Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 6 «Erstes Noch
Sonnabend, den S. Januar 1927
77. Jahrgang
Schöne Aussichten!
Von neuen Besen pflegt man zu sagen: sie kehren gut. Aber das neue Jahr, das wir vor einer Woche aus der Taufe hoben, scheint um einen freundlichen Anfangseindruck nicht besorgt zu sein. Vielleicht liegt es an den ebenso rausch- und geräuschvollen Einzugsfeierlichkeiten, mit denen es diesmal wieder begrüßt worden ist, daß der in solchen Fällen übliche Katzenjammer einen so großen Umfang angenommen hat. Tatsache ist jedenfalls, daß schon am Neujahrstag in der Reichshauptstadt von einer wahren Selb stmordepidemie zu berichten war, und daß diese sonderbare Erscheinung, die man sonst allenfalls bei ganz außergewöhnlichen Hitzegraden der Hochsommertage zu beklagen hat, sich seitdem auch anderwärts in vielen Gegenden des Reiches, ja ebenso draußen in der Fremde, in den Vereinigten Staaten zum Beispiel, mit unheimlicher Heftigkeit fortgesetzt hat.
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In Berlin z. B. wurden schon in den ersten drei Januartagen rund zwei Dutzend Fälle von Selbstmorden gezählt, von denen wieder einmal die liebe Jugend den Hauptteil gestellt hat. Es ist eigentlich unverantwortlich, daß keine beamtete Reichs- oder Gemeindestelle sich mit der Sammlung und genauen Durchforschung dieser mehr als bloß betrübenden, dieser außerordentlich bedrohlichen Vorkommnisse beschäftigt. Ist es in dem einen Fall ein junger Mensch, dem lang andauernde Arbeitslosigkeit die Lust am Leben genommen hat, so hören wir unmittelbar darauf von einem Sohn aus gut bürgerlicher Familie, dem es weder an Beschäftigung noch an Privatvermögen gefehlt hat und der doch aus irgendwelchen ungeklärten Gründen zum Handtuch griff, um sich daran a«fzuhängen. Ein dritter Fall: Zwei Freunde sitzen bis weit über Mitternacht hinaus fröhlich beim Glase Bier zusammen und trennen sich dann in der selbstverständlichen Annahme, daß der nächste Tag sie nach getaner Arbeit wieder in gewohnter Weise zu Gedankena Mansch und Abend- ~^i^ zusammenführen werde. Statt dessen ruft,
kaum, daß der Morgen graut, eine Amtsdepesche den Freund aus dem Bett, damit er Auskunft gebe über die letzten Stunden des Zechgenossen, der seinem Leben kurze Zeit, nachdem die beiden sich in bester Stimmung getrennt hatten, durch einen Revolverschuß ein Ende gemacht hatte.
Sicher, daß wir es hier durchaus nicht etwa mit einer spezifisch deutschen Sondererscheinung zu tun haben. Ähnliche Hiobsnachrichten wurden in der ersten Januarwoche auch aus Rewhork verbreitet, wo unter anderem der sechzehnjährige Sohn eines Professors der Philosophie an der Universität von Rochester sich ins Jenseits flüchtete, weil, wie er schriftlich hinterließ, die Lektüre der Bücher seines Vaters ihn zu der Überzeugung gebracht habe, daß das Leben im Grunde gar keinen Sinn habe. Wenn schon jugendliche Gemüter an dieser „Erkenntnis" scheitern, was soll dann erst das Alter mit sich anfangen, das sich jetzt häufiger als je zuvor um den Lohn einer langen Lebensarbeit betrogen sieht und häufig wirklich nicht weiß, wie es seine Blöße decken, seinen jammervollen Hunger stillen soll? Gewiß ist das eine der leider nur viel zu vielen Fragen, die heutzutage leichter gestellt als beantwortet werden. Wurden schon so viele Reden und Artikel, soviel Lärm und Streit auf das Schmutz- und Schundgesetz verwandt, und das vielfach um bloß eingebildeter Sorgen willen, die vielleicht niemals Wirklichkeit werden dürften, so sollten alle die Kreise, die über diese Gesetzesvorlage nicht zur Ruhe kommen konnten, doch hier, angesichts der entsetzlichen Not in den Reihen unserer jugendlichen Volksgenossen, die Hände wirklich nicht in den Schoß legen. Eine Volksbewegung, die hier Hilfe und Rettung bringen wollte, würde gewiß alle Gutgesinnten rasch mit sich fortreißen.
