Meister. „Nachdem ich sie bei Ihnen geglaubt hatte, kam gestern mit der Mittagspost ein Brief, der mich veranlaßte, nach Brüssel zu gehen; dort wollte ich Sie aufsuchen. Sie waren aber nicht in Virloine und nicht in Ihrer Brüsseler Wohnung. Zweimal war ich im Jardin-public, ehe ich die gnädige Frau suchte, und das zweite Mal wurde mir gesagt, Sie seien um fünf Uhr einen Augenblick dort gewesen. Wären Sie doch um Gotteswillen zuhause gewesen, als ich das erste Mal kam, Herr Francois."
Der vorwurfsvolle Ton seiner Worte legte Francois eine Entschuldigung nahe. Aber welche Entschuldigung hätte er selbst seinem eigenen Gewissen bieten können, nachdem die Teilnahme für das Schicksal einer Fremden ihn so ausschließlich erfüllt hatte, daß er darüber die Sorge um das Verschwinden seiner Mutter vergessen könnte.
„Sie haben meine Mutter gesehen? Wo ist Sie?" fragte er, über seine Betroffenheit hinweggleitend.
Der Hausmeister der wieder argwöhnisch nach der Tür schielte, dämpfte noch mehr seine Stimme.
„Sie ist bei meiner Schwester in Ostende, aber sie ist so krank, daß sie mich nicht erkannte, als ich bei ihr war. Ich vermute, daß sie ihres Zustandes wegen nach Ostende ging. Sie hat oft gesagt, wenn sie je erkrankte, möchte sie nur von Susanne gepflegt werden."
Francois nickte. Die Kinderfrau Susanne war ihm fast ebenso vertraut wie Favre. Sie hatte ihn von seinen ersten Jahren an aufgezogen und seinen Vater in dessen letzter Krankheit gepflegt. Später hatte sie einen wohlhabenden ältlichen Invaliden geheiratet und, obwohl er ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen hatte, stand sie immer zu Diensten bereit, wenn im Hause ihrer früheren Herrin Zeiten der Krankheit kamen. Es war daher ganz natürlich, daß seine Mutter, wenn sie sich leidend fühlte, ihre Zuflucht zu Susanne genommen hatte.
„Sie hatte starkes Fieber und sprach irre", fuhr Favre fort, „als sie vorige Nacht — die Nacht, in welcher der Herr starb — ankam. Sie sagte, sie müsse gepflegt und verborgen werden, die arme Dame. Susanne glaubte, daß sie im Pfarrhause an Influenza erkrankt war und sich nicht geschont hat, und die ganze Nacht unterwegs — das mußte ja den Zustand verschlimmern, ganz abgesehen von der Gemütsbewegung. Ich glaubte nicht, daß die arme gnädige Frau für ihre Tat verantwortlich zu machen ist. Das allein ermöglicht mir den Gedanken, daß sie auf den Herrn geschossen haben sollte, und auch da hätte ich es nicht glauben können, wenn es nicht der Juwelen wegen wäre. Sie sind jetzt alle in Ostende und wir wissen nicht, was damit anzusangen ist. Solche kostbaren Gegenstände sind in einem kleinen Hause, wo kein Kassenschrank vorhanden ist, nicht sicher. Und dann ist noch die Gefahr, daß sie aufgespürt werden könnten. Die gnädige Frau scheint die Etuis unter ihrem Mantel getragen zu haben, und es kann jemand gesehen haben, wie sie damit zum Bahnhof geeilt ist. Das ist's -doch, was sie sagten, Herr Francois —"
„Schweigen Sie!" schrie Francois. „Ich erkenne nur allzugut, was ich getan habe. Die Juwelen müssen aus dem Wege geschafft werden, ehe es jemand einfallen kann, meine Mutter damit in Beziehung zu bringen. Sofort werde ich nach Ostende gehen. Und wenn sie ebenso fest bleiben wie bisher, wird es uns gelingen, die Sache im Dunkel zu hüllen. Es muß gelingen. Selbst wenn bewiesen werden könnte, daß meine Mutter in der Schreckensnacht nicht zurechnungsfähig gewesen — wie schrecklich — o mein Gott, wie entsetzlich ist das alles. Dieses verruchte Scheusal muß sie zur Raserei gebracht haben. Er war der Fluch
ihres und meines Lebens. Er verdiente den Tod, . . > nicht so, wie es geschehen." \
„Natürlich sagte ich meiner Schwester alles," begann Favre wieder. „Sie mußte es wissen, und sie ist zuverlässig. Sie holte zunächst einen Arzt, dem sie jedoch nicht sagte, wer die Kranke ist. Wir sind aber in Angst, sie könnte sich in ihren Fieberphantasien verraten. Meine Schwester hat sie von Anfang an schon in steter Sorge bewacht. Sobald sie die gnädige Frau zu Bett gebracht hatte, schrieb sie mir, um zu erfahren, was eigentlich geschehen sei. Sie wußte nicht, ob die Herrin im Fieberwahns fortgelaufen sei und ihre Freunde in Angst zurückgelassen habe, oder ob sie einen ernstlichen Grund gehabt, Moldenberg zu verlassen."
