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6 ersfelöer Tageblatt

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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Mzeiger für den Kreis Hersfel-

: MonatlicherBezugspreis: Durch diepost bezogen 1.00 : Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld : 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer j 0.80 Reichs-Mark. Druck und Verlag von Ludwig : Kunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitgliod des VVZV.

mit den Beilagen: Heimatschollen

/ Illustriertes Anterhaltungsblütt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 299

Dienstag, Sen 21. Dezember 1926

76. Aahrgaag

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Sie Wirren an unserer Ssigrenze.

Die überraschenden Ereignisse in Litauen, also unmittelbar jenseits der deutschen Grenze, haben nicht bloß ihre innenpolitische Bedeutung, sondern können auch Stoff zu einem außenpolitischen Zwist abgeben. Ganz durchsichtig sind die näheren Gründe des Putsches ebensowenig wie etwa eine Sicherheit dafür besteht, ob sich die frühere Rechtsherrschaft in Litauen mit Hilfe des Militärs nun auch wirklich überall durchsetzen wird; die in Litauen sehr radikale Sozialdemokratie, vor allem aber die dortigen Kommunisten scheinen einen nicht ganz erfolglosen Widerstand organisiert zu haben, kurzum, der Bürgerkrieg ist im vollen Gange.

Die bisher siegreichen Militärs erregen nun natürlich bei dem Nachbarstaat Polen allergrößte, zum mindesten aber sehr gut gespielte Sorgen. Ist es doch die bisher immer noch ungelöste W i l n a f r a g e, die zwischen den beiden Ländern steht, jene polnische Eroberung also, die mitten im Frieden vor sich ging, trotzdem aber die spätere Billigung des Völkerbundes fand. Litauen hat nie aufgehört, gegen die internationale Rechtsgültigkeit dieses ihres Friedensbruches und nach dieser Eroberung zu protestieren, formell befindet es sich noch immer im Kriegszustand mit Polen.

Die Dinge liegen ganz eigenartig: es wäre für Polen das Allererwünschteste, unter irgendeinem Vor- Wand in Litauen einmarschieren zu können. Vorwände hierfür sind ja immer billig und leicht zu beschaffen. Polens Wünsche gehen nämlich schon lange dahin, durch eine Verschmelzung Litauens mit Polen nun auch nörd­lich des deutschen O st p r e u ß e n s zum Meere zu gelangen und so Ostpreußen von drei Seiten zu umfassen und in die Zange zu nehmen. Wir haben gegen den Einbruch der Litauer in das Memel gebiet zwar pro­testiert, diesen Bruch des Versailler Friedens aber schließ­lich doch anerkannt. Die Deutschen im Memelgebiet unterliegen einer rücksichtslosen Machtpolitik der Kow- noer Regierung; einen der fanatischsten Litauer hat man r~tisS»äässSi!£i2fesÄfe^^

gelegt. :

Politisch außerordentlich interessiert an der ganzen Entwicklung ist weiter vor allem Rußland, das mit der bisherigen linksorientierten Regierung Litauens vor ganz kurzer Zeit einen gegenseitigen Garantievertrag abge­schlossen hatte, dessen antipolnische Spitze unver­kennbar war. Außerdem treibt die russische Sowjet­republik seit Jahren eine ganz zielbewußte Randstaaten­politik, also auf jenen Gebieten, die früher dem Russischen Reiche angehörten. Man will in Moskau ein mehr oder weniger festes Bündnis dieser Staaten zusammenbringen mit dem deutlichen Ziele, es gegen Polen einzusetzen. Nun ist an und für sich der litauische Militärputsch rein natio­nalistisch und damit antipolnisch. Rußland wird aber nicht zögern, den Linksparteien in ihrem Kampf gegen die Militärs jede Unterstützung angedeihen zu lassen, die nur irgend möglich ist.