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Aber auch sonst läßt sich das neue Jahr nicht gerade lieblich an. Drüben, jenseits des Großen Wassers, brodelt es ganz bedenklich in dem Hexe ukes selber mittel- a in e r i k a n i s ch e n Staaten. Um schnöder Olinter- essen willen wird Mexiko einem schweren Konflikt mit den Vereinigten Staaten ausgesetzt und amerikanische Truppen sind im Begriff, die Hauptstadt von Nikaragua zu besetzen, um dem Machthaber Hilfe zu bringen, der in Gefahr ist, vor einer siegreichen Revolution kapitulieren zu müssen. Das sind immerhin peinliche Ausgaben für die großen Herren von Washington, die unter dem Feldgeschrei des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen seinerzeit gegen uns die Waffen erhoben haben. Und im Fernen Osten erhebt sich wiederum der V o l k s z o r n d e r Chinesen gegen die englische Weltmacht, die gleichfalls zu kriegerischen Mitteln ihre Zuflucht nehmen zu wollen scheint, um dort in dem Wettbewerb der Rationen nicht gar zu weit ins Hintertreffen zu geraten.
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Vor unseren Toren aber erlaubt sich der auswärtige Minister der Polnischen Republik eine Sprache gegen die selbstverständlichen Maßnahmen der deutschen Politik, die schon beinahe als unverschämt bezeichnet werden muß. Polen weigert sich, in dem Streit um das große oberschlesische Stickstoffwerk von Chorzow den Schiedsspruch des Haager Gerichtshofes anzuerkennen,
Die Arbeitslosenversicherung
Statt Enverbslosenfürsorge
Erwerbsloseoverfichenm.
Ein neues sozialpolitisches Werk.
Der Entwurf eines Gesetzes über die Arbeitslosenversicherung ist dem Reichsrat und dem Reichstag zugegangen. Die Denkschrift ist ein starker Band. In der Begründung des Gesetzes wird die Entwicklung der Arbeits- losenhilfe im Deutschen Reich vor, während und nach dem Kriege geschildert und die Hauptgrundsätze, nach denen die Arbeitslosenversicherung gestaltet wird, werden klargestellt. Bei dem Gesetz handelt es sich um die Ablösung der bisherigen Erwerbslosenunterstützung durch Versicherung.
Als Versicherungsträger sind die Landes- arbeitslosenkasfen vorgesehen, die sich in der Hauptsache mit den Bezirken der Landesämter für Arbeitsvermittlung decken. Für den Fall der Arbeitslosigkeit sind die Personen versichert, die auf Grund der Reichsverfiche- rungsordnung oder des Reichsknappschaftsgesetzes kür den Fall der Krawkheit pflichtversichert sind, sowie diejenigen, die dem Angestelltenversicherungsgesetz unter-
und es versagt mit der gleichen Dreistigkeit der Entschei-. düng des vom Vertrauen des Völkerbundes getragenen Präsidenten C a l o n d e r in der Schulfrage den Gehorsam. Zu gleicher Zeit aber erhöht der allmächtige Marschall P i l s u d s k i unausgesetzt die Ausgaben für die Schlag- fertigkeit der polnischen Armee, unter ständigem Hinweis auf angebliche Kriegsdrohungen von deutscher Seite! Wenn der Völkerbund diesem wahnsinnigen Treiben nicht sehr bald einen Riegel vor-ä^ft. dann wird er schon für 1V2. M) aus mancherlei unliebsame Überraschungen gesaßr machen müssen.Dr. Sh.
Der ^,S-MÜliar-en-Eiai.
Balancierung des Reichshaushalts.
