Hersfelöer Tageblatt
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mit den Beilagen: Aeimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 298
Montag, den 20. Dezember 1926
76. Jahrgang
Mulms e*gt P«Whka
ZstzkL-»s beim ÄeichMäWenten
Glättung der Erregungen.
Reichspräsident von Hindenburg hat, wie offiziös mitgeteilt wird, den Fraktionsführer der Deutschen Volkspartei, Dr. Scholz, zu einer Besprechung, in der die durch den Rücktritt des Kabinetts geschaffene Lage behandelt wurde, empfangen. Im Anschluß daran hat der Reichspräsident die Führer der größten Parteien des Reichstages, Hermann Müller für die Sozialdemotraten, ü. GuLrard für das Zentrum und den Grafen Westarp für die Deutschnationalen, zu sich gebeten. Diese Besprechungen haben zunächst nur informatorischen Charakter. Von gut unterrichteter Seite wird versichert, daß eine Beauftragung mit der Regierungsbildung nicht vor den Feiertagen erfolgen wird, vielmehr dürfte der Reichspräsident zunächst einmal bis in den Januar hinein warten, damit inzwischen die Verstimmungen, die aus der Entwicklung entstanden sind, Zeit haben, einer uhigeren und sachlicheren Beurteilung Platz zu machen.
Die Deutsche Volkspartei hat eine Kund- gebn ii g erlassen, in der sestgestellt wird, daß sie in jedem Stadium der Verhandlungen über die Erweiterung der Regierung das Ziel der Schaffung einer tragfähigen Regierung im Auge behalten habe. Sie lehnt daher jede Verantwortung für diese „die Interessen des Vaterlandes schädigende Krise" ab. Der Sturz der Regierung Marx hat in der Öffentlichkeit natürlich das größte Interesse hervorgerufen. Die einzelnen Parteiorgane schieben sich die Schuld für die jetzige politische Lage gegenseitig in die Schuhe.
' Auch in Frankreich und England wurde die 'Regierungskrise in Deutschland eifrig besprochen Die. ^»~jgä^p£^ ^eitungon vertreten die Meinung, daß aus ' 1 dem in Deutschland herrschenden parlamentarischen Wirrwarr mit Sicherheit nur hervorgehe, daß der Reichswehr- minister endgültig verschwinden, der Reichsaußenminister dagegen wiederkommen werde. Die Londoner Blätter - „Limes", „Morningpost" und „Daily Chronicle" erblicken in dem Rücktritt des Kabinetts Marx übereinstimmend einen „Kampf zwischen Republik und Militarismus".
Inmitten der Krise.
Von einem parlamentarischen Mitarbeiter wurde uns alsbald nach dem Rücktritt der Regierung Marx geschrieben:
Natürlich kriselte es seit Wochen; denn die Reichs- regierung hatte ja nur eine Minderheit im Parlament und suchte Unterstützung rechts oder links, wo sie sie finden konnte. Die Verabredung mit der Sozialdemokratie war vielleicht vom Reichskanzler Marx als eine unbedingt bindende betrachtet worden, nicht aber von dem Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. Scholz. Vom rein par- teitaktischen Standpunkt aus drängte deswegen die So- 3st a l d e m o k r a t i e nach einer allgemeinen politischen Entscheidung. Dazu kam, daß diese Partei in den letzten Wochen den Reichswehrminister als besonderes Ziel ihrer Angriffe ausersehen hatte, weil sie eine grundsätzliche Umstellung bei der Reichswehr selbst, vor allem aber bei ihrem Nachwuchs erzwingen wollte. Zentrum und Demokratie kamen jener Partei in diesen Bestrebungen weit entgegen, auch das Kabinett hatte sich entschlossen, in einer famulierten Erklärung des Reichskanzlers vor dem Reichstage diesen Bestrebungen Rechnung zu tragen. Allgemein-politisch war schließlich auch die Deutsche Volkspartei einem parteioffiziellen Einverständnis nicht ganz abgeneigt, die Basis, auf welche die Regierung sich stützte, nach links zu erweitern.
