein. Und die Folgerung? Man kann die Räumung des Rheinlandes nicht zugestehen, solange die Deutschen ihre Königsberger Geschütze nicht einmauern und die ostpreußische Ebene willenlos jedem polnischen einmarschierenden Heere freundlich zu Verfügung stellen.
Bei dieser für jeden objektiven Beobachter erkennbaren Verschiebung der Pariser Verhandlungen auf das Nebengleis von Königsberg und Lötzen gestaltet sich die Erledigung der tatsächlich wichtigen Angelegenheit, der Rheinlandräumung, zu einem langwierigen Hin- und Hergerede. Der wohl von aufrichtigem Willen beseelte französische Außenminister B r i a n d versucht bisher ohne sonderlichen Erfolg, die Dinge in die richtige Bahn zu lenken und der Idee der deutsch-französischen Annäherung nach Möglichkeit zu dienen. Aber die französischen Chauvinisten und Nationalisten um jeden Preis sind ja gar nicht so sehr gewillt, dieser Idee zu dienen. Vielleicht würden sie sogar lieber auf ihren Außenminister verzichten, wenn es ihnen gelänge, die Annäherungspläne überhaupt zu zerschlagen. Bei diesen Bestrebungen stehen ihnen mächtige Männer zur Seite, denen ebensoviel Ansehen und Bedeutung in Frankreich zukommt wie dem Verhandlungswilligen Außenminister. Somit wird das ganze Spiel auch zu einer wichtigen innenpolitischen Frage des französischen Volkes, über deren Lösung heute noch vollständiges Dunkel schwebt. ~
Wir in Deutschland müssen diese Lösung den Franzosen selber überlassen. Jedenfalls haben w i r an Verständigungswillen ein solches Maß aufgebracht, daß die Welt, außer etwa den genannten französischen Chauvinisten und denjenigen Polen, die nun einmal nicht zu gutem Glauben kommen wollen, an unserer Friedensliebe nicht mehr zweifelt. Selbst wenn in Königsberg und Lötzen noch einige dürftige Donnerrohre stehen, weichen, wir nicht ein Jota von unserer gerechtfertigten Forderung der Freimachung deutschen Landes von fremder Soldateska ab. Polnische Hinterhältigkeit und französisches Wehgeschrei sollen uns dabei nicht irremachen.
Marx' Bemühungen
um die Aegiemngsh'ildung.
Weitere Besprechungen mit den Parteiführern.
Reichskanzler Dr. Marx empfing am Dienstag den Führer der Deutschnationalen Volkspartei zu einer Besprechung, die etwa eine Stunde dauerte. Dr. Marx suchte festzustellen, ob die Deutschnationalen ein Kabinett der Mitte tolerieren könnten. Graf Westarp ließ indessen keinen Zweifel daran, daß dies nicht der Fall sein würde.
Der Kampf um die Reichswehr
Reinhardt, Koch und Geßler.
Ein politischer Briefwechsel.
Seit einiger Zeit wird in der Öffentlichkeit ein lebhafter Kampf um die Reichswehr geführt. Während von den Parteien der Linken dringend eine Refornr des Reichswehrersatzes gefordert wird, wünschen die Rechtsparteien, daß unter keinen Umständen irgendeine Änderung in dieser Frage bei der Reichswehr eintreten soll. Diesen Kampf der Meinungen nahm General Reinhardt zum Anlaß, auch seinerseits einige Gedanken über sie Reichswehr niederzulegen. Hierbei legte der General im wesentlichen Gewicht darauf, daß der Heeresersatz nur aus „wehrfreudigen Kreisen" entnommen werden dürfe, wobei auch „ein größerer Anteil Freiwilliger aus geistig links eingestellter Umwelt in der Reichswehr Aufnahme finden könne". In diesen Kreisen werde aber, so meinte General Reinhardt weiter, statt der Wehrfreudigkeit viel mehr die Parole „Nie wieder Krieg!" gepflegt. In den Ausführungen hieß es dann wörtlich weiter:^
Wir wissen ebenso, daß ein Abwehrkrieg zur Verteidigung deutschen Volkstums den besten Teil der deutschen Demokratie auf der Seite der Waffenstreiter für Recht und Freiheit fände. Aber in allen leitenden Zeitungen dieser Richtungen sind dem hceresfeindlichen Pazifismus alle Spalten geöffnet; jede Pflege der Wehrhaftigkeit wird verdächtigt und nur sehr vereinzelt und schüchtern wird gelegentlich Recht und Pflicht zur Landesverteidigung vertreten. Hand aufs Herz, wo lieft man: „Ich bin deutscher Republikaner und bereit, mein Vaterland mit der Waffe in der Hand gegen jeden zu verteidigen, der deutschen Boden rauben will. Ich trete dafür ein, daß die Wehrmacht der Deutschen Republik das heilige Recht des deutschen Volkes, sein Land zu verteidigen^ in ckeiÄer Weise und mit aleichew TtWtetnwie jedes Nachbarn Wehrmacht."
