Kersfelöer Tageblatt
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mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche TageSsragen.
Nr. 11
Freitag, den 14. Januar 1827
77. Jahrgang
Amerikas petroleumfireit.
Von einem Kenner der amerikanischen Verhältnisse wird zu der drohenden Kriegsgefahr geschrieben:
Daß es in Mittelamerika, und zwar diesmal in Nikaragua wieder einmal eine Revolution gegeben hat, darüber regt sich in der ganzen Welt kein Mensch auf. Denn Revolutionen in Mittel- und Südamerika entbehren infolge ihrer Häufigkeit jeden Reizes der Originalität. Etwas auffallender war allerdings schon, daß die Vereinigten Staaten Truppen landen ließen, um den von ihnen anerkannten konservativen Präsidenten D i a z gegen seinen liberalen Gegner S a c a s a zu unterstützen, der den Anspruch erhebt, legitimer Präsident zu sein. Die berühmte „Monroe"doktrin Nordamerikas wird dort jetzt nämlich dahin aufgefaßt, daß sich europäische Mächte nicht in amerikanische Streitigkeiten zu mischen haben, daß aber darüber hinaus die Vereinigten Staaten für sich das Recht in Anspruch nehmen, darüber zu wachen und gegebenenfalls einzugreifen, damit staatliche Umwälzungen nur mit ihrem Einverständnis erfolgen. Namentlich natürlich in Mittelamerika, wo die unbedingte Beherrschung des Panamakanals erweitert worden ist zu einer
Kontrolle über die Verhältnisse der Nachbarstaaten. Gerade in Nikaragua ist die Einmischung Nordamerikas so oft erfolgt, daß das neueste Geschehnis dieser Art nichts Auffallendes an sich hat, besonders, da der Präsident Diaz sich schon seit 12 Jahren amerikanischer Gunst erfreut.
Verwickelter wurde die Sache erst dadurch, daß Mexiko, also vor allem der liberale Präsident C a l l e s, angeblich den Gegner des Präsidenten Diaz in seinem Kampf durch Waffenlieferung unterstützte, so daß der amerikanische Admiral Latimer, der in Nikaragua gelandet war, heftig protestierte und die Vereinigten Staaten immer schroffere Töne gegen Mexiko anschlugen, vas den Dr. Sacasa als Präsidenten anerkannt hatte. Aber das ist alles nicht das Entscheidende bei der Zu- Pitzung des Verhältnisses zwischen Nordamerika und Mexiko, die schon dazu geführt hat, daß nach den neuesten Meldungen aus Washington an der mexikanischen Grenze
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Man rechnet in Mexiko mit einem sehr baldigen Abbruch Der Beziehungen.
In der Hauptsache dreht es sich um den Kampf zwi- chen den amerikanischen Besitzern der mexikanischen Q l - : e l b e r und der Regierung Mexikos, deren Landgesetz- zebung angeblich frühere Rechte jener Amerikaner ver- etze. Gerade dieses Ölvorkommen in Nordmexiko, die Ledrohung der zum größten Teil amerikanischen Besitzer ,ei einer der auch nicht gerade seltenen Revolutionen hat a schon mehrfach zum militärischen Eingreifen der Ver- ünigten Staaten geführt, die sich durchaus nicht dagegen träuben würden, wenn ihnen ein Zufall oder kriegerischer Zugriff diese Olfelder in die Hände liefern würden. Man jat es auch ein paarmal versucht; aber bisher mißlang es. Sun ist Calles, Mexikos Präsident, politisch links- cadikal eingestellt, ist deswegen in heftigsten Konflikt mit Der katholischen Kirche geraten, der nicht mehr einen Kulturkampf" darstellt, sondern schon zu einem mit zahlreichen Todesopfern verknüpften Bürgerkrieg geworden ist. Maßgebend dabei sind die Arbeitergewerkschaften, auf Die sich Calles vor allem stützt — und das hat dem nord- rmerikanischen Staatssekretär des Auswärtigen nun den Ausgangspunkt für die Ausführungen abgegeben, die er iber den ganzen Konflikt soeben im Senat gemacht hat and die dahin gipfelten, daß Mittelamerika, vor allem Mexiko, angeblich die Basis für sozialistisch-kommunistische Angriffe auf Nordamerika abgebe. Er zitierte die Re- chlution der Gewerkschaftsinternationale aus dem Jahre 1924, wo die Grundzüge des Kampfes gegen den „ameri- ünischen Imperialismus" niedergelegt sind. Und ;ür diese Ansichten der Kommunisten bezüglich Mittelamerikas sei vor allem Calles, der Präsident von Mexiko, verantwortlich. Calles stattete wkanntlich vor einigen Jahren bei seiner Rundreise durch Europa auch der deutschen Regierung in Berlin einen gesuch ab. Bei der Einstellung der Nordamerikaner gegen Balles ist es also kein Wunder, daß die angekündigte ilriegserklärung Nordamerikas gegen Mexiko durchaus licht ausgeschlossen erscheint, besonders, da sich Washing- y« weigert, die Entscheidung über die vorliegenden Streitfragen etwa dem H a a g e r Schiedsgerichtshof zu mterbreiten. Diese Ablehnung der Vereinigten Staaten jat nicht weiter überrascht, zumal man weiß, wie stark wrt Erklärungen mit irgendwelchen politischen Verbrämungen wirken, wenn es sich im letzten Grunde auch rur um — P e 1 r 0 l e u m handelt.