Der dem Reichstag jetzt zugegangene Etat für 1927 belan- ciert in Ausgaben und Einnahmen mit etwa 11% Milliarden wobei der Reichsfinanzminister zur Bestreitung einmalige, außerordentlicher Ausgaben eine halbe Milliarde Reichsmari im Wege der Anleihe flüssig machen will. Die Balancierunr des Etats ist nur durch optimistische Schätzung der Einnahmen möglich gewesen, die der Reichsfinanzminister mit der
voraussichtlichen Besserung der Wirtschaftslage
im Jahre 1927 begründet. So hat er für die Einkommensteuer 300 Millionen Mark mehr als im Vorjahre eingesetzt, für die Körperschaftssteuer 100 Millionen, für die Vermögenssteuer 70 Millionen, für die Erbschaftssteuer 4(1 Millionen. Das Hauptgewicht der Mehreinnahmen aber sollen die Zölle und Verbrauchsabgaben tragen. Aus Zöllen sollen 300 Millionen mehr einkommen, aus der Tabaksteuer 45 Millionen, aus der Zuckersteuer 10 Millionen, aus dem Branntweinmonopol 38 Millionen und aus der Biersteuer 100 Millionen mehr als im vergangenen Jahre. Diese Erhöhungen kommen nicht vollständig auf die Aufrechnung des Optimismus des Reichsfinanzministers, denn der R e i ch s r a t hat den Betrag für Überweisungen an die Länder um 112,5 Millionen Mark erhöht und als Deckung dafür eine Erhöhung der Steuererträge angenommen. Die Reihe der Einzeletats beginnt wie immer mit dem
Etat des Reichspräsidenten, der wieder 60 000 Mark Gehalt und 120 000 Mark Aufwands- gelder erhält, dazu einen besonderen Dispositionsfonds von 75 000 Mark. Im
Etat des Auswärtigen Amtes interessieren besonders die „geheimen Ausgaben", für die wieder acht Millionen Mark gefordert werden, jedoch werden jetzt drei Millionen Mark, die im Vorjahr als einmalige Fondsverstärkung vorgesehen waren, nunmehr als laufend benötigt. Diese Mittel unterliegen nicht der Prüfung des Rechnungshofes.
Der Etat des Reichswehrministekiunrs schließt ab mit rund 697 Millionen gegen rund 665 Millionen im Vorjahr, also mit einer Mehrausgabe von 32 Millionen. Von dieser Mehrausgabe entfallen auf die Marine über 25 Millionen Mark. Für Schiffbauten und -armierungen werden für das Jahr 1927 insgesamt 67 695100 Mark an gefordert.
Zur Deckung der Mehrausgaben hat der Reichsrat, wie schon erwähnt, eine Erhöhung von Einnahmesätzen bei den verschiedenen Steuereinnahmen um 104 Millionen Mark und eine Kürzung von Ausgabeansätzen um 24,1 Millionen Mark beschlossen. Dieses Vorgehen des Reichsrats hat entschiedenen
Widerspruch bei der Reichsregierung gefunden, so daß für die Mehrzahl der strittigen Etats- pofitionen Doppelvorlage an den Reichstag erfolgt. Die Etatsberatung im Haushaltsausschuß des Reichstages wird in der nächsten Woche in Angriff genommen werden.
Die ZnAmkiisNen für Paris.
Eine neue Entwaffnüngsnote.
Das Reichskabinett hat in fortgesetzter Beratung über die Instruktionen verhandelt, die den deutschen Unterbändlern. General von Pawelsz und Geheimrat
liegen oder Der Schtsssdesatzung eines deutschen Seefahr- zeuges angehören. Ausnahmen für die Versicherung sind bei der Land- und Forstwirtschaft sowie auch in der Binnen- und Küstenschisserei vorgesehen. Anspruch auf die ArbeitslosenUnterstützung hat der, der zwar arbeitsfähig und arbeitswillig, aber unfreiwillig arbeitslos geworden ist. Bei der Versicherung sollen Lo h n k l a s s e n nach dem Arbeitsentgelt eingerichtet werden, nach denen sich die Hauptunterstützungen und die Familienzuschläge richten. Der Arbeitslose ist während des Bezuges der Hauptuntersttttzung auch für den Fall einer Krankheit versichert.
