hersfelöer Tageblatt
Hersfel-er Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS mit den Beilagen: Seimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen
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Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 10 Donnerstag, den 13. Januar 1927 77. Jahrgang
Die Gewerkschaften bei Dr. Euriius.
Auch Verhandlungen mit den Wirtschaftsführern.
Dr. Curtius setzte am Mittwoch seine Bemühungen um die Bildung einer Regierung fort. Er empfing Vertreter der Freien Gewerkschaften, der Christlichen und der Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften. Die Führer der Freien Gewerkschaften, Leipart und Graßmann, sind zurzeit nicht in Berlin. Der Allgemeine Deutsche Gewerk- fchastsbund entsandte deshalb andere Vertreter zu den Verhandlungen. In parlamentarischen Kreisen rechnet man damit, daß Herr Dr. Curtius sich auch mit Führern der Industrie und der Wirtschaft besprechen wird. Mit Interesse sieht man in parlamentarischen Kreisen der Fühlungnahme des Zentrums mit den Sozialdemokraten und den Deutschnationalen entgegen. Dr. Curtius dürfte bis dahin kaum irgendwelche entscheidenden Schritte unter- nehmen.
Die Gewerkschaftsvertreter unterbreiteten in der Besprechung mit Dr. Curtius' ihr Sozialprogramm, wobei sie vor allem zum Ausdruck brachten, daß sie als dringendste Aufgabe der künftigen Regierung die sofortige Verabschiedung des Arbeitszeitnotgesetzes ansehen, und zwar müßte durch dieses Gesetz, das zudem endgültig die Ratifizierung des Washingtoner Abkommens ermöglichen soll, der Achtstundentag grundsätzlich in Deutschland garantiert werden. Ferner wünschen die Gewerkschaften eine alsbaldige Verabschiedung des Arbeitsschutzgefetzes, das sich vor allem auf den Schutz der älteren Angestellten und den Schutz der Kinderarbeit bezieht. Sodann trugen die Gewerkschaftsvertreter ihre Wünsche hinsichtlich einer nachdrücklichen Vertretung der Arbeitnehmerschaft gegenüber der Reichsregierung vor. Dr. Curtius nahm diese Wünsche der Gewerkschaftsvertreter entgegen, konnte natürlich positive Gegenvorschläge nicht machen, da solche erst möglich wären, wenn es einem Kanzler gelungen ist, ein Kabinett zustande zu bringen,-und wenn er mit den Parteien, die dieses Kabinett tragen, darüber eine Verständigung erzielt hat.
----- Mßr die^Shtzung tzps-—V o r st a n o es Der Z e n- trumsfraktion wurde folgende parteioffiziöse Mit- keilung ausgegeben: Der Vorstand der Zentrumsfraktion ist sich darüber einig, daß der vorgeschlagenen Kabinettsbildung schwere außen - und innenpolitische Bedenken entgegenstehen. Einen Beschluß zu fassen, war der Vorstand nicht in der Lage, bevor er nicht die Fraktion gehört hat.
Sie Srdeutmig der leichten Kreuzer.
Äußerungen des französischen Marineministers.
Der „Matin" veröffentlicht ein Interview mit dem Marineminister Georges Leygues, in dem dieser die Bedeutung der leichten Kreuzer sowohl für den Krieg als auch für den Frieden hervorhebt. Der Minister erklärte in diefem Zusammenhang, man möge an die Lehre von 1916, an die deutschen Kreuzer „Goeben" und „Breslau" denken und auch an die Lehren von Jütland. Im Kriege könnten die leichten Kreuzer unbeschränkte Verwendung finden, sie seien offensiv und defensiv zu ge- brauwen. Sie seien stark und schnell. In Friedenszeiten seien die leichten Kreuzer die besten und schnellsten Vertreter, die ein Staat ins Ausland senden könne.
Zwsi sravzösische Soldaten verhaftet.
Erregung in Mainz.