Aufruhr in Mexiko.
Nach einer Reutermeldung aus Mexiko treffen in immer zunehmendem Umfange Berichte über Aufstände, Schießereien und Hinrichtungen in verschiedenen Teilen des Landes in der Hauptstadt ein. Präsident Calles erließ eine Erklärung, in der er dem katholischen Episkopat die Verantwortung für die Erhebungen aufbürdet. Die Bundesregierung sei davon überzeugt, daß die Aufständischen auf Grund genauer Anweisungen seitens des Episkopats handelten. Auf die Propaganda der Priester seien die Auf stände in sechs verschiedenen Staaten zurückzuführen, bei denen 24 Soldaten der Bundestruppen und 75 katholische Aufständische den Tod gefunden hätten. / / .
Rheinland n. Militärkontrolle
Von Genf bis Thoiry.
Briand und die deutsch-französische Verständigung.
Der Abbau der Militärkontrolle in Deutschland und die Erwägungen über eine etwaige frühere Räumung des besetzten Gebietes veranlassen die französischen Nationalisten zu immer neuen Vorstößen gegen Briand. So hat der rechtsstehende Abgeordnete Desjardin an den französischen Außenminister eine schriftliche Anfrage gerichtet, ob Briand in Gens Verpflichtungen hinsichtlich einer früheren Räumung der besetzten Rheinlande eingegangen sei. Der Minister antwortete es sei nicht nur keine Verpflichtung eingegangen worden, vielmehr sei die Frage während der Verhandlungen in Gens nicht einmal gestellt worden.
Auf eine zweite Anfrage des Abgeordneten über die Aufhebung der Militärkontrolle und die Stellungnahme der Botschafterkonferenz, der Interalliierten Kontrollkommission, des französischen Obersten Kriegsrates und des Interalliierten Militärkomitees in Versailles zu dieser Frage antwortete Briand, eine nahe bevorstehende parlamentarische Debatte werde dem Minister des Äußern Gelegenheit geben, alle wünschenswerten Auskünfte zu erteilen. Auf eine dritte Anfrage über die Veröffentlichung des mit den verschiedenen Regierungen und der Botschafterkonferenz während der letzten Völkerbundtagung gepflogenen Meinungsaustausches, der sich auf die Aufhebung der Militärkontrolle in Deutschland bezog, antwortete Briand, ein Gelbbuch hierüber zu veröffentlichen, komme nicht in Frage, da ja die Verhandlungen über die Entwaffnung Deutschlands noch nicht beendet seien.
Diese Antwort Briands veranlaßt einen Mitarbeiter des „Petit Parisien" zu einer phantastischen Erzählung
die Unterredung von Thoiry.
Auch dort,,schreibt er, sei nur obenhin von der vorzeitigen Rheinlandräumung gesprochen worden. Stresemann habe dem Sinne nach gesagt: „Ein großes Hindernis für die deutsch-französische Annäherung bilde die Rheinlandbe-
Die Bedenken des Zenirums.