„Frau Susanne ist rührend liebenswürdig," sagte Francois, „und auch Ihnen, Favre, bin ich zu Dank verpflichtet. Ich wußte wohl, daß es nur Ihrer Ergebenheit zu meiner Mutter zuzuschreiben ist, als ich vermutete — verzeihen Sie, — daß ich nur einen Augenblick vermuten konnte, Sie suchten sich zu decken."
Er bot ihm bei diesen Worten seine Hand, die der Alte mit Wärme umfaßte. „Was die Leute auch von mir denken mögen, Herr Francois, oder was sie tun, — wenn wir nur die arme, liebe gnädige Frau in Sicherheit haben!"
Francois fühlte einen Druck im Halse. Er konnte kaum sprechen und empfand es als eine Erleichterung, daß die Anforderungen der Wirklichkeit an ihn herantreten. Er sah auf seine Uhr.
„Ich muß mich eilen, um den Zug noch zu erreichen, „sagte er.
Favre nickte.
„Und geben Sie um Gotteswillen acht, Herr Martin, daß Sie auf Ihrem Weg nicht gesehen werden. Ich weiß nicht, was die Leute denken oder argwöhnen, aber Sie hatten eine Menge Fragen über die gnädige Frau, und wenn man sie ausfindig machen will, könnte man durch Sie auf die Spur kommen."
Francois befiel ein Schauder. Wenn seine Mutter schon im Verdacht stand, an der Tragödie beteiligt zu sein, war kaum noch aus Rettung zu hoffen. Schrecklich gingen ihm die Augen auf. Er sagte sich, daß er vielleicht der einzige Mensch gewesen, der völlig blind geblieben — hinsichtlich der Bedeutung ihrer Flucht. Im ersten Augenblick der Erleuchtung kamen ihm hundert rätselhafte Redensarten, deren Sinn er plötzlich verstand. Der großen Unruhe, die der Pfarrer von Klein-Moldenberg und seine Frau über das Verschwinden seiner Mutter an den Tag legten, mochte nicht allein die Sorge für ihre Gesundheit, sondern auch für ihren guten Ruf zugrunde liegen. Jedermann hatte sich Gedanken über ihr Verschwinden gemacht und er, nur er allein war, erfüllt von Fürsorge für eine Fremde, gegen die Gefahr seiner Mutter unverzeihlich fremd geblieben. Ihm, dem Sohne war es vorbehalten, Anhaltspunkte für ihr Verhalten zu geben, die unvermeidlich zu schwerer Anklage und Gefangenschaft führen mußten.
Als er die Tür aufschloß, um fortzugehen, traf er im Korridor Herrn Berthier, der ihn zum Frühstück im Pfarrhaus einladen wollte.
„Bedaure sehr, ich muß mit dem nächsten Zug in die Stadt fahren," entschuldigte sich Francois.
Leise fragte der Pfarrer, ob er Frau Grenier in Brüssel vermute.
Eine Viertelstunde früher würde Francois die Absicht seine Mutter zu suchen vorgeschützt haben, aber jetzt nachdem ihr Verschwinden zur Tagesfrage geworden war, verleugnete er unwillkürlich sein Vorhaben.
„Nein, sie muß in Bruck bei Kerstens sein," ent- gegnete er laut. „ Vielleicht telegraphieren Sie mir nach dem Jardin-public, wenn Sie Anwort von dort haben.
Ich würde gerne diese Nachricht bei Ihnen erwarten, aber ich möchte in Brüssel einiges erfragen."