Die Mittel der Versicherung sollen durch Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgebracht werden. Einen Vorteil aus dem Gesetz werden die Gemeinden haben, die zur bisherigen Erwerbslosenfürsorge V» des Unterstützungsaufwandes beitragen mußten, von dem sie nach dem neuen Gesetzentwurf befreit werden sollen. Das Gesetz sieht ferner die Gewährung von Darlehen durch Reich und Länder für die Förderung solcher Maßnahmen vor, die geeignet sind, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Die Einnahmen aus dc. Versicherung soll n über die Krankenkassen gehen, während die Ausgaben die Arbeitsnachweise zu regulieren haben.
Förster, für die Pariser Verhandlungen über die noch susstehenden Punkte der Entwaffnungsfrage mitgegeben werden sollen. Die Beratungen sind zum Abschluß gediehen, die Instruktionen sind festgelegt und die beiden Unterhändler begeben sich nunmehr auf den Weg nach Paris.
Nach den Genfer Vereinbarungen muß die Verständigung über die Restpunkte zwischen Deutschland und den Westmächten bis zum 31. Januar erfolgt fein. Bei einem negativen M^rdnis erkalt der «uWrownörar das Wort. Die noch vorhandenen Differenzen betreffen die Festung Königsberg und die Halbfabrikate für Kriegsmaterial.
Nach Pariser Blättermeldungen hat die Botschafterkonferenz in der Entwaffnungsfrage eine neue Rote an die Reichsregierung gerichtet, über deren Inhalt jedoch noch nichts bekannt ist. Es verlautet nur soviel, daß sie keine neuen Vorschläge zur Erledigung der noch st-rtttigen Fragen enthält. .
Ein Schlag gegen Englands Ansehen.
Die Lage in Hankau.
Die Lage in Schanghai wird nach einer Londoner Agenturmeldung immer schlimmer. So gut wie die ganze Bevölkerung ohne Unterschied der Klassen befindet sich im Aufruhr gegen dre Engländer, gegen die die übertriebensten Forderungen erhoben werden. Auch dw „Daily Mail" weiß zu berichten, daß die Spannung in Hankau noch immer nicht nachgelassen hat.
Das offiziöse Reuterbureau meldet allerdings, daß in Hankau jetzt Ruhe herrscht, nachdem die englische Konzession von chinesischer Polizei in Gemeinschaft mit gelandeten englischen Marinetruppen bewacht wird. Der Abzug der englischen Freiwilligen aus dem Konzessions- gebiet und der Abtransport der Frauen und Kinder erfolgte in den Abendstunden in aller Stille. Viele englische Einwohner wollen durch diejohlendeBolksmenge belästigt worden sein. Nach dem Abzug wurde die englische Fahne vom Amtsgebäude herunter gerissen und durch die Kanto «flagge ersetzt.
In England verhehlt man sich keineswegs, daß das englische Ansehen in China eine schwere Einbuße erlitten hat. In der Presse Londons wird von einem „äußerst demütigenden Schlag für das britische Prestige im Fernen Osten" gesprochen. Als besonders peinlich wird die Entwaffnung der britischen Freiwilligen auf Verlangen der Kantonesen empfunden, so daß die gesamte Konzession damit der Gnadederletzterenpreis- gegeben ist. In englischen Regierungskreisen ist man der Ansicht, daß es sich bei den letzten Zwischenfällen um eine wohlüberlegte Taktik der Kantonregierung handelt, die die radikalen Elemente vorschiebt, um so ihre Förde-
Neue Kämpfe m IWaeagva.
Amerikanische Aktion gegen Mexiko.
-Die konservative Regierung Diaz erklärt, daß ihre Truppen die Liberalen im Bezirk von Bluesields geschlagen hätten. Die Verluste sollen aus beiden Seiten gering gewesen sein. Nach der Ankunft der in Corinto gelandeten amerikanischen Seesoldatenabteilung in Managua wurde sestgestellt, daß aus der Eisenbahnstrecke, die sie zu benutzen hatte, ein Stück von 200 Fuß mit Dynamit gesprengt worden war. Das Gleis war aber bereits vor dem Em- treffen der Marineabteilung wieder hergestellt.
Präsident Coolidge hatte eine lange Konferenz mu Staatssekretär Kelloaa. dem Marinesekretär Wilbur und