Weitere Verhandlungen mit Wirtfchastsvertretern.
Dr. Curtius hat seine Aussprache über die Möglichkeiten einer durch ihn vorzunehmenden Regierungsbildung fortgesetzt. Er empfing sowohl Vertreter des Reichslandbundes, die ihn über die Auffassungen der Landwirtschaft unterrichteten, als auch eine Abordnung aus Industrie und H a n d e l, die ihm ihre Anschauungen zu den aktuellen Problemen der Wirtschaftsund Sozialpolitik darlegte. Die Zentrumsfraktion des Reichstages, deren Sitzung in parlamentarischen Greifen mit großer Spannung erwartet wurde, faßte nach etwa dreistündiger Dauer einstimmig folgenden Beschluß:
„Die Zentrumssraktion des Reichstages teilt dil schweren außen- und innenpolitischen Bedenken ihres Fraktionsvorstandes hinsichtlich des von Dr. Curtius zu bildenden Kabinetts.
Der Fraktionsvorstand wird beauftragt, dies« Bedenken Herrn Dr. Curtius und dem Vorsitzender der Deutschen Volkspartei, Dr. Stresemann, erneut vorzulegen."
Zur Erläuterung dieser Stellungnahme fand noch eine mündliche Aussprache zwischen Führern der Zentrumsfraktion sowie Dr. Curtius und Dr. Stresemann statt.
Nach Bekanntwerden des Beschlusses der Zentrums- fraktion meldeten sich sofort wieder die Sozialdemokraten, deren „Sozialdemokratischer Pressedienst" betont, daß die Sozialdemokratie jederzeit zu Verhandlungen bereit fei. Sie sei entschlossen, die Mitverantwortung für die künftige Regierungspolitik zu tragen.
Die Lage in China.
Ausschreitungen in Schanghaier Baumwollspinnereien.
Die Spannung in Hankau hat nach einer Reutermeldung nachgelassen. Die englischen Staatsangehörigen können sich im Konzessionsgebiet frei bewegen. Die Abwanderung der Ausländer aus dem Innern gestaltet sich wegen des Boykotts und des Mangels an Schissen schwierig. Dem englischen Konsul in Kiukiang gelang es, die Archive des Konsulats zu retten. Er wohnt jetzt in einemkleinenBoot, das die Konsulatsflagge führt, auf dem Fluß. Auch der französische Zollkommissar übt seine Tätigkeit auf einem kleinen Boot aus.
In Schanghai kam es in zwei Baumwollspinnereien zu Ruhestörungen. Die Polizei mußte die Hilfe der Feuerwehr in Anspruch nehmen, um die Arbeiter zu vertreiben, Unter den letzteren befanden sich z a h l r e i ch e F r a u e n, die die Hauptrolle bei den Beschädigungen des Eigentums der Spinnereien spielten. Die Ruhestörer, deren Zahl auf tausend geschätzt wurde, benutzten Spulen
setzung." Briand habe hierauf geantwortet: „Es hängt von Deutschland ab, sie zu beenden. Nach 1870 hatten auch wir Eile, der Besetzung ein Ende zu bereiten. Wir haben deshalb 1873 das Nötige getan und der letzte deutsche Soldat hat den französischen Boden verlassen. Handeln Sie wie wir und die alliierten Truppen werden nicht eine Stunde länger als nötig im Rheinland bleiben." Stresemann habe gefragt: „Was verstehen Sie unter dem Wort „tun Sie das Nötige?", worauf Briand etwa dem Sinne nach geantwortet habe: „Es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen das zu sagen. Sie wissen, warum wir hier in Thoiry sind. Sie müssen nachdenken. Sie müssen Vorschläge machen. Wir werden sie im Geiste größten Entgegenkommens und in dem aufrichtigen Wunsch einer Verständigung prüfen." Das sei alles gewesen, also könne von einer Verpflichtung des Vertreters Frankreichs nicht die Rede sein.