Die beiden französischen Soldaten, die sich am Abend des 8. Januar die gemeldeten Übergriffe zuschulden kommen ließen, sind festgestellt und v e r h a f t e t worden. Nach Mitteilung des französischen Oberkommandos sollen sie vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
Zu dem neuen Mainzer Zwischenfall werden noch einige Ergänzungen bekannt, die zeigen, daß die beiden anscheinend betrunkenen französischen Soldaten nahezu systematisch die deutschen Passanten angegriffen haben. Kurz bevor ein Überfall auf die 24jährige Tochter des Eisenbahnobersekretärs Vogel geschah, wurde 200 Meter von jenem Tatort entfernt der 22jährige Heilgehilfe Volk von dem einen Soldaten an der Brust gepackt und durch einen Faustschlag ins Gesicht verletzt. Auch der zweite Soldat schlug dann auf den wehrlosen jungen Mann ein. Es ist auch beobachtet worden, daß in zwei anderen Fällen Passanten von den Soldaten belästigt wurden. In der Stadt Mainz herrscht über diesen dritten Zwischenfall in kurzer Zeit st ä r k st e E n t r ü st u N g.
Wie noch nachträglich bekannt wird, ist in Landau ein 20 Jahre alter Kaufmann von zwei französischen Soldaten angerempelt und mit Füßen getreten ; .t :
Die Grippeepidemie in Europa.
Zumeist gutartiger Verlauf.
Der von der Hygieneabteilung des Völkerbundsekretariats veröffentlichte Sonderbericht über die Grippe- epidemie in Europa enthält Beiträge der Samtatsver- waltungen von Deutschland, Belgren, Danemark, Italien,
Der Kampf um die Ottfemmgen
ZmnzöWe Sümmungsmache
gegen DevWand.
Eine deutsche offiziöse Warnung.
Anläßlich der in Paris stattfindenden Besprechungen über die sogenannte Entwaffnung der deutschen Ostfestungen hat in einem Teil der französischen Rechtspresse ein Kesseltreiben gegen Deutschland eingesetzt. Einer der Hauptruser in diesem Streit ist der Marschall Foch, der sich entschieden gegen die Abschaffung der Militärkontrolle und gegen die Räumung des Rheinlandes wendet. Diese Haltung Fochs erschwert auch die schwebenden Verhandlungen über die Frage der Ostfestungen außerordentlich. Darüber hinaus ist auch Polen in Paris eifrig tätig, um diese Verhandlungen zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Zu den französischen Pressetreibereien wird nunmehr von deutscher Seite in einer Erklärung offiziös Stellung genommen, in der es heißt:
Ein Teil der französischen Presse, so „Echo de Paris", „Temps" und andere Blatter, bemüht sich seit mehreren Tagen, den seit zwei Tagen im Gange befindlichen Verhandlungen zwischen den deutschen Vertretern und der Botschafterkonferenz die politische Bedeutung eines Kernproblems für die deutsch-französischen Beziehungen beizulegen und gegen eine Bereinigung der beiden sogenannten Restfragen Stimmung zu machen. Diese Kampagne erweckt in Berlin steigendes Befremden. Man erblickt darin im Zusammenhang mit anderen bereits vor Beginn der Besprechungen veröffentlichten tendenziösen Artikeln zu den schwebenden Fragen eine planmäßige Stimmungsmache derjenigen Kreise, die eine beuiftMxMAäffi^ standigüng verhindern wollen. Es wäre sehr bedauor-"' lich, wenn es diesem Pressefeldzug gelingen würde, die an sich nicht leichten Verhandlungen zu stören und damit dem Fortgang der Verständigung, die von deutscher Seite aufrichtig gewünscht wird, Schwierigkeiten, zu bereiten.
In Berliner politischen Kreisen glaubt man, daß trotz der Schwierigkeit der Pariser Verhandlungen diese keineswegs als aussichtslos gelten. Etwas günstiger sollen die im wesentlichen in Berlin geführten Verhandlungen über die Frage des Kriegsmaterials verlaufen, nachdem die Militärkontrollkommission neue Instruktionen aus Paris erhalten hat.