„Vermutlich wollen Sie nach der Dame in Schwarz forschen," sagte der Pfarrer.
Francois zauderte. Eine Viertelstunde früher würde er bestritten haben, daß seine Reise in Beziehung zu Nicolas Grenier geheimnisvoller Besucherin stand. Aber damals war Elsa noch die einzige Veranlassung zu seiner Reise. Jetzt nickte er in dem beschämenden Gefühl, das Mädchen, das ihm so fest vertraute, zu verraten.
13.
Eine mißliche Begegnung.
Als Francois in Brüssel eintraf, fand er die Abendzeitungen voll eingehender Berichte über seine Aussagen bei der Untersuchung. Ueberall sah er Plakate mit der Aufschrift Greniers Ermordung. Des Stiefsohns überraschender Beweis. Anlaß des Verbrechens.
Fast einstimmig erklärten die Zeitungen die Tragödie von Moldenberg für das interessanteste Ereignis des Augenblicks, dem Francois' Geschichte von den Juwelen noch eine besondere Note gegeben.
Martin selbst, der unmittelbar nach der Untersuchung zur Stadt gefahren war, bedachte nicht, welch lange Zeit das Kreuzverhör Favres und der übrigen Zeugen beansprucht hatte, sondern staunte nur, daß seine unbeabsichtigte Verdächtigung der eigenen Mutter mit solch unheimlicher Schnelligkeit ins Publikum gedrungen war. Die ins Auge stechenden Plakate schienen ihn mit schreiender Stimme anzuklagen als einen Sohn, der sein Teuerstes, Heiligstes verraten hatte. Ganz Brüffel wußte jetzt, daß die Juwelen der Familie Martin den Anhaltspunkt zür Aufklärung von Nicolas Greniers geheimnisvollem Tode bildeten. Und wer konnte wissen, Hie viele Leute seine Mutter gesehen hatten, als sie in ^yrem Fieberwahn die Etuis, nur mit ihrem Mantel bedeckt, durch Brüssel getragen hatte? All das ließ befürchten, daß der Schlüssel, den er freiwillig dargeboten hatten sicher zur Entdeckung Ihrer Zufluchtsstätte und ihrer Verhaftung führen werde. Von solcher Furcht gepeinigt, konnte er es kaum erwarten, Ostende zu erreichen. Aber trotz aller Ungeduld nahm er sich Zeit zu den umfassendsten Vorsichtsmaßregeln. Charles Heriot war sicher nicht der einzige, der aus Frau Greniers Verschwinden Verdacht schöpfte, und durch den Sohn hoffte man nun auf die Spur der Mutter zu kommen. Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, unter Beobachtung zu stehen; daß sein Name und seine Aussagen über das Erbgut in allen Zeitungen zu lesen waren, versetzte ihn in eine nervöse Angst vor jedem Menschen, der ihm begegnete und ihn erkennen und die Absicht erraten werde, die ihn in die Stadt geführt hatte. Anstatt am Eisenbahnschalter eine Fahrkarte nach Ostende zu lösen, fuhr er mit einem Auto dorthin, wechselte aus seiner Fahrt zweimal den Wagen und ging dazwischen eine Strecke zu Fuß. Er war sich bewußt, Zeit zu verlieren, die vielleicht unendlich kostbar war, aber die quälende Furcht, den Verrat an seiner Mutter noch zu vervollständigen indem er die Polizei aus ihre Fährte lenkte, beherrschte ihn ausschließlich.
Als er nach der ruhigen Vorortstraße eilte, wo Frau Willmer, die frühere Kinderfrau Susanne, in einem geräumigen villenähnlichen Hause, dem Vermächtnis ihres verstorbenen Mannes, wohnte, war sein einziger Gedanke, ob er noch rechtzeitig komme. War die Polizei vor ihm eingetroffen, so entdeckte sie die verräterischen Schmucketuis und hatte damit den Beweis von der Schuld seiner Mutter in Händen. Kam er aber noch rechtzeitig, um den Schmuck wegzunehmen und zu verbergen, so blieb eine Möglichkeit der Rettung. Sein Herz schlug bis zum Hals herauf, als er an die Tür klopfte. Fortsetzung folgt.
Silvester in Galizien.
Erinnerungen an die deutsche Heimat.