Das Blatt spricht alsdann von einem Angebot der Mobilisierung der Reichsbahnobliga- tionen und fährt fort, die Besetzung sei eine dreifache Garantie, eine politische, eine militärische und eine Reparationsgarantie. Sie müsse also durch drei Gegenleistungen ersetzt werden. Das zu fordern sei berechtigt, und sei es auch nur im Hinblick auf die Reparationen, denn das Reich habe im Verlauf der letzten Jahre nicht weniger als 3200 Millionen Goldmark in den Vereinigten Staaten geliehen. Gehe das so weiter, dann würden der Dawes-Plan und die Reparationen Gefahr laufen, rasch kompromittiert zu werden.
Fortschritt in den pariser Besprechungen?
„Petit Parisien" berichtet, daß General von Pawels; und Geheimrat Förster nunmehr auch mit alliierten, d. h., nichlfranzösischen Mitgliedern des Internationalen Militärkomitees Fühlung genommen und daß diese mit ihren französischem LÄsegen me&rm^^ über die technischen Einzelheiten der zur Erörterung stehenden Fragen gehabt hätten. Allgemein könne man erklären, daß der Meinungsaustausch jetzt pi ziser werde und einen gewissen Fortschritt gegenüber ben früheren Unterredungen bedeute.
und andere Maschinenteile der Spinnereien als Wurfgeschosse gegen die Polizei. Sie zerstreuten sich aber, als ein Wasserstrahl der Feuerspritze auf sie gerichtet wurde. Der Befehlshaber der Feuerwehr und mehrere Polizisten wurden leicht verletzt.
Eine Sitzung des englischen Kabinetts befaßte sich mit der Lage in China. Wie verlautet, ist keine „einschneidende Entscheidung" über die zu befolgende Politik getroffen worden. Die Regierung beschloß, den Bericht des britischen Gesandtschaftsrates O'Malley, der sich in Hankau befindet, abzuwarten, bevor sie einen Beschluß saßt. _____________
polnische Verlegenheiten.
Warschau. Gegenüber dem offiziösen deutschen Kommunique zu der Rede des polnischen Außenministers veröffentlicht die Polnische Telegraphenagentur folgende Erklärung: Zahlreiche Äußerungen der deutschen Presse beweisen, wie unbequem den deutschen Kreisen die Entschiedenheit ist, mit der der polnische Außenminister die Politik seines Landes klargestellt hat. Zaleski hat in seiner Rede die Richtlinien der polnischen Politik klar und unzweideutig sowohl hinsichtlich ihrer Ziele als auch hinsichtlich ihrer friedlichen Beweggründe dartzelegt. Diese Politik, die die Billigung des ganzen Landes gefunden hat, wird von der gut unterrichteten Weltöffentlichkeit richtig gewürdigt. Tendenziöse Auslastungen oder Kommentare können die Bedeutung der Worte des polnischen Ministers in keiner Weise abschwächen. Zu diesen Ausführungen wird von amtlicher deutscher Seite bemerkt: Die Inhaltslosigkeit dieser polnischen Erklärung zeigt, daß man auf polnischer Seite auf Die sachlichen Ausführungen des deutschen Kommuniques nichts zu erwidern weiß.
poliiische HunOf^au.
Deutsches Reich
Die deutsch-türkischen Handelsverträge.
Ju A n g 0 r a sind die Ende Oktober v. I. paraphierten deutsch-türkischen Handels- und Niederlassungsverträge unterzeichnet worden. Der Handelsvertrag, der auf den Grundsätzen der W . i st b e g ü n st i g u n g und der Gleichbehandlung mit den eigenen Staatsangehörigen aufgebaut ist, enthält neben k : üblichen Vereinbarungen über Handel und Schiffahrt I- . 0 ■ -
dere Bestimmungen iber Handlungsre^.cde u..j - die von ihnen mitgeführten Muster. In zolltariflicher Hin-
ficht ist gleichfalls gegenseitige Meistbegünstigung vereinbart Daneben hat Deutschland einige Herabsetzungen türftscher Tarifsätze erlangt, insbesondere für gewisse chemische Erzeugnisse, Spielzeug und Lederwaren. Die deutschen Zugeständnisse an die Türkei erstrecken sich u. a. auf Teppiche, Rosinen, Mandeln, Feigen, Haselnüsse, Kanariensaat. Die Vertragsdauer beträgt zwei bzw. drei Jahre. Nach Ablauf dieser Fristen gelten die Verträge für unbestimmte Zeit weiter; sie können jedoch jederzeit