Gegen diese Ausführungen des Generals Reinhardt verwahrte sich der Führer der Deutschen Demokratischen Partei, Restchstagsabgeordneter Dr. Koch, wobei er betonte, daß die Ausführungen General Reinhardts „ein erschütternder Beweis für die politische Einseitigkeit und Unwissenheit sind, die in leitenden Kreisen der Reichswehr noch vorkommen". Dr. Koch verwies in seiner Erwiderung weiter auf die von Führern der Demokratischen Partei zu den Fragen des Pazifismus und der Reichswehr gehaltenen Reden und erinnerte daran, daß seine Partei ständig mit den Organen eines radikalen Pazifismus im Kampf läge. Gleichzeitig wandte sich Dr. Koch an den Reichswehrminister Dr. Geßler mit dem Ersuchen, die demokratischen Führer gegen die Vorwürfe des Generals Reinhardt zu schützen..
Reichskanzler Marx empfing ferner noch Vertreter der Bayerischen Volkspartei und der Wirtschaftlichen Vereinigung.
Dem sozialdemokratischeu Parteiführer Müller- Franken teilte Dr. Marx mit, daß die Deutsche Volksparteinichtbereit sei, die Große Koalition mitzumachen. Auf die Frage des Abg. Müller-Franke«, ob die Parteien, die eine Minderheitsregierung bilden wollen, auf eine Unterstützung von links ohne Neutralität des Kabinetts nach beiden Seiten einzugehen bereit seien, erwiderte der Reichskanzler, daß das Zentrum dazu bereit sei, daß er aber noch nicht wisse, wie die Deutsche Volkspartei zu dieser Frage stehe.
Berieidigungsvorberettungen
in Schanghai.
4000 Mann fremder Truppen gelandet.
Nach Meldungen aus Schanghai ist das von der ausländischen Kolonie angeforderte Truppenkontingent von 4000 Mann gelandet worden. In militärischen Kreisen
Freiwillige TrüWen mit einem Panzerauto im Europäer- Viertel in Schanghai.
wird jedoch erklärt, daß mindestens 25 000 Mann gut ausgerüsteter Truppen erforderlich seien, um im Falle eines ernsthaften bewaffneten Angriffes die ausländischen Konzessionen mit Erfolg verteidigen zu können.
Kanton fordert tzon England bedingungslose Aner
Reichswehrminister Dr. Geßler hat nunmehr auf diesen offenen Brief Dr. Kochs geantwortet. In dieser Antwort teilt Dr. Geßler mit, daß der Chef der Heeresleitung in der Frage des Heeresersatzes Berichte der verantwortlichen Befehlsstellen eingefordert hat, wobei auch General Reinhardt einen solchen Bericht erstattete. Der Reichswehrminister hat dann diesen Bericht des Generals Reinhardt unzensuriert für die Öffentlichkeit freigegeben, um, wie Dr. Geßler betont, in einer für die Entwicklung des Heeres wichtigen Frage n i ch t d i e A r m e e m u n d - tot zu machen. Wörtlich heißt es dann in der Antwort des Reichswehrministers weiter:
Der Artikel hebt ausdrücklich hervor, daß der Verfasser der Auffassung ist, daß die Angehörigen der Linksparteien selbstverständlich wie die Verfassung, so auch die Grenzen ihres Vaterlandes mit voller Hingebung verteidigen werden. Aber er ist der Auffassung, daß in der Pflege dieser Ideale, in der Haltung ihrer Parteien Widersprüche und L ü ck e n bestehen, die in der Armee das Bild erzeugen, das er geschildert hat. Diese Auffassung ist mir selbst oft entgegengetreten. Soweit ich konnte, habe ich mich bemüht, sie auf das berechtigte Maß zurückzuführen, indem ich allen Hecresteileu alljährlich die amtlichen Berichte über die Reichstagsvcrhandluugen zum Heeresetat zugehen ließ. Dadurch ergibt sich ja die grundsätzliche Stellung der Demokratischen Partei in dem Sinne einwandfrei, wie Sie in Ihrem Briefe