Die in Galizien zerstreut unter fremden Völkerschaften lebende» Deutschen sind nicht einheitlicher Abstammung, In größerer Zahl kamen sie aus verschiedenen Gegen-, den Deutschlands, als Galizien seinerzeit an die habs- burgische Monarchie fiel. Sie wurden von der österreichischen Regierung in ihrer Kolonisationstätigkeit unterstützt, aber sie bildeten nirgendwo eine geschlossene Masse. Dennoch bewahrten sie bis heute vielerlei aus der Heimat mitgebrachte Gebräuche und Erinnerungen auf. So auch die Festgewohnheiten zu Silvester und Neujahr.
Am Silvester wird gruppenweise in Privatwohnun- gen oder auch gemeinsam im deutschen Wirtshaus das neue Jahr erwartet. Essen und Trinken hilft die Wartezeit kürzen. Um 12 Uhr allgemeine Beglückwünschung. Nicht selten werden bei dieser Gelegenheit frühere Zwiste und alter Groll begraben. Man darf an diesem Abend ziemlich ungestraft küssen, von welcher Freiheit gern Gebrauch gemacht wird. Oft wird es auch plötzlich dunkel, angeblich, weil man einem verschämten Kinde das Rotwerden ersparen will.
Am Neujahrstage erfolgen, wie bei uns, die Neujahrsbesuche, beim Gemeindevorsteher, bei Respektspersonen, bei Bekannten und Verwandten, soweit man noch nicht beisammen war. Heiratsfähige Mädchen, die Besuch erwarten, stellen Speise und Trank bereit. Wird ein Haus Übergängen oder wenig besucht, so gilt das als Schande. Die Burschen schießen Pistolen ab oder klopfen ans Fenster, woraus sie hineingenötigt werden. Man hat, wie, allerorten im deutschen Lande, Sprüche, die immer tviederkehren:
„Ich wünsch' Euch ein glücklich Neujahr,
/r, >- Mädchen) und einen Bursch mit schwarzem Haar,
' 'Wildheit, Fried' und Einigkeit
Und die ewige Glückseligkeit."
Mehr humoristisch und realistisch veranlagte Freunde werden wohl in folgender Weise begrüßt:
H „Ich wünsch' Euch ein glücklich Neujahr, ^ *" einen Kuchen wie ein Scheunentor, G eine Brezel wie eine Ofenplatt',
da essen wir uns all' dran satt."
Die Dorfbuben ziehen gleichfalls herum und ihnen nimmt man es nicht übel, wenn sie weniger den Großen als sich selber etwas wünschen:
„Ich wünsch' und wünsch' und weiß nicht was: greif' in den Sack und gib mir waS."
Und auch der folgende Spruch, der Wohl eigentlich am Tage der heiligen drei Könige seine Stätte haben sollte, wird zu Neujahr schon gehört:
„Ich bin ein kleiner König, gebt mir nicht zu wenig, laßt mich nicht zu lange steh'n, denn ich muß noch weitergeh'n!" Als Gabe wird meistens Geld gereicht, kleine Münzen. Sonst geht es überall zu wie im alten Vaterlande, und das ist zu Ostern und Pfingsten und zur Zeit der Kirch- weih nicht anders.
Eiserne Glückwunschkarien.
Aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts.
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, besonders in der Zeit der schwersten napoleonischen Bedrückungen, erfreute sich die „eiserne Glückwunschkarte" großer Beliebtheit. Einzelne dieser „Eisenkarten" sind noch heute erhalten und befinden sich im Besitz von Museen oder Privatsammlern. Eine aus dem Jahre 1816 stam- mende, im Privatbesitz befindliche Glückwunschkarte ist heute für uns besonders interessant, weil sie uns das Bild der ersten in Berlin erbauten Lokomotive vorführt. Unter dem noch lebendigen Eindruck des Sieges der preu- ßischen Waffen bei Belle-Alliance zeigt die eiserne Karte am Fuße eine ruhende Kanone, bringt aber im übrigen figürlichen Schmuck vornehmlich die Bedeutung deS Eisens für friedliche Zwecke zum Ausdruck. Eine gotische Gedenktafel, zwei Grabmale, ein Kreuz und ein Kruzisiz aus Eisen deuten auf die ernste Aufgabe des Eisens hin. Ganz links unten aber wird aus der Karte ein seltsames
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