Ein Wasserstrahl nach Warschau.
Das „arme" Polen! Kein Wässerchen hat es je getrübt, wird es je trüben. Denn Polen ist laut Aussage feines Außenministers der „Hort des Friedens" und das p a z i f i-st i f ch st e Land in Europa. Nebst Umgebung. Aber Deutschland! Das bricht ganz glatt den Artikel 10 der Völkerbundsatzung, der jedem Volk die Achtung vor den Grenzen der andern vorschreibt. „Statt dessen" treibt Deutschland eine eifrige Propaganda für die Revision seiner Ostgrenzen. So sagte vor einigen Tagen der polnische Außenminister Z a l e s k i und folgerte daraus den Vorwurf des Bruchs der Völkerbundsatzung.
Da hat man sich doch in Berlin entschlossen, durch die amtliche Telegraphenagentur einen offiziösen Wasserstrahl nad) Warschau zu richten, in einer scharfen Erklärung den Vorwurf als ganz unberechtigt zurückzuweisen. Denn der Artikel 10 verbietet nur jedes angriffsweise Vorgehen gegen die Grenzen des Nachbarn und an solch einen Angriff denke Deutschland gar nicht, denke auch nicht daran, ihn durch jene Propaganda vorzubereiten. Nichts sei unsinniger als derartige Unterstellungen!
den Niederlanden, Norwegen, Schweden, der Schweiz und der Tschechoslowakei. Allgemein wird festgestellt, daß die Epidemie, Dbwohl die Krankheitsfälle sehr zahlreich stnd, bisher einen mehr gutartigen Verlauf nimmt und die Sterblichkeit nicht merklich höher ist als bei normalen Verhältnissen zu dieser Jahreszeit. In verschiedenen Ländern habe die Epidemie einen stark ansteckenden Charakter.
Das Deutsche Hygienebureau meldet, es gäbe keine eigentliche Grippeepidemie in Deutschland, dagegen zahlreiche Fälle von Erkrankungen der Luftwege. Die Zahl der Todesfälle infolge Grippe oder Erkrankung der Luftwege fei nur wenig größer als zu anderen Zeiten.
In den schweizerischen Grenzgebieten sind dre Schulen größtenteils noch weiterhin geschlossen. Nach emer Mitteilung aus Basel sind dort in den ersten sieben Tagen des neuen Jahres 35 Personen an Grippe gestorben, ^n der vergangenen Woche sind dort 3000 neue Erkrankungsfälle angemeldet worden. Fast ein Drittel der Bevölkerung Madrids ist bisher an Grippe erkrankt. Die Krankheit nimmt in der Mehrzahl der Fälle einen günstigen Verlauf.^
Wie unsinnig der Vorwurf ist, geht gerade aus dem Vorhandensein eines anderen Artikels der Völkerbundsatzung, nämlich dem 19., hervor, der, wie die deutsche Erklärung nun unzweideutig ausführt, es als Aufgabe des Völkerbundes hinstellt, auf die Änderung unabwendbar gewordener Verträge und solcher internationaler Verhältnisse hinzuwirken, „deren Aufrechterhaltung den Weltfrieden gefährden" würde. Deutschlands gutes Recht ist es also, auf die Anwendung dieses Artikels hinzuwirken, besonders, da es sich dabei um Gebiete handelt, die weder, wie Herr Z a l e s k i behauptet, „urpolnisch" noch für Polen ein Lebensbedürfnis sind. Der Zorn des polnischen Außenministers habe wohl etwas andere Ursachen: innenpolitische nämlich. Er spricht nach, was die polnische Presse schreibt. Dort stand nämlich zu lesen, der deutsche Widerstand gegen die Forderungen der Entente hinsichtlich der deutschen Ostbefestigungen bedeute eine — Bedrohung Polens! Dort stand auch geschrieben, die Räumung des Rhcinlandes gefährde gleichfalls DaS arg von deutscher Angriffslust bedrängte Polen — Mas gewisse Politiker in Frankreich gern übernommen haben.