Polen wäre natürlich durchaus in der Lage, in Litauen irgendwie einzugreifen. Die Selbstverständlich­keit, mit der das von einem großen Teil der Warschauer Presse gefordert wird, ist geradezu naiv, stößt aber in London und Paris auf ein gewisses Verständnis. Was den Polen früher mit Wilna in kleinerem Maßstabe glückte, das jetzt im größeren zu wiederholen, könnte wohl reizen. Wenn die polnische Presse über angebliche Polen­verfolgungen in Litauen schreibt, so kann man darin schon eine Art Vorbereitung zum Eingreifen sehen, wenn man will. 1921 ist.Polen ja auch ganz plötzlich in das deutsche Oberschlesien einmarschiert warum sollte man sich also dem viel kleineren Litauen gegenüber, das zudem mili­tärisch ohnmächtig ist, irgendwelche Beschränkungen auf­erlegen ! Ob allerdings Rußland sich eine derartige Unternehmung so ohne weiteres gefallen lassen würde, ist eine Frage, die auch lediglich vom Standpunkt der mili­tärischen Kräfteverteilung aus zu beurteilen ist. Auch wir Deutsche müssen uns beizeiten vorsehen, daß wir in einer lebenswichtigen Frage nicht plötzlich vor fertigen Situa­tionen stehen; denn es braucht ja gar nicht erst erwähnt zu werden, in welch bedrängte Lage O st Preußen käme, wenn der Pole auch im Norden vor seinen Toren stände.

Verschleudertes deutsches Vermögen in Amerika.

Sensationelle Enthüllungen über die Mißwirtschaft.

Die Annahme der Rückgabebill des beschlagnahmten deutschen Eigentums in Amerika durch das Repräsen­tantenhaus wird von sensationellen Enthüllungen der New York World" begleitet, die über unerhörte Mißver­waltung und Riesenverschleuderung der beschlagnahmten deutschen Vermögen zu berichten weiß. Der Bericht beruht auf dem im Auftrage des Präsidenten Coolidge erstatteten mehrbändigen Rapport des Generalkontrolleurs MacCarl über die Verwaltung der deutschen Vermögen, von dem sich dieNew York World" ein Exemplar verschafft hat. Bisher verlautete lediglich, daß der Rapport die Verwal­tung im allgemeinen einwandfrei befunden habe und nur einige übermäßige Gehälter und Provisionen kritisiere.

Wie aus dem Artikel der ..World" Kervoraeht, handelt

Der Putsch in Litauen

Smetona Präsident von Litauen.

Opposition gegen die Regierung.

Der bisherige Präsident der Republik Litauen ist von seinem Amt zurückgetreten. Der Sejm hat in einer außer­ordentlichen Sitzung sofort die Neuwahl des Präsidenten vorgenommen. Die Wahl fiel auf Professor Smetona, der als geistiger Urheber der jetzigen Revolution gilt. Smetona war der erste Präsident der Re­publik nach Herstellung der Unabhängigkeit Litauens. Er hat bereits den Eid auf die neue Verfassung geleistet und die Geschäfte übernommen. Zum Präsi­denten des Sejms ist Stulginskas, vormaliger Präsident der Republik, gewählt worden. Kowno hat Flaggen- schmuck angelegt. Die Mitglieder des alten Kabinetts sind auf freien Fuß gesetzt worden.

Nachträglich wird das Manifest bekannt, das von den Aufständischen an die Bevölkerung gerichtet wurde. Es hat folgenden Wortlaut:

Das litauische Heer, das sein Leben für das teure Litauen einsetzte und auch jetzt bereit ist, sein Blut für die Unabhängigkeit des Landes zu vergießen, erkannte, daß die jetzige Regierung und der Sejm unser Vaterland an die Bolschewisten und Fremdstämmigen »errät, und faßte infolgedessen den Entschluß, die Verwaltung des Landes zeitweilig in seine Hände zu nehmen, um sie so schnell wie möglich den echten Söhnen Litauens zu über­

tragen."