Noch am Mittwoch abend vergangener Woche schien es, als sei die Große Koalition fertig. Da kam der Beschluß der Sozialdemokratie, den Rücktritt des Kabinetts Marx zu verlangen als äußeres Zeichen dafür, daß jetzt eine andere politische Einstellung Platz gegriffen hätte. Dieser Forderung hat sich das Kabinett nicht gebeugt, hat es auch abgelehnt, für einen bestimmten Zeitpunkt den Rücktritt zuzusagen. Daraufhin setzte die Sozialdemokratie mit einem Großangriff ein, indem sie nun S ch e i d e m a n n vorschickte, um entgegen dem Wunsche des Außenministers die Verhältnisse in der Reichswehr, ihre angeblichen Beziehungen zu rechtsgerichteten Verbänden und deren sogenannten Kriegsvorbereitungen von der Reichstagstribüne aus in schärfster Weise zu behandeln. Damit waren die zwischen der Regierungskoalition und der Sozialdemokratie gesponnenen Fäden völlig zerrissen, so daß sich nun die Deutsche Volkspartei nach rechts zu den Deutschnationalen hin wandle in der Hoffnung, daß auch das Zentrum die Folgerungen aus der gänzlich veränderten politischen Lage ziehen würde, daß sich also jetzt ein Fortbestehen der bisherigen Regierungskoalition, aber mit affener oder stiller Unterstützung von rechts her, ermöglichen ließe. Die Deutsche Volkspartei hat dem
gemäß nicht bloß den Deutschnationalen, son- nein auch dem Zentrum und den Demokraten mitteilen lassen, daß für sie eine Große Koalition -richt mehr in Frage käme. Das Zentrum und Die Demokraten haben es aber abgelehnt, eine Unterstützung auf der Rechten zu suchen; Bemühungen, Die Reichspräsident von Hindenburg nach Dieser Richtung hin einleitete, waren vergeblich. Vielmehr lehnte es Reichskanzler Dr. Marx ab, den Deutsch» -rationalen näherzutreten und ihnen in irgendeiner Form Aussichten dahin zu eröffnen, daß etwa im Januar eine stille oder offene Koalition mit der Rechten abgeschlosien werden würde. Da die Sozialdemokratie auch in der ver- mittelnden Rede ihres Führers Müller- Franken auf ihrem grundsätzlichen Standpunkt beharrte, andererseits sas Zentrum in letzter Stunde die ablehnende Haltung ihres Parteivorsitzenden, Marx, billigte und die Demokratische Partei gleichfalls die Fühlungnahme nach rechts ablehnte, faßten die Deutschnationalen den Entschluß, das Mißtrauensvotum der Sozialdemokraten zu unterstützen. Allerdings mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, daß Re sich die Angriffe gegen den Reichswehrmini st er nicht zu eigen machten, sondern das gegen diesen gestellte Mißtrauensvotum ablehnten.
Es war ein offenes Geheimnis im Reichstag, daß diese Stellungnahme der Deutschnationalen nicht erfolgt wäre, wenn von feiten des Zentrums ihnen gegenüber irgendeine Zusicherung im Sinne einer Rechtsentwicklung erfolgt wäre. Da das aber nicht geschah, war das Schicksal des Kabinetts Marx besiegelt.
Die Zukunft ist ganz ungewiß. Da die Niederlage I der Regierung Marx gleichzeitig von rechts und von links herbeigeführt worden ist, find natürlich Versuche von rechts und von links her möglich ein neues,LaLrrrctt-«i, biroen. -Weir' ?DM "'Ms einem rechtsorientierten Kabinett den Namen des in den ersten Hanuartagen wieder eintreffenden früheren Reichskanzlers Dr. Luther, der ein Kabinett natürlich nur dann bilden könnte, wenn das Zentrum sich anders besinnen würde. Ein linksorientiertes Kabinett vom Zentrum bis zur Sozialdemokratie würde vermutlich unter der Führung Dr. Wirth s geschaffen werden, das allerdings über die Mehrheit im Reichstag nicht verfügen würde, zumal die Deutsche Volkspartei einem solchen Kabinett keine Unterstützung leisten würde. Wahrscheinlich wird jeder Versuch, die Krise zu lösen, bis in das neue Jahr ver. schoben werden.
