yersfel-er Tageblatt hersfelüer Kreisblatt Amtlicher Mzerger M den Kreis Hersfel-
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Nr. S Mittwoch, den 12. Januar 1927 77. Jahrgang
Ermäßigter Zinsfuß.
Die Reichsbank hat den Wechseldiskont von 6 auf 5 % herabgesetzt; der Lombardzinsfuß blieb unverändert 7 %.
Die weitere Herabsetzung des Reichsbankdiskonts um t %, also von 6 auf 5 %, kommt keineswegs überraschend, obwohl eine Herabsetzung erst vor nicht allzulanger Zeit erfolgt war. Der breite Strom ausländischer Gelder, der sich nach Deutschland ergoß, die Steigerung der Aktienkurse und die bei Glattstellung dadurch erzielten Gewinne hatten eine derartige Flüssigkeit auf dem Geldmarkt herbeigeführt, daß die Reichsbank tatsächlich jede Beherr- schungsmöglichkeit auf dem Kapitalmarkt so gut wie verloren hatte. Selbst größere Aktienausgaben konnten sehr leicht untergebracht werden und das Ausland drängte sich geradezu danach, der deutschen Wirtschaft sein Geld zur Verfügung zu stellen. Der ganze Reichsbankdiskont war für kurzfristige Gelder überhaupt nicht mehr maßgebend, vielmehr längst unterboten worden, und das machte sich geltend auch auf dem Markt der langfristigen Kredite, wo eine ständige Herabsetzung des Zinsfußes vor sich ging. Vor ein paar Tagen ist eine Reichsgerichtsentscheidung bekanntgeworden, wonach eine Zinsnahme von 1 % pro Tag für kurzfristige Gelder im Fahre 1924 nicht als Wucher zu bezeichnen sei — erfreulich, daß diese Zeiten vorbei, hoffentlich für immer vorbei sind.
Die Reichsbank hat ihren Diskont heruntergesetzt, ohne daraus zu warten, was die fiü uns ja sehr maßgebende Bank von England in dieser' Hinsicht tun würde, von der man annehmen darf, daß sie in kürzester Frist nun gleichfalls zu einer Diskontherabsetzung schreiten wird. Derartige Maßnahmen haben den Zweck, die allzu große Geldflüssigkeit auf dem Kapitalmarkt etwas zu hemmen, sollen für uns in Deutschland aber noch das besondere Ziel haben, den Anreiz für das ausländische K a p i t a l zu vermindern, bei uns Verwendung zu suchen, weil es im eigenen Lande nur schwer _____und nur zu aerinaem -Ä
_ (^s fjf in besannt, daß der Reichsbankpräsidew Dr. Schacht sich zu einem immer heftigeren Gegner einer übermäßigen Kredithereinnahme vom Auslande her entwickelt hat. Wenn uns auch das Vertrauen, das das Ausland auf die Zukunft unserer Wirtschaft setzt, gewissermaßen ehren mag, so hat doch diese Hereinnahme auch ihre bedenklichen Seiten, namentlich dann, wenn sie allzu leicht gemacht wird. Es besteht dann der Anreiz, Betriebe zu erweitern oder neu zu gründen, deren Lebensfähigkeit nicht ohne weiteres auf der Hand liegt. Dir Überfremdung der deutschen Wirtschaft hat in fehl bedenklichem Maße Fortschritte gemacht und um bagegen einschreiten zu können, hat der Reichsbankpräsident als ein freilich nicht immer durchschlagend wirkendes Mittel dir Herabsetzung des Reichsbankdiskonts gewählt. Wichtiger als die Hereinnahme fremden Kredites ist die Förderung der K a p i t a l n e u b i l d u n g in Deutschland, die gewiß schon einige Fortschritte gemacht hat, aber leider durch die Einschrumpfung der Spanne zwischen Erzeugungskosten und Unternehmergewinn, zwischen Lebenshaltungskosten und Löhnen noch lange nicht die Höhe bei Vorkriegszeit erreicht hat.