Ein Wilnaer Blatt, derGoniec WUenski", bringt in einer Sonderausgabe Nachrichten über blutige Kämpfe, die angeblich noch in Litauen im Gange sein sollen. Diesen Meldungen zufolge sollen in der Um­gebung von Schauten unter der Führung des Obersten ^-S-Z^r^m--*^^ g^^ya^».» ^»8*

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es sich jedoch um Millionen Dollar, und die Enthüllungen dürften einen Riesenskandal zur Folge haben. Nach dem Bericht MacCarls wurden Millionen und aber Millionen Dollar abgegeben für Anwaltsgebühren sowie für Provi­sionen an Banken; Gesellschaften, die längst tiquibiert waren, wurden jahrelang weiterbetrieben. Die vom Kongreß festgesetzte Grenze für die Verwaltungskosten wurde vollständig ignoriert. Gewisse Fonds blieben jahrelang in den Händen der Interessenten, ohne daß der Versuch gemacht worden wäre, sie einzuziehen. Die be­schlagnahmten Wertpapiere wurden an so viele Banken und Gesellschaften verteilt, daß eine Kontrolle kaum möglich war. Niedrig bezahlte Beamte erhielten über­mäßige Zuschüsse, Regierungsbeamte benutzten Privat- autos auf Kosten der beschlagnahmten Vermögen. Mac- Carl brächte das ganze Jahr mit der Überprüfung der Bücher zu. Seine Untersuchung verschlang 800 000 Dollar. Trotzdem MacCarl behauptete, daß ein weitgehender Miß­brauch nur mit einer verhältnismäßig beschränkten Anzahl von Treuhandfonds betrieben worden sei, führt er mehrere

Hundert solcher Fälle an.

Der ganze Bericht MacCarls wimmelt von Unregel­mäßigkeiten, von Unterbewertung der deutschen Vermögen, von Vergeudung und Verschleuderung, welche Seite man auch aufschlagen mag.

Der Wahlsieg des Grafen Bethlen.

Die ungarischen Wahlen haben einen entschiedenen Sieg des bisherigen Ministerpräsidenten Grasen Bethlen ergeben. Allerdings waren fast in allen Bezirken offene

und

Wahlen, denn wo geheime Wahlen stattfanden namentich in Budapest, hatte die Linkspartei bedeutend

mehr Stimmen. Unser Bild zeigt den ungarischen Mi­nisterpräsidenten Grafen Bethlen.

namens Posello Kommunisten und Anhänger der alten Regierung sich konzentrieren. Die kommunistschen Arbeiter sollen sich angeblich zum Marsche aus Kowno rüsten und einen Aufruf erlassen haben, in dem sie ver­sichern, daß nach der Eroberung von Kowno durch die Kommunisten die Hilfe der Räteunion bei dem Marsche aus Wilna gesichert erscheine.

Weiter behauptet das genannte Blatt, daß die Gar­nisonen von Mariampol, Kalwaryn und Olita auf der Seite der alten Regierung stünden. Diese Wilnaer Nach­richten haben in einen Teil der Warschauer Presse Ein­gang gesunden.

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Präger Puischenihüllungen.

Aufdeckung eines faschistischen Umsturzplans.

Das Legionärorgan veröffentlicht den Inhalt von Dokumenten, die sich in den Händen der Behörden befinden und die sich auf einen faschistischen Umsturzplan in der Tschechoslowakei beziehen. Der erste Teil der Dokumente enthält die technische Durchführung des Umsturzes in allen Städten, Anweisungen, wie die Kasernen, Polizei­ämter, Bahnhöfe, Post- und Telegraphenämter und alle übrigen öffentlichen Gebäude zu besetzen seien.