Regierungsbildung veriagi.
B i s Mitte Januar.
Was man bereits am Sonnabend in gut unterrichteten Kreisen als ziemlich sichere Vermutung aussprach, daß nämlich vor den Feiertagen mit einer Lösung der Regierungskrise nicht zu rechnen sei, findet jetzt seine Bestätigung durch folgende halbamtliche Meldung:
Der Reichspräsident empfing im Laufe des Sonnabends zu Einzelbesprechungen über die Neubildung der Reichsregierung die Führer der Reichstagsfraktionen, nämlich die Abgeordneten Graf Westarp (Dtn.), Müller- Franken (Soz.), v. Guerard (Ztr.), Dr. Scholz (D. Vp.), Dr. Koch (Dem.). Ferner empfing der Reichspräsident den Reichsarbeitsminister Dr. Brauns sowie den preußischen Ministerpräsidenten Braun. Aus dieser ersten Fühlungnahme mit den Fraktionsvorsitzenden gewann der Reichspräsident die Überzeugung, daß die Aufnahme von Verhandlungen zur Neubildung der Reichsregierung im Hinblick auf die Weihnachtsfeiertage und die Vertagung des Reichstages bis zum 19. Januar zurzeit nicht möglich ist. Der Reichspräsident hat sich daher entschlossen, diese Verhandlungen bis kurz vor Wieder- zusammentrit des Reichstages zu vertagen.
Der Umsturz in Litauen.
Kriegszustand im Memelgebiet.
Das bisherige litauische Kabinett Sleshevitschius ist zurüügetreten. Professor Woldemaras hat auf Ersuchen des Staatspräsidenten Grinius das neue Kabinett gebildet. In dem neuen Kabinett übernimmt Woldemaras den Vorsitz und das Ministerium des Auswärtigen. Die Verhängung des Kriegszustandes über Litauen ist auch im Memelgebiet kundgegeben worden. Danach werde« die. Grenzübergangsstellen aufgehoben und der Verkehr ist nur bei den Zollstationen zuläffig. Außerdem ist auch der sogenannte kleine Grenzverkehr aufgehoben und das Passieren der Grenze nur mit ordnungsmäßig visiertem Patz zulässig. In Memel und Heydekrug ist der Straßenverkehr zwischen 11 Uhr abends und 5 Uhr früh verboten. Die autonomen Behörden und die Polizei find dem Kriegskommandanten unterstellt worden.
Privaten Informationen aus Kowno zufolge ist der Umsturz in Litauen seit langem vorbereitet worden, insbesondere in Geheimberaluü-
Das neue litauische Kabinett.
In Ergänzung der bisherigen Meldungen wird nunmehr das vollständige neue litauische Kabinett bekannt, das soeben durch den Militärdiktator Smetona gebildet wurde. Es setzt sich wie folgt zusammen: Ministerpräsident Woldemaras Tautininkai, Innenminister: Musteikis (Christlicher Demokrat), Kultusminister: Dr. B i st r a s (Christlicher Demokrat), Finanzminister: Dr. K a r w e l l i s (Christlicher Demokrat), Landwirtschaft: Alexa (Bauernpartei), Landesverteidigung: M e r k y s, Staatskontrolle: M i t s ch i u l i s.
In Litauen und im Memelgebiet ist nach den letzten Meldungen alles ruhig. Die Nachrichten von der Entsendung litauischer Truppen an die polnische Grenze entsprechen nicht den Tatsachen. Personalveränderungen im Außendienst der litauischen Diplomatie sind für die nächste Zeit nicht vorgesehen. Demnächst findet eine Zusammenkunft der litauischen Gesandten in Kowno statt.
