Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
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mit den Beilagen: Heimalschollen / Illustriertes Auterhaltungsblatt / Nach FeierabeuS / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 303
Montag, den 27. Dezember 1926
76. Jahrgang
Keine Atempause.
In Neujahrsferien werden dieses Jahr namentlich die Leiter der deutschen Außenpolitik kaum gehen können; von einer politischen Atempause wird man diesmal nur wenig verspüren. Allzu drängend sind die Fragen, sie Konflikte, die sich gerade in der letzten Zeit entsponnen haben. Nicht bloß der Streit um das Urteil in L a n d a u wird unmittelbar nach Weihnachten das politisch-diplomatische Getriebe schnellstens wieder in Gang bringen, sondern es ist auch im Osten eine drohende Wolke am politischen Himmel emporgezogen, die in ihrem Schoße unerwartete Ereignisse bergen kann. Das neue Regime in Litauen, das sich vor allem wegen seines Gegensatzes gegen Polen zunächst sehr deutschfreundlich ge- bärdete, ist zu Deutschenausweisungen aus dem Memelland geschritten, denen noch weitere folgen sollen. Das alles verlangt gespannteste Aufmerksamkeit der Reichsleitung, verlangt vielleicht aber auch schnellstes Handeln.
Das betrübendste dabei ist es aber, daß es sich hier um Dinge handelt, durch die unsere Volksgenossen im Ausland getroffen werden; denn vorläufig ist ja die Pfalz-wie das besetzte Gebiet überhaupt noch eine Art Ausland für uns, da ja Deutschland dort nur ein sehr gemindertes Hoheitsrecht besitzt, Fremdmächte dagegen fast felbstherrlich herrschen. Gerade aber in den Tagen der so eigentlich recht deutschen Feste bei Ende des Jahres sind unsere Gedanken hinausgewandert zu den Deutschen jenseits der Grenze. Im besetzten Gebiet, in Litauen, aber nicht minder auch in Südtirol und anderswo, überall dort, wo Deutsche wohnen jenseits unserer Grenzen, mag es ein trübes Weihnachten gewesen sein. Und wir dürfen uns vor der Erkenntnis nicht verschließen, daß der Ansturm fremden Volkstums auf das deutsche Vaterland nicht erfolglos geblieben ist, daß von dem Vorlands Stück um Stück durch die wild aufgepeitschten Wogen des fremden Rationalismus angefressen wird. Soll es wirklich deutsches Schicksal sein, nicht bloß wie früher jenseits der-Ozeane fremden Völkern als Kullar- Dünger zu dienen, sondern nun auch allmählich in jenen Gebieten untergepflügt zu werden, die vor vielen Hunderten von Jahren das Deutschtum sich und der Kultur mit Blut und Schweiß erobert hat?
Daher gibt es eigentlich gar keine Festpause für jene, in deren Hand die Bewahrung unseres Reiches und Volkes gelegt worden ist. Erfreulich dabei ist nur, daß Dabei wenigstens innenpolitische Streitereien nicht hemmend wirken können, weil ja die Auseinandersetzungen hierüber um längere Zeit vertagt sind, und es ist gut so. Mögen sich wegen jener außenpolitischen Streitpunkte jetzt die parteipolitischen und innenpolitischen Auseinandersetzungen nicht ganz zum Schweigen bringen lassen, so meiden diese doch hoffentlich auf unser außenpolitisches Handeln ohne jede Wirkung bleiben. Gewiß ist es kein anberechtigter Verdacht, bei dem Konflikt mit Frankreich wegen des Landauer Spruches anzunehmen, daß der französischen Regierung die Festpause gar nicht so unbequem ist; für uns wird sie nur ein Atemholen sein, am dann mit stärkerer Wucht und größerer Energie den Widerstreit einer uns befriedigenden Lösung entgegen- zusühren. . ., r
Wo alles haßt, da kann Polen allein nicht fern bleiben. Die Deutschenverfolgung in Ostoberschlesien äberschlägt sich wieder einmal; man hat am Tage vor Weihnachten in K a t t o w i tz acht ^Deutsche verhaftet, weil sie angeblich Agenten des deutschen Mitgliedes der Gemischten Kommission", Dr. Lukaschek, gewesen feien. Wie unsinnig das ist, geht schon aus der einen Tatfache hervor, daß sich die angeblich Vorgefundenen Schrift- ftücke nur auf Vorgänge des Jahres 1921 beziehen. Damals war Ostoberschlesien noch — deutsch. Freilich wrrd 's der polnischen Regierung sehr unangenehm sein, daß 's diesen Leuten gelungen war, die engen Beziehungen zwischen ihr und den Aufständischen, dazu die Teilnahme von polnischen Truppen an jenem Aufstand festgestellt zu haben. .