Alle Abgeordneten und Parteisekretäre der Sozia­listischen und Kommunistischen Partei hätten verhaftet werden sollen, Außenminister Dr. Benesch hätte wegen Hochverrats, alle sozialistischen Minister seit 1918 wegen Schädigung des Staates und wegen Bereicherung auf Kosten des Staates vor Gericht gestellt werden sollen. Da­neben war die Einstellung aller antifaschistischen Blätter, Verhaftung von Redakteuren, Verkündigung des Stand- rechtes und Proklamation eines faschistischen Regierungs­programms vorgesehen. Das Blatt kündigt weiter^, - uuuuiMU'u im.-----

Nichtige Aenderungen der Strafprozeßordnung.

Lex Höfle" und Zeugnisverweigerungsrecht.

Kurz vor Ferienbeginn des Reichstages sind vom Reichsparlament noch zwei wichtige Änderungen der Strafprozeßordnung beschlossen worden. Das ist erstens die Einführung des mündlichen Verfahrens bei Haft­beschwerden, die sogenannte Lex Höfle, und zweitens die Ausdehnung des Zeugnisverweigerungs­rechts auf Redakteure, Verleger und Drucker. Diese Berufsklassen werden damit den Ärzten und Rechtsan­wälten gleichgestellt, auch ihr Berufsgeheimnis wird an­erkannt. Es ist eine alte Forderung der gesamten Presse, daß dasRedaktionsgeheimnis" vom Gesetz geachtet wer­den soll, damit jeder aus dem Publikum sich Vertrauens- D voll an die Zeitungen wenden kann und keinen Verrat befürchten muß, wenn er Dinge, die ihm wichtig zu sein scheinen, der Öffentlichkeit mitteilen will. Es war zwar auch früher schon selbstverständlich, daß Redakteure ihre Gewährsmänner nicht Preisgaben, aber nicht selten haben Richter Geldstrafen zur Erzwingung der Aussage ver­hängt, und mancher Zeitungsmann ist lieber in die Haft gegangen, als daß er von der moralischen Pflicht zum - Schweigen abwich. 8

Das AnleLheaHLosungsverfahreu.

Frist Verlängerung bis 31. Dezember.

Zum Anleiheablösungsverfahren gibt der Reichsminister der Finanzen folgendes bekannt:

Die Frist für die Beantragung von Auslosung?' er auf Grund von Reichsanleihen alten Besitzt ist am 31. März, dieses Jahres abgelaufen. Der Reichsfinanzmi ier hat sich jedoch bereit erklärt, wie bereits Anfang Novem durch die Presse mitgeteilt worden ist für die Anmeldung eine Nach­frist zu gewähren, wenn d rechtzeitige Anmeldung wegen Krankheit, Geschäftsungewandtheit, Alters oder ähnlicher zwingender Gründe unterblieben ist. Es wird darauf auf­merksam gemacht, daß der Antrag auf Gewährung einer Nach-

frift spätestens bis zum 31. Dezember d. I. bei dem Reichs­kommissar für die Ablösung der Reichsanleihen alten Besitzes, Berlin SW., Alte Jakobstratze 117/120, gestellt werden muß. Die Vorbereitungen für den Umtausch der Neubesitzanleihen des Reiches gegen Anleiheablösungsschuld sind, nachdem das

itzanleihen des Reichs,

des Reiches gegen Anleiheablösungssch Anmeldungsverfahren für die Allbesu. der Länder und Gemeinden abgeschlossen ist, soweit (gefördert, daß die Frist für die Anmeldung dieser Anleihen voraus­sichtlich Anfang Februar nächsten Jahres beginnen wird.

politische Rundschm».

Deutsches Reich.

Die Verwendung der Mittel für den Osten.

Der'Unterausschuß des Ostausschusses im Preußischen Landtag erörterte sehr eingehend die Frage der Verwen­dung der vom Reichstag im Rahmen des Sofortprogramms für den Osten nachträglich bewilligten neun Millionen. Hiervon entfallen fünf Millionen auf gewerbliche Kredit,