Von wohltätiger Wirkung wird die Herabsetzung des Reichsbankdiskonts auch auf bem Markte der langfristigen Gelder sein. Das konnte man deutlich beobachten, als bei Reichsbankdiskont von 7 auf 8 % ermäßigt wurde. Seitdem ist auch der Zinsfuß, den die deutschen Kreditnehmer jeder Art für Geldaufnahmen im Ausland zu zahlen hatten, ständig zurückgegangen. Ältere deutsche Anleihen, die zu einem höheren Zinssuß begeben worden sind, wir z. B. die 200-Millionen-Dollaranleihe von 1924, die restlos im Ausland aufgelegt wurde, schloffen sich dieser Entwicklung dadurch an, daß ihr Kurs entsprechend in die Höhe gesetzt wurde. So steht jene Dollaranleihe jetzt in London und Newyork beträchtlich über Pari, also übel 100 %, weil sie zu einem Zinsfuß von etwa 8% % begeben worden war.
Dieses Abdrängen des GeldüberfUsses in die festverzinsliche Anlage hinein ist recht deutlich geworden auch an den deutschen Börsen, sobald man Wind davon bekam, daß eine Diskontherabsetzung in Aussicht genommen wurde. Im Interesse unserer Wirtschaft ist diese Entwicklung natürlich als recht erfreulich zu betrachten, besonders deswegen auch, weil nun gewisse Wirtschaftszweige, die bisher wegen ihrer geringeren Rentabilität, wie z. B.die Landwirtschaft, auf kreditpolitische Schwierigkeiten stießen, nun wohl stärkere Berücksichtigung finden werden.
Noiienkonzeniraiion vor Schanghai.
Fortdauer der fremdenfeindlichen Unruhen.
Wie der Amtliche Britische Funkdienst meldet, ist der Oberkommandierende der englischen Kriegsschiffe in den chinesischen Gewässern, Sir Reginald Thrwhitt, mit seinem Flaggschiff „Despatch" in Schanghai eingetroffen. Man erwartet, daß der amerikanische Admiral Williams demnächst mit dem Kreuzer „Pittsburg" von den Philippinen kommend in Schanghai eintrifft. Außer England und den Vereinigten Staaten haben auch Frankreich, Italien und Japan Kriegsschiffe nach der Aanati-münduna entsandt.
Dr. Curtius verhandelt
Bchrechungen mit den Parteiführern
Vorerst nur taktische Fühlungnahme.
Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius, der vom Reichspräsidenten von Hindenburg beauftragt worden ist, die Bildung einer neuen Regierung zu versuchen, hat seine Verhandlungen mit den Parteiführern bereits ausgenommen. Bei dieser ersten Fühlungnahme zwischen dem Beauftragten des Reichspräsidenten und den Fraktionsführer, r handelt es sich zunächst nur um die Feststellung der Anschauungen der politischen Führer nach der taktischen und programmatischen Seite hin. Personelle Fragen können in diesem Stadium der Unterhandlungen natürlich noch nicht erörtert werden.
An Einzelheiten wird aus den bisherigen Verhandlungen bekannt, daß der Führer der Demokraten, Dr. K o ch, der als erster von Dr. Curtius empfangen worden ist, die Beantwortung gewisser an die Deutschnationalen zu stellenden Fragen bezüglich ihrer Haltung zur Republik und zur Locarnopolitik wünschte. Dr. Koch soll außerdem erklärt haben, die demokratische Fraktion würde vorläufig sich an den Verhandlungen nicht weiter beteiligen und abwarten, ob Dr. Curtius mit den Deutschnationalen und dem Zentrum zu einer Einigung gelangen wird.
Nach Dr. Koch wurden die Führer der Wirtschaftlichen Vereinigung, die Abgeordneten D r e w i tz und Dr.