Es ist überall das gleiche: dre Quälereien, denen vas Deutschtum jenseits unserer Grenzen unterliegt, werden fortgesetzt ohne jede Berücksichtigung der Gedanken des Minderheitenschutzes und des Bundes der Völker. Alan kann noch nicht sagen, daß hierin eine Besserung ern- getreten ist, und nur selten erfreut uns eine Kunde wie Die daß jene Gemischte Kommission unter dem Vorgtz Calonders die Übergriffe Polens in der Schulfrage abgewiesen hat, daß auch in Ostoberschlesten deutsche Eltern ihre Kinder deutschen Schulen zuführen und damit deutschen! Volkstum erhalten können.
Ein Fest war uns beschieden, eine Atempause aber nicht gestattet; das ist deutsches Schicksal in der Gegenwart und es wird lange dauern, ehe wir einen Feiertag ohne Sorgen werden begehen können.
Deutscher Protest gegen die Memel-Ausweisungen
Die Ausweisungsbesehle aus Litauen an eine Anzahl Reichsdeutscher des Memelgebietes sind amtlich bestätigt worden. Die Reichsregierung hat den heutigen Gesandten in Kowno angewiesen, sofort energischen Protest zu erheben und von der litauischen Regierung die Aushebung der durch nichts gerechtfertigten Ausweisungsbefehle zu verlangen.
BMdiWg der Mimet Verurteilt i
Aus der Haft entlassen.
Der Präsident der Französischen Republik, Dou- mergue, hat ein Dekret unterzeichnet, durch das sämtliche vom Kriegsgericht Landau verurteilten Deutschen begnadigt werden. Die nach dem Landauer Kriegsgerichtsurteil in Haft behaltenen Deutschen Kegel und Fechter sind noch am Heiligen Abend aus dem Gefängnis entlassen worden. Der Begnadigung gingen umfangreiche Verhandlungen in Paris voraus, bei denen sowohl der französische Oberkommandierende der Rheinarmee, General Guillaumat, wie auch Kriegsminister Painlevö dem französischen Ministerrat die Begnadigung empfahlen.
Der Antrag des Kriegsministers Painlevo auf Begnadigung sämtlicher vom Kriegsgericht in Landau verurteilten Deutschen ist wie folgt begründet: Im Interesse der Entspannung und der öffentlichen Ruhe hat der Kriegsminister im Einverständnis mit dem Justizminister und dem Minister für auswärtige Angelegenheiten auf Grund der von General Guillaumat gemachten Vorschläge sich dahin ausgesprochen, daß Begnadigungsmaßnahmen hinsichtlich der in Landau Verurteilten er-
SieMihnaWfeierdesReichsprSfldenten
Blumenangebinde für Hindenburg.
Reichspräsident von Hindenburg verlebte das Weih^ nachtsfest in Berlin im engsten Familienkreise. Am Heiligen Abend vereinten sich um den brennenden Lichterbaum der Präsident mit seinem Sohne und dessen Gemahlin und den beiden Enkelkindern, der sünfjährigen Gertrud und der um zwei Jahre jüngeren Helga. Ge- meinsamer Gesang von ^eibnachtsi!<'^-"-n WMe—U<_ FeieHin. Die Hindenburg entgegengebrachte Verehrung äußerte sich in mannigfach abgegebenen Blumenangebinden. Ein Newyorker Blatt weiß sogar zu melden, daß vor den Festtagen täglich im Palais des deutschen Reichspräsidenten als Weihnachtsgaben für Hindenburg Hühner, Enten, Gänse, Truthähne, Schinken und Würste in großen Mengen aus dem ganzen Reiche eintrafen.
Eine weite polnische Rote.
Die Reichstagserklärung und die Wahlen in Ost oberschlesien.
Die polnische Gesandtschaft in Berlin hat dem Auswärtigen Amt in der Frage der Erklärung der Regierungsparteien des Reichstages zu den Gemeindewahlen in Polnisch-Oberschlesien eine weitere Note zugehen lassen. In dieser Note stellt die polnische Regierung fest, daß sie den in der deutschen Note vom 3. Dezember zum Ausdruck gebrachten Standpunkt durchaus' teilt, daß in bezug auf Oberschlesien die genaue Junehaltung des Genfer Abkommens für die deutsch-polnischen Beziehungen bestimmend sei. Die Erklärung der deutschen Regierungsparteien bedeute aber eine unzulässige Einmischung in die Angelegenheiten Polens. Die polnische Rote verweist hierbei auf Artikel 72 des Genfer Abkommens, der die Zuständigkeit des Völkerbundes für die in dem Genfer Abkommen geregelten Fragen feststellt.
Eine Antwort auf diese polnische Note wird auf diplomatischem Wege erfolgen. Es sei jedoch schon hier bemerkt, daß von einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates oder einer Beeinträchtigung der Zuständigkeit des Völkerbundes keine Rede sein kann, wenn die deutsche Öffentlichkeit ihr Interesse an der Junehaltung eines Vertrages zum Ausdruck bringt, in dem Deutschland Vertragspartner ist.
Erhöhung der Krankenkaffenhsiirags.