gen, die zwischen Offizieren, die mit den gegenwärtigen Zuständen unzufrieden waren, und Vertretern des Schützenkorps sowie des Verbandes der Kriegsfreiwilligen stattgefunden haben. Freitag nacht um drei Uhr erschienen vor dem Parlamentsgebäude, in welchem der Litauische Landtag gerade eine Nachtsitzung abhielt, Truppenverbände. Ein Offizier betrat in Begleitung von mehreren Soldaten den Sitzungssaal und verkündete von der Rednertribüne herab, die Armee habe die Beseitigung des bestehenden Regimes beschlossen, das Litauen an die Bolschewisten und an die Fremdstämmigen ausliefern wolle. Die Armee nehme Besitz von der Staatsgewalt, erkläre den Landtag für aufgelöst und das Landtagspräsidium für verhaftet. Leiter des Umsturzes war Major Plechavicius, der erst kürzlich von der Präger Militärakademie nach Litauen zurückgekehrt ist und den faschiftischenKreisen angehört.
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Polnische Befürchtungen.
Die Staatsumwälzung in Litauen ist schon um deswillen ein Vorgang von weittragender Bedeutung, weil die Probleme der litauischen Außenpolitik in die Jn- teressensphären der angrenzenden Länder eingreifen und eine Reihe akuter Fragen berühren. Inwieweit sich diese Umwälzung besonders in Richtung auf Polen, Sowjetrußland und auch auf das Deutsche Reich auswirken dürfte, läßt sich augenblicklich nicht übersehen, da die neue Lage Litauens noch zu undurchsichtig ist.
In der Beurteilung des litauischen Umsturzes heben sich in der polnischen Presse zwei verschiedene Betrachtungsweisen ab. Die ausgesprochenen Pilfudski- Blätter schildern die Lage in Litauen als e r n st. Sie unterstellen auch der litauischen Revolution aggressive gegen Polen gerichtete Ziele und betonen dir Möglichkeit von Ausschreitungen gegen die polnische Zivilbevölkerung in Litauen. Dagegen sind die rechtsstehenden Zeitungen bestrebt, den Staatsstreich Smetonas als Sieg der Anhänger Deutschlands über die Anhänger Rußlands hinzustellen, also als eine Angelegenheit Litauens, zu der in irgendeiner Form Stellung zu nehmen Polen keine Veranlassung haben könne.
Das Pilsudski-Blatt „Kurjer Poranny" läßt sich aus Wilna melden, daß es zu Pogromen gegen Polen unk Juden gekommen sei. Das Losungswort in Kowno fe; gewesen: Nieder mit Polen und den Bolschewisten! Nehmt Wilna! So spreche man in Kowno übe: einen bevorstehenden Marsch nach Wilna.
Das Blatt der engeren Pilsudski-Anhänger, „Glos Prawdy", hält es nicht für ausgeschlossen, daß den Kampfe in Litauen im gegebenen Augenblick auswärtige Ziele gesteckt werden. In einem solchen Falle wäre Polen gezwungen, Maßnahmen zum Schutze seines Staatsgebietes und seiner Staatsbürgei zu treffen. ____
Die amerikanische RückgabebiN angenommen.
Die Regierung zahlt höchstens 100 Millionen Dollar.
Da Amerikanische Repräsentantenhaus hat die sogenannte Rückgabebill über die Freigabe des deutschen Eigentums angenommen. Die namentliche Abstimmung ergab 279 Stimmen für und 66 Stimmen gegen die Bill. Die Bestimmung, wonach die Regierung höchstens 100 Millionen Dollar für Schiffe, Patente, Funkstationen zahlt, bleibt bestehen. Nunmehr hat der Senat das Wort.
Neue Unruhen in Syrien?
Zahlreichefranzösische Deserteure.
Das Amerikanische Repräsentantenhaus hat die sogeboten aller neuen Unruhen in Syrien sind, treten seit einigen Tagen wieder mit der gleichen Stärke auf, wie in den ereignisreichsten Zeiten des Aufstandes. — Aus gut unterichteter arabischer Quelle wird initgeteilt, daß die gesteigerte agitatorische Aktivität der Rebellen mit den Wirkungen einer großangelegten Und mit bedeutenden Geldmitteln arbeitenden Propaganda unter den schwarzen