Dr. Curtius.
B r e d t, empfangen, die Dr. Curtius erklärten, daß ihre Fraktion eine bürgerliche Regierung erstrebe und daß sie Wert darauf lege, einen Ministerposten im Kabinett zu erhalten.
Darauf erfolgte eine Aussprache zwischen Dr. Curtius und dem Führer der Deutschnationalen, dem Grafen W e st a r p, der zum Ausdruck brächte, daß seine Partei durchaus gewillt sei, sich an einer Koalition aller bürgerlichen Parteien zu beteiligen. Bindende Erklärungen über den Eintritt der Deutschnationalen in das Kabinett könne er indessen noch nicht abgeben, da der Schwerpunkt der Verhandlungen beim Zentrum liege. In ähnlichem Sinne spricht sich auch eine Verlautbarung der Deutschnationalen Volkspartei aus, in der hervorgehoben wird, daß der vom Reichspräsidenten an den Minister Dr. Curtius erteilte Auftrag, durch Verhandlungen mit Der Deutschnationalen Volkspartei eine feste Regierungs- aemeinschaft au bilden, der eimiae Wea sei. aus dem die
Nach Berichten aus Schanghai werden dort schleunige Maßnahmen für die Verteidigung der internationalen Niederlassungen ergriffen.
Die Lage im Innern verschlimmert sich stufenweise. Fremdenfeindliche Unruhen brachen in Tschung- king aus, wo die Menge den Friedhof der Ausländer schändete. Der Vormarsch der mandschurischen Truppen in nordwestlicher Richtung gegen die Nationalisten des Nordens, der darauf abzielt, eine Verproviantierung Fengyuhsiangs von Rußland her zu verhindern, geht weiter..
Verschärfter Konftiki Mexiko—Amerika
Massenverhaftungen von Geistlichen in Mexiko.
Die Beziehungen zwischen Amerika und Mexiko haben sich aufs neue zugespitzt. Diese Verschärfung der Lage ist auf eine Sonderbotschaft des Präsidenten Coolidge über Nikaragua zurüüzustthren, in der er betont, daß Amerikas Politik sein und bleiben werde, die amerikanischen Bürger in den gefährdeten Teilen des Landes zu schützen. In der Botschaft erhebt der Präsident weiterhin die Anschuldigung gegen die mexikanische Regierung, daß die
Losung der Reglerungskrise möglich ist. Beim Zentrum, so heißt es in der Verlautbarung weiter, liegt also nunmehr die Entscheidung, ob es diesen Weg beschreiten oder »ine Regierungskrisis von unabsehbarer Dauer und eine Verwirrung aller Verhältnisse herbe':- stihren will.
Das Zentrum zeigt sich, wie bekannt ist, bisher einer Verbreiterung der Regierung ausschließlich nach rechts venig geneigt. Eine endgültige Stellungnahme der Zen- rumsfraktion des Reichstages wird aber erst am Mitt- voch abend erfolgen. Inzwischen hat Dr. Curtius den Wortführer der Zentrumsfraktion, den Zentrumsabgeord- reten v. Guörard, zu einer freundschaftlichen Besprechung »ei einer Tasse Tee in seine Wohnung eingeladen, um venigstens schon in Vorbesprechungen die Haltung der Kentrumspartei zu klären. Vor Donnerstag dürfte aber stum eine Klärung darüber zu erwarten sein, ob Dr. Lurtius die Bildung der neuen Reichsregierung gelingt »der nicht.
Dr. Enriius' Programm.