Es ist also eine richtige politische, dabei überaus oerantwortungslose Brunnenvergiftung, die Herr Zaleski treibt. Er will aber nun ganz raffiniert sein: redet er »och davon, daß Pläne aufgetaucht feien, wonach Polen in Deutschland den Korridor an der Weichsel wieder jurückgeben, dafür aber Litauen und das Memel - gebiet „erhalten" solle. Die deutsche Gegenerklärung sagt mit erfreulicher Offenheit, daß Herr Zaleski sich doch einmal darüber äußern möchte, wer denn eigentlich diese Pläne betreibe; die deutsche Regierung wisse davon nur vas, was in den Zeitungen stehe. „Wenn mit derartigen WMÄÄWW " oas auf das bestimmteste zurückgewiesen werden." Man darf wohl das „wenn" in der deutschen Erklärung ruhig durch ein „da" ersetzen, ohne mit der Wahrheit in Konflikt zu kommen.
Nicht angebliche Angriffspläne Deutschlands, nicht unsere Stellung zur Frage unserer Ostgrenzen bringt also Unruhe in die politische Entwicklung des östlichen Europas hinein, sondern „solche Auslassungen, zu denen die Haltung Deutschlands in keiner Weise Anlaß gegeben hat". Polen, das Wilna raubte, in das deutsche Oberschlesien rinbrach, mag sich selbst als „Hort des Friedens" bezeichnen, andere werden es nämlich kaum tun. Wir haben uns durch die Zusatzverträge zum Locarnoabkommen verpflichtet, an eine kriegerische Auseinandersetzung mit unseren östlichen Grenznachbarn nicht zu denken. Aber wir haben uns niemals verpslichtet — und das betont die Deutsche halbamtliche Erklärung mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit — polnische Verleumdungen so ohne weiteres uns gefallen zu lassen.
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polnische Treibereien in Paris.
Die Pariser Ausgabe des „New Nork Herald" glaubt zu wissen, daß die polnische Regierung bei der Botschafterkonferenz lebhafte Vorstellungen erhoben habe, um darauf hinzuweisen, daß die deutschen Ostfestungen die Sicherheit Polens bedrohten. Im übrigen erklärt das Blatt, vaß ein Stillstand in den Verhandlungen des deutschen Generals von Pawels; mit der Botschafterkonferenz vor- auszusehen sei und daß die Frage der Befestigungen schiedsgerichtlich behandelt werden würde. Briand sei einem derartigen Verfahren nicht abgeneigt, aber Poin- care und andere Minister feien dagegen. Der französische Delegierte in der Botschafterkonferenz, Jules Cambon, soll übrigens auch für ein schiedsgerichtliches Ver- fabren fein.
politische Rundschau. Deutsches Reich.
16 Steuerarten auf ein Glas Bier.
Ein bayerischer Gemeinderat hat festgestellt, daß unfein Glas Bier nicht weniger als 16 verschiedene Steuerabgaben entfallen, von denen zehn die betreffende Gemeinde und sechs das Land Bayern erhebt. Diese 16 Steuerarten sind folgende: 1. Eine Anzeigenabgabe für die Ankündigung des Betriebes; 2. die Plakatabgabe, wenn diese Ankündigung auch öffentlich angeschlagen worden ist; 3. die Konzessionsabgabe; 4. die Wohnhaussteuer für das Lokal; 5. der Feuerwehrbeitrag; 6. die Wasserkraftabgabe; 7. die Fürsorgeabgabe für das Personal; 8. die Wassergebühr; 9. die städtische Getränkesteuer; 10. die staatliche Warenumsatzsteuer; 11. die Rahrungs- und Genußmittelabgabe; 12. die Lustbarkeitsabgabe; 13. die Polizeilizenz; 14. die Erwerbssteuer; 15. dre Einkommensteuer und 16. die Landesbiersteuer.
Das neue sächsische Ministerium.
Der Sächsische Landtag ist bis zum 18. Januar vertagt worden. Der zum Ministerpräsidenten gewählte Alt-