Kundgebung der Krankenkassen verbände
Die Krankenkassenspitzenverbände im Deutschen Reich, und zwar der Gesamtverband der Krankenkassen Deutschlands, der Hauptverband deutscher Krankenkassen, der Verband zur Wahrung der Interessen der deutschen Betriebskrankenkassen, der Reichsverband deutscher Land- jkrankenkassen, der Hauptverband deutscher Jnnungskran- hentaffen erlassen eine Kundgebung, in der es heißt: Durch (eine Verordnung des Preuß. Ministeriums für Volkswohlfahrt vom 22. Dezember 1926, die von dem Preuß. 'Landtag in wiederholten Beschlüssen gefordert worden ist, erhöhen sich die bisherigen A r z t g e b ü h r e n für die reichsgesetzlichen Krankenkassen mit Wirkung vom 1. Januar 1927 ab um jährlich 25 %. Durch die Verordnung werden die Arztkosten der Krankenkassen um 60 Millionen Reichsmark jährlich gesteigert. Beitragserhöhungen der Krankenkassen sind die unausbleibliche Folge. Die Krankeukassenspitzenverbänd« lehnen die Verantwortung für diese neue h o h e B e - l a st u n g der Wirts ch a f t ausdrücklich ab.
folgen können. Der Kriegsminister hat deshalb dem Präsidenten der Republik ein Dekret zur Unterzeichnung vorgelegt, durch das bedin ungslos sämtlichen vom Kriegsgericht Landau Ver rteilten Straferlaß belvill-at wird.
Die Pariser Presse bespricht die Begnadigung durch das französische Kriegsgericht in Lae nu rer. r- teilten Deutschen. Wenn man von dem Urteil einiger rechtsstehender Blätter absieht, kann man erkennen, daß der Gnadenakt gut ausgenommen wurde.— In der deutschen Öffentlichkeit wird, bei aller Würdigung des französischen Gnadenaktes, darauf hingewiesen, daß dem Recht damit noch nicht Genüge getan worden ist.
Der bayerische Ministerpräsident Dr. Held hat, wohl veranlaßt durch das Landauer Urteil, an die pfälzische Bevölkerung einen Weihnachtsgruß gerichtet, in dem dem Wunsche Ausdruck gegeben wird, daß bald der Tag der Freiheit und des Friedens auch für die Pfan kommen möge. Dafür in Wort und Tat zu wirken, werde vornehmste Aufgabe der bayerischen Regierung sein.
Ser Kaiser von Wall t.
Deutsche B ei l e i d s k u n d g e b u n g e n.
Der Kaiser von Japan ist in seinem Palast Hayama gestorben. Der Tod des schwer leidenden Monarchen war schön mehrere Male gemeldet : erden, ohne daß sich diese Nachrichten allerdings bestätigt hatt- u. Beim Hinscheide« des Kaisers befanden sich, wie Tokioter Telegramme besagen, die Kaiserin, der Kronprinz Hirohito und der 9Mi= nisterpräsident am Sterbelager. Im Kaiserpalast wurde
Kaisers in vollem Ornat aufgebahrt wurde. Die Begräbnisfeierlichkeiten werden wahrscheinlich i n Februar und März stattsinden. Man befürchtet, daß der Tod des Kaisers infolge der Aufhebung der Geschäftstätigkeit die japanische Geschäfts- und Finanzwelt schwer treffen wird, da am Jahresende das Geschäft immer sehr lebhaft ist.
Anläßlich des Ablebens des Kaisers von Japan haben die Reichsregierung und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dem japanischen Botschafter in Berlin ihr Beileid ausgedrückt. Zum Zeichen der Trauer haben das Palais des Reichspräsidenten und das des Reichskanzlers sowie
Japans neuer Herrscher
Hirohito steht im 26. Lebensjahre. Er ist . 7 der Adelsschule in Tokio erzogen und hat im Mai 1921 e ... Europareise gemacht, auf der er England. Frankreich, Belgien, Holland und Italien besuchte.
das Auswärtige Amt auf Halbmast geflaggt. Der Reichspräsident hat an den neuen Kaiser von Japan das folgende Telegramm gerichtet: „Schme i h bewegt von der Nachricht des.Hinscheidens Seiner 8 D- stät des Kaisers Uoshihito bitte ich Euere Majestät, die Versicherung meines aufrichtigsten und tiefemp' enen Beileids entgegennehmen zu wollen."
Der Kaiser Uoshihito von Japan wuroe am 31. August 1849 in Tokio als Sohn des Kaisers Mutso- Hrto und dessen Gemahlin Haruko aus dem Hause der Fürsten Jschiis geboren. Im November 1889 wurde er zum Kronprinzen ernannt und folgte seinem Vater nach dessen am 30. Juli 1912 erfolgten Tod auf den Thron. Am 10. Mai 1900 heiratete er Sadako, eine Tochter des Fürsten Michitaka, deren ältester, am 29. April 1901 geborener Sohn Hirohito der jetzige Thronfolger ist. Eine schwere geistige Erkrankung des Kaisers machte im November 1921 die Einsetzung des Kronprinzen als Regenten nötig.