hervorheben. Daneben gibt es aber sehr viele Äußerungen in der Öffentlichkeit, und zwar von Leuten, die sich als besonders berufene Interpreten republikanischer und demokratischer Weltanschauung ausgeben, die eine absolut entgegen gesetzte Einstcl - l u n g ergeben. Ihre eigenen Ausführungen aus dem Parteitag in Breslau, die Sie in Ihren: Briefe zitieren, sind ein Beweis dafür, denn sie wurden ja zur Bekämpfung von Strömungen im Lager der deutschen Demokratie notwendig, die vielleicht keine große Gefolgschaft haben, aber sehr laut austreten und in einflußreichen Organen zu Worte kommen. -w^fc^ ,ks kommen, immer wieder neue Nahrung finden. Sie haben an der temperamentvollen Darstellung dieser Stimmung in dem Aufsatz scharfe Kritik geübt. Aber ich weiß bestimmt, daß Sie irren, wenn Sie glauben, eine Verunglimpfung der demokratischen Parteiführer habe im Sinne des Verfassers gelegen. Mir kam es darauf an, durch eine offene Aussprache zu einer Klärung und anr Verständigung zu kommen, und ich würde es aufrichtig beklagen, wenn dieser Zweck vereitelt würde.
Dr. Koch wird diesen Brief des Reichswehrministers sowie ein Schreiben des Generals Reinhardt, der auch an Dr. Koch eine Antwort gerichtet hat, demnächst beantworten. Die Veröffentlichung des Antwortschreibens des Ministers ist erst jetzt erfolgt, da von gewisser Seite eine Erschwerung der innenpolitischen Verhältnisse befürchtet wurde.
kennung, ferner die Rückgabe der Konzessionen in Hankau und Kiukiang gegen eine Abfindung sowie die Zurückziehung der Kriegsschiffe aus den Binnengewässern für immer. Kanton verweigert seinerseits kategorisch die Rückgabe der bereits in Besitz genommenen Konzessionen. Der englische Gesandte Miles Lampson schlug dem Pekinger Kabinett Koo die Revision des chinesisch-englischen Handelsvertrages vor. Belgien eröffnete Verhandlungen wegen Vertragsrevision und erklärte gleichzeitig, daß es seine Konzession in Tientsin sofort zurückgeben werde.
potiiifche Rundschau.
Deutsches Reich
Besprechungen zwischen Regierung und Weinbeirat.
Das Reichsministerium für Eruährung und Landwirtschaft hatte im Einvernehmen mit dem Reichsministe- rtum des Innern den Weinbeirat nach Wiesbaden (Kurhaus) zu einer Sitzung einberufen. Die Besprechung, au der neben den Vertretern der Reichsregierung Vertreter von Preußen, Bayern, Hessen und Hamburg sowie mehrere Reichstagsabgeorduete teilnahmen, nahm einen harmonischen Verlauf und hat zu einer merkbaren Annäherung zwischen Weinbau und Weinhandel geführt. In der Frage der Aufhebung des Versteigerungs- v e r b o t e s f ii r W e i n beschloß der Beirat, die Reichsregierung zu ersuchen, das Verbot bis auf weiteres im Hinblick auf die Verhältnisse des besetzten Gebietes aufrechtzuerhalten. Bei der Beratung über die Änderung des Weingesetzes waren die Vorschläge des deutschen Wein- bauverbandes zugrunde gelegt. Ein Antrag, die Ge- m e i n d e g e t r ü n k e st e u e r auf Wein keinesfalls über den 1. April des Jahres hinaus bestehen zu lassen, wurde einstimmig angenommen. Am 15. Januar trat im Anschluß an die Beiratssitzung der Reichsausschuß für Weinpropaganda zu einer Beratung zusammen.
Die Finanzlage der Städte.
Der Präsident des Deutschen Städtetages, Dr. Mulert, erörterte bei einem Presseempfang die gegenwärtig im Vordergrund des Interesses stehenden Fragen der gemeindlichen Finanzpolitik. Die Finanzpolitik der Städte hat 1926 eine unheilvolle Wendu n.g genom-