Über die Ausführung des vom Reichspräsidenten ent- zegengenommenen Auftrages zur Regierungsbildung teilte Dr. Curtius folgendes mit:
Der Plan der Großen Koalition, der vor dem Sturz »es Kabinetts Marx die parlamentarische Lage beherrschte, ist durch die bekannten Ereignisse zerschlagen worden. Stetigkeit der deutschen Politik setzt aber räch wie vor die Bildung einer Mehrheitsregierung vor- ms. Infolgedessen müssen Brücken nach rechts geschlagen werden. Graf Westarp hat wr der Abstimmung über das sozialdemokratische Mißtrauensvotum erklärt, daß es sich bei der Stellungnahme »er Deutschnationalen Volkspartei nicht um die Regie- UHIfl.i^^ir froii^ <«■»»»*»«»/ «" *'» ^wwg
Der parlamentarischen Mehrhcitsverhältnlsse. Es gilt, auf Den Grundlagen der bisherigen Politik der Mitte Gcmein- jchaftsarbeit mit der Deutschnationalen Volkspartei zu ermöglichen. Die Presseveröffentlichungen der letzten zeit dürfen von diesem Plan nicht abschrecken.
Die Lösung der Krise erfordert Verhandlungen bei verantwortlichen Instanzen der Parteien. Solche Verhandlungen von der Mitte nach rechts zu führen, bin ich von dem Herrn Reichspräsidenten beauftragt. Wenn sie gelingen, werden sie nicht zu einem „Besitzbürger- tz lock- führen. Auch eine Regierung mit den Deutsch- aationalen wird das Gemeinwohl und die sozialen Notwendigkeiten schützen wie die bisherige Regierung der Mitte.'
Ein Beschluß der Gozialdemokraien.
Auch der sozialdemokratische Parteiausschutz hat sich mit der politischen Lage eingehend beschäftigt. Er hat die Haltung der sozialdemokratischen Reichstagssraktion gebilligt, die bereit war, mit den auf dem Boden der rupubli- kanischen Verfassung stehenden Parteien in die Reichsregierung einzutreten. Der Parteiausschuß hält auch heute an dieser Bereitschaft fest. Er wird dabei zunächst geleitet von der Erwägung, datz die Politik von Genf und Thoiry fortgesetzt werden mutz mit dem nächsten Ziel der Befreiung des Rheinlandes. Er betont des weiteren die Notwendigkeit, gerade im Interesse der Reichswehr selbst ihre Entpolitisterung, insbesondere durch vollständige Unterbindung aller Zusammenhänge mit den Vaterländischen und Wehrverbänden durchzu- führen und sie unter Verzicht auf jede selbständige Politik auf ihre militärischen Aufgaben zu beschränken. Der Parteiausschuß weist auf die dringende Notwendigkeit hin, die Sozialpolitik fortzuführen und insbesondere durch schleunigste Verwendung des Arbeitszeitgesetzes den Achtstundentag zu sichern.
Waffenlieferungen aus Mexiko an die liberalen Streit- kräfte mit ihrem Wissen erfolgt sei. Amerika sei entschlossen, in seiner Unterstützung des Präsidenten Diaz nicht nachzulassen. Admiral Latimer hat drei weiter« Orte in Nikaragua besetzen und sie als neutrale Zone erklären lassen.
In Mexiko selbst scheinen die Religionskämpfe noch nicht nachgelassen zu haben. Nach einer Reutermeldung sollen 7 mexikanische Erzbischöfe sowie 23 Bischöfe verhaftet worden sein. Der Bischof von Ta- basco wurde nach unbekannter Richtung abgeführt.. Das Gerücht geht um, daß er verbannt werden soll. Er wurde in dem bischöflichen Palast verhaftet, zusammen mit mehreren Klerikern und Bürgern^ darunter dem Berichterstatter eines der bedeutendsten Presseverbcurde der Vereinigten Staaten. Dieser wurde später infolge des Einschreitens des nordamerikauischeu Botschafters auf freien Fuß gesetzt.
Ein neuer Zwischenfall in Mainz.
Die Beratungen über die Restpunkte.
Wie der Mainzer Anzeiger meldet, wurden deutsche
Zivilisten, die sich auf dem Nachhausewege befände», m